Mittwoch, 22.08.2018: Auf dem Weg zu einem Highlight

Für diesen Tag haben wir zwei alternative Strecken zur Auswahl: eine, die wir schon kennen, und eine, die uns Neues bieten wird. Wir entscheiden uns für Letztere, beenden unser gemütliches Frühstück in der Küche unserer Unterkunft, packen zusammen und fahren los. Unser Ziel heißt Borgarnes – wir werden heute also unverkennbar wieder in dichter besiedelte Gefilde kommen. Doch bevor es soweit ist, erwartet uns unterwegs vor allem eines: Landschaft. Nicht unbedingt die spektakulärste Landschaft, die Island zu bieten hat, aber schön ist es trotzdem. Der Himmel ist bedeckt, die Temperaturanzeige im Auto geht den ganzen Tag nicht über 11 Grad hinaus, es ist wieder untypisch windstill und wir blicken auf grüne Felder, die durch die vielen in weiße Folie eingepackten Heuballen aussehen, als hätte jemand von oben weiße Farbkleckse verteilt.

Bald kommen wir nach Búðardalur. Hier leben etwa 250 Menschen, es gibt ein paar Geschäfte, eine Tankstelle und ein Museum über Leifur Eiríksson, den isländischen Entdecker, der noch vor Columbus amerikanischen Boden betreten haben soll. Wir kaufen im örtlichen Supermarkt ein, trinken einen Kaffee im dazugehörigen Selbstbedienungscafé und amüsieren uns über die Souvenirs, die hier verkauft werden – offensichtlich Überbleibsel von der Fußball-WM, es gibt Fanhüte, Fähnchen und Plüschrobben in Island-Trikots. Im Anschluss spazieren wir noch ein bisschen durch den Ort. Viel zu sehen gibt es nicht, aber es ist doch immer wieder interessant, durch isländische Dörfer zu laufen und einen Blick in die Fenster zu werfen. An der in diesem Land offenbar weit verbreiteten Neigung zu altmodischen weißen Gardinen in Kombination mit kitschigen Nippfiguren hat sich seit unserem ersten Besuch vor 13 Jahren nichts geändert.

Wenig verändert hat sich auch in Bifröst, diesem seltsamen Ort mitten in der Lava, über den ich in den Reiseberichten von 2013 schon einmal geschrieben habe. Noch immer besteht Bifröst hauptsächlich aus den Gebäuden der privaten Universität, die isländisch- und  englischsprachige Studiengänge aus den Bereichen Wirtschaft und Jura  anbietet, sowie einem nach dem Ort benannten Hotel. Doch wir entdecken auch etwas, was uns noch nicht bekannt war: Am Ortsrand führt eine kleine Schotterstraße zu einem See. Die Natur ist hier für isländische Verhältnisse schon fast waldig, es stehen viele kleine Nadelbäume an den Straßenrändern und am Seeufer. „So ähnlich stelle ich es mir in Kanada vor“, sagt mein Vater und ich stimme ihm zu. Ich frage mich, ob die Studenten der Uni wohl manchmal todesmutig hier baden gehen oder jedenfalls die wenigen sonnigen Stunden zum Lernen am See nutzen. Überhaupt kann ich mir nur schwer vorstellen, was man an einem Ort wie Bifröst in seiner Freizeit wohl so macht, aber vielleicht ist es für die Studenten hier ganz ähnlich wie früher für die Internatsschüler in Núpur – je weniger Ablenkungsmöglichkeiten, desto mehr Konzentration aufs Wesentliche. Praktischerweise liegt Bifröst allerdings direkt an der Ringstraße, so dass man leicht Ausflüge machen kann.

Wir machen einen weiteren Abstecher und fahren in Richtung Reykholt. Doch bevor wir dort ankommen, halten wir zunächst an der Deildartunguhver, einer Einheit heißer Quellen. Diese sind die wasserreichsten heißen Quellen Islands und versorgen unter anderem Akranes und Borgarnes mit geothermaler Energie. Dies geschieht über Pipelines von bis zu 65 Kilometer Länge. Allzu viel zu sehen bekommt man direkt an den Quellen allerdings nicht – außer einer Menge Dampf, Nebel und einem bisschen sprudelndem Wasser hinter einer Abzäunung. Wir drehen ein kurzes Video, in dem mein Vater vollständig in einer Nebelwolke verschwindet. Seit wenigen Jahren kann man hier im Thermalbad „Krauma“ baden, in einer Mischung aus Heißwasser aus den Quellen und Gletscherwasser von Islands kleinstem Gletscher, der den schönen Namen Ok trägt. Umgerechnet 26 Euro pro Person sind uns allerdings zu teuer für ein Bad  (wobei das für isländische Verhältnisse sogar vergleichsweise günstig ist – in der berühmten Blauen Lagune zahlt man mindestens 48 Euro). Und so steigen wir wieder ins Auto und begeben uns nach Reykholt.

