Ein schwacher Versuch, etwas in Worte zu fassen, das sprachlos macht

Eigentlich hatte ich mir für gestern Abend fest vorgenommen, endlich meinen Text zur Entstehung der „Projekt Patine“-Geschichten fertigzustellen. Oder schon einmal mit dem geplanten Rückblick auf meine literarischen Highlights des Jahres 2016 anzufangen. Aber es gibt Momente, in denen man den Eindruck hat, dass alles, womit man sich beschäftigt, keinerlei Bedeutung hat, dass die eigenen kleinen Probleme vollkommen lächerlich sind im Vergleich zu dem, was im selben Augenblick in der Welt geschieht.

So schrecklich ich mich auch dabei fühle, ich komme nicht umhin zuzugeben, dass ich zu den Menschen gehöre, für die all die Schreckensmeldungen von Krieg und Terror und Unterdrückung und Grausamkeiten immer irgendwie irreal wirken und daher leicht zu vergessen, leicht durch vermeintlich Relevanteres zu ersetzen sind. Weil die Schauplätze weit weg sind. Es ist leicht, mit schlimmen Nachrichten zu leben, wenn sie aus einem Land kommen, das auch ohne Krieg ganz anders ist als das, in dem man lebt, in dem man aufgewachsen ist. Aber offenbar waren für mich auch Paris und Brüssel noch weit genug weg. Was jeder Logik entbehrt: von Dortmund aus ist man schneller in Brüssel als in Berlin, und der Alltag in Belgien oder Frankreich unterscheidet sich von dem in Deutschland wohl nicht annähernd so sehr wie der in Syrien. Doch auch wenn ich mich selbst dafür vielleicht verachten müsste: ja, anscheinend musste erst in der deutschen Hauptstadt etwas Furchtbares geschehen, damit ich überhaupt auf die Idee komme, einen Text wie diesen hier zu verfassen. Aber vielleicht habe ich das bei all den vorherigen Schreckensmeldungen genau deshalb nicht getan, weil auch diese Beschäftigung sich bedeutungs- und sinnlos, ja lächerlich angefühlt hätte.

Ich erinnere mich noch gut an den Abend des 22. Juli, als für eine Weile alle dachten, der Terror hätte Deutschland erreicht, in Form einer Schießerei in einem Münchner Einkaufszentrum. Es hat sich komisch angefühlt, am Ende aufzuatmen, erleichtert zu sein darüber, dass es sich „nur“ um einen Amoklauf gehandelt hatte. Die Tat eines Einzelnen, der vielleicht andere Amokläufer nachahmen wollte, vielleicht ganz einfach psychisch krank war, das war so viel leichter zu ertragen als organisierter Terror zur Verfolgung eines „höheren Ziels“. Ich verbrachte diesen Abend bei meiner Schwester und ihrem Freund, gemeinsam saßen wir fassungslos vor dem Fernseher und starrten auf die immer wieder aufs Neue gezeigten Bilder, bis die ständig wiederholten Worte aus den Mündern der Journalisten in unseren Ohren zu hohlen, sinnlosen Phrasen verkommen waren, und dann sprachen wir darüber, was der Terror mit uns und unserem Leben macht.

Ich bin keiner von den Menschen, die aufgrund von Terroranschlägen permanent eine unterschwellige Angst verspüren, die in bestimmten Situationen – bei Großveranstaltungen etwa, im Zug oder am Flughafen – stärker wird. Das hat sehr wenig mit Mut zu tun, sondern vielmehr mit der Unfähigkeit, mir vorzustellen, dass schreckliche Ereignisse wie die in Berlin gestern Abend mit meinem eigenen, kleinen, ja vielleicht tatsächlich vollkommen bedeutungslosen Leben irgendetwas zu tun haben könnten. Ich glaube, ich bin gut darin, die sowieso immer und überall potentiell lauernden Gefahren zu verdrängen. Hinzu kommt die vielleicht als Realismus, vielleicht aber auch als eine gewisse Form der Resignation zu bezeichnende Haltung, dass ich sowieso nichts tun kann, wenn ich eines Tages zur falschen Zeit am falschen Ort sein sollte. Und ich bin fest davon überzeugt, dass es vollkommen falsch wäre, auch nur zu versuchen, dies zu vermeiden. Ich schließe mich den vielen Menschen an, die schon viel besser und eindrucksvoller zum Ausdruck gebracht haben, als ich es jemals könnte, dass man sich seinen Lebensstil nicht verbieten lassen darf, dass man denjenigen, die selbigen verachten, bloß nicht das geben darf, was sie wollen. Und ständige Angst gehört zu dem, was sie wollen.

Terror macht mich viel weniger ängstlich als wütend. Ich kann und will nicht akzeptieren, dass Menschen andere Menschen umbringen, weil diese nicht oder auf andere Weise an ein übernatürliches Wesen glauben, von dem nicht annähernd bewiesen ist, dass es überhaupt existiert (auch wenn ich davon überzeugt bin, dass die Menschen ohne Religionen irgendetwas anderes finden würden, was sie zu solchen Taten drängen würde). Ich finde es zum Kotzen, dass wegen solcher Vorfälle ganze Menschengruppen vorverurteilt werden. Ich hasse es, dass diese Taten Wasser auf die Mühlen rechter Parteien sind. Und ich könnte schreien bei der Vorstellung, dass es Menschen gibt, die mutwillig dafür sorgen, dass andere um ihre Verwandten und Freunde weinen müssen.

Ich habe heute mit niemandem auch nur ein Wort über die Ereignisse in Berlin gesprochen. Ich war unendlich froh, dass meine Kollegen offenbar das gleiche Bedürfnis hatten, dieses Thema auszublenden, wie ich selbst. Dass wir uns benahmen, als sei nichts geschehen. Denn bei all der Wut fühle ich mich auch machtlos. Ich kann nichts tun. Ich kann nur versuchen, für mich selbst zu einem Weg zu finden, mit diesen Dingen umzugehen. Ich dachte, das Aufschreiben meiner Gedanken könnte ein Anfang sein, aber dieser Text ändert nichts. Zumal er auch nicht annähernd alles zum Ausdruck bringt, was ich denke, und mir beim erneuten Lesen hier und da auch etwas wirr vorkommt. Aber ich bin froh, dass ich ihn geschrieben habe, weil das bedeutet, dass ich dieses Mal nicht sofort den bequemlichen Weg des Verdrängens eingeschlagen habe.

Ich glaube nicht an Gott, deshalb bete ich nicht. Ich kann mir denken, dass Angela Merkel und Joachim Gauck die Ereignisse schrecklich finden, deshalb höre ich mir nicht an, was sie dazu sagen. Ich will nicht auf Spekulationen hereinfallen, deshalb meide ich Twitter. Stattdessen sitze ich hier und höre Musik. Musik, die besser als jedes meiner Worte ausdrücken kann, was ich fühle: die Wut, die Trauer, die Fassungs- und Hilflosigkeit, aber auch die Hoffnung. Die Hoffnung, dass wir uns nicht unterkriegen lassen. Weder in unseren ganz eigenen, kleinen, so bedeutungslos erscheinenden Leben, noch im großen Ganzen.

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