Any House [Projekt Patine – 12]

Es sind nicht die Worte, die fehlen. Es ist die Kraft, sie aufzuschreiben, die Fähigkeit, die Hindernisse zu beseitigen, die ihnen den Weg vom Gehirn über die Hände, die Fingerspitzen, die Tasten auf das Papier blockieren. Auf das Papier, das gar nicht existiert, ist es doch lediglich die virtuelle Darstellung eines leeren weißen Blatts, mehr schlecht als recht der Wirklichkeit nachempfunden. Der Blick richtet sich nicht nach unten auf die langsam durch Bewegung und Tinte entstehenden Buchstaben, sondern streng nach vorne auf einen Bildschirm, der mit einem Schreibtisch nichts gemein hat, und der sich durch das immer gleiche Auf und Ab der Finger beliebig füllen lässt, ohne dass es eines einzigen Tropfens gefärbter Flüssigkeit bedarf.

Vielleicht ist es dieses Gefühl der Künstlichkeit. Oder das Fehlen einer körperlich spürbaren Anstrengung, die zur Niederschrift der mit Leichtigkeit erdachten Worte mittels Stift und Notizbuch notwendig wäre. Oder die Angst davor, dass die Worte eine andere Gestalt annehmen, sobald sie schwarz auf Weiß dastehen. Sie könnten sich verselbstständigen, andere, ursprünglich nicht gewollte Worte anziehen, sich in einer Weise manifestieren, die niemals geplant war.

Vielleicht ist es auch schlicht Faulheit. Blanke, unverschämte Faulheit. Oder der Gedanke, dass es genug sein könnte, die Worte zu denken, sie im Kopf zu formen und miteinander zu verbinden, dass sie sich gar nicht in Form von schwarzer Farbe auf weißem Papier – sei es echt oder virtuell – niederlassen müssen, um sinnvoll zu sein, um wahr zu sein, um ganz einfach da zu sein. Aber ich kann sie nicht loslassen, diese Vorstellung, dass die Worte für immer eingesperrt sein werden, im Kopf oder irgendwo zwischen zwei Hindernissen, wenn ich versuche, mich nicht beeinflussen zu lassen von dem Ort, an dem ich bin. Wenn ich versuche, meinen Kopf zum Erdenken und meine Hände zum Aufschreiben von Worten zu zwingen, die sich unnatürlich anfühlen, weil sie nicht zu ebendiesem Ort passen.

Da ist seit Jahren dieses Bild vor meinem geistigen Auge, von diesem norwegischen Schriftsteller, der zwei Häuser hat. Eins zum Leben und eins zum Schreiben. Mitten im Wald steht es, sein Haus zum Schreiben, es ist nicht viel größer als eine Hütte und es ist nur mit dem Nötigsten ausgestattet, einem Stuhl und einem Tisch, am Fenster. Denn der Blick ist das, was zählt, die Umgebung, die Bäume und das Sonnenlicht, das durch die Baumkronen auf den weichen Boden fällt, und der See, den man im Sommer durch all das Grün und Braun lediglich erahnen kann. Was der norwegische Schriftsteller zu sehen bekommt, ist inspirierend und gleichzeitig banal genug, um Raum für ganz eigene, immer neue Worte, Figuren, Welten zu lassen. Ich kann nichts dagegen tun, sie kommt immer wieder, diese Idee, die vermutlich eine Illusion ist: dass es auf das Haus ankommt, in dem man schreibt.

Ich habe schon in vielen Häusern geschrieben oder es wenigstens versucht. Im Haus meiner Eltern in Mönchengladbach, zwischen all den Dingen, die in meiner Kindheit mein Alltag waren. In Trier, direkt am Fuße eines Hügels, mit Blick auf die Terrasse des Nachbarn, auf der seltsamerweise ein Herd stand. In zwei Gebäuden in Stuttgart, aus deren Fenstern ich in zwei vollkommen unterschiedliche Versionen dieser Stadt blickte, zuerst in eine ruhige Siedlung mit Reihenhäusern und Feldern und Hunden in den Vorgärten, dann auf eine scheinbar endlos lange und immerzu laute vierspurige Straße und ein Hotel mit Glasfassade und kuriosen Gästen. In Karlsruhe in einem Schwesternwohnheim, in dem in diesem besonders kalten Winter in den obersten vier Stockwerken ständig die Heizung ausfiel. In Tartu an einem kleinen Schreibtisch, der eigentlich ein alter Nähtisch war, umgeben von Holz an Böden, Wänden und Decken. In Leipzig auf dem Stuhl und damit im Leben einer mir fast vollkommen fremden Person, und später am anderen Ende der Stadt unter dem Dachfenster, auf das in meiner Erinnerung entweder die Sonne knallt oder der Regen prasselt, immer im Wechsel. In Farnham auf dem Bett, weil ich keinen Tisch hatte in dieser winzigen Dachkammer, in der es immer stickig war, die aber nur mit einer Mixtur aus Imbissbudengeruch und Kleinstadtbahnhofsgeräuschen belüftet werden konnte. In Dortmund auf der Fensterbank, dem perfekten Beobachtungsposten für das alltägliche Leben mitten in der Innenstadt. Und keine zwei Kilomter weiter östlich sitze ich jetzt und blicke auf die durch eine Laterne diffus beleuchtete Einbahnstraße, auf der mein Besuch nie einen Parkplatz findet.

