Außergewöhnlich, gut und außergewöhnlich gut

Auch 2016 habe ich weniger gelesen als ich wollte. Jedenfalls, wenn man nur die Belletristik zählt, denn dank der Masterarbeit war die reine Zahl der gelesenen Texte insgesamt wohl überdurchschnittlich hoch. Aber hier geht es nicht um bibliotheks-, sozial-, politik- und sprachwissenschaftliche Fachpublikationen zum Thema Mehrsprachigkeit in Estland und Finnland, sondern um Romane. Davon haben mir vier im vergangenen Jahr besonders gut gefallen, die ich hier gerne vorstellen möchte (wieder alphabetisch nach Autoren geordnet).

  1. Kristopher Jansma – The Unchangeable Spots of Leopards

Ich kann gar nicht genau sagen, wann, wie und warum dieses Buch in meinem Regal gelandet ist. Ich glaube, es hatte da schon eine ganze Weile gestanden, als ich es irgendwann im Herbst 2016 in die Hand nahm und beschloss, es endlich einmal zu lesen. Und schon nach wenigen Seiten fragte ich mich, warum ich es zuvor übersehen hatte.

Die Handlung des Romans zusammenzufassen ist gleichzeitig einfach und nahezu unmöglich. Einfach, weil es im Grunde ganz schlicht um einen jungen Mann geht – den Ich-Erzähler – , der Schriftsteller werden möchte. Im Studium lernt er einen anderen jungen Mann mit dem gleichen Traum kennen, der zu seinem besten Freund, aber auch zu seinem größten Konkurrenten in Sachen Literatur wird, und ihn außerdem mit einer schönen Schauspielerin bekannt macht, in die der Erzähler sich unsterblich verliebt. Die große Schwierigkeit ergibt sich nun aus der Tatsache, dass man sich nie ganz sicher sein kann, woran man eigentlich ist und auf welcher Ebene man sich befindet. Man könnte den Eindruck erlangen, dass in diesem Roman mehrere Geschichten über mehrere Personen an mehreren Orten (unter anderem New York, Island, Ghana und Sri Lanka) erzählt werden, aber im Grunde geht es immer wieder um das Schriftstellerdasein, die schwierige Freundschaft der beiden Männer und die nicht minder komplizierte Liebe des Erzählers zu der Schauspielerin. Die Namen, Wohnorte und Lebensumstände der drei Hauptfiguren wechseln ständig, bei einigen Abschnitten handelt es sich zudem um Auszüge aus den literarischen Werken des Erzählers, in denen er ebenfalls immer wieder das gleiche Thema verarbeitet. Es gibt also häufig eine Geschichte in der Geschichte, die manchmal wiederum eine Geschichte enthält, und so ist es gar nicht leicht, den Überblick zu behalten – was noch dadurch verstärkt wird, dass der Erzähler ein Meister darin ist, seine Identität seinen der aktuellen Situation geschuldeten Bedürfnissen anzupassen. Seine Erzählweise ist genau so unberechenbar wie das Temperament seines exzentrischen besten Freunds, der den Typus des wahnsinnigen Genies verkörpert, und wie die Verhältnisse im Liebesleben der Schauspielerin. Es gibt keine klare Metaebene, die die einzelnen Kapitel zusammenhält, keine verlässliche Wahrheit, die am Ende ans Licht kommt – vielmehr muss man als Leser selbst für sich entscheiden, was man für wahr hält im Gesamtkomplex dieser Geschichte, die übrigens im Hinblick auf die Entwicklung der Beziehungen zwischen den Hauptfiguren weitgehend chronologisch erzählt wird. Das Motiv des Leoparden beziehungsweise seines gepunkteten Fells taucht immer wieder auf, wie eine Erinnerung daran, dass man nach wie vor den gleichen Roman liest.

