Sonntag, 19.08.2018: Mit der Fähre auf den Mond

Am Sonntag Morgen müssen wir früh raus, so früh, dass wir auf das im Preis inbegriffene Hotelfrühstück verzichten müssen. Ersatzweise gibt es erst einmal nur Äpfel und ein paar Nüsse im Auto auf dem Weg nach Stykkishólmur. Es ist neblig und kalt, wir schalten die Sitzheizung ein. Unterwegs halten wir am Kirkjufell, dem markanten Berg kurz vor Grundarfjörður. Ihm gegenüber liegt der nach ihm benannte Wasserfall Kirkjufellsfoss. Als wir dort stehen, wagt sich die Sonne hinter den Wolken hervor. In Grundarfjörður haben wir 2006 in der Jugendherberge übernachtet. Das Ortsbild, das vom Kirkjufell dominiert wird, ist uns gut in Erinnerung geblieben, und so belassen wir es – auch aus Zeitgründen – für heute bei einer schnellen Durchfahrt. Kurze Zeit später halten wir jedoch noch einmal an, um ein kleines Kreuzfahrtschiff zu beobachten, das sich gerade dem Hafen von Grundarfjörður nähert. Es sieht toll aus auf dem glatten, ruhigen Wasser vor der Bergkulisse.

Bald darauf erreichen wir Stykkishólmur. Auch an diesen Ort können wir uns noch genau erinnern. Damals haben wir auch dort in der Jugendherberge übernachtet, in einem Zimmer, das direkt an die Küche angrenzte, in der sich eine Gruppe spanischer Touristen sehr spät abends noch ein ausführliches Mahl zubereitete und uns damit den Schlaf raubte – auch damals mussten wir früh aufstehen, um die Fähre in die Westfjorde zu nehmen. Leider haben wir heute zu wenig Zeit, um uns Stykkishólmur, das uns damals sehr gut gefallen hat, noch einmal genauer anzusehen. Jetzt können wir nur vom Hafen aus auf die bunten Häuser schauen, die Basaltfelsen bestaunen und darauf warten, dass wir auf die Fähre fahren dürfen. Genau wie 2006 trägt diese den Namen „Baldur“, aber das Schiffsmodell ist nicht das Gleiche. Bei der Einfahrt darf in jedem Auto nur der Fahrer sitzen, alle anderen Passagiere müssen aussteigen und die Fähre über die Gangway betreten. Als ich mit einer kleinen Gruppe anderer Reisender auf den Einlass warte, fällt mir ein, dass mein Ticket im Auto liegt, mit dem mein Vater gerade in den Schiffsbauch rollt. Ich darf trotzdem rein. Dieses Mal haben wir unsere Fährtickets schon weit im Voraus online gebucht und zu Hause ausgedruckt, doch in den Händen der meisten anderen Passagiere sehe ich genau die Tickets, die wir damals direkt hier vor Ort gekauft haben: quadratische Abschnitte gelblichen Papiers mit dem Schriftzug Sæferðir (Seefahrten) und einem blau-weißen Logo mit Wellen und Walflosse. Ich glaube, dieses zwölf Jahre alte Ticket liegt noch irgendwo bei mir rum, inzwischen wahrscheinlich vollkommen verblasst.

Wir hatten uns auf einen Kaffee und eine Kleinigkeit zu essen an Bord gefreut, müssen aber feststellen, dass der Kiosk im oberen Teil der Fähre geschlossen ist. Doch nun zieht es uns sowieso erst einmal nach draußen, denn die Sonne scheint und beim Ablegen des Schiffes können wir von Deck noch einmal einen Blick auf Stykkishólmur werfen.

Leider macht mir die Erkältung an diesem Morgen deutlich stärker zu schaffen als am Tag zuvor, so dass ich das nur eingeschränkt genießen kann. Auf der Suche nach dem im Innern ausgeschilderten Restaurant kommen wir uns vor wie in einem Labyrinth und verlieren einander aus den Augen, obwohl die Fähre nicht besonders groß ist. Schließlich treffen wir uns wieder und mein Vater kann berichten, dass er das Restaurant gefunden hat: es befindet sich ganz unten im Bauch des Schiffes, noch unter dem Autodeck. Es gibt dort zwar nichts wirklich Frühstückstaugliches, aber immerhin Kaffee. Den darf man allerdings nicht mit nach oben nehmen und so lassen wir uns in dem ziemlich furchtbaren, fensterlosen Ambiente des Restaurants nieder, auf einer der mit rosa- und beigefarbenem Skai bezogenen Sitzbänke, unterhalb einer Leuchttafel, die das Pommes- und Burger-Angebot mit seinen happigen Preisen kundtut. Wir sind uns einig, dass man hier sehr gut eine Szene für einen Kaurismäki-Film drehen könnte, in der der schweigsame Protagonist mit trübsinniger Miene Kaffee oder Bier trinkt und kein Wort spricht. Musik läuft hier nicht, aber ein herzzerreißender finnischer Tango würde gut hierher passen. Wir sitzen direkt neben der Heizung, es ist schön warm, es gibt kostenloses WLAN und der Kaffee schmeckt – so werden wir ein bisschen wacher, auch wenn mein vom Schnupfen dicker Kopf mich weiterhin plagt.

