Montag, 20.08.2018: Auf Nóis Spuren

Wir frühstücken am selben Tisch im gemütlichen Restaurant des Hotels Sandafell, an dem wir auch schon zu Abend gegessen haben, mit Blick auf den Hafen, der jetzt unter einer dicken Wolkendecke liegt. Meine Erkältung scheint sich allmählich zu verabschieden, es geht mir viel besser als 24 Stunden zuvor, als ich mich auf der Fähre am liebsten schlafen gelegt hätte. Es gibt Brot, Eier, kleine Pfannkuchen mit Schlagsahne, frische Heidelbeeren, Skyr und sehr guten Kaffee. Außer uns sitzen hier zehn weitere Gäste, allesamt Isländer, an einem gemeinsamen Tisch. Das Hotel hat 39 Zimmer. Wir fragen uns, wie oft es wohl vorkommt, dass die alle ausgebucht sind. Werden hier ganze Busladungen angekarrt, die dann über Nacht bleiben? Wir beobachten das Treiben am Hafen. Mit Hilfe eines Gabelstaplers, Marke Manitou, werden große Säcke mit je einer Tonne Salz als Inhalt verladen. Drei Männer sind im Einsatz, hinzu kommt ein großer Schwarm Möwen, ansonsten wirkt Þingeyri am Montag Morgen noch verschlafener als am Sonntag Abend.

Im Nieselregen fahren wir los, doch schon bald bessert sich das Wetter. Die Wolkendecke bleibt zwar weiterhin dicht und grau, doch auch heute ist es wieder sehr windstill. Unser erster Halt ist, ziemlich spontan, Núpur. Hier gab es früher ein Internat, dessen Gebäude heute als Gästehaus und Räumlichkeiten für die Isländisch-Intensivkurse des Hochschulzentrums der Westfjorde genutzt werden. Das Hochschulzentrum mit Sitz in Ísafjörður bietet in Kooperation mit der Universität Akureyri englischsprachige Masterstudiengänge in Coastal and Marine Management und Marine Innovation an, das meiste läuft als Fernstudium. Die Sommer-Sprachkurse finden allerdings zum Teil hier in Núpur, mitten im Westfjorde-Nirgendwo, statt. Hier gibt es nichts, was vom Lernen ablenken könnte, abgesehen von der grandiosen Natur. Man hat einen tollen Blick auf den Fjord und die ihn umgebenden Berge, in deren Gipfeln die Wolken hängen, als wollten sie die Berge beschützen. Wir stellen uns vor, dass die Schüler des Internats sich hier sehr gut auf das Wesentliche konzentrieren und lernen konnten, sich in die kleine Gemeinschaft einzufügen, denn viele andere Möglichkeiten hatten sie nicht.

Diese Lernziele waren mit ein Grund für die Eröffnung des botanischen Gartens von Skrúður, nur wenige Hundert Meter von den ehemaligen Internatsgebäuden entfernt, im Jahre 1909. „Ein botanischer Garten in Island, was kann der schon groß bieten bei dem Klima hier?“, fragen wir uns. Und dann werden wir sehr überrascht. Skrúður ist zwar winzig im Vergleich zu den botanischen Gärten, die wir aus diversen europäischen Großstädten kennen, aber es ist genau so bunt hier. Während schon Bäume in der isländischen Natur etwas Besonderes sind, haben wir bunte Blumen in dieser Vielfalt im ganzen Land noch nie zu sehen bekommen. Der Garten ist sehr gepflegt, während wir uns alles ansehen, kümmern sich zwei Gärtner um die Pflanzen und die Wege. Am Seitenausgang des Gartens formen die Kieferknochen eines Wals ein Tor. Mein Vater wirkt winzig, als er hindurch geht. In der Mitte des Gartens steht ein kleines Gartenhaus, in dem man sitzen und sich ins Gästebuch eintragen oder in einem Buch mit vielen alten Fotos von Skrúður und Informationen zu seiner Geschichte blättern kann. Außerdem hängen dort Infotafeln und Bilder an den Wänden. Wir erfahren, dass der ehemalige Schulgarten heute der Stadt Ísafjörður gehört und als Beispiel für erfolgreiche Hortikultur im nordischen Klima erhalten wird. Als wir gehen, hält einer der Gärtner uns lächelnd das Tor auf und wünscht uns auf Englisch eine gute Reise.

