Donnerstag, 16.08.2018: Aufbruch nach Norden

Vor Kurzem war ich in Island. Wie auch schon bei meinen vorherigen drei Aufenthalten in diesem großartigen Land war ich für eine Woche mit meinem Vater unterwegs. Und wie auch schon bei unserem letzten Island-Urlaub im Sommer 2013 habe ich ein stichwortartiges Reisetagebuch geführt, das ich nun nach und nach in ausformulierte und mit Fotos angereicherte Texte für den Blog umwandeln möchte. Heute geht es los mit dem Tag der Anreise (an dem noch keine Fotos entstanden sind), der Bericht zum ersten richtigen Reisetag folgt bald.

Es beginnt mit Halsschmerzen. Ich hatte seit mindestens anderthalb Jahren keine Erkältung mehr und nun erwischt es mich ausgerechnet kurz vor der Abreise nach Island. Ich überstehe den letzten Arbeitstag mit Hilfe von Ingwertee mit Honig und Salbeibonbons, kann aber unverkennbar spüren, wie mein Kopf immer dicker wird und mein Taschentuchverbrauch drastisch steigt. Unter diesen Umständen und bei 30 Grad kommt mir mein eigentlich ziemlich minimalistisch gepackter Koffer bleischwer vor, als ich mich schließlich in die volle U-Bahn zum Bahnhof zwänge. Das wird ein anstrengender langer Reisetag, auch für jemanden ohne Erkältungssymptome – vor 2 Uhr isländischer Zeit werden wir nicht im Hotel ankommen – und da ich keinen Sinn darin gesehen habe, einen zusätzlichen Urlaubstag zu verbrauchen, habe ich nun schon acht Stunden im Büro hinter mir.

Wegen der für meine Zwecke eher ungünstigen Zugverbindung zwischen Dortmund und dem Flughafen Köln/Bonn muss ich schon gegen 18 Uhr los, obwohl wir erst um kurz vor 11 abfliegen werden. Dieser Zug, der zum Glück angenehm leer ist, ist der Flughafen-Express, Reisende können damit von Dortmund aus sowohl den Düsseldorfer als auch den Kölner Flughafen ohne Umstieg erreichen. Ich finde es verrückt, mit Wollpullis im Koffer im schwülheißen Sonnenschein durch NRW mit seinen vielen, dicht an dicht gebauten Großstädten zu fahren und mir vorzustellen, dass ich einige Stunden später in einer deutlich kühleren, sehr dünn besiedelten Gegend ankommen werde, in der es statt Menschen und Beton Schafe und Natur im Überfluss gibt. Und dass wir uns dann aufmachen werden in noch dünner besiedelte Gefilde. Einen größeren Kontrast als den zwischen dem Ruhrpott und den isländischen Westfjorden dürfte es innerhalb Europas kaum geben.

Meine Island-Reiselektüre besteht dieses Mal aus den Romanen „Zuhause“ von Kristof Magnusson und „Großes kleines Land“ von Antti Tuuri, einem finnischen Schriftsteller, der mehrfach durch Island gereist ist, weil sein isländischer Kollege Njörður P. Njarðvík ihm gegenüber die These aufgestellt hat, „Island, Irland und Finnland seien die einzigen Orte auf Erden, wo sich bei den Menschen noch eine Spur jener Ur-Verrücktheit erhalten habe, um deretwillen es sich zu leben lohne“. Noch kann ich nicht ahnen, dass ich unterwegs weniger lesen werde als angenommen – unter anderem, weil ich jeden Abend einige Zeit in meine Notizen für diese Berichte hier investiere – , weswegen ich mit der Lektüre von „Großes kleines Land“ erst nach der Rückkehr beginnen werde. Ebenso wenig kann ich voraussehen, dass wir im Laufe der kommenden Tage tatsächlich ein paar Mal Vergleiche zwischen Island und Finnland anstellen werden, weil manches, was wir unterwegs beobachten, eine gewisse Ähnlichkeit zu bestimmten Dingen aufweist, die uns im letzten Jahr bei unserer Reise durch Ostfinnland aufgefallen sind.