Reykholt ist eng mit dem Namen Snorri Sturluson verbunden. Dieser berühmte mittelalterliche Dichter und Politiker verfasste im frühen 13. Jahrhundert die Prosa-Edda, eine der bekanntesten altisländischen Handschriften. In Reykholt, wo er die letzten 35 Jahre seines Lebens verbrachte, hat man ihm ein Besucherzentrum gewidmet, mit Museum, Statue, Bibliothek, Ausgrabungen und einer kleinen Holzkirche. Auch Snorris alten „Swimmingpool“ kann man sich ansehen: ein kleines, rundes Becken, in dem der Dichter unter freiem Himmel ein heißes Bad genoss. Nachdem wir uns dort ein bisschen umgesehen haben, beschließen wir, nach Borgarnes zu fahren.

Vor fünf Jahren aßen wir in dem Café neben der dortigen Bónus-Filiale köstliche Zimtschnecken aus Mürbeteig, jetzt sind wir gespannt, ob sich das wiederholen lässt. Das Café gibt es noch, die Zimtschnecken sind aber anscheinend ausverkauft. Wir sind ein wenig enttäuscht, entscheiden uns dann aber für ein anderes Gebäck mit Zimt, dazu gibt es Kaffee aus der klassischen Pumpkanne. Wir sitzen am gleichen Platz wie damals, doch es fühlt sich anders an, denn damals kamen wir zu Beginn unserer Reise hierher, wohingegen wir jetzt schon an den morgen bevorstehenden Rückflug denken müssen. Aber wirklich traurig müssen wir gar nicht sein, denn unsere letzte Unterkunft soll sich als absolutes Highlight entpuppen. Wir übernachten im Erdgeschoss eines großen Privathauses, direkt am Meer. Unsere Gastgeberin, deren Name mir leider direkt entfällt, ist um die 60 und Englischlehrerin. Sie vermietet nicht nur ihre drei Gästezimmer sehr gerne an ausländische Touristen, sondern teilt auch ihre Küche, ihr Esszimmer und ihr Wohnzimmer mit ihnen. Küche und Esszimmer befinden sich im ersten Stock. Vom dortigen Balkon offenbart sich ein traumhafter Blick aufs Meer, in der Ferne sieht man auf die Halbinsel Snaefellsnes. Außerdem kann sie umsonst Fußball gucken: Stadion und Trainingsgelände des örtlichen Fußballclubs UMF Skallagrímur Borgarnes befinden sich direkt hinter ihrem Haus. Daneben ist die große Wasserrutsche des Schwimmbads zu erkennen. Ein Stockwerk höher sitzt man unter Dachschrägen zwischen gut gefüllten Bücherregalen im Wohnzimmer und genießt die gleiche Aussicht durch ein Panoramafenster. An den Wänden hängen Bilder von amerikanischen Basketball-Mannschaften, der Sohn unserer Gastgeberin lebt in Chicago und sie selbst bezeichnet sich als USA-Fan. Da es noch ziemlich früh ist, beschließen wir, sowohl die Vertiefung des Gesprächs als auch den weiteren Genuss des Ausblicks auf später zu verschieben und zuerst einen Spaziergang durch Borgarnes zu unternehmen (unsere Gastgeberin lacht, als mein Vater Borgarnes als „town“ bezeichnet – „it’s just a village!“).

Leider habe ich die Aussicht von unserer Unterkunft nur mit dem Handy fotografiert

Obwohl wir schon einmal in Borgarnes übernachtet haben, kann ich mich an den Ort nicht besonders gut erinnern, und so ist es schön, sich bei angenehm windstillem Wetter noch einmal umzusehen. Nicht weit von unserer Unterkunft entfernt führt eine Brücke auf die zu Borgarnes gehörende kleine Felseninsel Brákarey, auf der sich unter anderem das örtliche Oldtimer-Museum befindet. Es hat schon geschlossen, aber wir können von außen einen Blick in die dazugehörige Garage werfen, in der ein alter Bus des noch immer aktiven Reiseunternehmens Sæmundur Sigmundsson steht. Er ist in sehr gutem Zustand, ebenso wie der hellblaue Chevrolet, der vor der Garage steht. Ich habe weder Interesse an noch Ahnung von Autos, aber diese alten Fahrzeuge sind auch für mich faszinierend und wir finden es beide schade, dass wir das Museum nicht besuchen können. Doch immerhin hat man von der Brücke aus einen schönen Blick auf Borgarnes, das mit seinen rund 1.900 Einwohnern von hier aus ziemlich groß wirkt. Oder vielleicht kommt es uns nach den Tagen in den einsamen Westfjorden nur so vor. Es ist klar zu sehen, dass hier – wie in vielen anderen Orten in diesem Teil Islands – für den zunehmenden Tourismus gebaut wird. Ein komplett neues Hotel entsteht in der Nähe der Jugendherberge und an vielen Häusern finden sich Schilder, die auf Übernachtungsmöglichkeiten hinweisen. Wir entdecken einen schönen kleinen Park, in dem wir uns kurz auf einer Bank niederlassen und eins der obligatorischen „Wir sitzen draußen – in Island!“-Selfies für die Lieben daheim aufnehmen. Schließlich beenden wir unsere Runde mit einem Einkauf im Nettó-Supermarkt.

