Last Gaze [Projekt Patine – 10]

Man geht immer nur aneinander vorbei, für eine Sekunde oder auch nur den Bruchteil einer Sekunde. Man lächelt einander an oder nimmt einander gar nicht wahr oder blickt verwirrt, gelangweilt, amüsiert oder neugierig in das Gesicht des anderen, das man gar nicht lange genug sieht, um zuverlässig beurteilen zu können, ob es einem gefällt oder nicht. Oder der Moment vergeht so schnell, dass man keine Zeit hat, sich zu entscheiden, welchen Gesichtsausdruck man dem anderen gerne widmen würde, ob man dabei ehrlich sein will oder nicht, oder ob man nicht sowieso lieber vorgeben würde, man hätte den Blick des anderen gar nicht wahrgenommen. Jeder Tag ist eine Serie aus Begegnungen, von denen viele so flüchtig sind, dass man sich schon kurze Zeit später nicht mehr an sie erinnern kann. So reiht sich Begegnung an Begegnung und Tag an Tag, und jeder Mensch begegnet im Laufe seines Lebens unzähligen anderen Menschen, von denen nur wenige länger als einen Augenblick verweilen. Und auch jedes Wiedersehen mit den Menschen, die geblieben, die zu einem Teil des eigenen Lebens geworden sind, ist eine Begegnung, die einen Anfang und ein Ende hat. Und aus all diesen Begegnungen entsteht ein Bild von einer Beziehung, für die man eine Bezeichnung finden kann, einen Namen wie Freundschaft.

An genau dieser Stelle wird es kompliziert. Lange Zeit hat Lena geglaubt, dass Namen ausreichen, dass das alles ist, was sie braucht, um ihre Beziehungen zu anderen Menschen einordnen zu können. Sie hat nicht bedacht, dass eine Bezeichnung ohne Definition nicht viel mehr wert ist als ein nicht erwiderter Blick in das Gesicht eines Fremden, an dem man auf der Straße vorbeiläuft. Ein Begriff ist nur ein Begriff, ein erfundenes, menschengemachtes Wort, das in jeder Sprache anders ist. Es würde gar nichts bedeuten, wenn nicht der Mensch es mit Bedeutung füllen, ihm eine Definition zuschreiben würde, die nie verbindlich sein kann, weil Sprache keine exakte Wissenschaft ist. Lena hat gelernt, das die Bezeichnung Freundschaft nur verwendet wird, um die Dinge zu vereinfachen. Damit sie und ihr Gesprächspartner beide eine ungefähre Vorstellung davon haben, worum es geht. Wie viele Menschen hat sie wohl schon in einem solchen Gespräch der Einfachheit halber als einen Freund oder eine Freundin bezeichnet und dabei das Gefühl gehabt, damit die tatsächlich zwischen ihr und der betreffenden Person bestehende Beziehung nicht annähernd passend zu beschreiben? Wie oft hat sie schon jemanden ihren Freund genannt, der sie selbst wohl niemals als Freundin bezeichnen würde? Und wie viel Zeit hat sie schon damit verbracht, sich zu fragen, ob sie das Wort Freundschaft in bestimmten Fällen überhaupt verwenden dürfe, wie lange und wie gut man jemanden kennen muss, um ihn als Freund bezeichnen zu können, ob das eigene Empfinden zur Bestimmung der passenden Bezeichnung ausreicht?

Sie hat Menschen wiedergetroffen, die einmal ihre Freunde waren, bis sie einander aus den Augen verloren und jahrelang nicht voneinander hörten, nur um sich dann per Zufall, an einem ganz anderen Ort in einer vollkommen veränderten Zeit erneut zu begegnen. Sie hat Freundschaften aufrechterhalten, die keine mehr waren, weil sie sich nicht eingestehen wollte, dass sich Beziehungen verändern, weil Menschen sich verändern, weil sie nicht zugeben wollte, dass auch sie selbst sich ständig verändert. Und sie hat erlebt, wie aus einer Freundschaft etwas anderes wurde, etwas mehr oder etwas weniger, etwas Neues, für das sie vergeblich versuchte, eine neue passende Bezeichnung zu finden.

