Dienstag, 21.08.2018: Fjorde, Inseln und Tiere

Auch am nächsten Morgen erweist sich unsere Unterkunft als sehr empfehlenswert, denn wir können uns ganz bequem direkt in unserem Zimmer ein Frühstück aus flatkökur, Skyr und Kaffee aus der Pad-Maschine bereiten, bevor wir zu einem zweiten kurzen Rundgang durch Ísafjörður aufbrechen. Am Hafen waren wir gestern noch gar nicht, jetzt erfreuen wir uns an spiegelglattem Wasser und schönen Reflexionen von Booten, Bergen und Wolken. Außerdem stellen wir noch ein Foto von 2006 nach, auf dem mein Vater am Postgebäude vorbeiläuft. Es sieht noch aus wie früher, doch die Post ist inzwischen umgezogen. Bevor wir die Stadt wieder verlassen, wollen wir noch bei Bónus einkaufen, die örtliche Filiale öffnet aber erst um 11 Uhr – für uns deutsche Großstädter unvorstellbar. Doch in den 20 Minuten Wartezeit, die wir uns bis zur Öffnung des Supermarkts vertreiben müssen, entdecken wir etwas, was uns sonst wahrscheinlich verborgen geblieben wäre: gleich neben dem Supermarktparkplatz geht es einen kleinen Hügel hinauf – und dort oben gibt es einen sehenswerten kleinen Wasserfall und eine fast schon als Wäldchen zu bezeichnende Gruppe von Nadelbäumen.

Da wir uns heute wieder ein wenig aus der Zivilisation herausbegeben werden, sorgen wir vor und kaufen nicht nur für mittags, sondern gleich auch für abends ein. Zwischen Ísafjörður und unserem heutigen Ziel, Hólmavík, liegen rund 220 Kilometer. Die Strecke führt von einem Fjord in der nächsten und zieht sich deshalb ziemlich. Was wir unterwegs zu sehen bekommen, könnte man knapp zusammenfassen mit den folgenden Worten: Meer, Berge, wenig Häuser, wenig Autos und wenig Menschen unter einer hellgrauen Wolkendecke. Doch langweilig ist auch dieser Teil Islands keinesfalls. An einem Aussichtspunkt auf einem Pass lassen wir die Natur eine ganze Weile auf uns wirken. Auch hier ist es wieder erstaunlich windstill und unheimlich ruhig. Es kommt kaum ein Auto vorbei, wir blicken hinab aufs Meer und hinauf zu den hier sehr nahen, wolkenverhangenen Berggipfeln. Das wäre ein toller Ort für ein Picknick, aber dafür ist es noch zu früh.

Einer der wenigen etwas größeren Orte, durch die wir kommen, ist Súðavík, circa 150 Einwohner. Dort steht eine der letzten Telefonzellen Islands (oder gar DIE letzte?). Ob man von dort noch telefonieren kann, finden wir nicht heraus. 2016 soll das laut einem Artikel, den ich später im Internet finde, jedenfalls noch der Fall gewesen sein, aber das ist auch nicht wichtig, denn die Telefonzelle hat längst eine neue Bestimmung gefunden – als Little Free Library. Diese kleinen Büchertauschschränke gibt es an vielen Orten der Welt, aber hier hätte ich nicht damit gerechnet.

Nicht weit entfernt gibt es noch eine Überraschung: auf Felsen im Meer liegen mindestens zwanzig kleine Robben. Die Stelle ist sogar extra mit Schildern gekennzeichnet und es gibt einen Parkplatz, doch die meisten halten einfach am Straßenrand und klettern dann, mit Kameras ausgerüstet, über mit glitschigen Algen bewachsene Felsen so nah wie möglich an die Tiere heran. Bei dem bewölkten Wetter sind die Robben kaum von den Felsen zu unterscheiden, doch dank Teleobjektiv gelingen meinem Vater einige Fotos. Ich selbst muss aufgrund meiner weiter anhaltenden Beinschmerzen leider bald aufgeben.

