One, Two, Three, Four [Projekt Patine – 11]

Er erinnert sich noch gut an den Anfang. An Stufe Eins. Aber er hat vergessen, was der Auslöser war. Und vielleicht gab es auch gar keinen Auslöser. Er gräbt in seinen Erinnerungen, auf der Suche nach dem Stein des Anstoßes, doch alles, was er findet, ist ein schwaches Echo eines Gefühls. Des Gefühls der Plötzlichkeit. Er wusste schon damals nicht, woher er kam, dieser Gedanke, der sich innerhalb kürzester Zeit so hartnäckig in seinem Hirn einnisten sollte, dass es unmöglich war, ihn wieder loszuwerden. Und ebenso war es unmöglich, einfach so weiterzuleben wie bisher. Der Gedanke war da und er sollte nicht wieder verschwinden. Der Gedanke begann ihn zu beherrschen.

Damals. Stufe Eins. Seine Wohnung kommt ihm plötzlich verändert vor. Er geht mit einer Tasse Kaffee im Wohnzimmer auf und ab und sieht sich um. Möbel, Bücher, Pflanzen, Bilder. Alles im Plural, alles vielfältig. Schränke und Sessel, Romane und Reiseführer, Kakteen und Kräuter, Poster und Porträts. Jeder Meter gefüllt mit Besitztümern, angesammelt über Jahre hinweg. Er beginnt, die Gegenstände um sich herum gedanklich zu reduzieren auf das, was tatsächlich notwendig, unerlässlich ist. Nach und nach verschwinden die Dinge, die jahrelang so selbstverständlich waren, dass er weder ihre Anwesenheit noch ihre Sinnlosigkeit wahrnahm. Als die Kaffeetasse leer ist, sind nur noch das Bett, ein Schrank, ein Stuhl und der Schreibtisch übrig, dazu eine gerahmte Fotografie und eine Topfpflanze. Damit es ein bisschen nett aussieht. Ein großer Raum, wenig Einrichtung. Der viele freie Platz stört ihn. Die Wände müssen näher zueinander rücken.

Später. Stufe Zwei. Die Decke scheint so weit weg, so unerreichbar weit oben. Er steht in der Küchenecke und spült seinen einen Teller, seine eine Gabel, sein eines Glas. Kein Plural mehr. Er blickt nach oben, zur Seite, hinter sich. Er muss nur wenige Schritte machen, um die gegenüberliegende Wand zu erreichen. Die Wand, an der sein Bett steht. Er steigt auf das Bett, getrieben von einer plötzlichen Einsicht. Er nimmt die Fotografie von der Wand, steigt vom Bett hinunter und geht die wenigen Schritte zurück. Er betrachtet die Wand oberhalb des Betts. Ihm fehlt nichts. Er öffnet die Schranktür. Sie stößt gegen den Stuhl. Er versteht plötzlich nicht mehr, warum er einen Stuhl hat. Er kann doch auch auf dem Bett sitzen. Oder auf dem Boden. Er entnimmt ein Kleidungsstück aus dem Schrank, dann noch eins. Und noch eins und noch eins und noch eins. Als das Geschirr trocken ist, ist nichts mehr übrig, was er im Schrank aufbewahren könnte. Nichts, was rechtfertigen würde, dass er überhaupt einen Schrank hat. Wieder blickt er hinter sich, zur Seite, nach oben. Wozu braucht er drei Meter hohe Decken? Er ist doch nur einsachtzig groß.

Noch später. Stufe Drei. Er muss seinen Arm ausstrecken, um die Plane berühren zu können. Er sitzt auf der Isomatte und hört den Wind, der am Zelt zerrt. Keine festen Wände mehr. Ihm ist warm. Er öffnet den Reißverschluss des Schlafsacks, in dem seine Beine stecken, und befreit sie. Ihm ist immer noch warm. Er streift den Pullover über den Kopf, wirft ihn mit dem Schlafsack in eine Ecke des Zelts. Trotzdem ist es noch warm, zu warm. Und grün. Die Farbe der Plane scheint alles für sich einzunehmen. Er öffnet den Zelteingang. Die Luft ist kühl, der Himmel blau. Doch weder der Wind noch das Blau können ihn erreichen. Er zieht das T-Shirt aus, wirft es zu Pullover und Schlafsack. Der Haufen Stoff wirkt fehl am Platz in der Ecke. Er schleudert ihn aus dem Zelt. Eine Böe ergreift das T-Shirt und weht es davon. Eine Sache weniger, die den Blick auf das Blau versperrt. Als sich der Wind gelegt hat, ist das Zelt leer, doch noch immer warm und grün. Er kriecht ins Freie.

Jetzt. Stufe Vier. Seine Fingerspitzen berühren den Asphalt. Er liegt auf der Bank, lässt einen Arm herunterhängen und beobachtet die Menschen, die an ihm vorübergehen. Er sieht ihre laufenden Füße, er hört ihre Gespräche, er riecht ihren Schweiß. Kein Entkommen mehr. In der Ferne sieht er die Häuser dieser Menschen. Er denkt an Schränke und Sessel, Romane und Reiseführer, Kakteen und Kräuter, Poster und Porträts, Wände und Wärme.

(Leider habe ich kein Video zu diesem Song gefunden, aber mit einem Klick könnt ihr ihn euch immerhin anhören).


Was ist das Projekt Patine?

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