Freitag, 17.08.2018: Genau wie und doch anders als damals

Der Blick aus unserem Zimmerfenster in Keflavík fällt auf ein typisch isländisches Wohnhaus aus Beton und Wellblech mit einem ebenfalls typischen Fensterdeko-Arrangement, bestehend aus Hühner- und Schafsfiguren, einem Kerzenhalter und weißen Blümchen-Gardinen. Auf dem Parkplatz nebenan stehen ein Lieferwagen mit luxemburgischen Kennzeichen und ein alter deutscher LKW mit einem Werbeaufdruck von Augustiner Bräu. Dahinter ist das Meer.

Meine Halsschmerzen sind deutlich schwächer geworden, mein Schnupfen allerdings nicht. Trotzdem fühle ich mich gut und sogar einigermaßen ausgeschlafen. Wir machen uns fertig für unser allererstes isländisches Hotelfrühstück. Bei unseren ersten drei Reisen haben wir immer in Jugendherbergen übernachtet und uns komplett selbst versorgt. Dieses Mal hingegen werden wir in Hotels und Gästehäusern unterkommen und nur zum Teil eine Möglichkeit zur Zubereitung eigener Mahlzeiten haben. Hier in Keflavík gibt es das Frühstück im gegenüberliegenden Hotel. Wir sind beide gespannt auf das Angebot – mein Vater hat eine starke Abneigung gegen Fisch und ich bin Vegetarierin, beides bedeutet in manchen Ländern eine Einschränkung. Doch dieses Frühstück bietet wirklich alles, was das Herz begehrt: Neben der üblichen Brot-, Käse- und Wurstauswahl gibt es Croissants, Baked Beans, Skyr mit Heidelbeeren, exotisches Obst (das in Island richtig teuer ist), Skúffukaka (isländischen Schokoladenkuchen), veganen Johannisbeer-Walnusskuchen, Müsli mit Hafer­drink und natürlich den von uns schon herbeigesehnten Kaffee. Wir sind fast die einzigen im Frühstücksraum, der so stark geheizt ist, dass uns schnell zu warm wird in unseren langen Klamotten. Trotzdem nutzen wir das im Preis enthaltene Frühstück so gut wie möglich aus und planen unseren ersten Reisetag. Da unser erstes Etappenziel, Akranes, nur etwa 90 Kilometer entfernt ist, haben wir die volle Freiheit und können entscheiden: längerer Zwischenstopp in Reykjavík oder ab in die Natur? Unsere Wahl fällt auf Letzteres, denn in der – nach unserer Erfahrung sowieso nicht wahnsinnig interessanten – Hauptstadt können wir uns immer noch am letzten Tag umschauen.

Drüben im Guesthouse ist die Zimmerreinigung bereits im Gange, als wir aufbrechen. Im Zimmer gegenüber sehe ich eine leere Rotweinflasche im Mülleimer und ein einzelnes Weinglas auf dem Tisch. Ob das ein Duty-Free-Mitbringsel vom Heimatflughafen oder aber ein teurer Einkauf im staatlichen Alkoholladen Vínbúðin war, kann ich nicht erkennen. Wir bringen unser Gepäck ins Auto, lassen dieses aber stehen, wo es ist, da wir zuerst einen kleinen Spaziergang durch Keflavík machen wollen. Wir amüsieren uns über die herrlich altmodischen und eindeutig gestellten Werbefotos für das Hotel, die auf dem Schild am Parkplatz zu sehen sind: Menschen mit Achtzigerjahre-Frisuren, die voller Begeisterung Röhrenfernseher und Kabeltelefon in den Zimmern nutzen, und der Koch des inzwischen wohl nicht mehr existierenden hauseigenen China-Restaurants mit einem riesigen Fisch in den Händen.

Keflavík ist mit seinen rund 9.000 Einwohnern die sechstgrößte „Stadt“ Islands und bildet gemeinsam mit Njarðvík und Hafnir die Gemeinde Reykjanesbær. 2013 sind wir am letzten Abend zum Zeitvertreib vor dem Rückflug durch einige Orte in der Nähe der Hauptstadt gefahren, von Keflavík kennen wir allerdings bisher nicht viel mehr als die meisten Touristen, die hier – immerhin fast 50 Kilometer von Reykjavík entfernt – einfach nur inmitten von Lavafeldern ankommen und abfliegen. Bei 12 Grad spazieren wir unter grauem Himmel am Meer entlang. Ich wappne mich mit einem Stirnband gegen den Wind, der leicht nach Salzwasser und Fisch riecht. Es gibt eine Art Promenade am Wasser, hier gehen die Keflavíker mit ihren Hunden Gassi oder joggen in kurzen Hosen an uns vorbei. Wir beobachten einen Fischkutter, der mit den Wellen kämpft und zwei Segelboote vor einer Kulisse aus Wolken und Bergen in der Ferne. Auf einer Wiese stehen zwei kleine Tipis aus Holz, sie wirken wie Fremdkörper in diesem Ambiente.

