The Way Up [Projekt Patine – Bonus]

„Tracks über Rap sind wie Gemälde über Kunst – ja cool, doch was erzählt das über uns?“, rappt 3Plusss in seinem Song „Ich habe HipHop nicht verstanden“. An diese Textzeile musste ich denken, als ich im Januar über meine Beziehung zum Schreiben schrieb. Ich hatte das Gefühl, dass ich noch so wort- und detailreich erklären könnte, was ich am Schreiben schätze und auch, was mich dennoch häufig vom Schreiben abhält – letztendlich wusste ich selbst weder das eine noch das andere so recht einzuordnen, ich habe im Grunde selbst nicht verstanden, was für eine seltsame Beziehung ich da hatte zu einer kreativen Tätigkeit, die ich mal als Bedürfnis, ja als „innere Notwendigkeit“ (Herta Müller), und mal als anstrengend, langwierig und unbefriedigend empfand. Besagte Songtextzeile fordert aus meiner Sicht im Kern dazu auf, die ewigen Erklärungsversuche sein und stattdessen die Kunst als solche sprechen zu lassen. Anstatt ein Gemälde zu malen, das die Idee, die Motivation, den Sinn hinter der eigenen Kunst verdeutlichen soll, sollte man eher ein Dutzend Gemälde malen, die ausdrücken, was man eigentlich ausdrücken will, die einfach Kunst sind, ohne explizit darüber zu sprechen. Ein Dutzend Gemälde, das letztendlich viel mehr über den Maler erzählt als jede noch so durchdachte und ehrliche Erläuterung es jemals tun könnte.

Ich kann weder malen noch rappen. Also kein Dutzend Gemälde und auch kein Dutzend Raptracks von mir. Stattdessen: ein Dutzend Texte. Und wo ich schon einmal dabei war, mich selbst auf diese Weise herauszufordern (um modern und cool zu sein, hätte ich das Ganze vermutlich nicht als „Projekt“, sondern als „challenge“ bezeichnen müssen), konnte ich damit auch gleich ein paar andere Dinge abdecken, ein paar andere Zwecke erfüllen. Ich konnte mich noch nie gut kurzfassen – also brauchte ich ein Kurzformat mit Seitenbegrenzung. Ich hatte in den Monaten vor Beginn des Projekts hauptsächlich ganz direkt über mein eigenes Leben geschrieben, was nur für meine eigenen Augen bestimmt war – also müssten es fiktive Texte sein, die ich im Internet veröffentlichen würde. Ich schrieb meiner Meinung nach viel zu selten und unregelmäßig – also nahm ich mir vor, die zwölf Texte in möglichst kurzem Abstand zu schreiben, vielleicht sogar einen pro Woche. Dass das nicht geklappt hat, ist schnell mehr als offensichtlich geworden, aber ich empfand und empfinde es schon als für mich ausreichenden Erfolg, dass ich das Ganze nicht nach drei Texten schon wieder hingeschmissen habe. Warum ich mich dazu entschied, mich von Musik und dann ausgerechnet vom Album „Patine“ der Band BRNS inspirieren zu lassen, habe ich im eingangs erwähnten Post ja begründet.

Somit stand also das Grundkonzept für das Projekt, das im Übrigen auch dazu dienen sollte, den Blog mal wieder öfter zu befüllen, und zwar mit einer Art von Texten, die ich schon lange nicht mehr gepostet hatte. Ich weiß nicht, ob BRNS auch irgendeine Form von Grundkonzept hatten, als sie die Songs für „Patine“ schrieben und aufnahmen, aber in jedem Falle ist es aus meiner Sicht ein sehr rundes Album, auf dem alle Songs zusammenpassen, ohne dass es eintönig oder gar langweilig klingt. Und ohne, dass ich es mir bewusst vorgenommen hätte, hat diese Gesamtharmonie der Songs – zumindest empfinde ich es rückblickend so – dazu geführt, dass auch meine Kurzgeschichten (abgesehen vielleicht von der letzten, die aber sowieso ein Sonderfall ist) sich in gewissem Sinne ähneln. Das ist insofern wenig erstaunlich, als sie ja alle von der gleichen Person verfasst wurden, zumal von einer, die davon überzeugt ist, dass es nahezu unmöglich ist, die eigene Persönlichkeit und das eigene Leben beim Schreiben vollkommen zurückzunehmen und aus dem Text herauszuhalten, selbst wenn es sich um eine fiktive Geschichte handelt. Gleichzeitig aber finde ich es doch ein bisschen überraschend, denn die zwölf Songs haben mich auf durchaus unterschiedliche Weise zu den jeweiligen Geschichten inspiriert.

Zunächst einmal ist es natürlich die Grundstimmung eines Songs, die die Ideen und auch den Schreibprozess an sich beeinflusst. Nachdem ich „Void“ und „Slow Heart“ geschrieben und festgestellt hatte, dass sie beide im gleichen negativen, traurigen, pessimistischen Grundton verfasst waren, notierte ich mir für jeden Song in Form von Symbolen die Grundstimmung, die er in mir auslöste: ein Plus für positiv, ein Minus für Negativ und ein Fragezeichen für „irgendwo dazwischen“. Das war übrigens die einzige Art von Vorplanung, die ich für das Projekt vornahm, und nicht in allen Fällen spiegeln die fertigen Geschichten diese Überlegungen wider (wobei das natürlich auch zu einem nicht unerheblichen Teil vom subjektiven Empfinden des Lesers abhängt). Die Liste sah am Ende so aus:

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Ich ging davon aus, dass neben dieser Grundstimmung vor allem die Songtexte einen Einfluss auf meine Kurzgeschichten haben würden. Diese Vorstellung gefiel mir nicht besonders gut, denn es ging mir darum, mich von der Musik als Gesamtkunstwerk inspirieren zu lassen anstatt nur die Worte anderer zu nehmen und auf dieser Grundlage meine eigenen Worte niederzuschreiben. Aber es kam in den meisten Fällen sowieso anders. Wenn, dann waren es nur einzelne Textzeilen, die eine Geschichte prägten, nie der gesamte Text.

