Wagnisse

Ohne dass ich es gezielt darauf angelegt hätte, ist 2017 zu einem Jahr geworden, in dem ich gleich mehrfach Neues ausprobiert habe. Vielleicht, weil ich mich an dieses lange Zeit vollkommen unvorstellbare Leben mit Vollzeitjob nach einigen Monaten so gewöhnt hatte, dass ich neue Herausforderungen brauchte. Wahrscheinlich auch, weil ich durch die nicht unerwartete, manchmal aber doch für fraglich gehaltene Verlängerung meines Arbeitsvertrags, derer ich mir dann ab Februar tatsächlich gewiss sein durfte, mehr Muße für neue Freizeitbeschäftigungen gewonnen hatte. Und sicher auch, weil ich endlich realisiert zu haben scheine, dass die Zeit nur so rast, dass ich nur dieses eine Leben habe, dass ich nicht immer an alles mit dem Gedanken „wenn nicht heute, dann eben morgen – oder in drei Jahren“ herangehen darf. Es fällt mir schwer, mir einzugestehen, dass ich nicht mehr – wie ich jahrelang wohl unbewusst geglaubt habe – so jung bin, dass es keine Rolle spielt, wenn ich etwas, das ich eigentlich gerne tun würde, nicht gleich anfange, sondern fadenscheinige Ausreden erfinde, nur weil ich mich aus diesem oder jenem Grund nicht traue und/oder die Bequemlichkeit über jedes noch so starke Interesse siegt. Deshalb bin ich froh darüber und stolz darauf, dass ich Folgendes in diesem sich langsam dem Ende zuneigenden Jahr ausprobiert habe.

1. Klavier spielen

Die Ausgangssituation:

Im Alter von neun oder zehn Jahren hatte ich gemeinsam mit meiner Schwester ein paar Monate Klavierunterricht. Dabei geriet ich schnell in einen Teufelskreis aus mangelndem Spaß durch mangelndes Können und noch viel stärker mangelnder Lust auf regelmäßiges Üben. Eines meiner Grundprobleme, das mir bis heute zu schaffen macht: allzu oft will ich Dinge können, ohne dafür etwas geben zu müssen, ohne den notwendigen Ehrgeiz an den Tag zu legen. Später stand ich dann auf einer Warteliste für Gitarrenunterricht, aber zu dem Zeitpunkt, als an der Musikschule ein Platz frei wurde, wollte ich nicht mehr Gitarre spielen und habe jahrelang keinen Gedanken mehr an das Erlernen irgendeines Musikinstruments verschwendet.

Aber sehr wohl an das Beherrschen eines Instruments, des Klaviers nämlich, das ich als Kind allzu schnell aufgegeben, aber doch nie ganz vergessen hatte. Das alte weiße Klavier im Wohnzimmer meiner Eltern, auf dem bisher nur meine Mutter spielen kann, hat mich irgendwie immer angezogen, aber ich konnte den Tasten nie mehr entlocken als ein abgehackt dahin gestümpertes „Alle meine Entchen“. Viele Bands und Musiker, die ich heute höre, arbeiten mit den Klängen dieses Instruments, und auch wenn ein großer Teil meiner Lieblingsmusik vor allem von E-Gitarre und Schlagzeug geprägt ist, hat es mich schon immer fasziniert, wie vielseitig das Klavier eingesetzt werden kann. Gerne wollte und will ich selbst an diesem Instrument sitzen und einfach spielen können, weil ich glaube, dass das sehr glücklich machen kann.

Die Ausreden:

Ich bin doch schon einmal daran gescheitert und habe heute nicht viel mehr Ehrgeiz und Disziplin als in meiner Kindheit. Ich kann noch nicht einmal Noten lesen. Ich bin zu alt, um das noch zu lernen. Klavierunterricht ist teuer. Ich habe nicht genug Zeit dafür. Ich habe außer bei meinen Eltern kein Klavier zum Üben zur Verfügung. Ich habe keinen Platz in der Wohnung und außerdem Nachbarn, die sich vermutlich nicht ständig dilettantisches Geklimper anhören wollen. Ich habe überhaupt kein musikalisches Talent und sollte mir den daher vorprogrammierten Frust wohl besser ersparen.