­­­—

„Gleich sind wir da“, sagt Sabrina und biegt rechts ab, in die große Straße, von der der kurze Weg abzweigt, in dem Lena wohnt. Der Tonfall, in dem sie es sagt, entspricht Lenas Gedanken. Es ist, als seien sie beide erleichtert, dass die Fahrt endet, nach fast sechs Stunden, dass sie sich trennen können, dass die gezwungene und immer wieder von langen Momenten der peinlichen Stille unterbrochene Unterhaltung endlich aufgegeben werden kann. Lena sieht, wie Sabrina die Hand an den Schaltknüppel legt, spürt, wie der Wagen seine Fahrt verlangsamt, hört, wie der Blinker zu ticken beginnt, und dann sind es nur noch wenige Meter bis zu dem Haus, in dem sie wohnt. Im Schritttempo rollen sie darauf zu. Lena sieht zu Sabrina herüber. Das Gesicht, das sie schon so lange kennt, ist von einer Anspannung gezeichnet, die bald weichen wird, nämlich dann, wenn Lena aussteigt, ihre Tasche vom Rücksitz nimmt und sich verabschiedet, in dem Bewusstsein, dass es sich um einen endgültigen Abschied handelt, weil kein Wiedersehen geplant ist. Lenas Hand liegt schon am Türgriff, ohne dass sie sich erinnern kann, sie dort hinbewegt zu haben. In weniger als einer Minute wird sie nicht mehr hier sein, in Sabrinas Auto, dann wird ihre Hand nicht mehr diesen Türgriff berühren, sondern den Schlüssel zu einer anderen Tür, der Tür zu ihrem Haus, das nicht das Geringste mit Sabrina zu tun hat. Auf den letzten Metern, Zentimetern, Millimetern, die sie gemeinsam zurücklegen, mit einer Geschwindigkeit, die dem Stillstand immer näher kommt, sieht Lena all die Fahrten vor sich, die, von au­ßen betrachtet, genau so abliefen wie die, die jetzt zu Ende geht. Das gleiche Auto, die gleiche Strecke, die gleichen Menschen.

Es gab eine Zeit, in der sich sechs Stunden wie nichts anfühlten, in der das Haus, in dem sie beide wohnten, erreicht war, bevor Lena überhaupt begriffen hatte, dass sie dorthin unterwegs waren, wieder einmal, nach einem Wochenende bei ihren Familien in der Stadt, in der sie beide aufgewachsen waren.

Und dann war da plötzlich Jasmin. Laut, extrovertiert, mutig. Vollkommen anders als Sabrina und auch vollkommen anders als Lena. Jasmin war all das, was gefehlt hatte, sie war die perfekte Ergänzung, von der die beiden gar nicht wussten, dass sie sie brauchten. Lena kann sich nicht mehr erinnern, ob sie selbst es gewesen war, die Jasmin zuerst begegnete, oder doch Sabrina, aber das spielte keine Rolle. Vom einen Tag auf den anderen teilte sie ihre Schokolade, ihren Kleiderschrank und ihre Geheimnisse nicht mehr nur mit Sabrina, sondern auch mit Jasmin, und hätten sie noch ein Zimmer frei gehabt, hätten sie auch die Wohnung mit ihr geteilt. Das alles entstand ganz plötzlich, und doch fühlte es sich ebenso natürlich an wie die über Jahre gewachsene Freundschaft zwischen Lena und Sabrina, die sich von Jasmin manchmal an die Kinder erinnert fühlten, die sie selbst gewesen waren, als sie sich auf dem Spielplatz zum ersten Mal über den Weg liefen. Es war, als hätte die Zeit keinerlei Auswirkungen auf Jasmins Gemüt, als würde das Leben sie vollkommen unberührt lassen.

Bis sie verschwand, genau so plötzlich, wie sie aufgetaucht war, und das war alles andere als natürlich, sie war viel zu jung. Unfall. Auch das nur ein Begriff, nichts weiter als das. Ein Begriff, der so hohl und bedeutungslos klang, als Sabrina ihn mit von Tränen und Fassungslosigkeit betäubter Stimme aussprach, dass Lena instinktiv den Kopf schüttelte. Ein Unfall, eine Abweichung von dem Plan, den Jasmin für ihr Leben gefasst hatte, ein Augenblick des Unglücks, mehr nicht. Sabrina fuhr in die Heimat, doch Lena wollte nicht mitkommen, sie konnte sich nicht bewegen, saß wie gelähmt in ihrem Zimmer und ihre Gedanken rasten. Wörter, Begriffe, Bezeichnungen, Namen. Leere Hüllen. Nach drei Tagen zwang sie sich, das Zimmer, die Wohnung, das Haus zu verlassen. Die Straßen waren voller Menschen. Lena stolperte zwischen ihnen hindurch, an ihnen vorbei, sie sahen sie an und sie sah zurück. Flüchtige Begegnungen, für den Bruchteil einer Sekunde.

Und dann war da plötzlich Daniel. An der Kreuzung, auf der anderen Straßenseite. Lena kannte ihn seit einigen Jahren, über Sabrina, er war immer irgendwie da gewesen, ein selbstverständlicher und doch oft vergessener Teil ihres Lebens. Er winkte ihr zu und als die Ampel auf Grün sprang, kam er zu ihr herüber. In den folgenden Tagen verbrachten sie viel Zeit miteinander, und Lena merkte, dass es ihr guttat, dass sie begann, daran zu glauben, dass sie Jasmin eines Tages würde loslassen können. Er hörte ihr zu und er lenkte sie ab und er füllte die Begriffe in ihrem Kopf mit neuer Bedeutung, weil er ihr seine Perspektive darlegte. Er war mehr als eine flüchtige Begegnung, er ging nicht an ihr vorbei, er kam immer näher, er wurde ein Freund.