Jetzt kann man sich die Frage stellen, warum man sich sowas antun sollte. Meine Antwort lautet: Erstens, weil Kristopher Jansma ein großartiger Erzähler ist, der es mit Leichtigkeit schafft, die unterschiedlichen Einzelteile seines Debütromans zu einem schlüssigen und niemals wirr erscheinenden Gesamtbild zusammenzufügen. Zweitens, weil der Roman eine ganze Menge schräger Elemente und skurriler Situationen enthält, die auch in einen skandinavischen Film passen würden. Drittens, weil man beim Lesen nicht nur mitdenken, sondern nicht selten auch lachen muss. Viertens, weil es hier, wie ein Booklist-Rezensent schreibt, um „the magic of storytelling and the misery of writing“ geht – immer wieder überschreitet der Erzähler die Grenze zwischen Wahrheit und Fiktion, ohne dass der Leser auch nur erahnen kann, wo diese überhaupt verläuft, und dann gibt es ja auch noch die Fiktion in der Fiktion … Fünftens – und das ist jetzt eine sehr subjektive Begründung – , weil Romane, die sich mit dem Schreiben befassen, immer interessant sind. Und sechstens, weil „The Unchangeable Spots of Leopards“ auf meiner Liste der Empfehlungen für Fans außergewöhnlicher Romane sehr weit oben einzuordnen ist. Etwas Vergleichbares habe ich jedenfalls bisher nicht gelesen, und ich möchte 2017 gerne herausfinden, ob Jansmas zweiter Roman, „Why We Came to the City“, auch so hervorragend ist.

  1. Tom McCarthy – Remainder

Auch hier handelt es sich um einen absolut außergewöhnlichen Roman, bei dem ich ebenfalls stark bezweifle, dass er sich mit irgendeinem anderen Werk vergleichen lässt. Dabei gab es durchaus schon die ein oder andere Geschichte mit ähnlichem Ausgangspunkt: es geht um einen jungen Mann, der infolge eines Unfalls sämtliche Erinnerungen an sein eigenes Leben verloren hat. Aber das, was Tom McCarthy daraus gemacht hat, ist sehr speziell. Ähnlich wie in „The Unchangeable Spots of Leopards“ wird der Leser in „Remainder“ mit einem (übrigens bis zum Schluss namenlosen) Ich-Erzähler konfrontiert, auf den kaum Verlass ist. Allerdings liegt das hier nicht an wechselnden und zumindest teilweise erfundenen Identitäten, sondern an der nahezu vollständigen Abwesenheit von Emotionen im Verhalten des Erzählers, der darüber hinaus keine erkenn- und beschreibbare Persönlichkeit hat. Es ist unmöglich, sich mit ihm zu identifizieren, und seine Handlungen sind ab einem ziemlich frühen Zeitpunkt in der Geschichte kaum noch nachvollziehbar – ein interessantes Konzept für einen Roman, der sich vollkommen auf seine Hauptfigur konzentriert. Alle anderen Protagonisten bleiben gesichtslos, sie sind Nebendarsteller im Leben des Erzählers – im wahrsten Sinne des Wortes.

Zu Beginn des Romans könnte man noch annehmen, dass der Erzähler versucht, die Erinnerung an die Zeit vor dem – übrigens bis zum Schluss absolut mysteriösen – Unfall zurückzuerlangen, infolgedessen er 8,5 Millionen Pfund Schmerzensgeld erhalten hat. Doch abgesehen davon, dass er alltägliche Bewegungen mühsam wiedererlernt (was McCarthy sehr präzise und eindringlich beschreibt) und sich eher halbherzig mit alten Freunden trifft, scheint sein Interesse daran nicht allzu groß. Eine zufällige Entdeckung im Badezimmer eines Bekannten führt schließlich dazu, dass er eine Obsession entwickelt, die sich im weiteren Verlauf des Romans immer weiter steigern soll. Ein Riss in der Wand erinnert ihn an eine Wohnung, in der er einmal gelebt hat. Nach und nach fallen ihm mehr Details ein, der Geruch von gebratener Leber aus der Küche der alten Dame unter ihm, die Klaviertöne aus der Wohnung eines Pianisten, die Katzen auf dem Dach des Nachbarhauses. Er will die Wohnung, das Haus und die Nachbarn mit ihren typischen Verhaltensweisen genauestens rekonstruieren. Dank der Millionen auf seinem Konto spielt Geld keine Rolle, und es findet sich auch jemand, der ohne Nachfragen alles organisiert, was der Erzähler verlangt. Ein Haus wird gekauft, Schauspieler werden eingestellt, Alltagsszenen einstudiert – das Re-Enactment kann beginnen. Doch bald schon genügt es dem Erzähler nicht mehr, zu beobachten, wie die alte Frau mit den immer gleichen Bewegungen und Kommentaren den Müll rausbringt, und wie der Nachbar im Hinterhof sein Motorrad repariert – bald schon will er immer mehr Szenen nachstellen lassen, Szenen, die mit seiner Vergangenheit gar nichts mehr zu tun haben. Er lässt Schauplätze originalgetreu nachbauen und die Schauspieler jedes kleinste Detail immer und immer wieder wiederholen – solange, bis das reine Re-Enactment seinen Reiz verliert und er es absichtlich mit der Realität vermischt, ohne die anderen Beteiligten einzuweihen.

