Eine Zugfahrt, die ist … manchmal geradezu abenteuerlich

Nachdem wir bei der Erkundung von Cluj-Napoca schönstes Sommerwetter gehabt hatten, das es uns erlaubte, den ganzen Tag draußen herumzulaufen und zwischendurch das wahrscheinlich teuerste, aber bestimmt auch leckerste Eis der ganzen Stadt zu essen, fiel die Temperatur über Nacht um mindestens zehn Grad. Regenjackenwetter und bevorstehendes Gewitter. Also setzten wir einen von Anfang an schon vage bestehenden Plan in die Tat um und unternahmen einen Ausflug mit dem Zug. Unser Ziel war Alba Iulia. Genau wie Cluj liegt diese Stadt (ca. 64.000 Einwohner) in der historischen Region Siebenbürgen, die die meisten wahrscheinlich unter dem Namen Transsilvanien kennen – genau, das ist das Gebiet, in dem ein gewisser Dracula sein Unwesen getrieben haben soll. Aber um das gleich vorweg zu nehmen: nein, uns ist kein Vampir begegnet, dafür konnten wir aber eine Menge interessanter Eindrücke sammeln.

Zwischen Cluj und Alba Iulia liegen etwas mehr als 100 Kilometer, für die die rumänische Eisenbahn in ihrem gemächlichen Tempo fast drei Stunden braucht. Auf der Hinfahrt mussten wir einmal umsteigen und legten den ersten Teil der Reise in einem der moderneren Züge zurück, die in Rumänien derzeit verkehren. Ja, „modern“ ist ein relativer Begriff, der Zug war durchaus schon deutlich in die Jahre gekommen, die Sitze waren sehr abgenutzt, aber insgesamt war alles vollkommen in Ordnung – die alten Züge, die in Estland noch bis vor ein paar Jahren unterwegs waren, habe ich in schlechterer Erinnerung. Die Landschaft, die wir durch die von Regen und Staub bedeckten Zugfensterscheiben sahen, war sehr grün, hügelig und von einzelnen Dörfern gesprenkelt. Zwischen verschlafenen und meist ziemlich angegammelten Dorfbahnhöfen, an denen ausnahmslos absolut pünktlich und zuverlässig ein Bahnangestellter mit Kelle und Trillerpfeife bereitstand, waren an diesem verregneten Tag nur Schafherden und ein paar Menschen mit Pferdewagen unterwegs.

Schließlich erreichten wir die Kleinstadt Teiuș, wo wir umsteigen mussten. Genau in diesem Moment ging das angekündigte Gewitter los und es herrschte eine ziemliche Weltuntergangsatmosphäre an diesem kleinen Bahnhof. Obwohl der Zug, der uns die letzten 19 Kilometer bis nach Alba Iulia bringen sollte – in 45 Minuten(!) – , schon von außen wenig vertrauenerweckend aussah, waren wir froh, dass wir dem Regen entfliehen konnten. Dieser Zug nun war noch älter als der, in dem wir vorher gesessen hatten, und es wäre eine Untertreibung, seinen Zustand als lediglich abgenutzt zu bezeichnen. Es stank fürchterlich und das einzige Fenster, das sich öffnen ließ, war das in der mehr als abschreckenden Toilettenkabine, in der aber immerhin Seife und Toilettenpapier vorhanden waren – das ist bei der Deutschen Bahn längst nicht immer der Fall. Nach ein paar Metern Fahrt im Schneckentempo stellten wir dann auch noch fest, dass es im Gang von oben reinregnete. Aber in unserem Abteil war es warm und trocken und so nahmen wir das Ganze mit Humor. Immerhin waren alle Fensterscheiben intakt und wir fuhren trotz allem so schnell, dass man unterwegs keine Blumen hätte pflücken können – anders als es, den Erzählungen meines Vaters zufolge, bei der albanischen Eisenbahn der Fall ist. Allerdings vermute ich, dass man auch in diesem rumänischen Zug bei Nachtfahrten in absoluter Dunkelheit sitzen muss, ich konnte keinerlei Innenbeleuchtung entdecken.

Wir erreichten Alba Iulia im doppelten Sinne pünktlich – exakt zur angekündigten Zeit und genau in dem Moment, in dem es zu regnen aufhörte. Der erste Eindruck der Stadt war eher ernüchternd, die Bahnhofsgegend erinnerte stark an die Wohngebiete am Stadtrand von Cluj-Napoca, die wir am Abend zuvor auf der vergeblichen Suche nach der ehemaligen Pinselfabrik durchstreift hatten, auf deren Gelände angeblich ein trendiges neues Viertel im Entstehen sein soll, vergleichbar mit Tytano in Krakau. Aber nach einem kurzen Fußmarsch erreicht man vom Bahnhof aus die eigentliche Attraktion von Alba Iulia: die sternförmige Festungsanlage Alba Carolina. Zum Glück blieb es genau so lange trocken, wie wir für unseren Rundgang durch die wirklich schöne Anlage brauchten.

Am Ende nahmen wir uns aufgrund des erneut einsetzenden Regens ein Taxi zum Bahnhof (Taxifahren ist in Rumänien wirklich spottbillig) und dann ging es zurück nach Cluj, mit einem Zug, den ich von seinem Zustand her irgendwo zwischen dem ersten und dem zweiten einordnen würde. Wir fanden dann noch heraus, dass die Angabe einer Zugklasse auf rumänischen Bahntickets offenbar keinerlei Bedeutung hat – alle stiegen ohne zu zögern in den Erste-Klasse-Wagen ein und den Schaffner störte es nicht, dass wir eigentlich Tickets für die zweite Klasse hatten. Nach der Ankunft in Cluj fuhren wir nur noch mit der – übrigens wirklich sehr modernen – Straßenbahn in die Stadt, um etwas zu essen, und dann mussten wir auch schon schlafen gehen, denn am nächsten Tag ging es schon mittags zurück nach Deutschland, wo wir plötzlich wieder fast 30 Grad und Sonnenschein hatten.

Und am nächsten Tag fragten mich meine Kollegen, wie der Urlaub gewesen sei, und es war eine fast schon surreale Vorstellung, dass ich das vergangene Wochenende tatsächlich in Rumänien verbracht hatte, so schnell war die Reise vorübergegangen. Aber wie ich beim letzten Mal schon schrieb: ich werde bestimmt eines Tages wieder hinfahren. Bis es soweit ist, gibt es hier nun ein paar Fotos aus Alba Iulia, plus die leider sehr wenigen Bilder, die ich während der Zugfahrt gemacht habe.

Zum Abschluss hier noch ein Video, in dem man Alba Iulia und insbesondere die Festungsanlage sehr schön sehen kann: 

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4 Gedanken zu „Eine Zugfahrt, die ist … manchmal geradezu abenteuerlich

  1. Gutes Video! Das kannte ich gar nicht. So erkennt man die sternförmige Anlage bestens. Übrigens: Die von Dir erwähnte albanische Eisenbahn hat vor etwa einem Jahr den Betrieb komplett eingestellt. Im ganzen Land fahren nun keine Züge mehr . . .

  2. Wieso das denn? . . . fragst Du. Die Waggons und Anlagen waren ja schon lange in einem erbarmungswürdigen Zustand, aber immer noch im Einsatz. Nun aber scheint nix mehr zu gehen. Alles Schrott. Außerdem drohte der Bankrott; es war nicht mal mehr Geld für Dieselkraftstoff da, um die Loks zu betanken. Sehr interessant ist der Wikipedia-Artikel über die „Hekurudha Shqiptare (HSH)“ . . . . .

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