Flughafenszenen

Am Frankfurter Flughafen gibt es Menschen, deren Job einzig und allein darin besteht, die gläsernen Geländer an den Laufbändern, die die langen Fußwege durch das riesige Gebäude erleichtern sollen, zu säubern. Zwei Männer, gekleidet in die dunkelblauen Overalls einer Reinigungsfirma, fahren stundenlang mit stoischem Gesichtsausdruck ein Band nach dem anderen entlang und halten Wischmopps gegen die Scheiben, einer links, einer rechts. Ein dritter Mann steht hinter ihnen, ohne erkennbare Aufgabe. Vielleicht soll er überwachen, ob die Reinigung fachgerecht durchgeführt wird. Am Ende eines jeden Laufbands werden die Mopps in die Wassereimer getaucht, die die beiden Männer in der jeweils moppfreien Hand tragen, und dann am nächsten Band wieder an den Scheiben angesetzt. Ich habe einen Flug nach Tallinn gebucht. Die Wahl eines solch unpopulären Ziels wird am Frankfurter Flughafen mit einem besonders langen Fußmarsch zum Gate bestraft. Ich bin eine halbe Stunde unterwegs und beobachte die drei Scheibenreiniger, während ich an den Laufbändern vorbeilaufe. Die ganze Zeit über spricht keiner von ihnen ein Wort. Ich muss an Welse denken.

Flugreisen führen bei einigen Menschen zu einem seltsamen, oft widersprüchlichen Egoismus. Sie beschweren sich darüber, dass sie bei der Sicherheitskontrolle die Schuhe ausziehen müssen und raunen einander wenig später gegenseitig zu, dass sie an großen Flughäfen wegen der jüngsten Terroranschläge immer ein mulmiges Gefühl bekommen. Der per Lautsprecher angekündigte Beginn des Boardings lässt sie so hektisch von ihren strategisch klug gewählten Gatesitzen aufspringen, als bestünde auch im Flugzeug freie Platzwahl. Der die Maximalmaße bis auf den letzten Millimeter ausreizende Handgepäcktrolley muss in jedem Falle hinter der direkt über dem eigenen Kopf befindlichen Aufbewahrungsklappe Platz finden, obwohl sie sich natürlich einen Fensterplatz gesichert haben und so erst zwei Fremde darum bitten müssen, aufzustehen, wenn sie während des Fluges plötzlich unbedingt etwas aus dem Koffer nehmen wollen. Dumm nur, dass die Konstrukteure des Flugzeugs – aus purer Boshaftigkeit und eindeutig vollkommen willkürlich – einen Flügel genau unterhalb des besagten Fensterplatzes angebracht haben.

„Tere tulemast kiire interneti kodumaale!“, steht auf dem Schild, vor dem die soeben am Tallinner Flughafen eingetroffenen Reisenden stehen – „Willkommen im Heimatland des schnellen Internets!“ Eher gemächlich geht es hingegen an der Gepäckausgabe zu, das Band steht still. Das hat auch der kleine estnische Junge neben mir erkannt: „Kohvrid ei tule“, sagt er, „es kommen keine Koffer“. Aus Langeweile und Ungeduld wiederholt er diese Feststellung ein ums andere Mal, erst in einem nüchternen, sachlichen Tonfall, der allmählich in einen fröhlichen Singsang übergeht, bis der Kleine die drei Worte schließlich enthusiastisch schmettert, als handele es sich um ein altbekanntes Kinderlied. Alle Versuche seiner peinlich berührten Mutter, ihn zum Stillsein zu ermahnen, scheitern. Die Erleichterung ist ihr deutlich anzusehen, als sich das Band – „lõpuks!“, „endlich!“ – in Bewegung setzt. Ihr Sohn jedoch hat kein Problem damit, weiter die drei jetzt zur Unwahrheit verkommenen Worte zu singen. Begeistert zeigt er mit dem Finger auf jeden an ihm vorbeifahrenden Koffer und erklärt dabei allen Anwesenden trällernd, dass keine Koffer kommen. Als ich seinen Worten zum Trotz meinen eigenen Koffer vom Band nehme, kommt mir der Gedanke, dass der Junge später gut Polizist werden könnte. Er könnte bestimmt ohne Schwierigkeiten unmittelbar neben einer Gruppe sich heftig prügelnder Männer stehen und den Passanten im Brustton der Überzeugung mitteilen: „Hier gibt es nichts zu sehen! Bitte gehen sie weiter!“

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2 Gedanken zu „Flughafenszenen

  1. Das ist ja super geschrieben! Diese Formulierungen. . . die gefallen mir. Vielleicht schreibst Du weiterhin solche „Szenen“ bzw. Beobachtungen. Daraus könnte man dereinst ein kleines Büchlein zur Unterhaltung und Erbauung machen. Finde ich jedenfalls toll !

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