In all diesen Häusern habe ich geschrieben, und zusätzlich in den unterschiedlichsten Urlaubsunterkünften in Orten wie Otepää und Camerata Picena, Siglufjörður und Mellieħa, Inverness und Gornhausen. Vielleicht haben all diese Häuser ihre Spuren hinterlassen, auf ihre ganz eigene Weise die Worte geprägt, die ich aufgeschrieben habe. Vielleicht haben sie mich daran gehindert, andere Worte zu wählen als genau die, die am Ende auf dem – meist virtuellen – Papier standen. Vielleicht setzt der Einfluss des Hauses, in dem ich mich befinde, aber schon viel früher ein, im Kopf, beim Prozess des Erdenkens der Worte, die, in welchem Haus auch immer, in der Folge den Weg über meine Fingerspitzen zurücklegen müssen, um am Ende in – meist virtuellem – Schwarz auf dem Weiß zu stehen.

Es gibt noch ein zweites Bild vor meinem geistigen Auge. Eines, von dem ich für eine Weile glaubte, es könne zur Realität, zur Wahrheit werden. Ich sehe kein Haus in dieser fast real, fast wahr gewordenen Vorstellung, ich sehe nur den Ausblick aus einem Fenster, sehe nur die Wellen und den Wind in der kleinen walisischen Küstenstadt, von der ich einmal geträumt, die ich dann aber durch Leipzig ersetzt habe. Manchmal frage ich mich heute noch, wie all das, was ich in Leipzig geschrieben habe, klingen würde, wenn ich es stattdessen in Aberystwyth geschrieben hätte. Ob ich mehr geschrieben hätte oder weniger, ob besser oder schlechter, ob länger oder kürzer.

Ganz sicher wären sie anders, die Worte, die ich gewählt hätte. Und ich weiß, dass der Grund für diese Andersartigkeit ganz einfach der gewesen wäre, dass ich schlicht und ergreifend ein anderes Leben geführt hätte, mit anderen Menschen, anderen Wendungen, anderen Erfolgen und Niederlagen, anderen Realitäten. Aber ich kann nicht umhin, zu glauben, dass das Haus, in dem ich mich befinde, der entscheidende Faktor ist. Und vielleicht musste ich erst in genau dieses blassgelb gestrichene Haus in genau dieser ständig zugeparkten Straße in genau dieser von der nächsten Küste weit entfernten deutschen Großstadt ziehen, um zu begreifen, dass das zwar eine Illusion sein mag, aber eine, die ich zulassen sollte, weil sie für das gute Gefühl der Natürlichkeit sorgt.

Es tut mir leid, dass so viel Zeit vergangen ist, bevor ich endlich diesen zwölften Teil der „Projekt Patine“-Reihe geschrieben habe, den man kaum als Kurzgeschichte bezeichnen kann. Ich kann selbst nicht genau sagen, woran das lag, ich war ideen- und lustlos, was das Schreiben betraf, und irgendwann beschloss ich, dass ich genau darüber schreiben würde, über diese Schreibblockade, die mich lange im Griff hatte (und vielleicht nach wie vor hat). Aber auch das gelang mir nicht, erst recht nicht auf dem Weg der Fiktion, so dass ich entschied, bewusst von selbigem abzuweichen und stattdessen ganz direkt über mich zu schreiben. Als ich soweit war und die ersten zwei Absätze geschrieben hatte,  fand ich es seltsam, über die Schreibblockade zu schreiben, wo ich doch gerade erst wieder zu so etwas wie einem Schreibfluss gefunden hatte, und schrieb daher eher über ein anderes Phänomen, dem ich beim Schreiben immer wieder begegne. Irgendwie wurde dieser Text dann zu dem, was er jetzt ist. Und dieses ganze Projekt hatte ja unter anderem den Sinn, mich zur Bekämpfung des lähmenden und hemmenden Perfektionismus in Bezug auf Formulierungen – oder auch der „Wortverliebtheit“, die mir kürzlich nachgesagt wurde (was ich im Übrigen gerne gehört habe, allein schon, weil „wortverliebt“ so ein schönes Wort ist) – zu zwingen. Deshalb bleibt dieser vorletzte Teil nun so, wie er ist. 

Der dreizehnte und letzte Teil folgt bald. Ich kann und werde jetzt keine Angaben dazu machen, wann „bald“ ist. Ich kann nur sagen, dass ich in diesem dreizehnten Teil, der den Titel eines Songs tragen wird, der zwar nicht zum Album „Patine“ gehört, aber auch von BRNS stammt, darüber schreiben möchte, wie das Projekt letztendlich für mich war, wie die einzelnen Geschichten entstanden sind. Bis dahin empfehle ich euch wärmstens, euch dieses Video von einem Konzert der Band in Brüssel im Jahre 2014 anzusehen. Sie spielen „Void“, „Slow Heart“, „My Head Is Into You“, „Interlude“ und „Last Gaze“, dazu drei Songs von ihrer ersten EP „Wounded“. Besonders großartig finde ich diese Version von „Clairvoyant“ (etwa ab Minute 30), bei der ich jedes Mal mit geschlossenen Augen und Gänsehaut dasitze und alles um mich herum vergesse – auch das Haus, in dem ich mich gerade befinde.


Was ist das Projekt Patine?

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