Streifzüge durch Tartu (oder: warum ich diese Stadt liebe)

(Im Gegensatz zu den anderen Posts aus der Reihe „Streifzüge“, die mit wenigen Worten auskamen, enthält dieser hier ziemlich viel Text – ich musste das einfach mal in Worte fassen. Wer keine Lust auf Lesen hat und nur Fotos sehen will, kann ja runterscrollen. Kurzer Hinweis für die, die das jetzt tun: Tartu ist voller Street Art und ich mag Street Art, daher die vielen Fotos davon. Die Bilder sollen wie immer für sich sprechen oder in diesem Fall eben meine Worte illustrieren. Estnischsprachige Aufschriften habe ich, so gut ich konnte, übersetzt, ansonsten gibt es wie üblich kaum Bildunterschriften.)

Es gibt Orte, an die man sich nicht nur in Bildern erinnert, sondern auch vorwiegend in Form eines unbeschreiblichen, aus vielen kleinen Faktoren zusammengesetzten, einzigartigen Gefühls. Dieses ist kaum in Worte zu fassen, doch gleichzeitig ist es bestimmt von dem sehr präzisen Wissen darum, wie es sich anfühlt, diesen Ort zu sehen, zu riechen, zu hören, an diesem Ort zu sein. Einer dieser Orte ist für mich Tartu, die zweitgrößte Stadt Estlands.

In meinen Erinnerungen an die vielen, vielen Sommertage, die ich in meiner Kindheit und Jugend in Estland verbracht habe, spielt Tartu eher eine Nebenrolle, denn sie sind hauptsächlich geprägt von Gedanken an Otepää, die Kleinstadt, in der sich unser Ferienhaus befand. Aber Tartu ist eindeutig das Zentrum meines erwachsenen Blicks auf Estland. Dort lebte ich von Ende Juli 2012 bis Ende Januar 2013 während meines Praxissemesters im Estnischen Historischen Archiv, eine Zeit, die meine Schwester damals als das „vielleicht größte Abenteuer“ meines bisherigen Lebens bezeichnete. Und vielleicht hatte sie Recht, auch wenn ein halbes Jahr Leben und Arbeiten in einem Land, das man seit der Kindheit kennt, natürlich nur sehr bedingt unter die gängige Definition des Begriffs Abenteuer subsumiert werden kann. In jedem Falle war diese Bezeichnung aber immerhin insofern sehr treffend, als ich vorher dachte, ich wüsste genau, was mich in diesem Land erwartet, und dann ziemlich schnell zu der Einsicht gelangte, dass ich in Wirklichkeit vollkommen unvorbereitet war – und genau das, die unerwarteten Erlebnisse, die Herausforderungen, die haben dazu geführt, dass mich diese sechs Monate (und nicht zuletzt diese meine erste Erfahrung mit dem estnischen Winter) nicht nur noch enger mit Estland im Ganzen verbunden haben, sondern in erster Linie mit Tartu als Stadt.

Vor etwa sechs Wochen kehrte ich nach über zwei Jahren Abwesenheit dorthin zurück und es fühlte sich an, als sei ich lediglich für ein paar Tage woanders gewesen. Daran konnte auch das große neue Einkaufszentrum, das in der Zwischenzeit fertiggestellt worden war, nichts ändern (was daran liegen könnte, dass es bereits das dritte innerstädtische Einkaufszentrum ist, das seit meiner Kindheit in Tartu neu erbaut wurde). Und dann verbrachte ich zehn Tage in dieser Stadt, größtenteils alleine, und mir war in keiner Sekunde langweilig. Meine Spaziergänge führten mich jeden Tag in eine andere Gegend von Tartu, das mit seinen knapp 100.000 Einwohnern zwar so klein ist, dass man alles bequem zu Fuß erledigen kann, gleichzeitig aber so viel Unterschiedliches zu bieten hat, dass man manchmal meint, man könne sich unmöglich noch in der gleichen Stadt befinden. Und das ist nur einer der vielen Gründe, warum ich diese Stadt liebe.