Der Sinneswandel:

Ein Freund von mir hatte ein E-Piano in seinem Wohnzimmer stehen, das er kaum noch benutzte, da er sich schon vor einer ganzen Weile der elektronischen Musik zugewandt hatte. Schon als ich ihm gegenüber das erste Mal erwähnte, dass ich gerne Klavier spielen können würden, bot er mir an, ihm das E-Piano für einen Freundschaftspreis abzukaufen. Damals winkte ich noch lachend ab, aber er fragte immer wieder nach und setzte mir schließlich im Juni die Pistole auf die Brust, indem er sagte: „Entweder du nimmst es jetzt oder ich verkaufe es über Ebay“ – genau der Druck, den ich gebraucht hatte. Besser spät als nie, dachte ich, schob meine Bücherregale im Wohnzimmer ein Stück zur Seite und platzierte das E-Piano dort, wo es bis heute steht: neben dem Schreibtisch, an dem ich diese Worte schreibe, über den Köpfen meiner Nachbarn, die dank Lautstärkeregler und Kopfhöreranschluss nicht mit anhören müssen, wie ich Anfängerstücke vor mich hin klimpere.

Die Umsetzung:

Bisher übe ich für mich selbst, mit dem alten Lehrbuch aus meiner Kindheit und einem Erwachsenen-Anfängerbuch, das mir der Vorbesitzer des E-Pianos dazu gegeben hat. Und ja, manchmal ist es frustrierend, dass ich kaum etwas kann, dass es mir wahnsinnig schwerfällt, zweihändig zu spielen, dass auch die Sache mit dem Notenlesen noch immer nicht leicht für mich ist. Aber komischerweise macht es mir trotzdem Spaß. Viel disziplinierter als mit neun bin ich zwar auch jetzt nicht, aber ich habe eingesehen, dass man nichts von heute auf morgen einfach so kann, nur weil man das gerne will. Das und die Tatsache, dass ich nicht schon längst hingeschmissen und das E-Piano wieder weiterverkauft habe, empfinde ich schon als großen Erfolg.

Der Plan für 2018:

Alleine werde ich nicht allzu weit kommen, daher möchte ich demnächst auf jeden Fall Unterricht nehmen. Ich glaube, ich weiß jetzt, dass das Geld nicht verschwendet wäre. Und wer weiß, vielleicht bin ich ja doch talentierter als ich bisher annehme

2. Alleine in den Urlaub fahren

Die Ausgangssituation:

2016 konnte ich aufgrund von Masterarbeit, Umzug und Berufseinstieg gar nicht richtig in Urlaub fahren und musste mich mit ein paar Kurztrips zufrieden geben. Nachdem ich mir dann in der ersten Hälfte dieses Jahres nur einen einzigen Tag freigenommen hatte, merkte ich ab Mai, dass ich absolut urlaubsreif war. Geplant war bis dahin aber lediglich eine Woche Ostfinnland-Rundreise mit meinem Vater Ende August – ein guter Plan, aber zu spät und zu wenig, fand ich. Leider hatte aber niemand kurzfristig Zeit und die notwendigen Urlaubstage, um mit mir schon vorher länger als für ein Wochenende wegzufahren. Nachdem das offensichtlich geworden war, schien nur noch eine Reise alleine möglich zu sein, aber zunächst einmal verwarf ich diese Idee.

Die Ausreden:

Ich kann doch nicht einfach alleine wegfahren. Dann müsste ich ja alles ganz alleine entscheiden, organisieren, bedenken, verantworten. Und was ist, wenn mir etwas passiert? Wo sollte ich denn überhaupt hinfahren? Es gibt doch sicher viele unangenehme Situationen, wenn man ganz alleine unterwegs ist. Und ich habe doch auch so einen schlechten Orientierungssinn. Außerdem: ohne eine Begleitung macht Urlaub bestimmt gar keinen Spaß.