Bis er ihre Hand nahm und sie küsste, an diesem Abend auf dem Berg, als sie auf die Lichter der Stadt hinuntersahen. Lena wusste nicht, was sie sagen sollte. Schweigend saßen sie da, Hand in Hand, bis Lena es nicht mehr aushielt und sagte, sie müsse gehen. Sie fuhr mit der Bahn, den Kopf gesenkt, um den Blicken der Fremden zu entgehen, und war froh, als sie endlich aussteigen konnte. Sie schlief unruhig, träumte von Jasmin und von großen, unbegreiflichen Worten. Unfall, Schicksal, Aufmerksamkeit, Freundschaft. Sie erwachte, als Daniel sie anrief. Sie nahm nicht ab. Er schrieb ihr, tat als sei nichts gewesen. Sie schrieb zurück. Ihre virtuelle Unterhaltung drehte sich um Banalitäten, wie ein Gespräch zwischen zwei losen Bekannten, die sich auf der Straße begegnen. So ging es für ein paar Tage. Die Kommunikation mit ihm fühlte sich an wie ein Seiltanz über einem Minenfeld. Lena wusste nicht mehr, was erlaubt war, was sie ansprechen konnte, wie nah sie ihn noch an sich heranlassen wollte. Und nach einer Weile begann sie, sich zu fragen, ob er noch ein Freund war, ob diese Bezeichnung noch zu ihm passte oder ob der Kuss sie in einen neuen Zustand versetzt hatte, der nach einem anderen, unbekannten Begriff verlangte. Wie sollte sie das wissen, wo sie doch noch nicht einmal wusste, was sie selbst fühlte? Ihr Kopf war so leer wie die Worte in ihrem Kopf und die Wohnung, in der sie saß. Und bald interessierte Daniel sich nicht mehr für sie, weder für die Worte, die sie dachte und sprach und schrieb, noch für das Leben, das sie in dieser Wohnung führte.

Als Sabrina zurückkehrte, kam es Lena vor, als habe sich in ihrer Abwesenheit alles verändert. Sie war am Boden gewesen und als Daniel ihr symbolisch die Hand gereicht hatte, war sie mit seiner Hilfe aufgestanden, aber nachdem er sie tatsächlich an die Hand genommen hatte, hatte sie sich nicht auf den Beinen halten können. Lena dachte, dass es für Sabrina so aussehen müsste, als sei sie die ganze Zeit über unbeweglich am Boden geblieben, und sie verspürte das dringende Bedürfnis, alles zu erzählen, was passiert war, in einem wirren, unaufhaltbaren Redefluss, der sie so viel Kraft kostete, dass sie sich am Ende wirklich auf den Boden sinken ließ. Sie nahm kaum wahr, dass Sabrina ohne ein Wort das Zimmer verließ.

Sabrina mochte Daniel, ohne dass sie sagen konnte, warum. Er faszinierte sie auf eine ganz seltsame Art und Weise, die sie irgendwann nicht mehr hinterfragte, weil der Versuch, sie zu beschreiben, zum Scheitern verurteilt war. Doch hauptsächlich verwirrte er sie. Er schien immer durch sie hindurch oder an ihr vorbei zu sehen. Es war, als sei er immer auf einen gewissen Abstand zu ihr bedacht. Manchmal erwischte sie sich bei dem Gedanken, dass er das nur tat, um zu verhindern, dass sie ihm zu wichtig wurde. Und dann fühlte sie sich schrecklich dumm und naiv und stand vor dem Spiegel und starrte in ihr eigenes Gesicht, voller Wut auf sich selbst, weil sie offenbar nicht in der Lage war, zu begreifen, dass er sie nicht mehr mochte als alle anderen. Und wenn sie lange genug gestarrt hatte, glaubte sie, dass sie damit zurechtkommen würde, solange er seine Augen, die niemals ihre trafen, nicht zu direkt auf jemand anders richten würde.

Lena lässt die Autotür hinter sich zufallen. Das Geräusch hallt in ihren Ohren nach. Wie Jasmins Lachen. Wie die letzten Worte, die Daniel je persönlich an sie gerichtet hatte: „Meld dich, wenn du zu Hause angekommen bist.“ Wie der Klang der Stille, die tagelang zwischen ihr und Sabrina geherrscht hatte, während sie versuchten, zusammen zu leben wie zuvor. Bis sie einsahen, dass es nicht ging. Etwas war zerbrochen, kaputt gegangen, nicht mehr zu reparieren. Ein undefinierbarer Zustand, für den es keine Worte gab.

Lena betritt ihre Wohnung, hängt ihre Jacke auf, zieht die Schuhe aus und geht ins Wohnzimmer. Ihr Ärmel streift das Foto, das im Flur hängt. Lena, Jasmin und Sabrina. Sie blicken in die Kamera und doch an ihr vorbei, wie die Menschen auf der Straße, die an anderen Menschen vorbeilaufen. Eine flüchtige Begegnung.

(Das ist nicht das offizielle Video zu diesem Song – daher auch der etwas verwirrende Titel – , aber das einzige, das ich gefunden habe. Es gibt übrigens auch noch einen ziemlich guten Remix von diesem Song, kann man sich auch mal anhören.)


Was ist das Projekt Patine?

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s