Sehr überrascht hat mich, welch starke Eigendynamik die Geschichten entwickelten. Außer „Void“ und „Behind the Walls“ sind alle ganz anders geworden als ich ursprünglich angenommen hatte. Manchmal hatte ich zu Beginn eine ganz konkrete Vorstellung davon, worum es in einer Geschichte gehen sollte, merkte aber plötzlich, dass sich meine Gedanken beim Schreiben in eine vollkommen andere Richtung entwickelten, oder dass das Konzept schlicht nicht aufging. Bei „My Head Is Into You“ kehrte ich allerdings irgendwann zu einer längst verworfenen Idee zurück, zu der ersten Idee, die mir dieser Song jemals gegeben hatte. Natürlich blieben diese Wandlungen nicht unbeeinflusst von den Veränderungen, die in meinem Leben in der Zeit passierten, in der ich an dem Projekt arbeitete – einer Zeit, die viel länger wurde als ursprünglich geplant. In vielen Fällen kann wohl kaum jemand außer mir selbst erahnen, wie genau diese Einflüsse zustande kamen und wie sie letztendlich die Geschichte prägten.

Und obwohl ich mir fest vorgenommen und es lange für eine wirklich gute Idee gehalten hatte, in diesem Post hier einiges darüber zu erzählen, wieso ich die einzelnen Geschichten genau so schrieb, wie ich es tat, wie sie zu dem wurden, was sie sind, und wie ich jetzt im Nachhinein über sie denke, habe ich beschlossen, das nicht zu tun. Weil ich mich nicht wohl dabei gefühlt habe, diese Dinge aufzuschreiben. Es kam mir vor, als würde ich nicht nur dem Zitat aus dem 3Plusss-Song widersprechen, sondern auch mir selbst. Denn abgesehen davon, dass ich es ganz grundsätzlich wichtig finde, dass ein Autor und sein Text dem Leser eine gewisse Eigenleistung abverlangen, anstatt ihm die Interpretation auf dem Silbertablett zu servieren, sträubt sich alles in mir gegen die Vorstellung, dass jemand, der meine Texte liest, dabei nur eine einzige Perspektive einnehmen könnte. Eine Perspektive nämlich, die sich aus einem bestimmten Hintergrundwissen über mich, meine Persönlichkeit, meine Erlebnisse speist, und die vollkommen starr ist und sich jeglicher Erweiterung verwehrt. Um das an einem Beispiel zu verdeutlichen: ich glaube kaum, dass jemand, der beim Lesen von Kafkas Werken immer nur im Hinterkopf hat, dass der Autor ein schwieriges Verhältnis zu seinem Vater hatte, besonders viel mitnimmt aus der Lektüre. Was nicht heißen soll, dass man möglichst viel über das Leben Kafkas wissen muss, um sein Werk verstehen zu können – im Gegenteil, vielleicht hat man sogar am meisten von der Lektüre, wenn man den Autor überhaupt nicht kennt. Denn dann kann man nicht, und sei es auch nur unbewusst, krampfhaft versuchen, in jedem Satz einen Ausdruck des Vater-Sohn-Konflikts zu erkennen. Natürlich ist es interessant, sich näher mit Leben und Wirken eines Schriftstellers zu befassen, keine Frage, aber spätestens hier wird klar, warum ich Kafka als Beispiel- und explizit nicht als Vergleichsfall gewählt habe: ich bin eben keine Verfasserin von Weltliteratur, über die Biografien geschrieben und Ausstellungen gestaltet werden. Und wahrscheinlich werde ich das auch nie sein. Ich habe die zwölf Kurzgeschichten aus dem „Projekt Patine“ in erster Linie geschrieben, weil ich sie schreiben wollte, in dem Bewusstsein, dass sie nur einen sehr begrenzten Leserkreis finden würden. Ich freue mich über jeden, der sie gelesen und mir vielleicht sogar in irgendeiner Form eine Rückmeldung gegeben hat, genau wie über jeden, der das in der Zukunft noch tun mag, aber ich weiß auch, dass sie nicht gerade jedermanns Geschmack treffen. Das müssen sie auch gar nicht. Sie müssen auch nicht bei jedem auf Verständnis treffen. Ich weiß, was die Geschichten bedeuten, aber ich weiß nur, was sie für mich bedeuten, und ich kann noch nicht einmal mit Sicherheit sagen, ob sie in fünf, zehn, zwanzig Jahren noch das Gleiche für mich bedeuten werden wie jetzt. Und irgendwie ist das schön, spannend und genau so, wie es sein soll.

Eine offene Frage will ich aber noch beantworten, und zwar die, warum dieser Post diesen Titel trägt. Er ist benannt nach einem weiteren Song der Band BRNS, der allerdings nicht auf „Patine“ zu finden ist, sondern (hoffentlich) auf dem bisher noch nicht erschienenen Nachfolger des Albums. Ich finde, er passt sehr gut zu den zwölf Songs, die mich zu den Kurzgeschichten inspiriert haben – mögliche weitere Interpretationen in Bezug auf den Zusammenhang zwischen dem Titel „The Way Up“ und dem Inhalt dieses Posts und/oder der Idee hinter dem Projekt seien dem Leser überlassen.


Alle Kurzgeschichten und sonstigen Posts zum „Projekt Patine“ könnt ihr hier nochmal nachlesen.

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