Die ersten Seiten von „Zuhause“ sind eine wunderbare Vorbereitung auf die längst nicht ausschließlich von faszinierender Natur, sondern an vielen Ecken auch von einer gewissen Schrulligkeit geprägte Island-Atmosphäre, auf die ich mich so freue. Kristof Magnusson hat einen isländischen Vater und eine deutsche Mutter und ist in Hamburg zur Welt gekommen und aufgewachsen. Auch Lárus, der Hauptprotagonist des Romans, lebt in der norddeutschen Großstadt, reist aber für die Weihnachtstage nach Reykjavík. Seinen Blick auf sein Heimatland könnte man als den eines vertrauten Außenstehenden bezeichnen, er führt zu Beginn des Romans zu so mancher guter Beschreibung typischer Situationen: „Kaffee las ich vor dem Drive-In-Supermarkt am Rande der Schnellstraße auf Fahnen, die fast unbewegt in dem Orkan standen, der vor dem zugefrorenen Hochland über den Wal-Fjord in die Stadt fegte. Drinnen gab es ein paar Tische, an denen man auch essen konnte, was fast nie jemand tat. Ein einziger Taxifahrer saß da, vom Neonlicht ausgeleuchtet. Er kaute einen frittierten Teigring und sah an dem in den Flaschen erstarrten Ketchup und der aus dem Serviettenspender halb heraushängenden Serviette vorbei über die schwarze Schnellstraße, den Rasen, die schwarzen Steine hinaus in die Richtung, aus der der Sturm kam. […] Wir hatten uns jeder einen Traum gekauft, mit Schokolade überzogene Lakritzstangen, die es im Angebot mit einem Hotdog und einem Kaffee für 399 isländische Kronen [Anm.: der Roman erschien 2005!] gab. […] Unter dem Plakat Isländer essen SS-Würstchen fuhren Autos an die Verkaufsfenster heran, aus denen weiße Arme dreieckige Sandwichboxen und gedeckelte Kaffeebecher reichten, während die Motoren weiterliefen.“

***

Am Flughafen ist so gut wie nichts los. Ich treffe meinen Vater im Terminal, wir sind beide ein wenig zu warm gekleidet für das deutsche Wetter, aber was soll man auch anziehen, wenn man bei 30 Grad abfliegt und bei vielleicht 10 Grad landet? Wir geben unser Gepäck ab, kaufen Kaugummi und Nasenspray für den Flug und trinken einen Kaffee im einzigen Flughafencafé, das um diese Uhrzeit noch geöffnet ist. Dabei beobachten wir mehrere Polizisten in der bereits geschlossenen Flughafenbuchhandlung gegenüber. Sie wirken angespannt, sprechen aufgeregt in ihre Funkgeräte und versuchen plötzlich, eine Tür hinter der Kasse aufzubrechen. Sie brauchen mehrere Anläufe. Kurz nachdem sie es schließlich geschafft haben, verlassen sie lachend den Laden und ich kann hören, wie einer von ihnen per Funk mitteilt: „Im Nebenraum war einfach nur eine Leiter umgefallen und hatte die Tür blockiert.“ Schade eigentlich, ein bisschen Spannung hätten wir in der abendlichen Flughafenlangeweile gut gebrauchen können. Am Gate wird es nicht besser –  auf dem großen Bildschirm, auf den wir starren, wird der selbe tonlose Werbespot immer und immer wieder wiederholt. Trotzdem vergesse ich direkt wieder, wofür da überhaupt geworben wird, und erst nach bestimmt fünfzig Wiederholungen fällt meinem Vater auf, dass das Auto in dem Spot auf der linken Straßenseite fährt. Wir sind müde und haben wenig Lust auf fast vier Stunden Flug, nach denen wir noch unseren Mietwagen abholen und zum Hotel fahren müssen. Die Vorfreude ist noch ein wenig zu schwach, um dagegen anzukommen, und ich bin nicht wirklich in der Lage, mir vorzustellen, dass ich bald schon isländischen Boden betreten werde, zum ersten Mal nach ziemlich genau fünf Jahren. Dazu kratzt der Hals und drückt der Kopf zu sehr. Aber ich weiß, dass die Welt ganz anders aussehen wird, wenn ich schließlich im Hotel aufwache. Isländisch wird sie aussehen und das wird mich glücklich machen.