Der Sinneswandel:

Nachdem eine Freundin mir erzählt hatte, dass sie vor ein paar Jahren allein weggefahren war – eine Pauschalreise mit der Möglichkeit zur Teilnahme an verschiedenen Busausflügen – , begann ich mich ernsthaft mit dem Gedanken an einen Urlaub ohne Begleitung auseinanderzusetzen und schon bald kam mir das gar nicht mehr so unmöglich vor. Ich habe es schon immer als sehr vorteilhaft empfunden, dass ich gut alleine sein kann. Mir wird nicht so schnell langweilig und auch das Gefühl von Einsamkeit überkommt mich nur selten. Und schließlich wollte ich zu diesem Zeitpunkt vor allem eins: abschalten. Entspannen, ausschlafen, endlich mal wieder wirklich Zeit zum Lesen, Schreiben, Kochen, Nachdenken haben. Und wäre dieser Wunsch nach Entspannung, nach temporärer Freiheit von dem weitgehend festgelegten Ablauf und den Pflichten meines Alltags nicht in letzter Konsequenz nur dann wirklich umsetzbar, wenn ich alleine unterwegs wäre? Auch in der Vergangenheit war ich schon alleine gereist, das erste Mal mit 17 bei der Sprachreise nach London, während der ich zwar bei einer alten Dame wohnte und ein paar Stunden Unterricht am Tag hatte, die restliche Zeit über jedoch ausschließlich mit mir selbst verbrachte – und das in einer mir damals noch vollkommen fremden Großstadt. Und, so dachte ich mir, wer zwei längere Praktika im Ausland weitgehend in Eigenregie organisieren konnte, der wird es ja wohl noch hinbekommen, zwei Wochen Urlaub alleine zu planen. Zum Zeitpunkt dieser Überlegungen hatte ich zudem bereits fast zwei Jahre alleine gewohnt und in dieser Zeit viel über mich selbst gelernt – auch, dass ich eine ganze Menge alleine schaffen kann, wenn ich muss, und dass ich offenbar auch kein allzu ängstlicher Mensch bin. Zudem war die Aussicht auf einen nahezu komplett reisefreien Sommer so abschreckend, dass ich meine Zweifel langsam, aber sicher abschüttelte.

Die Umsetzung:

Ich beschloss also, tatsächlich alleine wegzufahren. Zuerst überlegte ich, einen Kurs oder etwas ähnliches zu besuchen, um Leute kennenzulernen und so etwas wie einen tatsächlichen Reisezweck zu haben. Aber abgesehen davon, dass sich nichts Passendes fand (an dieser Stelle noch einmal danke an meine Schwester, die ebenfalls für mich nach einem geeignete Angebot gesucht hat und sich ein „Nein“ nach dem anderen anhören musste), stellte ich recht bald fest, dass ich eigentlich wenig Lust auf erzwungenes Beisammensein mit Fremden hatte. Und auch noch im Urlaub feste Zeiten einhalten müssen? Nein, danke. Meine Träume von einem wirklich entspannten Sommer hatten längst begonnen, sich in einer wie auch immer gearteten Unterkunft abzuspielen, die ich ganz für mich alleine hätte. Und dann war da auch noch der Gedanke: wenn schon alleine, dann auch richtig.

Da ich trotz allem nicht vollkommen sorgenfrei an das Ganze herangehen konnte, hielt ich es für das Beste, an einen Ort zu fahren, den ich schon kenne, in ein Land, bei dem ich mir sicher sein konnte, dass ich dort – auch sprachlich – zurecht kommen würde, selbst wenn tatsächlich nicht alles optimal klappen sollte. Zudem wollte ich auf keinen Fall den ständigen Druck verspüren, aus meiner begrenzten Zeit vor Ort das Maximum herausholen zu müssen, ich wollte nach Lust und Laune ohne schlechtes Gewissen bis mittags schlafen und an einem verregneten Tag mit Musik und einem Buch drinnen bleiben können. Ich brauchte also einen Ort, der mir schon bekannt war und den ich aller Voraussicht nach auch in der Zukunft noch einmal besuchen würde. Kein Land bot sich da besser an als Estland, das darüber hinaus noch den Vorteil hatte, dass Übernachtungen, öffentliche Verkehrsmittel und Lebensmittel dort relativ günstig sind.