Die kleine Geschäftsstraße, die parallel zu dem Spazierweg am Meer verläuft, ist wenig aufregend, aber an manchen Ecken kurios. Die Regionalfraktion der bäuerlichen Fortschrittspartei Framsóknar­flokkurinn und die konservative Unabhängigkeitspartei Sjálfstæðisflokkurinn haben hier Büros, deren Fenster mit den Gesichtern und Namen der PolitikerInnen beklebt sind. Die Fort­schrittspartei sitzt direkt neben der sehr amerikanisch aussehenden Burger- und Sandwichbude „Olsen Olsen“, die ihre Gäste nicht nur auf Isländisch und Englisch Willkommen heißt, sondern auch auf Deutsch, Französisch, Italienisch, Niederländisch, Kroatisch, Indonesisch, Hawaiianisch, Esperanto und Polnisch. Interessante Sprachenauswahl. Ob der Laden, auf den die selbstgewählte Bezeichnung „Restaurant“ nicht so recht zu passen scheint, nach dem gleichnamigen Song von Sigur Rós (siehe unten) benannt wurde, kann ich nicht herausfinden. Ein paar Häuser weiter befindet sich eine Filiale der britischen Supermarktkette „Iceland“. Ich muss daran denken, dass die englischen Fans sich während der Fußball-EM 2016 unter Bezugnahme auf diesen Laden über das isländische Team lustig machten – bis sie von selbigem aus dem Turnier geschossen wurden. Woraufhin Iceland Foods Ltd. übrigens Humor bewies und auf Twitter kommentierte: „Unexpected result in the bagging area“, „Everyone should be passing on their congratulations to @footballiceland, they are the football team – we are the UK frozen foods specialists“. In meiner Zeit in Farnham bin ich täglich an einem Iceland-Laden vorbeigelaufen, aber mir war nicht klar, dass es auch in Island Filialen dieser Kette gibt, und zwar ganze sieben Stück in Reykjavík und Umgebung sowie in Akureyri.

Nach dem Rundgang steigen wir ins Auto und fahren los. Bevor es in den nächsten Tagen in einsamere und weniger gut besuchte Gefilde geht, steuern wir heute zunächst einige bei Touristen sehr beliebte Highlights an, die wir zuletzt 2005 aufgesucht haben. Schnell wird klar: der aktuelle Island-Hype, von dem wir im Vorfeld gehört hatten, ist kein Gerücht. Es sind deutlich mehr Reisebusse und gemietete Autos und Jeeps unterwegs als vor 13 Jahren und auch mehr als vor fünf Jahren. Und man hat darauf reagiert: es gibt mehr Parkplätze und vergrößerte visitor centres am Geysir Strokkur und am Gullfoss, dem wahrscheinlich bekanntesten Wasserfall des Landes. Nicht nur hier, sondern auch in den anderen Regionen, die wir in den kommenden Tagen noch bereisen werden, fallen uns vermehrt mit Baum-und-Bank-Piktogramm ausgeschilderte Picknickplätze auf, ebenso wie Hinweise auf Hotels, Hostels, Gästehäuser, Cafés und Restaurants. In Kombination mit dem einsetzenden Nieselregen sorgen die Touristenmassen dafür, dass wir zunächst wenig Lust haben, am Nationalpark Þingvellir auszusteigen. Stattdessen fahren wir weiter zum Geysir, der mich beim zweiten Mal weniger beeindruckt als beim ersten Mal. Damals, mit 14 Jahren, stand ich hier in der Sonne, beobachtete mit vielleicht fünf oder anderen sechs anderen Touristen fasziniert, wie das heiße Wasser aus der Erde emporschoss, und gab mir größte Mühe, im richtigen Moment auf den Auslöser meiner Kamera zu drücken, um die Eruption auf mein wertvolles, da begrenztes, analoges Filmmaterial zu bannen. Jetzt, mit 27, stehe ich hier in der nasskalten Luft und bin umringt von mehreren Reisebusladungen von Menschen, die den Geysir mit ihren Smartphones filmen und in endlos vielen Fotos nicht nur den richtigen Moment, sondern mit Hilfe der Frontkamera auch ihr schönstes Lächeln im Vordergrund einzufangen versuchen. Sie dabei zu beobachten, ist fast interessanter als das Naturphänomen, von dem der Besucher auch heute noch lediglich durch ein einfaches Seil getrennt wird. Ich bin hin und her gerissen zwischen einem enttäuschten „Früher war alles besser“-Gefühl und der Einsicht, dass es doch eigentlich logisch ist, dass die Gründung der isländischen Billigfluggesellschaft Wow Air, zahllose Fotos von Reisebloggern auf Instagram und die beiden erstaunlich erfolgreichen Großturnier-Teilnahmen der isländischen Fußball-Nationalmannschaft das Land beliebter gemacht haben.

