Sommerleiden

Wenn man sonst nichts zu reden weiß, redet man über das Wetter. Das gilt normalerweise. Normal ist in unseren Breitengraden, wenn es mal ein wenig wärmer und mal ein wenig kälter ist, mal regnet und mal nicht, mal ein bisschen mehr Wind weht und mal ein bisschen weniger. Alles in Maßen. Diese sehr lang anhaltende Hitzewelle, die wir derzeit erleben, fällt nicht mehr in die Kategorie „normal“. Und deshalb ist das üblicherweise geltende ungeschriebene Gesetz, welches besagt, dass das Wetter nur dann zum Gesprächsgegenstand werden darf, wenn es kein anderes Thema gibt, in diesen Tagen außer Kraft. Nachdem ich mir in der vergangenen Herbst-/Wintersaison recht erfolgreich abgewöhnt hatte, mich über das Wetter zu beschweren, weil man es ja sowieso nehmen muss, wie es kommt, merke ich jetzt, wie schwer es mir fällt, nicht ständig wieder davon anzufangen, wie ausgesprochen unangenehm ich diese Hitze finde.

Aber immerhin bin ich mit diesem Problem ganz offensichtlich nicht allein. Das Update bezüglich der Frage, wie wir die letzte Nacht in unseren in unterschiedlichem Ausmaß von der fortschreitenden Aufheizung betroffenen Wohnungen überstanden haben, gehört mittlerweile zum morgendlichen Ritual zwischen meinen KollegInnen und mir. Ebenso wie die ungefragt erteilte Information über unser subjektives Temperaturempfinden beim Verlassen des Hauses, das wir aufgrund der besonderen Umstände mal mehr, mal weniger erfolgreich auf einen früheren Zeitpunkt als sonst zu legen versuchen.  Doch wir schauen nicht nur zurück, sondern auch nach vorne – mit mindestens genervten, in manchen Fällen aber auch geradezu angsterfüllten Blicken. Jeder von uns nutzt unterschiedliche Wetterseiten und -apps und normalerweise widersprechen sich die Informationen, die wir dort finden, zumindest teilweise. Aber auch in dieser Hinsicht ist die aktuelle Situation nicht normal – denn ausnahmslos jeder von uns bestätigt: anscheinend kein Ende der Hitzewelle in Sicht. Beim gemeinsamen Kaffeetrinken diskutieren wir, ob man bei diesem Wetter überhaupt Kaffee trinken sollte, die Meinungen gehen da auseinander, nicht nur in unserem Kreis, sondern auch in den aus unterschiedlichsten Quellen stammenden Beiträgen, die wir dazu gelesen haben. Wir einigen uns schließlich auf ein einvernehmliches Schulterzucken, wer weiß schon, was wirklich stimmt, und vorsichtshalber auf Kaffee zu verzichten, kommt für die meisten sowieso nicht in Frage, schließlich schläft man bei dem Wetter meist schlechter als sonst.

Wir leiden unterschiedlich stark. Ich gehöre der Fraktion an, die Hitze – gelinde gesagt – überhaupt nicht leiden kann, vor allem nicht bei der hohen Luftfeuchtigkeit, die in unserer Region im Sommer herrscht. Eine Kollegin hingegen lächelt begeistert und sagt, ihr könne es gar nicht heiß genug werden. Sie erntet verdutzte Blicke und ein geseufztes „So jemand wäre ich auch gerne“ von einer anderen Kollegin. Einige stürzen sich begeistert auf das Eis am Stiel, das der Chef für die gesamte Belegschaft spendiert hat, während andere – zum Beispiel ich – bei den hohen Temperaturen kaum Lust haben, etwas anderes zu sich zu nehmen als kaltes Wasser. Wobei man ja auch das eher nicht machen sollte, zu kaltes Wasser trinken, weil der Körper dann zusätzliche Energie darauf verwenden muss, dieses zu erwärmen, und dann schwitzt man noch mehr, aber irgendwie ist das auch schon wieder egal, weil man sowieso immer schwitzt, bei jeder kleinen Bewegung, beim Kaugummikauen, beim Dasitzen, beim Atmen. Unsere Büros sind nicht klimatisiert.