„Bier & leichte Speisen“

Später kochen wir in der Küche unserer Gastgeberin und unterhalten uns mit ihr. Sie bestätigt unseren Eindruck von vorhin: Borgarnes verändert sich durch die steigenden Touristenzahlen, ebenso wie alle anderen Orte, die einigermaßen nah bei Reykjavík liegen. Überall werden neue Hotels und Hostels gebaut, vielerorts mit Unterstützung durch Bauarbeiter aus dem Ausland, vor allem aus Polen (die Polen sind mittlerweile die größte Minderheit in Island). Unser Gastgeberin hatte schon Touristen aus allen möglichen Ländern zu Besuch, darunter viele aus Deutschland, aber sie bemerkt vor allem eine Zunahme des Tourismus aus den USA und Kanada, aber auch aus Asien. Mein Vater, selbst Lehrer, interessiert sich außerdem für das isländische Schulsystem. Unsere Gastgeberin erzählt, dass isländische Schüler für 10 Jahre eine Art Gesamtschule besuchen. Wer dann einen mit dem deutschen Abitur vergleichbaren Abschluss erwerben möchte, geht für weitere vier Jahre auf eine höhere Schule. Wir berichten vom deutschen G8-/G9-Chaos. Auch in Island gibt es Überlegungen, die aktuell vierzehn Jahre bis zur Hochschulreife auf dreizehn Jahre zu verkürzen, doch unsere Gastgeberin sieht ein großes Problem darin, dass das isländische Schuljahr extrem kurz ist: die Sommerferien dauern drei Monate, dazu gibt es vier Wochen Weihnachtsferien und noch ein paar kürzere freie Zeiträume. Zudem sagt sie, die ersten vier Schuljahre seien mehr wie eine Vorschule, in der nur spielerisch gelernt und wenig Stoff vermittelt werde. Unser Fazit lautet, dass beide Systeme ihre Vor-und Nachteile haben – ebenso wie der Ruhestand, der sowohl für unsere Gastgeberin als auch für meinen Vater nicht mehr allzuweit entfernt ist.

Nach dem Essen besteht unsere Gastgeberin darauf, unsere Teller selbst zu spülen. Außerdem kocht sie uns Tee und stellt uns Kuchen zum Nachtisch hin. Wir wissen gar nicht, wie wir uns bedanken sollen. Doch sie winkt sowieso nur ab und setzt sich strickend vor ihr Laptop, das in der Küche steht. Wir befolgen ihren Rat und setzen uns zum Lesen ins Wohnzimmer, um von dort den optimalen Blick auf den bevorstehenden Sonnenuntergang genießen zu können. Zu uns gesellt sich einer der anderen Gäste, ein Kanadier im Alter meines Vaters, der gemeinsam mit einem Freund gerade zum ersten Mal Island bereist. Er erzählt, dass er aus einem kleinen Ort in einer ländlichen Gegend kommt, und es fühlt sich seltsam an, ihm unsere eigene Heimat zu beschreiben, das mit Menschen und Gebäuden und Autos nur so vollgestopfte NRW, das bei diesem Blick aufs Meer so unendlich weit entfernt scheint, ganz so, als existiere es gar nicht, als sei es erfunden, eine graue, naturlose Dsystopie, und vielleicht sind wir deshalb so bemüht darum, auch die Vorteile dieser Gegend aufzuzählen. Und dann versinkt die Sonne im Meer und es sieht wirklich toll aus und von unten zieht der Duft von frisch gebackenem Brot zu uns herauf und ich denke an diese Heimat, an Deutschland, an NRW, an Mönchengladbach und an Dortmund, und obwohl die Vorstellung, dass wir Island morgen verlassen und nach Deutschland zurückkehren werden, zunächst traurig erscheint, freue ich mich auch darauf, denn ja, ich mag das Leben dort. Ein Leben, das es uns ermöglicht, Reisen wie diese zu unternehmen. Reisen, die doch nichts Besonderes wären, wenn mein Zuhause genau so aussehen würde wie die Orte, die wir in den vergangenen Tagen besucht haben.

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