Zum Vergleich: Der Geysir im Sommer 2005 (eingescanntes Analogfoto)

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Am Gullfoss weht ein extrem starker Wind. Mein Vater erinnert mich an die „oberste Island-Regel“: Nie mehr als eine Autotür gleichzeitig öffnen, immer schön nacheinander aussteigen. Ich ziehe Jacke, Schal und Stirnband an, dann kämpfen wir uns gemeinsam mit einer Menge anderer Touristen gegen den Wind die Treppe zur Aussichtsplattform nach oben. Bei einem Zwischenhalt auf der Pause hierher bin ich auf losem Kies ausgerutscht und habe mir das rechte Bein verdreht, jetzt zieht es bei jeder Stufe vom Oberschenkel bis in die Kniekehle. Der Schnupfen macht das Treppensteigen zusätzlich anstrengender. Oben angekommen bleibe ich stehen, hole tief Luft und blicke auf den riesigen Wasserfall, der ohne jeden Zweifel auch beim zweiten Mal noch sehr beeindruckend ist. 2005 waren wir hier im Sonnenschein, an einem der wärmsten Tage, die wir in Island je erlebt haben, und es bildete sich ein Regenbogen über dem Wasserfall, der in kräftigen Farben leuchtete. Heute sind es nur die bunten Regenjacken der Touristen, die für ein wenig Farbe sorgen, der Himmel ist dunkelgrau und in den Wind mischen sich kleine Regentropfen. Kein Wetter, bei dem man lange draußen bleiben möchte, erst recht nicht, wenn man sowieso schon erkältet ist. Unvorstellbar, dass wir vor Kurzem noch in Deutschland vor Hitze fast eingegangen sind.

2005|2018
Drohnen-Verbotsschilder findet man inzwischen an vielen Stellen in Island

Jetzt flüchten wir uns ins visitor centre, das 2005 entweder noch nicht existierte oder aber von mir sofort wieder vergessen wurde. Wir lassen den riesigen Souvenirshop links liegen, bestellen uns einen Kaffee und setzen uns ans Fenster, von dem aus man leider weniger zu sehen bekommt als erhofft. Hier im hinteren Teil des visitor centre ist es zwar ziemlich ruhig, aber dennoch ist unverkennbar: hier herrscht Massenbetrieb. Wir beobachten die Leute, die am Fenster vorbeikommen und stellen fest, dass es neben dem schon bekannten Safari-Look-Träger offenbar einen neuen Touristentyp gibt: den betont coolen „Wind, Regen und Kälte können mir gar nix“-Typ, zumeist verkörpert von jungen Männern aus Mittel- und Westeuropa, die zwar in den gleichen Outdoor-Läden einkaufen wie die Safariwesten-Wanderschuh-Fraktion, aber ausschließlich im Shorts- und Flip-Flop-Segment.