Das Meer liegt sehr ruhig und glatt da, nur sehr selten wird das auffällig klare Wasser von Booten oder Vögeln gestört. In der Nähe liegt die Insel Vigur, auf der es einen Hof mit fünf Bewohnern, eine Windmühle, jede Menge Papageitaucher und andere Vögel gibt. Von Ísafjörður aus kann man Bootstouren dorthin unternehmen. Wir hingegen sehen die Insel nur von Weitem, während wir um den Fjord herumfahren. Wir lassen die Landschaft an uns vorbeziehen. Die Berggipfel sind auch hier von Nebel und Wolken verdeckt. Dieser Streckenabschnitt bietet eher wenig Abwechslung, was die Natur betrifft, aber Fjordlandschaften sind doch irgendwie immer schön, daran kann zumindest ich mich nie wirklich satt sehen. Satt essen würden wir uns allerdings gerne bald, doch genau jetzt setzt ein ziemlich starker Regen ein. Draußen essen kommt wohl nicht in Frage, doch auch schon die Motivation, bei dem Wetter auszusteigen und das Essen aus dem Kofferraum zu holen, hält sich in Grenzen. Und so fahren wir weiter und weiter, über einen unasphaltierten Pass, Kurve um Kurve, in der Hoffnung, dass es bald aufhören wird, bis es irgendwann so spät ist, dass von einem Mittagessen keine Rede mehr sein kann. Schließlich geben wir auf, halten am Straßenrand, holen hektisch die Sachen aus dem Kofferraum und essen im Auto, in Gesellschaft dreier Schafe, die ein paar Meter entfernt unbekümmert im Regen stehen. Irgendwann verziehen sie sich und dann hört es auch auf zu regnen.

Wir haben es nun nicht mehr weit bis nach Hólmavík, wo sich unsere nächste Unterkunft befindet, doch es ist noch früh am Nachmittag. Also beschließen wir, noch so weit zu fahren, wie dies hier auf befestigten Straßen möglich ist. Einige Kilometer weiter nördlich von hier beginnt Hornstrandir, die nördlichste Halbinsel der Westfjorde und damit ganz Islands. Im Winter lebt dort kein Mensch, im Sommer kommen jedoch ein paar isländische Sommerhausbesitzer und internationale Wandertouristen per Schiff auf die Halbinsel. Sie alle müssen sich an strenge Regeln halten, die den Schutz der Natur und der Tiere (unter anderem leben hier Polarfüchse) gewährleisten sollen. Mit dem Auto kommen wir nur bis Drangsnes, ans „Ende der Zivilisation“, wie mein Vater sagt, oder auch an den „Rand der Welt“, wie ich später im Internet lese. Drangsnes ist irgendwie ein seltsames Dorf. Wir fühlen uns an Fernsehbilder aus Dörfern in Grönland erinnert. Die Häuser, in denen die rund 70 Einwohner leben, stehen verstreut rechts und links von der Hauptstraße, die einen Hügel hochführt. Kurz hinter dem Ortseingang steht ein Heißwasser-Badebecken am Straßenrand,  eine Gruppe junger Touristen genießt die Wärme und den Meerblick. Leider entpuppt sich die einige Kilometer zuvor ausgeschilderte Tankstelle als einzelne Zapfsäule – den erhofften Kaffee bekommen wir hier wohl nicht. Also fahren wir noch ein kleines Stück weiter.