Also buchte ich einen Flug nach Tallinn plus einen Rückflug vierzehn Tage später, dazu drei Nächte in einer AirBnB-Wohnung in Tallinn und zehn Übernachtungen in einem mir schon bekannten Hostel in zentraler Lage in Tartu, dessen spartanisch eigerichtete Zimmer über ein eigenes Bad und eine kleine Kochecke verfügen. So schuf ich nach der langen Phase der Überlegungen innerhalb eines Abends Tatsachen, von denen ich nicht mehr abweichen konnte. Und das wollte ich auch gar nicht, ich freute mich nur noch darauf. Dass ein paar Tage vor meiner Rückreise nach Deutschland meine Eltern im von Tartu aus gut erreichbaren Otepää eintreffen sollten, nahm mir dann auch noch die doch nicht komplett vermeidbare Sorge vor eventuell aufkommender Einsamkeit.

Und ich habe diese Entscheidung in keiner Sekunde bereut. Der Urlaub war genau das, was ich mir gewünscht hatte. Ich genoss die Freiheit, in jedem Augenblick genau das zu tun, worauf ich Lust hatte. Ich musste auf niemanden warten und niemand musste auf mich warten. Ich las viel, ich hörte viel Musik, ich schrieb zwar weniger als ich mir vorgenommen hatte, aber doch deutlich mehr als in zwei durchschnittlichen Arbeitswochen, ich ging viel spazieren, ich dachte viel nach und ich fühlte mich wie immer wahnsinnig wohl in diesem Land, das ich sowieso mindestens einmal im Jahr besuchen möchte, und ganz besonders genoss ich die Tage in Tartu, wo ich mich sofort wieder wie zu Hause fühlte. Die „Streifzüge“-Fotoserien aus Tallinn und Tartu entstanden in dieser Zeit, in der ich auch endlich mal wieder etwas an meinem Estnisch tun konnte. Als ich wieder in Dortmund war, konnte ich den Freunden und Kollegen, die danach fragten, keine aufregenden Geschichten aus dem Urlaub erzählen, aber ich bin mir sicher, dass jeder von ihnen mir angesehen hat, wie entspannt und erholt ich war. Dieser Effekt hat sehr lange angehalten und dazu geführt, dass ich den Dauerregen und die Kälte, die uns schließlich in Finnland erwarteten, ziemlich gelassen hinnehmen konnte.

Der Plan für 2018:

Ich kann mir durchaus vorstellen, noch einmal alleine zu verreisen, wenn ich sonst ganz auf einen längeren Urlaub verzichten müsste. Ich würde nicht so weit gehen, zu behaupten, dass das Reisen ohne Begleitung für mich nun das Non-Plus-Ultra ist, aber es hat Vorzüge, die nicht von der Hand zu weisen sind. Und es ist einfach schön zu wissen, dass es diese Möglichkeit als Plan B gibt. Dass ich in der Lage bin, so viel Zeit nur mit mir selbst zu verbringen und dabei glücklich zu sein. Ich werde einfach mal schauen, was sich für diesen Sommer ergibt, meine Priorität liegt dabei klar auf Urlaub mit Begleitung, aber im Zweifelsfall fahre ich eben wieder alleine weg – dieses Mal allerdings nicht nach Estland, denn da komme ich über Karneval sowieso für ein paar Tage hin. Und nach dieser ersten Erfahrung würde ich mich wohl auch trauen, alleine an einen noch nicht ganz so bekannten Ort zu reisen.

3. Ballett

Die Ausgangssituation:

