Großstadtmusik 3 [Dortmund Edition]

Es ist schon fast drei Jahre her, dass ich das letzte Mal über Großstadtmusik-Momente schrieb. Doch auch in Dortmund, meiner – mittlerweile nicht mehr ganz so neuen – neuesten Wahlheimat habe ich schon Situationen erlebt, in denen die Großstadt und die Musik in meinen Ohren (oder auch nur in meinem Kopf) eine Verbindung eingingen. Um diese geht es in diesem Post, den ich wieder um eine kleine Auswahl weiterer Songs ergänzt habe, die für mich Großstadtmusik sind (was übrigens von einem unbeschreiblichen, rein subjektiven Gefühl bestimmt wird, das nicht in jeder Stadt gleich ist). Außerdem habe ich alle Songtitel, soweit auffindbar, mit einem Link zu einer Möglichkeit zum Anhören (zum Teil mit Video) versehen. Wer sich noch einmal an meine in besonderer Weise von Musik geprägten Momente in Stuttgart und Leipzig erinnern möchte, kann das mit Hilfe der verlinkten Posts gerne tun.

Ich sitze am weit geöffneten Fenster, mit dem Rücken zu allem, was in der Dortmunder Innenstadt abends um neun vor sich geht, endlich ist die Luft einigermaßen erträglich an diesem schwülheißen Tag (auch wenn das angesichts des leichten Hauchs von Müll- und Fischgeruch, der von der Straße hereindringt, wohl nicht die treffendste Formulierung ist), und ich höre Gorõ Lanas „Никому“  per Kopfhörer und frage mich, was ich all die Jahre gemacht habe ohne Rap in einer Sprache, von der ich kein einziges Wort verstehe. Es ist ein Mittwoch im Juli 2016 und in meinem Kopf weitet sich diese Frage aus auf all die anderen Dinge, die neu sind in meinem Leben. Auf Dortmund, auf den geregelten Alltag im Vollzeitjob, auf die Menschen, mit denen ich nun fünf Tage pro Woche verbringe, obwohl ich bis vor Kurzem noch nicht einmal wusste, dass es sie gibt, dass sie schon lange hier sind, in dieser Stadt, die mir ebenfalls noch weitgehend unbekannt ist und so anders als Leipzig, aber dennoch vertraut – ich bin eindeutig zurück in NRW. Das alles ist so schnell so normal geworden. Und doch ist mein Leben im Ausnahmezustand: ich habe noch keine Wohnung in Dortmund, lebe in diesem spartanisch eingerichteten Übergangs-WG-Zimmer und fahre alle zwei Wochen fünf Stunden mit dem Zug, um am Ziel Umzugskartons zu packen, Möbel auseinanderzuschrauben und mich zu verabschieden von der Leipziger Wohnung, die sich nur noch anfühlt wie ein Ort, an dem ich ein Recht habe, mich aufzuhalten, weil ich Geld dafür bezahle, genau wie für das Dortmunder Zimmer. Behausungen, kein Zuhause. Ich habe im Moment kein Zuhause, aber ich habe diese Stadt, in der es irgendwo meine zukünftige Wohnung gibt und noch mehr Menschen, die mir ans Herz wachsen werden. In der Zeit, als ich meine Masterarbeit schrieb und parallel nach einem Job suchte, störte es mich sehr, wie ungewiss alles war. Ich wusste, dass ich an einen anderen Ort gehen würde, aber nicht, wie dieser heißen, wann ich dorthin gehen und wo und wie ich dort arbeiten würde. Aber jetzt, wo ich hier auf der Fensterbank sitze, mit der in der Tat sehr beruhigenden Kenntnis dieser Details im Hinterkopf, sind es gerade die im Leben immer bestehenden Unsicherheiten, die das Lächeln hervorrufen, das auf meinem Gesicht erscheint, als ich mich umdrehe, um einen Blick nach draußen zu werfen. Ich weiß nicht, was in dieser Stadt passieren wird, wen ich kennenlernen, wie und wo ich meine Freizeit verbringen, was ich lernen werde. Und die Aufregung, die ich beim Gedanken an all diese Unbekannten verspüre, ist ausschließlich positiv. Ich bin vielleicht noch nicht richtig angekommen in Dortmund, aber ich bin hier und ich bin bereit, mich auf all das einzulassen, was hier passieren wird – ebenso wie auf Rap in einer Sprache, von der ich kein einziges Wort verstehe.