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Bevor wir 2005 zum ersten Mal zusammen nach Island flogen, schenkte mein Vater mir das Buch „Das Rätsel von Flatey“ von Viktor Arnar Ingólfsson. Es war der erste in einer ganzen Reihe von Island-Krimis, die ich daraufhin lesen sollte (bis ich vor ein paar Jahren das Interesse an Krimis verlor), aber er sollte für mich immer etwas Besonderes bleiben, und 2006 war ich sehr gespannt darauf, wie die Insel Flatey, auf der der Roman spielt, in Wirklichkeit aussieht. Jetzt stehen wir an Deck und fahren zum zweiten Mal mit der Fähre auf die Insel zu. Damals hatten wir einen Trecker an Bord, der nach Flatey geliefert wurde, heute geht hier nur eine Handvoll Menschen an Land. Flatey hat ungefähr zehn ständige Einwohner (im Sommer kommen einige Sommerhausbesitzer hinzu) und einen winzigen Hafen, der nicht viel mehr ist als ein Steg, der ins Meer hineinragt. Von der Fähre aus erkennt man sonst nur ein paar Häuser und eine kleine Kirche. Wir fragen uns, was man den ganzen Tag macht, wenn man auf so einer kleinen Insel lebt. Vielleicht etwas ähnliches wie das, was wir tun, um die restliche Stunde Fahrt zu überbrücken: den Wikipedia-Artikel über den Grönlandhai, auch bekannt als Eishai, lesen. Irgendwie kommen wir auf dieses Tier zu sprechen und stellen dann mit Erstaunen fest, dass er mehrere hundert Jahre alt werden kann und damit zu den Lebewesen mit der längsten Lebensspanne gehört. Geschlechtsreif wird ein Grönlandhai mit etwa 150 Jahren.

Anlieferung nach Flatey 2006

Schließlich legen wir an, in Brjánslækur. Im Grunde kommt man hier mitten in der Pampa an, Brjánslækur besteht nur aus dem Fährhafen und einem alten Hof. Würde hier nicht die Fähre ankommen und abfahren, hätte wohl niemand einen Grund, hierher zu kommen, erst recht kein ausländischer Tourist. Unser Ziel für diesen Tag ist Þingeyri, doch anstatt uns auf direktem Weg dorthin zu begeben, beschließen wir, einen Umweg zu fahren, und so biegen wir ab in Richtung Patreksfjörður. Unterwegs halten wir am Meer, um endlich etwas zu essen. Mit Blick auf den Strand, dessen Sand nicht – wie an vielen anderen Stellen in Island – schwarz, sondern hellbraun ist, kommen wir auf die Idee, ein Foto zu machen, auf dem einer von uns mit den Füßen im Meer steht, so als sei das die normalste Sache der Welt, aber dann traut sich doch keiner in das vermutlich eiskalte Wasser, erst recht nicht bei dem Wetter, das in den Westfjorden trüber und kälter ist als auf der Halbinsel Snæfellsnes, die wir am Morgen verlassen haben.

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Patreksfjörður ist ein ganz netter kleiner Ort mit knapp 700 Einwohnern, in dem einige Kinder auf Fahrrädern unterwegs sind, vielleicht zu dem Spielplatz, an dem ein Schild steht mit der Aufschrift „Mjólk er góð“ – „Milch ist gut“. Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie groß ein Ort wirken kann, in dem so wenige Menschen leben, wenn er in einer Region wie dieser liegt, in der sonst außer Natur nichts ist. Ich stelle mir vor, dass sich Patreksfjörður für diese Kinder, die hier aufwachsen, anfühlt wie eine richtige Stadt, dass das Schwimmbad, die Tankstelle, der Supermarkt und die beiden Cafés, die wir bei unserer Runde sehen, ihnen alles bieten, was sie brauchen. Aber vielleicht stimmt das auch nicht, vielleicht träumen sie von einem Leben in Reykjavík oder gar im Ausland. Ich, die ich selbst in einer deutschen Großstadt aufgewachsen bin, beneide diese Kinder um ihre Nähe zu der grandiosen Natur, mit der sie leben dürfen, und wünsche ihnen, dass sie ihren Heimatort als Erwachsene nicht gänzlich vergessen.