Ich kann jeden verstehen, der die Lektüre von „Remainder“ in gewisser Weise als anstrengend und frustrierend empfindet. Man versucht permanent, sich in den Erzähler hineinzudenken – jegliche Bemühungen, ihn zu verstehen oder gar Sympathie für ihn zu entwickeln, gibt man schnell auf, aber man möchte doch wenigstens ein klares Motiv für sein Handeln erkennen können. Berauscht er sich an der Macht, die er über die Menschen hat, die auf seinen Wunsch bestimmte Worte auf bestimmte Weise sagen oder auf bestimmte Weise über eine bestimmte Falte im Teppich stolpern müssen? Oder will er einfach nur wissen, wo die Grenze ist, die des Machbaren und des Geldes? Oder hofft er, durch die Re-Enactments das Zusammenwirken von Zufällen und Geplantem besser verstehen zu können? Oder sind die Re-Enactments für ihn so etwas wie die logische Fortsetzung seiner eigenen neu erlernten Bewegungen, die er als unauthentisch empfindet? McCarthy liefert keine Erklärung. Er liefert überhaupt sehr wenig, nichts ist wirklich greifbar in diesem Roman, es ist noch nicht einmal ansatzweise klar, ob der Erzähler je tatsächlich in diesem Haus gelebt hat, das er nachbauen lässt. Der Leser muss nahezu alles in dieser Geschichte einfach so hinnehmen, wie es ist. Darauf muss man sich einlassen, wenn man beginnt, diesen Roman zu lesen, der übrigens – auch wenn das nach meiner bisherigen Schilderung wahrscheinlich kaum vorstellbar ist – auch an vielen Stellen durch typisch britischen Humor besticht.

Die Eigenartigkeit dieses Romans hat mich sehr fasziniert. Es geht in „Remainder“ überhaupt nicht um zwischenmenschliche Beziehungen, es gibt keine Liebesgeschichte, kein Familiendrama, keine Freund- oder Feindschaften. So etwas interessiert den Erzähler nicht. Er beobachtet die vielen winzigen Details, aus denen jede menschliche Bewegung und jedes Ereignis besteht, und es ist beeindruckend, wie McCarthy all das in Worte fasst. Zudem ist „Remainder“ auch ein philosophischer Roman, auch wenn er an keiner Stelle explizit einen solchen Anspruch erhebt. Vielmehr bringt die Lektüre den Leser auf sehr indirekte Weise dazu, das eigene Handeln bis ins Detail zu beobachten und sich zu fragen, inwieweit Realität rekonstruierbar ist. Mir hat der Roman außerdem vor Augen geführt, wie viel man für selbstverständlich hält, ohne sich im Klaren darüber zu sein, dass man normalerweise nur das große Ganze, das Ergebnis, wahrnimmt, und nicht die vielen kleinen Schritte, die dazu führen.

2015 kam übrigens eine Verfilmung des Romans in die Kinos. Ich war sehr gespannt darauf – und dann sehr unsicher darüber, wie ich den Film letztendlich fand. Es wurde ziemlich viel hinzugedichtet und hineininterpretiert, dafür ist der Film längst nicht so detailverliebt wie der Roman, und dadurch geht mir alles viel zu schnell. Aber an sich ist der Film keinesfalls schlecht, er ist optisch sehr ansprechend, und Tom Sturridge spielt die Hauptrolle wahnsinnig gut. Ich denke, man sollte den Film als eigenständiges, nur lose auf dem Roman basierendes Werk betrachten und nicht zu viele Vergleiche ziehen, dann kann man ihn als wirklich gelungen ansehen. Gleichzeitig frage ich mich allerdings, ob der Film für Leute, die das Buch nicht gelesen haben, eigentlich auch nur im Geringsten verständlich ist.

Tom McCarthy hat mit „Remainder“ eindeutig das Potenzial bewiesen, einer meiner neuen Lieblingsautoren zu werden. Vor Kurzem habe ich einen weiteren Roman von ihm begonnen. Er heißt „Satin Island“ und ich bin mir schon jetzt zu einhundert Prozent sicher, dass er auf der Liste meiner literarischen Highlights im Jahr 2017 landen wird.