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Kaum jemand schafft es, einfach weiterzugehen, ohne ein Foto zu machen. Die zartrosa blühenden Kirschbäume in dieser ansonsten eher unscheinbaren Seitenstraße im Kaiserviertel dürften in diesen Tagen als Fotomotiv ebenso beliebt sein wie das Stadion. Wer den Blick losreißen kann, der bemerkt noch mehr Anzeichen dafür, dass es Frühling ist, dass Wärme und Sonne langsam Einzug halten. Es ist, als hätten die Bewohner dieser Stadt ebenso sehnsüchtig auf die ersten warmen Tage gewartet wie ihre unnütz im Schrank liegende leichte Kleidung, ihre offenen Schuhe, ihre Sonnenbrillen. Ich bin schon bei so gut wie jeder denkbaren Wetterlage die Kaiserstraße entlang gelaufen und schon oft war ich erstaunt darüber, wie unterschiedlich ein und die selbe Straße nicht nur aussehen, sondern sich auch anfühlen kann. Oder vielleicht bin einfach ich es, die sich jedes Mal anders fühlt. In jedem Falle ist der Gedanke an diese Straße fester Bestandteil des Gefühls, das mich überkommt, wenn ich aus der Ferne an Dortmund denke. Und kurz bevor sie endet, kurz bevor die Innenstadt mit ihrer Fußgängerzone und ihren wenig überraschenden Laden- und Systemgastronomiekettenfilialen beginnt, sitzen sich zwei Cafés gegenüber, das eine links, das andere rechts der Straße, und gegenüber sitzen sich dort auch die Menschen. Sie strecken ihre Gesichter den sanften Sonnenstrahlen entgegen, sie essen Kuchen, sie trinken bunte Limonaden, bunte Schorlen, bunte Milchshakes. Vorbei sind die Tage, an denen es die Aussicht auf einen heißen Tee und ein wenig Heizungswärme war, die sie aus den graunassen Windböen, die man hier Winter nennt, in die Cafés trieb. Jetzt sitzen sie davor, draußen, im warmblauen Lüftchen namens Frühling, und lächeln. „With a mind free from pain, with a feeling of rest”, wie es Tobias Clauberg in “Child in Spring” (Lockjaw) formuliert. Und auch ich lächle, als ich an ihnen vorübergehe. Heute fühlt sie  sich gut an, die Kaiserstraße, warm, hell und irgendwie erwartungsfroh.

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Sie hetzen die Treppenstufen hinauf und hinab, mit ernsten, angespannten, müden Gesichtern. Sie haben es eilig, jeden Morgen. Im Laufschritt schütten sie Kaffee aus To-Go-Bechern in sich hinein, ungeduldig treten sie in der Schlange beim Bäcker von einem Fuß auf den anderen, auf ihre Armbanduhren starrend hasten sie zu den Gleisen. Es gibt wohl nur ein Wort, das die morgendliche Stimmung am Hauptbahnhof treffend beschreibt: hektisch. Manchmal bleibe ich am Fuße der Treppe zwischen U-Bahn- und Zugbereich für einen Moment stehen und stelle mir vor, das hier sei eine Szene aus einem Film: Zeitraffer, all die dunkel gekleideten Menschen um mich herum wirken wie Ameisen, die einander auf dem Weg an ihre unterschiedlichen Ziele zu überholen versuchen – nur ich stehe regungslos da. Dabei habe auch ich es oft eilig, selten schaffe ich es, das Haus zur geplanten Zeit zu verlassen, und mindestens ein Mal pro Woche fährt mir die U-Bahn vor der Nase davon. Aber ich habe beschlossen, mich nicht stressen zu lassen. Der Arbeitstag verläuft besser, wenn ich mir morgens Zeit lasse, zu Hause in Ruhe frühstücke, mich nicht aufrege über volle, verspätete oder gar ganz ausfallende S-Bahnen. Ich habe Gleitzeit, ich kann gar nicht wirklich unpünktlich sein. Ich gehe die Stufen hoch, in meinem eigenen Tempo, und aus meinen Kopfhörern dringt der perfekte Soundtrack für die Großstadt zur Rush Hour: „Übersleep“ von Fuck Art, Let’s Dance!