Nicht weit entfernt liegt Tálknafjörður. Hier leben etwa 230 Menschen. Am Hafen steht ein alter Anhänger des Lebensmittel- und Feinkosthandels „Zum Dicken Kurt“ herum. Mit seiner gelben Farbe, den Rostflecken und der allmählich verblassenden Schrift fügt er sich erstaunlich gut ein in das isländische Hafenambiente. Ich würde zu gerne wissen, was die Geschichte dahinter ist, wie der Anhänger aus dem brandenburgischen Wandlitz eines Tages hier gelandet ist und wann er zum letzten Mal benutzt wurde.

„Jegliche Autowäsche verboten“

Dann folgen fast 100 Kilometer über eine Schotterpiste. Es geht um viele Kurven und immer wieder bergauf und bergab, vorbei an Flüssen, kleinen Seen und mehreren schönen Wasserfällen, zwischendurch haben wir eine grandiose Aussicht auf das Meer und die Fjorde. Doch ein großer Teil der Strecke führt uns durch eine regelrechte Mondlandschaft: brauner Schotter, graue Felsen, schwarze Lava, kaum Vegetation, nur ein bisschen blassgrünes Moos. Inspiriert von dem, was wir sehen, stellen wir Überlegungen über Astronautennahrung an. Wie genau läuft das ab, wenn auf einer Weltraummission jemand Hunger hat? Was ist, wenn der eine Astronaut Lust auf eine Tube Döner hat, der andere aber lieber eine Tube Spaghetti Napoli will? Gibt es für Astronauten aus unterschiedlichen Kulturkreisen unterschiedliche Tubennahrung? Auf diesem Niveau albern wir herum, während im Hintergrund die Songs laufen, die meinem Vater von 2006 als „Westfjorde-Musik“ in Erinnerung geblieben sind. Songs von Bands und Künstlern wie Nada Surf, Placebo, Athlete, Teitur oder Death Cab for Cutie, die in den frühen Nullerjahren Alben veröffentlicht haben, die ich in meiner Jugend rauf und runter gehört habe und die ich bis heute sehr mag. Dann machen wir eine Pause am Ufer eines Flusses. Wir sitzen auf Baumstämmen an einem Felsen, der als Tisch dient, es ist windstill und warm genug für einen Pullover ohne Jacke. Nur die Sonne, an die wir uns gestern so gewöhnt haben, fehlt. Als wir weiterfahren, begegnen uns ein Motorrad mit türkischem Kennzeichen, zwei Autos aus Deutschland, eins aus Tschechien und sogar ein Wohnmobil aus China.

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Die wohl bekannteste Natur-Sehenswürdigkeit in den Westfjorden ist der Wasserfall Dynjandi (was übersetzt so viel bedeutet wie „der Dröhnende“). 2006 gab es hier nur einen kleinen Parkplatz, inzwischen hat man mehr Platz für Autos geschaffen und Infotafeln, öffentliche Toiletten und Waschbecken aufgestellt. Auch hier in den Westfjorden hat der Tourismus offensichtlich zugenommen. Die Schuhputzbürste am Parkplatz, über die wir uns vor zwölf Jahren noch so amüsiert haben, gibt es allerdings nicht mehr. Unterhalb des Dynjandi befinden sich noch einige weitere kleine Wasserfälle, an denen vorbei man über Steintreppen nach oben steigen kann. Wir sind genau so beeindruckt wie damals: man blickt auf die Wasserfälle und wenn man sich umdreht, hat man einen tollen Blick auf den Fjord. Leider verbietet mein noch immer schmerzendes Bein es mir, bis ganz nach oben zu klettern, doch mein Vater schafft es. Außer uns sind noch einige andere Menschen hier, aber es ist kein Vergleich zu den Touristenmassen am Geysir oder am Gullfoss, und die meisten um uns herum sprechen Isländisch. Als wir schließlich wieder ins Auto steigen, fängt es an zu nieseln, aber das legt sich bald wieder, insgesamt ist das Wetter auch heute für isländische Verhältnisse sehr beständig und windstill. Hinter dem Dynjandi geht es für den Großteil der verbleibenden Strecke bergab. Wir werfen einen Blick zurück, aus der Ferne sieht der Wasserfall aus wie an den Berg gemalt, unbewegtes Weiß auf Schwarz.