„Der Mensch sät und pflanzt, Gott gibt die Frucht“

Von hier aus ist es nicht weit bis zur Jugendherberge Korpudalur, in der wir 2006 übernachtet haben. Für heute Abend jedoch haben wir eine Unterkunft in Ísaförður gebucht. Unser Plan sieht vor, die größte Stadt in der Region Westjorde erst am Abend anzusteuern und vorher noch einige Abstecher zu machen, unter anderem nach Bolungarvík, weil dort der isländische Film „Nói Albinói“ gedreht wurde, den wir beide sehr mögen und über den ich in der 12. Klasse eine Facharbeit geschrieben habe. Deswegen habe ich ihn schon sehr häufig gesehen und freue mich darauf, einmal die Drehorte besuchen zu können. Doch völlig unerwartet sollen wir schon im nächsten Ort, Flateyri, mit dem Film in Berührung kommen. Flateyri erreicht man, indem man im Vestfjarðagöng, Islands längstem Tunnel, die Abzweigung nach Westen nimmt. Es ist kurios, im Tunnelinnern an eine Kreuzung zu kommen, anzuhalten, nach Gegenverkehr (hier ähnlich rar wie auf den überirdischen Straßen in den Westfjorden) Ausschau zu halen und dann abzubiegen in eine der einspurigen Tunnelröhren, die in regelmäßigen Abständen Ausweichbuchten bieten. Hinter dem Tunnel folgen dann einige weitere Überraschungen. Zunächst einmal wirkt Flateyri größer als man sich ein Dorf mit rund 180 Einwohnern im Allgemeinen vorstellt, und längst nicht so verschlafen und trostlos wie Þingeyri.

Wir parken am Hafen und laufen vorbei am Pub „Vagninn“ zu dem Gebäude, wegen dem Flateyri in vielen Island-Reiseführern auftaucht: der alten Buchhandlung, gegründet 1914. Heute wird sie betrieben von Eyþór, dem Urenkel des Gründerpaars. Er verkauft hier nach wie vor Bücher, neue und antiquarische, isländisch- und englischsprachige. Außerdem hat er die Wohnräume seiner Vorfahren, im gleichen Haus gelegen, als Museum erhalten. Gegen eine Spende kann man sich anschauen, wie hier vor über 100 Jahren gelebt wurde. An den Wänden des Wohnzimmers hängen Naturgemälde, Fjordlandschaften in tollen Farben. „Das ist mal was anderes als Alpenmotive mit röhrendem Hirsch“, sagt mein Vater und ich stelle mir vor, wie gut sich ein solches Bild an der dunkelgrünen Wand in meinem eigenen Wohnzimmer machen würde. Eyþór erzählt uns, dass die Wohnräume seit dem Tod seiner Urgroßeltern nicht verändert wurden. Wir unterhalten uns noch eine Weile mit Eyþór, über die Buchhandlung und über Flateyri und Umgebung. Er erzählt, dass immer mehr Leute sich ein Haus hier im Dorf kaufen wollen, aber inzwischen ist nichts mehr frei. Er bezeichnet Flateyri lachend als „the party place of this area“ und „a bit of an artist town“. Wir hätten nicht damit gerechnet, dass es in dieser abgelegenen Gegend Orte gibt, aus denen die Menschen nicht nur wegziehen, sondern für die sie sich aktiv entscheiden. Als er uns nach unseren weiteren Reiseplänen fragt, erzählt mein Vater, dass wir vorhaben, nach Bolungarvík zu fahren, wegen „Nói Albinói“. Wie wahrscheinlich jeder Isländer kennt Eyþór den Film, der mehrfach ausgezeichnet wurde, und er weiß eine ganze Menge über die Hintergründe. So erfahren wir, dass der Film gar nicht ausschließlich in Bolungarvík gedreht wurde. Das Dorf im Film ist vielmehr zusammengesetzt aus verschiedenen Ecken in Bolungarvík, Flateyri und Þingeyri, Regisseur Dagur Kári vermittelt nur geschickt den Eindruck eines einzigen, abgeschiedenen Dorfes. Als wäre das nicht überraschend genug, erfahren wir dann auch noch, dass das Haus in Þingeyri, in dem sich heutzutage das Café „Simbahöllin“ befindet, vor seiner gründlichen Renovierung als Kulisse für den Film diente – die alte, chaotische Buchhandlung, die in einigen Szenen vorkommt. Wir haben also bereits an einem der Drehorte gesessen, ohne es zu wissen!