Gleich hinter dem Ortsausgangschild endet der Asphalt, eine Schotterpiste beginnt. Wir steigen aus und blicken auf die Insel Grímsey mit ihrem typisch isländischen, knallorangen Leuchtturm. Im Gegensatz zu ihrem Namensvetter an der Nordküste ist diese Insel nicht von Menschen bewohnt, für Vögel ist sie aber genau so ein Paradies. Von Drangsnes aus kann man sie in nur wenigen Minuten per Boot erreichen. Wir entdecken eine Art Gedenktafel mit der Aufschrift „Til heiðurs Golfstraumnum“ („Zu Ehren des Golfstroms“). Sie wirkt ein wenig deplatziert mit ihren weiß-blauen Fliesen, die meinen Vater an Azulejos erinnern, diese vor allem in Portugal verbreiteten Wandbilder aus Keramikfliesen. Als wir wieder in den Ort hineinfahren, biegen wir ab zum Gasthaus Malarhorn, das sich hinter einer Abzweigung versteckt. Es besteht aus mehreren kleinen Häusern. Zu jedem Zimmer gehört ein kleiner Wintergarten, in dem man windgeschützt sitzen und auf das Meer und die Insel schauen kann. Im Moment wirkt hier alles wie ausgestorben. Auf gut Glück betreten wir dennoch das dazugehörige Café, das tatsächlich geöffnet ist. Es ist nett eingerichtet und es gibt Kaffee, allerdings ohne Milch. Wir sind die einzigen Gäste und suchen uns den Platz aus, der uns den besten Blick nach draußen bietet. „Wie sich dieses Hotel hier wohl halten kann?“, fragt mein Vater. Meine Vermutung, dass es zumindest den Sommer über regelmäßige Bustouren gibt, bei denen die Gäste hier übernachten, um am nächsten Tag per Boot nach Grímsey gebracht zu werden, soll sich bei einer späteren Internetrecherche als zutreffend herausstellen. Und auch die Kellnerin, bei der wir nachfragen, bestätigt dies: für heute Abend ist nur noch ein Zimmer frei, da ein Reisebus erwartet wird. Während wir uns unterhalten, können wir aus dem Augenwinkel beobachten, wie die Köchin in der Küche gerade Fische ausnimmt, das Abendessen für die Bustouristen.

Schließlich verlassen wir Drangsnes und fahren nach Hólmavík. Der Asphalt scheint in dieser Gegend nur genau bis zum Ortseingang gereicht zu haben, in Hólmavík selbst ist fast alles unasphaltiert und nach den Regenfällen leicht matschig. Wir sind ein wenig irritiert, als wir das Haus erreichen, in dem sich unsere Unterkunft befinden soll, es wirkt von außen wie ein wenig einladendes Einfamilienhaus, das gerade renoviert wird. „Bei isländischen Häusern weiß man nie“, sagt mein Vater achselzuckend und drückt einfach mal auf die Klingel. Und wir sind tatsächlich richtig. Das Erdgeschoss des Hauses ist ein sehr schön gestaltetes Mini-Hostel mit drei Zimmern, einer großzügigen Küche und sogar einem Wohnzimmer mit Sofas und Meerblick. Wir fühlen uns sofort wohl. Trotzdem beschließen wir, das trockene Wetter für einen Spaziergang durch den Ort zu nutzen. Währenddessen kommt sogar die Sonne für eine Weile hinter den Wolken hervor. Hólmavík ist nicht besonders aufregend, aber es gibt zwei nett aussehende Restaurants, ein Zaubereimuseum und einen Hafen, an dem mein Vater beobachtet, wie Fische verladen werden. Ich finde es immer wieder amüsant, dass er Fisch geschmacklich überhaup nicht mag, wohingegen ihn alles, was mit Fischfang und -verarbeitung zu tun hat, irgendwie unheimlich fasziniert.

Als wir dann zur Unterkunft zurückkehren, treffen wir auf die anderen Gäste, ein junges deutsches Pärchen. Sie sind zum ersten Mal in Island und planen gerade ihre Weiterreise. Im Gegensatz zu uns buchen sie ihre Übernachtungen immer erst am Tag zuvor und das scheint außerhalb der Westfjorde gar nicht so einfach zu sein, wenn man nicht unendlich viel Geld zur Verfügung hat. Während wir uns Nudeln mit Pesto von Bónus (made in Peru!) und Salat zubereiten, breiten sie ihre Landkarte auf dem Küchentisch aus und wir geben ihnen noch ein paar Tipps, wo sie unbedingt hinfahren sollen. Sie haben noch über zwei Wochen in Island vor sich, wohingegen wir übermorgen schon wieder nach Deutschland fliegen müssen. Schade.

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