Bald erreichen wir Þingeyri. Dort haben wir im Hotel Sandafell ein Zimmer gebucht. An der Rezeption begrüßt uns eine junge Portugiesin, die für eine Weile hier arbeitet und mit der wir über die Hitzewelle sprechen, die weite Teile Europas bis vor Kurzem im Griff hatte. Sie erzählt, dass sie sich beim Telefonieren mit ihrer Mutter in der Heimat gar nicht vorstellen kann, dass diese dort unter den hohen Temperaturen leidet, und ich frage mich, wie sich im Gegenzug ihre Mutter einen Ort wie Þingeyri vorstellt. Das Hotel ist modern und im skandinavischen Stil eingerichtet und hat auch ein Restaurant, in dem wir später essen wollen. Doch erst einmal bringen wir unsere Sachen aufs Zimmer und gehen dann eine Runde spazieren. Schon oft haben wir erlebt, dass der Himmel an einem grauen Tag in Island gegen Abend aufklart und die Sonne sich zeigt. So ist es auch heute, aber trotzdem wirkt der 250-Seelen-Ort ein wenig trostlos auf uns. Es gibt die typischen leicht angegammelten Buden, einen kleinen, eher uninteressanten Hafen und eine Betonkirche, an deren Eingangstür jemand eine Jesus-Comicfigur aus Pappe gehängt hat. In einer Seitenstraße parkt eine weiße Strechlimousine – noch so etwas, was einfach so dasteht und Fragen aufwirft: Ist etwa jemand mit dieser Stretchlimo über die Schotterpiste gefahren, um sie hierher zu bringen, oder kommt sie aus der anderen Richtung, aus Ísafjörður, der größten Stadt in den Westfjorden? Wozu braucht man hier ein solches Gefährt?

In der Mitte der Hauptstraße befindet sich das Café „Simbahöllin“, in dessen Garten eine aus Euro-Paletten gebaute Terrasse und ein alter deutscher Linienbus das Sitzplatzangebot erweitern. Von innen ist das Café im Retro-Stil gestaltet, mit viel Holz und grüner Farbe. Wir finden, es könnte auch in Estland stehen. Die Mitarbeiterinnen sind sehr jung und sprechen Englisch miteinander, offenbar haben sie gerade eine Praktikantin aus dem Ausland, die unseren Kaffee zubereitet und dafür sehr lange braucht, aber wir haben Zeit und es ist sehr gemütlich hier. Wir teilen uns ein Stück Apfelkuchen, nutzen das Café-WLAN und überlegen, wie sich ein Café in einem solchen Ort, den nicht allzu viele Touristen besuchen, wohl halten kann.

Eine Frage, die wir uns später auch beim Abendessen über das Hotel und das dazugehörige Restaurant stellen. Außer uns isst hier heute Abend nur ein isländisches Paar. Als die beiden hereinkommen, ergibt sich eine kuriose Situation, denn niemand vom anwesenden Personal spricht Isländisch, offenbar läuft hier alles mit ausländischen Saisonkräften. Aber das ist kein Problem, die beiden Isländer bestellen einfach auf Englisch, genau wie wir. Die Pizza ist sehr lecker und durch die großen Fenster des Restaurants können wir auf den Hafen blicken.

In meiner Familie gibt es den Running Gag, dass wir auf Reisen oft Vergleiche zwischen dem Ort, an dem wir uns gerade befinden, und dem Rheydter Marienplatz anstellen, als sei dieser das Maß aller Dinge. Rheydt ist die Geburtsstadt meines Vaters, die seit 1975 zu Mönchengladbach gehört. Ich bin der Meinung, dass der Marienplatz kein Platz, sondern lediglich eine ziemlich hässliche Straßenkreuzung mit wenig sehenswerten 50er-Jahre-Bauten ist, aber wie dem auch sei, er steht für einen Ort, den sowohl mein Vater als auch ich von Kindesbeinen auf kennen und der so unspektakulär ist, dass er im Grunde sowohl mit allem als auch mit nichts vergleichbar ist. Besonders absurd ist es, ihn für Vergleiche mit kleinen Dörfern in den isländischen Westfjorden heranzuziehen, aber trotzdem – oder gerade deshalb – wird er für uns zum Ausgangspunkt für Vermutungen darüber, wie die Menschen hier wohl leben, womit sie ihr Geld verdienen, wie und wo ihre Kinder zur Schule gehen, und wie lange es wohl dauern wird, bis die allgemeine Landflucht diesen Ort komplett ausgeleert hat, bis er eine Geisterstadt ist, still, einsam und verlassen am Fjord.

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