  1. Éric-Emmanuel Schmitt – Adolf H. : Zwei Leben

Dass Adolf Hitler sich als junger Mann an der Wiener Kunstakademie beworben hat, dann aber abgelehnt wurde, ist bekannt. Aber was wäre wohl passiert, wenn er zum Studium zugelassen worden wäre? Diese Frage ist der Ausgangspunkt für diesen ebenfalls nur als außergewöhnlich zu bezeichnenden Roman. Der französische Schriftsteller Éric-Emmanuel Schmitt – bekannt vor allem durch „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ – erzählt darin gleich zwei Geschichten, immer abwechselnd: die des jungen Künstlers Adolf H. und die des späteren Diktators Hitler. Beide Geschichten beginnen am 8. Oktober 1908, dem Tag, an dem Adolf H. beziehungsweise Hitler die Entscheidung der Kunstakadamie erfährt. Die Lebensgeschichte Hitlers wird biografisch korrekt, allerdings angereichert durch einige Episoden und Gefühlsbeschreibungen, die der Phantasie des Autors entstammen, erzählt. Schmitt beschreibt hier auf realistische Weise, wie der Jugendliche mit dem Traum vom Künstlerdasein zu einem der grausamsten Männer der Weltgeschichte wurde. Das ist sehr eindrucksvoll geschrieben, aber immer mit dem nötigen Abstand zu diesem, gelinde gesagt, schwierigen Protragonisten, für den der Leser an keiner Stelle so etwas wie Sympathie empfindet.

Anders verhält es sich mit Adolf H., bei dem es wirklich schwer ist, im Hinterkopf zu behalten, dass er bis zu besagtem Tag im Herbst 1908 genau den gleichen Hintergrund hatte wie Hitler. Er wird ein erfolgreicher Maler, schließt Freundschaften, zieht in den Krieg und wird zum Pazifisten, heiratet, bekommt zwei Kinder und wird 80 Jahre alt. Natürlich musste Schmitt sich ein ganz anderes politisches Weltgeschehen überlegen, vor dessen Hintergrund sich diese zweite, alternative Handlung abspielt. Einen zweiten Weltkrieg gibt es in dieser Version nicht, keinen Holocaust und auch keine nationalsozialistische Diktatur in Deutschland, das sich stattdessen unter einer konservativen Regierung mit Ludwig Beck als Reichskanzler weitgehend friedlich zu einem wirtschaftlich erfolgreichen Staat entwickelt, dessen Gesellschaft keinen Antisemitismus kennt. Und auch die Kommunisten haben in der Welt des Künstlers Adolf H. keinen Erfolg, die Sowjetunion zerbricht hier bereits in den 60er Jahren infolge eines Volksaufstands. Doch dieser Roman ist mehr als nur die ausführliche Verschriftlichung der Idee, dass drei kleine Worte – „Adolf Hitler: abgelehnt!“ – über den Verlauf der Weltgeschichte im 20. Jahrhundert entschieden haben. Er ist auch ein Einblick in die Welt der Malerei, die nicht etwa nur aus Farben, Pinselstrichen und künstlerischen Visionen besteht, sondern auch sehr viel mit Konkurrenzdenken, Kommerz und glücklichen oder unglücklichen Zufällen zu tun hat. Außerdem wird deutlich, wie sehr die Kunst eines Menschen von seinen persönlichen Lebensumständen beeinflusst wird. Der Roman ist darüber hinaus an gar nicht wenigen Stellen auf ganz eigene Weise komisch, enthält aber auch viele Passagen, die mich sehr zum Nachdenken gebracht haben (beispielsweise die, in der Adolf H. über die Unterschiede zwischen Freundschaft und Liebe philosophiert).

Ein ganz besonderes und auf keinen Fall zu vernachlässigendes Highlight an diesem Roman ist für mich das im Anhang befindliche Arbeitstagebuch des Autors. Hier schildert er, welche Gedankengänge ihn während des Schreibens beeinflussten, wie er sich mit der Figur Adolf Hitler auseinandergesetzt hat, und wie Freunde ihm davon abgeraten haben, sich so intensiv damit zu beschäftigen. Außerdem enthält dieses Arbeitstagebuch einen Satz, den ich so gut und so wahr finde, dass ich ihn mir am liebsten groß auf ein Poster schreiben und aufhängen würde: „On passe plus de temps à se dire qu’on va faire qu’à faire“ (etwa: „Man verbringt mehr Zeit damit, sich zu sagen, dass man etwas tun wird, als damit, es zu tun“).

  1. Kjell Westö – Das Trugbild

Da ich mich in meiner Masterarbeit, die die erste Hälfte des vergangenen Jahres für mich bestimmte, unter anderem mit der schwedischsprachigen Minderheit in Finnland beschäftigte, lag es nahe, dass ich in dieser Zeit einen weiteren Roman von Kjell Westö las. Dieser ist, wie die meisten seiner Romanfiguren, selbst Finnlandschwede und gehört zu meinen Lieblingsautoren aus Skandinavien. Viele seiner Romane behandeln die neuere Geschichte Finnlands anhand der persönlichen Schicksale von meist ebenfalls schwedischsprachigen Finnen – so auch „Das Trugbild“, das im Helsinki der 30er Jahre spielt.