Abgesehen von dem einen Jahr zur Kindergartenzeit, als meine Schwester und ich uns zu Karneval als Ballerinas verkleideten – was wir wohl hauptsächlich deshalb taten, weil es nah dran war am Prinzessinenkostüm, das unsere Mutter an ihren Töchtern nicht sehen wollte – , hatte ich Ballett als Kind nie wirklich auf dem Schirm. Mit Sport hatte ich sowieso nicht viel am Hut, ich wollte lieber lesen und schreiben und beim Spielen mit meinen Freundinnen in die verschiedensten Rollen schlüpfen. Vielleicht hätte mir damals mal jemand sagen sollen, dass es auch im Ballett um Geschichten geht, die nur eben mit dem Körper anstatt mit Worten erzählt werden, und dass man dabei immer auch eine bestimmte Figur verkörpert, vielleicht hätte ich dann schon damals Lust darauf bekommen. Leider wurde mir jedoch erst mit Anfang 20 über YouTube-Videos und mein allgemeines Interesse an allem, was in den Theatern meiner diversen Wohnorte aufgeführt wurde, klar, dass ich Ballett extrem faszinierend finde. Seitdem blicke ich mit einer Mischung aus Bewunderung, Neid und Neugier auf alle, die diesen Sport (ja, Ballett ist nicht nur eine Kunst, sondern auch eine Sportart und zwar eine der härtesten, die mir bekannt ist) ausüben. Ich fing an, mir Ballett nicht mehr nur im Internet, sondern tatsächlich auch live anzusehen und irgendwann entstand da auch die Idee, dass ich das doch auch einmal aktiv selbst ausprobieren könnte. Eine Idee, die mir jahrelang ziemlich absurd vorkam und vermutlich nie ganz aufhören wird, sich komisch anzufühlen.

Die Ausreden:

Ich bin viel zu alt dafür. Und zu groß und zu kräftig, um irgendwie graziös und elegant auszusehen. Ich bin schrecklich unbeweglich. Ich bin schon mit 12 kläglich am Jazzdance gescheitert. Ich kann meine Arme und Beine nicht koordinieren. Ich bin allgemein unsportlich und völlig untrainiert. Ich muss erst anfangen, überhaupt regelmäßig Sport zu machen, bevor ich sowas in Angriff nehmen kann. Und am besten auch ein bisschen abnehmen. Ich hasse es, beim Sport beobachtet zu werden oder mich auch nur annähernd beobachtet zu fühlen. Auch in den Anfängerkursen sind bestimmt ganz viele, die früher schonmal getanzt haben und überhaupt können das alle bestimmt viel besser als ich. Ich kann mich doch nur blamieren.

Der Sinneswandel:

Schon vor einer ganzen Weile habe ich mich zum ersten Mal über Ballett-Anfängerkurse für Erwachsene informiert. Seitdem habe ich immer wieder mal Erfahrungsberichte gelesen, die eigentlich sehr ermutigend klangen. Die meisten erwachsenen Anfänger kämpfen mit genau den Sorgen, die mich jahrelang davon abhielten, es auch nur zu versuchen. Und es gibt nicht wenige, die in einem noch deutlich höheren Alter mit dem Ballett anfangen. Man muss sich eben nur im Klaren darüber sein, dass man es nicht mehr zum Profi schaffen kann, ja dass man vielleicht sogar nie wirklich ans Tanzen kommen wird, dass Ballett für erwachsene Anfänger im Grunde „nur“ eine spezielle Art von Workout ist. All das war mir bewusst und doch habe ich mich nie getraut. Dann habe ich hier in Dortmund beim Hochschulsport einen Anfängerkurs entdeckt und schon im Sommersemester versucht, einen Platz zu bekommen, hauptsächlich aus dem Gedanken heraus, dass ich bei einem solchen Angebot wenigstens nicht allzu viel Geld verschwenden würde, wenn ich nach der ersten Stunde frustriert aufgeben würde. Allerdings war der Kurs bereits ausgebucht und wenn ich ganz ehrlich bin, war ich darüber zunächst einmal hauptsächlich eins: erleichtert. Der totalen Blamage gerade noch so entkommen. Dann jedoch erlebte mein Interesse am Ballett einen neuen Aufschwung, als eine Freundin, die als Kind selbst getanzt hat, und ich uns vornahmen, ab sofort regelmäßig zusammen zu Ballett-Aufführungen am Dortmunder Theater zu gehen. Also startete ich einen neuen Versuch im Wintersemester, bekam einen Platz und kaufte mir Ballettschuhe, die sich beim ersten Anprobieren so gut an meinen Füßen anfühlten, dass ich mir für einen Augenblick erlaubte, davon zu träumen, dass ich vielleicht, wider jede Wahrscheinlichkeit, ein ungeahntes Talent haben könnte.