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Ich hatte keine Ahnung, als ich an diesem Abend, etwa fünf Monate nach meinem Umzug nach Dortmund, zum ersten Mal diese Kneipe betrat. Ich hatte keine Ahnung, dass man sie schon kurze Zeit später mit Fug und Recht als meine – unsere – Stammkneipe würde bezeichnen können. Ich hatte keine Ahnung, dass es in meinem Leben überhaupt jemals so etwas wie eine Stammkneipe geben würde. Einen Ort, an dem ich inzwischen schon mit den verschiedensten Leuten gesessen und geredet habe, den ich zeitweise ein Mal wöchentlich aufsuchte. Für einige mag es das sogenannte „Studentengedeck“ (ein Brinkhoffs aus der Flasche und ein Gläschen von einem der beiden hausgemachten Schnäpse) sein, das hier an drei Tagen pro Woche zum unschlagbaren Preis von 1,50 Euro auch Berufstätige bestellen dürfen, aber für mich, die ich selten und wenig Alkohol trinke, sind es andere Dinge, die mich darüber hinwegsehen lassen, dass es hier eigentlich immer ein kleines bisschen zu laut ist. In diesen Zeiten, in denen überall nur noch Spotify-Playlisten im Shufflemodus laufen, ist es sehr erfrischend, dass Musik hier in Form ganzer Alben gespielt wird. Und nicht selten sind es Alben aus meiner Jugend, von Bands, die bei mir ein wenig in Vergessenheit geraten sind, deren Songtexte ich jedoch, wie ich an diesen Abenden feststelle, noch immer auswendig kann. „Well, it’s a big, big city and the lights are all out …” (The Fratellis – Whistle for the Choir). Der Wirt, dem wir letztes Jahr zum Geburtstag in der Gruppe ein wahrscheinlich ziemlich schiefes Ständchen gesungen und ein über und über mit Wackelaugen verziertes selbstgemaltes Bild geschenkt haben, hat unsere Gesichter inzwischen schon so oft gesehen, dass er uns auch außerhalb der spärlich beleuchteten Kneipenatmosphäre erkennt – mich zum Beispiel neulich morgens vor der Arbeit am Bahnhof. Und er hat nichts dagegen, wenn seine Gäste ihr Essen von nebenan, aus einem der beliebtesten Burgerläden der Stadt, einfach mitbringen und bei ihm verspeisen. Wenn man hinten am Fenster oder im Sommer draußen sitzt, kann man zwischen Biergeschmack, Pommesduft und nostalgisch stimmenden Klängen die feingemachten älteren Herrschaften beobachten, die in das in Sichtweite gelegene Konzerthaus strömen. Sie wirken immer ein bisschen wie Aliens und ihr Ziel wie die letzte Bastion der Hochkultur in dieser Ecke von Dortmund, die geprägt ist von Fast-Food-Buden und Billigst-Klamottenläden, aber ich mag diese Mischung, dieses Aufeinanderprallen verschiedener Welten, das man in dieser Stadt vielerorts beobachten kann. Und noch mehr mag ich die Gespräche, die wir hier führen, hier geht es um alles und um nichts, um Tiefgründiges ebenso wie um Banales, um Reisen und Alltag, um Beziehungen und Berufe, um Pläne und Unsicherheiten, um Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, und vielleicht brauchen wir inmitten all dieser unterschiedlichen Aspekte des Lebens einfach so etwas wie eine Konstante, einen Ort, an den wir immer wieder zurückkehren. Eine Stammkneipe eben.

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Noch mehr Großstadtmusik:

Goldroger – Unter Nelken De Eneste To – Vild
Hot Chip – Need You Now 3Plusss – Langweilt mich
Simon Kvamm – Du Ska Da Ha (im verlinkten Video etwa ab Minute 7:30 – aber auch der Rest ist sehenswert) Astronautalis – The River, the Woods
Arctic Monkeys – Snap Out of It Bodi Bill – Brand New Carpet
Mick Pedaja – Sleepy Waves The Districts – 4th and Roebling
Avoid Dave – Big and Round Moderat – Eating Hooks
De Staat – Get It Together Breton – Foam
Milky Chance – Cocoon WhoMadeWho – Heads Above
Bonaparte – Computer in Love The/Das – Loveboat
Glass Animals – Pork Soda The Helio Sequence – Upward Mobility
Kiasmos – Shed Jamie XX – The Rest Is Noise
BRNS – Pious Platitudes Lexsoul Dancemachine – The Poet
Janove – Verden går til helvete, tralala Steaming Satellites – Fill the Cup
MF/MB – Tune On Maeckes – Wie alle Kippenstummel zwischen den Bahngleisen zusammen (der Link führt nur zu einem Ausschnitt – es sei denn, man hat Soundcloud Go)
Odesza – Say My Name Roosevelt – Colours
Nephew feat. Johnson – Statusopdaterer at jeg statusopdaterer Miljardid – Allan
Miike Snow – Paddling Out NOËP – Rooftop
The Streets – The Hardest Way to Make An Easy Living Elephants From Neptune – Oh No
Foals – Brazil Is Here Vessels – Elliptic
When Saints Go Machine – Kelly Young Knives – Love My Name

u. v. m.

(Wer einen Spotify-Account hat, kann hier meine „Großstadtmusik“-Playlist anhören, die fast alle Songs umfasst, die ich in den drei Posts erwähne oder in den ergänzenden Listen aufführe: bitteschön.)

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