Ich liebe Tartu auch, weil die in beinahe jedem Reiseführer zu lesende Beschreibung der Stadt als „geistiges Zentrum Estlands“ kein abgedroschenes Gerede ist, sondern absolut zutrifft. Hier befindet sich die wohl bedeutendste Universität des Baltikums, die nicht nur eine sehr interessante Geschichte hat, sondern auch in den modernen Uni-Rankings weit vorne liegt. Die Uni, ihre Aktivitäten und das studentische Leben sind an nahezu jeder Ecke präsent – und wenn man ein besonders schönes historisches Gebäude sieht, bei dem man sich fragt, was es damit wohl auf sich hat, kann man sich so gut wie immer sicher sein, dass die Antwort lautet: „Das gehört zur Uni“. Diese intellektuelle Atmosphäre ist vielleicht das, was Tartu am stärksten von Tallinn unterscheidet, in jedem Falle ist es der auffälligste und im Städtemarketing präsenteste Charakterzug der Stadt, die nicht umsonst den Beinamen „Heade mõtete linn“ – „Stadt der guten Gedanken“ – trägt.

Ich liebe Tartu aber auch wegen der äuffälligsten Ähnlichkeit zur Hauptstadt Tallinn, die indirekt in einer Abwandlung dieses Beinamens zum Ausdruck kommt, die dem aufmerksamen Besucher auf Schildern an einigen Häusern begegnet: „Heade värvide linn“ – „Stadt der guten Farben“. Denn in Tartu ist ebenso spürbar, was ich in meinem Streifzüge-Post über Tallinn als „kreativen Geist“ bezeichnet habe. Doch auch wenn Tartu mit der Aparaaditehas inzwischen seine eigene Kleinformat-Version des Tallinner Kreativ-Stadtteils Telliskivi hat, tritt besagter Geist hier in erster Linie auf eine andere Art und Weise in Erscheinung: in Form von Street Art. Einmal im Jahr findet in Tartu das Street-Art-Festival „Stencibility“ statt, und auch sonst ziert tänavakunst – so der estnische Ausdruck – vielerorts Fassaden, Mauern und Stromkästen. Und jeder, der sich unter Straßenkunst hässliche, aufdringliche Graffitis vorstellt, wird dieses Vorurteil bei einem Besuch in Tartu innerhalb kürzester Zeit ablegen. Die Bilder, von denen nicht wenige von einem Künstler mit dem Pseudonym Edward von Lõngus stammen – der, weil seine Identität unbekannt ist, manchmal als „estnischer Banksy“ betitelt wird – , sind keine mit Vandalismus gleichzusetzenden Schmierereien, sondern echte Kunstwerke mit Wiedererkennungswert und oftmals politischer Aussage, die sich überraschend gut in das historische Stadtbild einfügen. Für mich gehört es inzwischen zu den spannendsten Faktoren eines Besuchs in Tartu, herauszufinden, welche mir schon bekannten Motive noch da sind, welche neuen die Künstler hinzugefügt haben, und auch, welche älteren, liebgewonnenen Bilder inzwischen entfernt oder übermalt worden sind. Neben den mal humorvollen, mal gesellschaftskritischen und beinahe immer zum Nachdenken anregenden Motiven ist es gerade dieser kontinuierliche Wandel, der Street Art so faszinierend macht, und Tartu ist die perfekte Stadt, um dies zu beobachten.

