Am Bahngleis

Die Sonne hat die Menschen übermütig gemacht. Hosen, Röcke, Kleider sind so kurz, dass sich die Frage aufdrängt, was ihre Träger wohl anziehen werden, wenn die Temperatur in ein paar Wochen noch einmal um zehn Grad steigt. Es ist, als seien alle plötzlich aus einem besonders langen kollektiven Winterschlaf gerissen worden, mit lediglich dunklen Erinnerungen daran, wie man sich verhält, wenn die Atemluft nicht mehr als deutlich erkennbare Wolke aus den Mündern quillt, wenn die Schultern nicht mehr hochgezogen und die Hände nicht mehr von Handschuhen oder Manteltaschen geschützt werden müssen. Als seien alle vom einen Extrem ohne Zwischenschritt direkt ins andere gestolpert.

Geblieben sind die Kafffeebecher, gelb-blau oder rot-braun, je nachdem, welche der im Bahnhof vertretenen Bäckereiketten das Rennen gemacht hat. Doch anstatt die wärmende Pappe zu umklammern und dabei nervös auf und ab zu laufen und immer wieder aufs Neue das eigene Erstaunen über das eisige Wetter zu äußern, teilen die Wartenden einander zwischen zwei Schlucken nun ihre Hoffnung auf eine funktionierende Klimaanlage mit und überlegen, ob Eis essen im ICE eigentlich erlaubt ist.

Alles erstrahlt in einem scheinbar neuen Glanz – die Augen, die sich im Schatten des Gleisdachs aus dem Schutz der Sonnenbrillen wagen, die von tonnenschwer voranrollenden Zügen glatt geschliffenen Schienen, die Münzen, die eine junge Frau durstig in den Getränkeautomaten einwirft, der es nicht mehr gewohnt ist, so dringend gebraucht zu werden. Und als sich die Zugtüren öffnen, umgibt auch die Aussteigenden ein diffuser Glanz, ganz so, als hätte die hinter ihnen liegende Reise sie zu anderen, neuen Menschen gemacht, die nun dazugehören zu dieser anderen, neuen Zeit mit ihren Regeln und Bedingungen, die zwar bekannt sind, aber erst wieder verinnerlicht werden müssen. Bis das geschafft ist, sind auch sie anders und neu.

Sie hasten vorüber, diese Neuankömmlinge, und manche von ihnen werden nicht lange bleiben, sie steigen um, sie fahren weiter, sie sind noch nicht am Ziel. Andere müssen ihre Reise erst noch antreten, sie steigen die Treppen hinauf. Für sie ist das Bahngleis der Ausgangspunkt, der Anfang, der Aufbruch. Ein seltsamer Gedanke, dass sie die Fortsetzung der gerade beginnenden anderen, neuen Zeit an einem anderen und für sie vielleicht ebenfalls neuen Ort erleben werden, dass sie in der Zukunft auf die Frage, wo sie die ersten warmen Tage dieses Jahres verbracht haben, eine Antwort geben werden, die nichts mit dieser Stadt, diesem Bahnhof, diesem Bahngleis zu tun haben wird. Niemand denkt bei der Erinnerung an den Frühlingsbeginn an ein Bahngleis.

Bald schon werden sie alles, was sie hier und jetzt umgibt, was in diesem Moment normal und dadurch wichtig ist, vergessen haben. Dann werden sie nicht mehr wissen, wie das hellbraune Gemisch aus Kaffee und sich allmählich in Flüssigkeit verwandelndem Milchschaum aus Pappbechern mit Plastikdeckeln schmeckt. Dann werden sie nicht mehr wissen, dass der ICE nach Hamburg am Nachbargleis fünfundzwanzig Minuten Verspätung hat und mit umgekehrter Wagenreihung verkehrt. Dann werden sie nicht mehr wissen, dass sich vor ihren Füßen drei schmutzig-graue Großstadttauben um die Reste einer fallen gelassenen Eiswaffel streiten. Dann werden sie nicht mehr wissen, dass sie sich fragen, ob sie die verbleibende Wartezeit nicht besser dafür nutzen sollten, sich noch etwas zu Essen für unterwegs zu besorgen, kann man doch schließlich nie sicher sein, wann der Hunger kommt.

In diesem Moment ist das Bahngleis der Mittelpunkt ihres Lebens, die bevorstehende Zugfahrt der Dreh- und Angelpunkt all ihrer Gedanken, die Wärme auf ihrer Haut untrennbar verbunden mit der Atmosphäre des Wartens und des Wechselspiels aus Ankommen, Weitermüssen, Abreisen. Im nächsten Moment fährt der Zug ein. Die Bremsen kreischen. Stillstand für einen Augenblick. Dann wird fortgefahren, los gefahren, fort gefahren.

2 Gedanken zu „Am Bahngleis

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