Der Roman beginnt an einem Tag im Herbst 1938. Die beiden Hauptprotagonisten sind der Anwalt Claes Thune und seine eigentlich immer zuverlässige Sekretärin Mathilda Wiik, die an diesem Morgen nicht zur Arbeit erscheint. Die restliche Handlung wird zu einem großen Teil in Form von Rückblenden erzählt, die nur langsam, Stück für Stück, die einzelnen Puzzleteilchen der Geschichte preisgeben. Und „Geschichte“ ist hier im doppelten Sinne zu verstehen, denn es geht nicht nur um das Schicksal der Protagonisten, sondern gleichzeitig auch um das des ganzen Landes, das zwanzig Jahre zuvor von einem kurzen, aber blutigen Bürgerkrieg erschüttert worden war. Mathildas Erinnerungen an ihre schrecklichen Erlebnisse während dieser Zeit sowie der Einfluss, den selbige noch immer auf ihr Leben haben, bilden den einen Teil der Geschichte. Der andere besteht aus vergangenen und aktuellen Ereignissen in Claes‘ Leben, in dem die regelmäßigen Treffen des sogenannten Mittwochsclubs eine wichtige Rolle spielen, seit seine Frau ihn für seinen besten Freund, den Psychiater Robert, verlassen hat, der ebenfalls zum Club gehört. Wenn diese Gruppe aus alten Freunden zusammensitzt, wird über Gott und die Welt diskutiert, und häufig auch über Politik, wobei nach und nach die Tendenz einiger Mitglieder zum Faschismus deutlich wird. Diese beiden Haupthandlungsstränge sind indirekt miteinander verbunden. Das kann der Leser zwar recht schnell erkennen, doch erst ganz am Ende des Romans stellt sich heraus, wie genau diese Verbindung aussieht.

Ich habe das Gefühl, dass jedes weitere Wort über die Handlung erstens zu viel vorwegnehmen und zweitens das eigentlich Faszinierende an diesem Roman in den Hintergrund geraten lassen würde. Und das ist die Art und Weise, wie Westö diese Geschichte erzählt. In einer Rezension in der TAZ beschreibt der Kulturjournalist Andreas Fanizadeh Westös Roman als „von einem ruhigen und tiefen Erzählmodus getragen, einem entschleunigten Blick auf Mensch und Geschichte, wie er für die finnische Literatur und ihre Protagonisten wohl typisch ist“. Und das ist wahr, „Das Trugbild“ ist an keiner Stelle aufgeregt oder gar reißerisch geschrieben, obwohl die Handlung an sich dies durchaus zulassen würde. Vielmehr waren es die überraschenden, aber subtil beschriebenen Wendungen in der Geschichte und die komplexe Gestaltung der einzelnen, sehr unterschiedlichen Charaktere, die dazu geführt haben, dass ich diesen Roman innerhalb von weniger als zwei Wochen gespannt durchlas. Obwohl objektiv betrachtet eine ganze Menge passiert in diesem Roman, wirkt er stellenweise geradezu handlungsfrei, denn der Fokus liegt eindeutig auf den Gedanken, Erinnerungen und Verhaltensweisen der Protagonisten, denen der Leser sich nur langsam annähern kann. Das bedarf einiger Geduld, ebenso wie die sich nur allmählich ausbreitende Gesamtgeschichte, aber es lohnt sich. Was sich auch lohnt, ist eine parallele oder anschließende Auseinandersetzung mit der Geschichte Finnlands, das man als Deutscher fast ausschließlich als vorbildliches und etwas kurioses Land im Norden kennt. Was die gesamteuropäischen Entwicklungen zwischen den beiden Weltkriegen für Finnland bedeuteten und wie sie dort gesehen wurden, aber auch, mit welchen ganz eigenen Schwierigkeiten die Menschen in diesem Land zu kämpfen hatten, das verdeutlicht dieser großartig geschriebene Roman „über die Verstrickungen finnlandschwedischer Intellektueller in den Bürgerkrieg und in den aufkommenden europäischen Faschismus, der bei aller Konzentration auf eine welthistorische Provinz doch Fragen von universeller Gültigkeit aufwirft“ (Karl-Markus Gauss in der NZZ).

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