Ich liebe Tartu auch, weil dieser Eindruck der ständigen Veränderung auf die Stadt im Ganzen zutrifft. Das hört bei neugebauten Einkaufszentren nicht auf. Auf der Altstadt-Kneipenmeile Rüütli gibt es jedes Jahr Schließungen und Neueröffnungen, mal wird ein Café durch eine Bar ersetzt, dann wieder stelle ich fest, dass der Club, in dem kurz vor Weihnachten 2012 die Erasmus-Studenten ihre Abschiedsparty feierten, inzwischen bereits den dritten Nachfolger hat. Dazwischen gibt es aber auch einige Konstanten: das Café „Armastus“ („Liebe“) ganz vorne an, das „Crepp“, in dem man großartige Pfannkuchen essen kann, oder das um die Ecke befindliche „Zavood“, eine Kneipe vom Typ Kultadresse für das letzte Bier, bevor man nach Hause geht. An dem Brunnen auf dem nahezu bilderbuchartig schönen Rathausplatz küsst sich das in Stein gehauene Studentenpaar zwar bereits seit 1998 ununterbrochen unter seinem Regenschirm, aber der Platz selbst wird immer wieder für Veranstaltungen verschiedenster Art genutzt und sieht daher alle paar Wochen anders aus. Zu dem Gefühl, dass sich die Stadt permanent im Wandel befindet, tragen auch die in Estland sehr deutlich ausgeprägten Unterschiede zwischen den Jahreszeiten bei. Wenn man im Dezember bei -15 Grad durch die schneebedeckte und weihnachtliche geschmückte Altstadt stiefelt, ist es nahezu unmöglich, sich vorzustellen, dass man ein halbes Jahr zuvor bei einer um vierzig Grad höheren Temperatur im Sommerkleid den beeindruckend farbenprächtigen botanischen Garten besucht hat. Und wenn man im Winter von einer der Brücken aus den zugefrorenen Emajõgi betrachtet, wirkt die Erinnerung an die warmen Tage, an denen auf diesem Fluss Ausflugsschiffe zum Peipsi järv, dem großen See an der estnisch-russischen Grenze, unterwegs sind, wie ein absurder Traum.

Ich liebe Tartu auch wegen der sehr lebendigen Kulturszene, die längst nicht nur aus Street-Art-Künstlern besteht. Mit dem Vanemuine befindet sich hier auch das älteste Theater estnischer Sprache, gegründet im Jahre 1870. Im Sommer kann man zudem das Open-Air-Theater an der Ruine der Domkirche besuchen oder beim jährlichen Liebesfilm-Festival auf dem Rathausplatz estnische und internationale Filme sehen, die mit den üblichen Hollywood-Schnulzen wenig zu tun haben. Tartu ist außerdem die Heimat des estnischen Literaturmuseums sowie des vor Kurzem erst neu eröffneten Nationalmuseums, das schon in seiner früheren, deutlich kleineren Form sehr sehenswert war. Übrigens ist das örtliche Kunstmuseum in einem Haus untergebracht, das schiefer steht als der berühmte Turm von Pisa. Die Bibliothek der Universität ist die größte des Landes und mit dem Historischen Archiv (das ebenfalls erst kürzlich in ein neues Gebäude umgezogen ist) befindet sich auch ein wichtiger Bestandteil der Gesamteinrichtung Eesti Rahvusarhiiv (Estnisches Nationalarchiv) in der Stadt. Und Tartu ist darüber hinaus auch eine Stadt der Musik, in der neben traditionellen Sängerfesten und klassischen Konzerten auch Festivals wie das Indiefest und – zumeist im sympathisch-abgeranzten „Genialistide Klubi“ – gut besuchte Rockkonzerte stattfinden. Aus Tartu stammen großartige Bands wie die von mir sehr geschätzten Odd Hugo oder die wohl jedem Esten bekannten Jäääär, die ihre Heimatstadt bereits in mehreren Songs besungen haben.

Und nicht zuletzt liebe ich Tartu aus ganz persönlichen Gründen, wegen all der Erinnerungen, die ich mit dieser Stadt verbinde, wegen all der kleinen und großen Momente, die mir wieder ins Gedächtnis kommen, wenn ich mich an dieser oder jener Ecke aufhalte. Und genauso, wie sich die Stadt Jahr für Jahr verändert, ohne dabei ihr Gesicht zu verlieren, entwickle auch ich mich weiter, bin bei jedem neuen Besuch dort ein kleines bisschen anders als beim letzten Mal, aber doch im Kern immer die Gleiche. Genau wie Tartu, diese schöne, spannende, kreative, kluge Stadt, die trotz allen Wachstums und all der Modernität, die inzwischen Einzug gehalten haben, im Grunde noch immer das ist, als was sie Jäääär in einem ihrer Songs bezeichnen: „väike puust linn“ – eine kleine Stadt aus Holz.

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