Auf den Schock brauchen wir erstmal einen Kaffee. Wir bedanken uns bei Eyþór und gehen ins Café nebenan, das gleichzeitig eine Art Charity Shop zu sein scheint. Es riecht nach Bratfisch, eine kleine Touristengruppe trinkt Tee im Stehen und am Nachbartisch, neben einem großen Bild der ehemaligen Walfangstation von Flateyri, sitzt eine Gruppe Hafenarbeiter bei der Kaffeepause. Wirklich gemütlich sitzt man hier nicht, aber der Kaffee – stilecht aus großen Pumpkannen zur Selbstbedienung – schmeckt und tut gut. Im Anschluss gehen wir noch eine kleine Runde durch den Ort. Auf einer Wiese steht eine kleine, dunkelgrüne Wellblechhütte, auf deren Tür „This will keap you worm“ geschrieben steht. Ein Schild daneben verkündet: „Hats for sail“. „Das mit der englischen Rechtschreibung müssen die hier aber nochmal üben“, sagt mein Vater und ich betrete die Hüte, um herauszufinden, was es damit auf sich hat. Drinnen gibt es nicht viel mehr als einen kleinen Tisch, auf dem tatsächlich Wollmützen liegen. Es handelt sich um handgestrickte Kopfwärmer der Marke Đyslextwhere, gegründet von einem isländisch-norwegischen Designerinnenduo. Die Schreibfehler, die man auch auf den Mützen selbst wiederfindet (es gibt zum Beispiel eine mit der Aufschrift „Piece on earth“ und das Modell „Green Peas“), sind Absicht. Sie sollen zum einen darauf aufmerksam machen, dass solche Fehler in Zeiten des Internets überall auftauchen und weitgehend akzeptiert werden, zum anderen aber auch auf die große Zahl von Menschen mit Dyslexie in der Kunst- und Designszene.

Wir verlassen Flateyri und fahren erneut durch den Tunnel, dieses Mal in die andere Richtung. Bald kommen wir nach Ísafjörður, wo wir in der örtlichen Bónus-Filiale einkaufen gehen. Im gleichen Gebäude gibt es einen zweiten kleinen Laden, der beinahe ausschließlich polnische Produkte verkauft. Im Hintergrund läuft polnisches Radio. Uns ist zwar bekannt, dass die Polen die größte Minderheit in Island sind, aber in den Westfjorden hätten wir am allerwenigsten mit einem solchen Laden gerechnet.

Wir fahren kurz durch die Stadt, dann durch noch einen Tunnel und schließlich nach Bolungarvík. Gleich auf den ersten Blick wird klar, warum Dagur Kári sich damals dazu entschieden hat, sein Filmdorf aus Teilen verschiedener Orte zu konstruieren: Bolungarvík hat immerhin fast 900 Einwohner und wirkt deutlich größer und weitläufiger als Nóis Heimatdorf – in der Gesamtaufnahme wäre dies kontraproduktiv für das Gefühl der Enge, Beklemmung und Ausweglosigkeit, das dem Zuschauer vermittelt werden soll. Bolungarvík wird von gleich mehreren markanten Bergen umgeben, doch es ist deutlich erkennbar, welcher davon das Ortsbild im Film dominiert. Am Ortsausgang machen wir eine Pause auf einer Bank vor einem der Berge. Um ihn herum wurden Vorrichtungen zur Abwehr von Lawinen verbaut. Die Lawinengefahr ist groß hier in der Gegend, 1995 wurden in Flateyri und Súðavík mehrere Menschen durch Lawinen getötet.

Zu Fuß erkunden wir Bolungarvík weiter und entdecken unter anderem das Naturkundemuseum, das in „Nói Albinói“ ebenfalls eine Rolle spielt. Es sieht inzwischen allerdings zumindest von außen anders aus als zu der Zeit, als der Film gedreht wurde. Auch die Kirche und den Friedhof aus dem Filmdorf erkennen wir wieder, müssen aber ansonsten feststellen, dass wir den Film anscheinend schon zu lange nicht mehr gesehen haben. Das muss ich nach dem Urlaub unbedingt nachholen, zu gerne möchte ich wissen, wo genau die einzelnen Szenen nun wirklich gedreht wurden. Vielleicht schreibe ich dann noch einmal gesondert darüber.

