Zwischenzustand

Der Mann, der vor dem Tallinner Busbahnhof steht und mit seinem Smartphone telefoniert, trägt einen Ritterhelm aus Plastik. Das Visier hat er hochgeklappt. Wenn er seinem Gesprächspartner zuhört, zieht er hastig an einer Zigarette. Den Rest seines Kostüms hat er lieblos in eine große Tüte der Supermarktkette Rimi gestopft, der Helm hat nicht mehr hineingepasst. Mühsam versucht er seinem Gesprächspartner klarzumachen, dass er auflegen muss. Ihm steht eine Schicht als Ritter bevor. Bald wird er die Touristen in der mittelalterlichen Altstadt belustigen. Das Visier wird dann seine müden Gesichtszüge verbergen, die verraten, dass er sich heute weder lustig noch ritterlich fühlt. Ich würde zu gerne wissen, ob er bei der Arbeit seine ausgelatschten blauen Turnschuhe anbehält. Er erinnert mich an die als Römer verkleideten Männer, die vor der Porta Nigra in Trier stehen und den Schüler- und Seniorengruppen einen möglichst authentischen Eindruck vom Leben in dieser Stadt vor zweitausend Jahren vermitteln sollen, die unmittelbar nach Ende ihrer Schicht jedoch den antiken Schein zerstören, indem sie sich per Handy bei ihren Frauen erkundigen, ob sie noch etwas von Aldi mitbringen sollen. Und er erinnert mich an eine Szene, die ich im vergangenen Winter in einer Dortmunder U-Bahn beobachtet habe: Ein als Weihnachtsmann verkleideter Mann steigt ein und lässt sich auf einen Sitz fallen, erschöpft nach dem Kinderbespaßungsdienst auf dem überfüllten Innenstadt-Weihnachtsmarkt, der gerade begonnen hat. „Sie sind aber früh dran!“, sagt die alte Frau, die ihm gegenüber sitzt, in geradezu empörtem Tonfall. Der Weihnachtsmann flüstert zurück: „Vielleicht gibt es mich aber auch gar nicht!“

Gerne würde ich den Tallinner Teilritter ebenso unverfroren ansprechen wie die alte Frau den Weihnachtsmann, um die Schuhfrage zu klären, aber mein Estnisch ist nicht gut genug. Nun beendet er endlich sein Telefonat und läuft auf die Tramhaltestelle zu. Die Bahn kommt, er steigt ein, die Türen schließen sich. Ob der Mann sich auf der Fahrt allmählich, mit jeder Station ein bisschen mehr, auch innerlich in den Ritter verwandelt, den er spielen soll? Während ich der davonfahrenden Tram hinterher sehen, geht mir auf, dass die Aussage des Dortmunder Weihnachtsmanns sich wohl gar nicht nur darauf bezog, dass seine Rolle reine Fiktion ist, die Kindern als Wahrheit unterbreitet wird. Vielmehr beschrieb er damit unbewusst ein Gefühl, das vermutlich jeder kennt, der als Weihnachtsmann, Römer oder eben Ritter verkleidet sein Geld verdient: das Gefühl, in der Verkleidung gar nicht richtig zu existieren, weder als der Mensch, der in dem Kostüm steckt, noch als die Figur, die andere von außen sehen. Das Gefühl, irgendetwas dazwischen zu sein, anonym zu sein, keinen Namen und keine Persönlichkeit zu haben, nur noch der Weihnachtsmann, der Römer, der Ritter zu sein und nur noch die Eigenschaften zu haben, die die Menschen allgemein mit dieser Rolle verbinden. Mein Blick fällt auf den Zigarettenstummel, den der noch nicht ganz zum Ritter gewordene Mann hinterlassen hat. Die letzte Spur eines Menschen, der gleich hinter der Fassade seines Kostüms verschwinden wird. Das Ende glimmt noch ein wenig vor sich hin, dann ist die Zigarette endgültig erloschen und beginnt damit, langsam mit dem Grau des Asphalts zu verschwimmen.

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Ein Gedanke zu „Zwischenzustand

  1. Da fällt mir eine ähnliche Situation ein:
    Kiev 2004. An einem Abgang zur Metro sitzen zwei junge Männer, sichtlich erschöpft von der Hitze. Offenbar schon seit Stunden tun sie Dienst als Teletubbies. In dicken, bauschigen Kostümen aus vollsynthetischem Material harren sie auf dem Majdan (Hauptplatz) aus, um sich mit Passanten bzw. deren Kindern fotographieren zu lassen. Während aber der Fotograph selbst im Polohemd hinter einer Art Staffelei wartet, besteht für die beiden Darsteller die einzige Erleichterung darin, zeitweise ihre Kopfteile abnehmen zu können. Als Teletubbies mit ganz normalem Menschenkopp ruhen sie sich auf der Seitenmauer der Treppe aus. Völlig verschwitzt, man mag sich gar nicht die Temperatur im Inneren der Kostüme vorstellen. Nach einer Weile heißt es wieder, Kostümköppe aufsetzen und weiter. Die Metamorphose vom irgendwie lächerlichen Teil-Tubby zum überzeugenderen Voll-Tubby ist schnell vollzogen. Und schon steuern sie, wie es der Job offenbar verlangt, auf erstaunte oder gar verunsicherte Spaziergänger zu, schütteln deren Hände, versuchen sie zu einem Schnappschuss zu überreden. Dienst ist Dienst. Ich habe mich damals gefragt: Wie mögen diese Männer wohl abends heimfahren? Wo ziehen sie sich eigentlich nach getaner „Arbeit“ um, oder fahren sie in ihren Kostümen (natürlich auch wieder ohne Kopfteil!!) in der überfüllten (und stickigen!!) Metro heim? (Vielleicht ziehen sie sich ja gegenüber auf dem Klo von Mac Donald’s um . . . ). Und die wichtigste Frage: Was bringt der Job finanziell denn so ein?

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