Wie auch schon bei meiner Anreise von Stuttgart über Berlin-Tegel im August 2013 sehen erstaulich wenige der anderen Fluggäste nach typischen Island-Touristen aus. Nur eine kleine Gruppe trägt das, was mein Vater als „Safari-Outfit“ bezeichnet: in Naturfarben gehaltene, schnell trocknende, windabhaltende, mit allerlei Taschen und Reißverschlüssen ausgestattete Cargohosen und Westen über karierten Trekkinghemden (warum sind die eigentlich immer kariert?) und schwere Wanderschuhe. Ich sehe zwei junge Männer in kurzen Hosen und ein Mädchen in Flip-Flops und frage mich, ob ihnen klar ist, wo sie hinfliegen. Etwas enttäuscht bin ich, als der so typisch isländisch aussehende Familienvater gegenüber sich als deutscher Tourist auf Erstbesuch herausstellt. Isländisch hören wir hier noch nicht, dafür aber ziemlich viel Italienisch, offenbar ist Köln/Bonn Zwischenstation für Italiener auf ihrer Reise in den hohen Norden.

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Ziemlich gerädert landen wir schließlich in Keflavík. Ich hatte durch die Erkältung schon vor dem Start Druck auf den Ohren und musste wieder einmal feststellen, dass ich einfach zu groß bin, um in einem Flugzeug eine Sitzposition einnehmen zu können, die mir so etwas wie Schlaf auch nur annähernd ermöglichen würde. Auf dem Weg zum Gepäckband fotografiere ich meinen Vater an einem großen Leuchtschild mit der Aufschrift „Exit to Iceland“ und dann ziehen wir Jacken an, was sich nach der wochenlangen Hitzewelle in Deutschland auf positive Weise komisch anfühlt, und treten hinaus in die isländische Nacht. Ein Kollege hat mir prophezeit, dass meine Erkältung dank der klaren, nordischen Meeresluft sicher sehr schnell vergehen würde, und als ich jetzt tief einatme, glaube ich daran, dass er Recht haben könnte. Trotz Müdigkeit und sonstiger kleiner Wehwechen fühlt es sich sehr gut an, wieder hier zu sein.

Bei unseren vorherigen Island-Urlauben konnten wir unseren Mietwagen immer direkt im Flughafengebäude abholen, jetzt aber befinden sich die Autovermietungen außerhalb. Ein Shuttlebus bringt die gerade eingetroffenen Touristen auch um diese Uhrzeit alle 15 Minuten dorthin. Eigentlich albern, man könnte die kurze Strecke locker zu Fuß gehen, aber im Dunkeln, mit Gepäck und bei den un­ge­wohnten Temperaturen will das niemand, und so quetschen wir uns in den Bus, der alle paar Meter hält, um eine Ladung Reisender vor einer bestimmten Autovermietung auszuspucken. Ein erster Vorgeschmack auf die in den letzten Jahren stark gestiegenen Touristenzahlen, von denen wir vorab gelesen und gehört haben.

Einer der Frontscheinwerfer unseres Mietwagens ist kaputt. Uns wird angeboten, das Licht am nächsten Tag reparieren und uns die Kosten zurückerstatten zu lassen. Wir lachen. Wir wollen in die Natur, nicht in die Autowerkstatt, und das hier ist nun auch nicht gerade eine Gegend, in der man an jeder Ecke eine solche findet. Also stehen wir im Wind und warten auf einen Ersatzwagen, mit dem wir schließlich endlich das Guesthouse Keflavík, unsere erste Unterkunft auf dieser Reise, ansteuern können. Einchecken müssen wir im gegenüberliegenden Hotel. Es ist fast zwei Uhr. Für uns, die wir noch in deutscher Zeit denken, fühlt es sich an wie vier Uhr, und ich muss noch einmal lachen, als die Frau an der Rezeption erklärt, dass es ab fünf Uhr Frühstück gibt. Dann liege ich endlich im Bett und denke „Ich bin in Island!“. Aber bevor ich verstehen kann, was das bedeutet, bin ich eingeschlafen.

(Hier noch der ultimative Vorfreude-Soundtrack für Flüge nach Island:)

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2 Gedanken zu „Donnerstag, 16.08.2018: Aufbruch nach Norden

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