Jeder von uns hat seine eigene Theorie, wie man die Raumtemperatur trotzdem möglichst gering halten kann. Während mein Bürogenosse und ich uns einbilden, dass es bei geöffnetem Fenster angenehmer ist, weil wir so die Chance haben, ab und an einen kleinen Windstoß von draußen abzubekommen, gleicht das Büro drei Türen weiter schon ab morgens einer Dunkelkammer, in der alle Fenster geschlossen und alle Rollläden so weit wie möglich heruntergelassen werden und der Ventilator im Dauerbetrieb auf höchster Stufe läuft. Leider gibt es pro Büro nur einen Ventilator, unseren überlässt mir mein Kollege zumeist wie ein echter Gentleman (was aber angesichts der Tatsache, dass er als Teilzeitkraft früher geht als ich, kein allzu großes Opfer bedeuten dürfte). Der Büroalltag (in dem ich unter diesen Umständen oft ab spätestens 15 Uhr das Gefühl habe, dass mein Gehirn zerfließt, obwohl ich sonst nachmittags am leistungsfähigsten bin) ist aber nur das eine. Wir geben uns auch Tipps, wie sich die Freizeit bei Hitze angenehmer gestalten lässt. Eine Kollegin legt sich in die leere Badewanne, weil die Seitenwände so schön kühl sind. Andere haben ihren Lebensmittelpunkt ins Freibad verlegt. Dann gibt es noch die, die ihre beneidenswert kühle Wohnung nach Feierabend einfach gar nicht mehr verlassen.

Und ich? Ich versuche vor allem, mich nicht so stark von der Hitze beeinflussen zu lassen, ihr nicht zu viel Aufmerksamkeit zu schenken, denn genau wie sonst muss ich auch jetzt das Wetter sowieso so nehmen, wie es kommt. Die Kollegin, der es gar nicht heiß genug werden kann, antwortete auf mein Eingeständnis, dass ich ziemlich viel jammere, grinsend: „Na komisch, dass es trotzdem noch nicht kälter geworden ist“. Recht hat sie, das Gemecker bringt ja auch nichts. Aber diese Hitze, die ist eben so gnadenlos und vor allem so schrecklich omnipräsent. Im Gegensatz zu einem starken Sturm oder einem heftigen Regenguss kann ich sie nicht einfach aussperren, indem ich Türen und Fenster schließe. Zwar wohne ich inzwischen im ersten Stock und nicht mehr unter dem Dach, aber auch bei mir ist es im Laufe der letzten Tage gut warm geworden, das Haus ist eben nicht besonders toll isoliert und auch zu Hause weiß ich nicht, ob es besser ist, die verdunkelten Fenster offen oder zu zu halten. Viel zu oft schaue ich auf das wahrscheinlich ziemlich unzuverlässige Thermometer an meinem Digitalwecker. Den sonst üblichen morgendlichen Blick in die Wetter-App habe ich mir jedoch inzwischen verboten, das haben mich gewisse wettervorhersagenbedingte Fehlentscheidungen im Griechenland-Urlaub letzten Monat gelehrt.

Interessanterweise habe ich mich trotz aller Ablehnung schon ziemlich an diese Wetterlage gewöhnt. Beim Scrollen durch die Bilder auf meinem Handy stolperte ich vorgestern über Fotos vom Kurztrip nach Estland im vergangenen Februar und musste erst einmal überlegen, was dieses weiße Zeug auf dem Boden sein soll und warum um alles in der Welt ich auf den Fotos Mantel, Schal und Handschuhe trage. Mit aller Kraft versuchte ich, mich daran zu erinnern, wie es sich anfühlt, wenn man friert – vollkommen vergeblich. Und dann musste ich lachen. In diesem Moment nahm ich mir vor, die Hitze, das Schwitzen, die lähmende Schwüle mit Humor zu nehmen. Und mich darüber zu freuen, dass mein sonst eher empfindlicher Kreislauf die heißen Tage bisher völlig anstandslos mitmacht, obwohl ich ihn durch das Fahrradfahren zusätzlich belaste (die nicht klimatisierte, überfüllte S-Bahn ist eine viel schlimmere Horrorvorstellung als das Warten an einer roten Fahrradampel in der prallen Nachmittagssonne). Noch muss ich es üben, das mit dem Humor. Mich aktiv dazu zwingen. In den Momenten, in denen mir das nicht gelingt, atme ich tief durch und denke: Bald fliegst du nach Island, dorthin, wo es der kühle Wind ist, den man als omnipräsent bezeichnen kann, und wo aus jetziger Sicht unvorstellbare 10 bis 15 Grad im Sommer die Regel sind. Drei Wochen noch.

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2 Gedanken zu „Sommerleiden

  1. Toll, Evi, du hast gelassen ausgesprochen, was wir alle bei der Hitze empfinden, wenn wir auch nicht soviel Humor aufbringen können wie du. Einfach Spitze !!! Ama

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