Die Umsetzung:

Vor meiner ersten Ballettstunde hätte ich am liebsten gekniffen. Gegen all die Sorgen und Zweifel, die mich kurz davor mit aller Kraft überkamen, half letztendlich nur der Gedanke daran, wie blöd ich mir dabei vorkommen würde, Familie und Freunden gegenüber zugeben zu müssen, dass ich vorzeitig aufgegeben hatte. Beim Umziehen zwischen all den fremden Mädels fühlte ich mich wie damals im Sportunterricht, der für mich mit Abstand das schlimmste an meiner gesamten Schulzeit war, und gleichzeitig kam ich mir unheimlich albern vor, weil ich nun, als Erwachsene, achteinhalb Jahre nach dem Abitur, doch in der Lage sein sollte, eine solche Situation zu meistern. Beim Warten vor dem Ballettraum kam ich dann ins Gespräch mit zwei anderen aus dem Kurs, die genau so wenig Vorkenntnisse hatten wie ich und mit denen ich mich direkt gut verstand. So war ich gleich entspannter, als es tatsächlich losging.

Und nein, es gab kein Wunder und es gab keinen Platz für Illusionen. Ich habe kein ungeahntes Talent. Ich bin genau so unbeweglich und unfähig, meine Arme und Beine zu koordinieren, wie ich vorher gedacht habe. Ich bin in keinster Weise graziös und elegant, da helfen auch Dutt und Ballettschuhe nicht. Natürlich war und ist das auch frustrierend, aber diese nicht einfach übertrieben pessimistische, sondern sich sehr schnell als realistisch herausstellende Einschätzung meiner selbst hatte und hat irgendwie auch etwas Beruhigendes. Ich glaube, ich würde mich noch viel mehr über all die Jahre ärgern, in denen ich mich nicht getraut habe, aktives Ballett auszuprobieren, wenn ich jetzt feststellen würde, dass ich vielleicht sogar gut hätte sein können. Und ebenso wie die Erfahrungen mit dem Klavier kann wohl auch das Ballett dazu beitragen, dass ich wirklich vollends einsehe, was mir im Grunde schon immer klar war: dass nichts von heute auf morgen geht, dass man immer dranbleiben muss, dass man nur mit viel Geduld und Willenskraft Fortschritte erzielen kann. In einem der oben erwähnten Erfahrungsberichte schrieb zudem jemand sinngemäß, dass es gut ist, die Grenzen der eigenen körperlichen Fähigkeiten kennenzulernen und zu akzeptieren. Und wenn man genau diese Grenzen mit Humor nimmt, kann man offenbar sogar Spaß haben an etwas, das man objektiv betrachtet wirklich nicht gut kann. Vor allem, wenn man dabei auch noch nette Menschen kennenlernt. Seit Mitte Oktober gehe ich nun einmal in der Woche zum Ballett und auch wenn ich in der Sache noch nicht weiter gekommen bin, habe ich wohl schon insofern Fortschritte gemacht, als ich genau diese Grenzen nicht zum Anlass genommen habe, davonzulaufen und aufzugeben. Für jemanden, der früher den Großteil der Zeit im Sportunterricht damit verbracht hat, mit verschränkten Armen dazustehen und zu sagen: „Kann ich nicht, will ich nicht, mach ich nicht“ ist das wohl schon ein echter Erfolg.

Der Plan für 2018:

So positiv diese ganze Ballett-Erfahrung bisher auch ist – mit der Art des Unterrichts, die wir beim Hochschulsport bekommen, bin ich nicht zufrieden. Es geht mir alles viel zu schnell und laut einer Teilnemerin, die schon einmal einen anderen Kurs für erwachsene Anfänger besucht hat, machen wir in unserem Kurs Dinge, die sich auf Fortgeschrittenen-Niveau bewegen. Deshalb möchte ich mich nach Ende des Semesters nach einer Alternative umschauen. Denn an sich habe ich schon Spaß am Ballett, ich hätte nur gerne mehr Zeit und mehr Wiederholungen. Außerdem hat dieses Experiment einmal mehr dafür gesorgt, dass ich mir vorgenommen habe, ganz allgemein wieder mehr Sport zu machen – mal sehen, wie sehr ich das tatsächlich durchziehe …


(Vielen Dank an alle, die mich bei diesen neuen Schritten unterstützt haben, ob direkt oder indirekt, ob bewusst oder unbewusst. Manchmal braucht man eben einen kleinen Schubser, um weiterzukommen.)

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