Auf unserer Reise durch Ostfinnland letztes Jahr hatten wir ziemliches Pech mit dem Wetter, fast täglich Regen bei zwischenzeitlich gerade einmal zehn Grad im August in einem Land, in dem das längst nicht so normal ist wie hier in Island. Deshalb verbrachten wir viel Zeit damit, in sehr vielen sehr unterschiedlichen Cafés zu sitzen und Kaffee zu trinken. Da die Finnen aus unerfindlichen Gründen einen etwas säuerlichen Kaffee bevorzugen, bewerteten wir die heiße schwarze Flüssigkeit in unseren Tassen danach, wie „finnisch“ sie schmeckte. Hier nun, am Gullfoss, lautet mein Urteil nach dem ersten Schluck: „ziemlich finnisch“. Der Kaffee kommt aus einer modischen Siebträgermaschine, die sonst in Island sehr verbreitete „free refill“-Regelung gibt es hier nicht. Wir sind uns einig: zum richtigen Island-Feeling gehört Pumpkannenkaffee in kurioser, manchmal auch etwas trister, nach Burgern und Pommes riechender Tankstellenatmosphäre. Klingt wenig einladend, gehört für uns aber zu diesen kleinen Dingen, die auf Reisen schnell normal werden und die man Jahre später aus alter Gewohnheit unbedingt genau so wieder erleben will. Dieses Gebäude voller Plüschrobben, Wikinger-Helme mit Plastikhörnern und Island-Fußballtrikots fühlt sich irgendwie nicht richtig an, und deshalb stapft mein Vater los, die Treppe hinunter, um mit dem Auto auf den vor dem Eingang gelegenen oberen Parkplatz zu fahren und mich einzusammeln.

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Wir machen dann doch noch einen Abstecher zum Nationalpark Þingvellir, wo kaum etwas los ist. Es regnet nicht mehr und der Wind ist hier deutlich schwächer, so dass wir eine ganze Weile draußen bleiben, die herumspazierenden Wildgänse beobachten, uns gegenseitig vor der kleinen weißen Holzkirche mit dem schwarzen Dach und den türkisen Fensterläden fotografieren und uns an die Fotos von unserem ersten Besuch hier erinnern. Damals trug ich löchrige Chucks und der Bart meines Vaters war noch dunkelbraun. Wir sind beide älter geworden, aber das macht nichts, wir steigen wieder ins Auto, fahren weiter und hören Musik, die gleichen Songs wie damals. Wir fahren vorbei an Bergen, an sich in Schlangenlinien durch die Landschaft ziehenden Flüssen, an Pferden und Schafen, über Asphalt, über Schotter. Und immer wieder halten wir an, um die Natur zu bewundern, genau wie damals.

Ich mit 14 im Þingvellir-Nationalpark

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Akranes, das wir nach einer Fahrt durch den Hvalfjarðargöng, den Tunnel unter dem Walfjord (einer von nur elf Tunnel in ganz Island), erreichen, ist größer und schöner als wir erwartet haben. Leider sind wir für einen Rundgang in der Abendsonne zu müde. So steuern wir unsere Unterkunft für heute Nacht an, in der Hoffnung, dass uns das Wetter am nächsten Morgen die Möglichkeit bieten wird, uns hier einmal ausführlich umzusehen. Wir übernachten in einem kleinen Gasthaus. Unsere Gastgeberin heißt Pauline, ist Anfang 50 und stammt aus Glasgow. Sie ist mit einem Isländer verheiratet, lebt seit 26 Jahren in Island und seit 12 Jahren in Akranes. Im Moment sind die beiden allerdings dabei, sich ein Sommerhaus in Bulgarien zu kaufen. Dort haben sie Freunde und ihr Mann lässt sich dort die Zähne machen, weil das unendlich viel billiger ist als in Island. Das Hauptargument für den Hauskauf in Bulgarien lautet allerdings: „Our dream is to sit in the sun and drink cheap beer – and neither of that is possible in Iceland.” Paulines Mann hat eine so große Vorliebe für Bier und eine so starke Ablehnung gegen die hohe Alkoholsteuer in seinem Heimatland, dass er schon eigene Brauexperimente in der heimischen Küche gestartet hat. Das alles erzählt uns Pauline, als wir uns Tortellini mit Tomatensauce kochen, während die vier türkischen Frauen, die in den anderen beiden Zimmern untergebracht sind, unentwegt ein Gepäckstück nach dem anderen an uns vorbeitragen. Als unser Essen fertig ist, wünscht Pauline uns guten Appetit und eine gute Nacht und bittet uns, uns vor der Abreise noch in ihrem Gästebuch zu verewigen, und zwar auf Deutsch – „I collect languages“. So endet unser erster richtiger Reisetag mit einem Versprechen. Um genau zu sein, sogar mit zwei Versprechen: dem an Pauline, uns einzutragen, und dem an uns selbst, den zweiten Tag mit einem Spaziergang durch Akranes zu beginnen, um die kurzen Eindrücke, die wir an diesem Abend gewonnen haben, zu vervollständigen.

(Hier noch der weiter oben erwähnte Song von Sigur Rós, „Olsen Olsen“, in der Version aus dem wundervollen Film der Band, „Heima“:)

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