In Ísafjörður haben wir ein Zimmer in einem kleinen Gästehaus gemietet. Wir haben einen Kühlschrank, eine Mikrowelle, eine Kaffeemaschine, einen Wasserkocher, Geschirr und Besteck im Zimmer, so dass wir beschließen, uns nach zwei Restaurantbesuchen heute mal wieder selbst eine Mahlzeit zuzubereiten. Aber noch ist es dafür viel zu früh, deshalb laufen wir noch durch die Stadt, um zu sehen, was sich hier in den letzten zwölf Jahren verändert hat. Es ist noch immer windstill und trocken bei ungefähr 12 Grad. Ísafjörður besteht aus einer seltsamen Mischung aus sehr schönen und furchtbar gammeligen Häusern. Es gibt ein kleines Viertel, das wirkt wie eine Art Altstadt, dort sind die meisten der bunten Häuser wirklich schön und alles wirkt sehr skandinavisch. Die großen Geländewagen, die in den engen Straßen parken, sind jedoch eindeutiges Zeichen dafür, dass wir uns nach wie vor in Island befinden. Hier begegnet uns eine Katze mit einer ganz besonderen Färbung, ihre eine Gesichtshälfte ist schwarz-grau, die andere rötlich getigert. Sie lässt sich streicheln und läuft für eine Weile hinter uns her, bis sie in einem der kleinen Gärten verschwindet.

„Isländer essen SS-Würstchen“
Dieses Schild warnt vor Schnee-Dachlawinen
2006 war das Haus im Hintergrund noch rot …
… jetzt ist es grau

Nach einem ausgedehnten Spaziergang besuchen wir die Gamla bakaríið (Alte Bäckerei), vor der noch immer, genau wie 2006, ein altes Fahrzeug mit Werbeaufdruck steht. Wir betreten die Bäckerei kurz vor der Schließung, aber wir dürfen noch in Ruhe hier sitzen und unseren Kaffee trinken. An den Wänden hängen alte Fotos aus Ísafjörður und Umgebung, die wir interessiert studieren. Die Inhaberin kommt zu uns herüber, fragt uns auf Englisch, wo wir herkommen, und spricht uns dann auf die Hitzewelle in Deutschland und vielen anderen europäischen Ländern an. Daraus ergibt sich ein allgemeines Gespräch über Wetter und Wettervorhersagen (ein alles andere als ungewöhnliches Thema in Unterhaltungen zwischen Isländern und ausländischen Touristen). Ihr eigenes Verhältnis zu den eigentlich ziemlich sinnlosen Versuchen, das isländische Wetter vorauszusagen, beschreibt sie so: „My husband is the captain of a trawler. He always looks at the weather forecast, but when he‘s away on the ship, I never know what it will be like. And I don’t care.” Ich muss an das Buch “Weather Reports You” denken, in dem die amerikanische Künstlerin Roni Horn Aussagen und Geschichten von Isländern zum Thema Wetter gesammelt hat. Zum Abschied schenkt die Inhaberin uns zwei kringlur, herzhafte Hefekringel mit Kümmel, eine willkommene Bereicherung für unser Abendessen, das wir uns kurz darauf in unserem Zimmer bereiten.

Schild im Fenster der Bäckerei: „Heißer Kaffee in der Kanne“

Die Kringel passen hervorragend zu Käse und Salat und wir fragen uns, warum wir eigentlich nicht schon viel früher typisch isländische Backwaren probiert haben. Zum Nachtisch gibt es Schokolade der Marke Sirius, die unsere Gastgeber uns hingelegt haben. Wir beenden den Tag mit einem Telefonat mit meiner Mutter, die von der drückenden Schwüle in Mönchengladbach berichtet, und einmal mehr sind wir froh, dass wir hier sein dürfen.

 

(Hier noch der Trailer von „Nói Albinói“ – Isländisch mit englischen Untertiteln – , leider in eher dürftiger Qualität.)

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