Danach

(Eine Zusammenfassung der Notizen, die ich im Laufe des gestrigen Tages in mein Handy getippt habe.)

Als ich das Haus verlasse, liegt dichter Nebel über Dortmund und ich kann nicht umhin, mir vorzustellen, dass es in ganz Deutschland so aussehen muss. Grau und düster.

An Tagen wie diesem bin ich immer wieder erstaunt darüber, dass nicht alles plötzlich ganz anders ist. Dass man keinerlei Veränderung erkennen kann. Auf der Kaiserstraße werden die letzten Spuren des Straßenfestes beseitigt, zwischen dessen Street-Food-Ständen und Kinderkarussells ich mir im Sonnenschein des gestrigen Nachmittags noch überhaupt nicht vorstellen konnte, dass ich am Abend erschrocken, entsetzt, wütend, traurig auf ein buntes Balkendiagramm starren würde. Diese Männer in Arbeitskleidung und Sicherheitsschuhen, die da Kabelbrücken, Bühnenteile und Müll aus dem Weg räumen, erscheinen mir wie eine Metapher auf die Notwendigkeit zur Beseitigung des politischen Chaos, das uns nun wahrscheinlich bevorsteht. Und wie ein Ausdruck meines Wunsches, dass jemand kommt und aufräumt, Besen und Kehrschaufel ansetzt und einfach entfernt, was dieses Wahlergebnis ans Tageslicht befördert hat.Ähnlich wie damals, als ich am Tag nach der ersten Legida-Demo in Leipzig in der Tram saß und mich fragte, wer von den anderen Fahrgästen am Abend zuvor wohl zu den fast 5.000 „besorgten Bürgern“ gehört hatte, mustere ich jetzt jeden, der mir entgegenkommt, misstrauisch. Wer von euch hat wem seine Stimme gegeben? Wer von euch hat die AfD gewählt? Erst vor etwa 24 Stunden habe ich erfahren, dass jemand aus meinem Bekanntenkreis im Vorfeld der Wahl angekündigt hat, sein Kreuzchen bei der AfD zu machen, es gebe „einfach zu viele Ausländer in Dortmund“. Und schlimmer noch als die Tatsche, dass diese Person mir bisher eigentlich sympathisch war, ich jetzt aber nicht mehr weiß, wie ich in Zukunft mit ihr umgehen soll, finde ich den Gedanken, dass man doch im Grunde froh sein muss über jeden, der offen dazu steht, dass er diese Partei unterstützt. Denn so kenne ich wenigstens ein Gesicht hinter dieser Zahl: 6 Millionen Menschen, die Ansichten vertreten, die ich in keinster Weise nachvollziehen kann. Und es ist mir egal, ob jemand das aus Überzeugung oder aus Frust über die Politik der anderen Parteien tut. Es ist so oder so einfach nur falsch.

Ich habe Musik angemacht, weil ich es nicht ertragen könnte, die Menschen auf der Straße und in der Bahn über die Wahl reden zu hören. „There’s a feeling that it’s cold“, singt mir Fabian Fenk von The/Das ein ums andere Mal ins Ohr, und in der Tat kommt es mir vor, als seien all die Menschen, die mir entgegen kommen, viel zu warm angezogen für diesen milden Septembermorgen. Sie haben ihre Kragen aufgestellt, sich Schals um den Hals gelegt, die Ärmel nach unten gerollt, ganz so, als sei dies ihre Art, sich abzuschirmen, sich zu distanzieren von der neuen politischen Realität, in der wir leben. Eine neue Realität mit kälterem, rauerem Klima, und vielleicht war es nur eine Frage der Zeit, bis dieses sich auch in Deutschland in Zahlen ausdrücken würde. 12,6 Prozent.

Und über alledem schwebt noch etwas: ein Gefühl der Unlust. Ich mag diese Tage nicht, an denen es nur ein Thema zu geben scheint, über das man mit jedem sprechen muss, auf den man trifft. Ich habe dann immer das Gefühl, mich ständig nur zu wiederholen, ohne irgendetwas bewirken zu können. Ich erinnere mich an den Tag nach dem Terroranschlag auf einen Berliner Weihnachtsmarkt im letzten Jahr. Ich war überzeugt davon, dass dieses Thema meinen Arbeitstag prägen würde – aber dann sagte keiner meiner Kollegen auch nur ein einziges Wort darüber. Vielleicht, weil es keine passenden Worte gab. Vielleicht, weil sowieso klar war, dass wir alle das Gleiche empfanden. Aber vielleicht auch, weil wir es alle spürten, dieses Gefühl der Unlust.

Nachdem am Sonntag Abend die erste Hochrechnung bekannt gegeben worden war, teilte ich meinen Frust, mein Entsetzen, meine Wut mit Freunden. In einer WhatsApp-Gruppe. So diskutiert man heute über Politik. Aber auch persönlich haben wir diskutiert, in der Nacht vor dem Wahltag, im Wohnzimmer einer Freundin. Auch wenn wir uns nicht in allen Punkten vollständig einig waren, war doch klar ersichtlich, dass wir im Kern alle die gleiche Haltung haben. Und obwohl ich mir im Klaren darüber bin, dass ich mich in meinem eigenen kleinen, sehr eingeschränkten Kosmos bewege, gibt mir der Rückblick auf diese – virtuellen wie persönlichen – Gespräche Hoffnung.“Und alles geht immer irgendwie weiter“, singt Sven Regener und dann fährt die S-Bahn aus dem Bahnhof. So wie an jedem anderen Tag auch. Ganz normal.

P. S.: Natürlich kann man ein Wahlergebnis, so unangenehm es auch sein mag, nicht mit einem Terroranschlag vergleichen, aber ich will sie nicht verleugnen, die Erleichterung, die ich verspürte, als der Arbeitstag vorbei war und das Thema tatsächlich so gut wie keine Rolle gespielt hatte. Den ganzen Tag über sprach ich nur einmal kurz mit einer einzigen Kollegin darüber, und ironischerweise war ich selbst es, die davon anfing. Vielleicht, weil ich testen wollte, ob es passende Worte gibt. Vielleicht, weil ich bestätigt bekommen wollte, dass wir sowieso alle das Gleich empfinden. Und vielleicht auch, weil ich weiß, dass es gefährlich ist, dieses Gefühl der Unlust. Denn es kann lähmen, emotionslos machen. Kalt.

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