Many Chances [Projekt Patine – 9]

(Nach einer wahren Begebenheit.)

Er stand da, der Hund, mitten auf dem Feld, sein muskulöser Körper zitternd vor Anspannung, seine wilden Augen starr auf sie gerichtet. Er trug einen Maulkorb, aber er war groß, er hätte sie mühelos umstoßen, zu Boden ringen können. Sein Besitzer stand einige Meter entfernt und pfiff und rief, ein Mal, zwei Mal, drei Mal, ohne Effekt. Der Hund ließ sie nicht aus den Augen. Und sie ließ den Hund nicht aus den Augen. Sie hatte Angst, sich zu bewegen, wagte kaum zu atmen, doch gleichzeitig fühlte sie sich so lebendig wie lange nicht mehr. Sie hasste die Angst, sie hasste den Hund, und sie hasste seinen Besitzer, in dessen Händen die Leine lag, ebenso sinnlos wie seine Stimme in der Luft über dem Feld. Sie spürte sie, die Angst und den Hass, fühlte, wie sich Schweißperlen auf ihrer Stirn bildeten und ihr Herz schneller schlug, sie wollte, dass es aufhörte, und gleichzeitig wünschte sie, dieser Zustand würde für immer anhalten. Weil er der Beweis dafür war, dass sie noch fähig war zu fühlen. Dass da mehr in ihr war als diese vollkommene Taubheit.

Jetzt sitzt sie da, zwischen all diesen Menschen, die sie kaum kennt, mit einem kleinen, quadratischen Stück Holz in ihrer linken Hand, und ihre rechte Hand schreibt Worte auf ein Blatt Papier, immer mehr Worte, unordentlich, hastig, hektisch. Es ist, als würde ihr Gehirn mehr Worte produzieren als ihre Hand jemals notieren könnte. Sie will schneller schreiben, ärgert sich über die vielen Buchstaben, die es braucht, um eine Idee des Gehirns in etwas Lesbares zu verwandeln, und über den vielen Platz, den sie schon verbraucht hat mit all den schwarzen Strichen und Bögen und Punkten. Sie hat nur dieses eine Blatt Papier und sie hat nur einige wenige Minuten Zeit, aber ständig kommt ihr ein neuer Gedanke und dann wieder einer und wieder und wieder und wieder.

Es begann mit diesem Stück Holz, das dunkelbraun und unscheinbar zwischen Tüchern, Plastikblumen, Münzen, Federn, Steinen lag. Es fühlte sich warm an, als sie mit den Fingern darüber strich. Und dann war sie plötzlich in dem Zimmer, das sie seit über zwei Jahren nicht mehr betreten hatte, und sie roch die kalte Nachtluft, die durch das geöffnete Fenster hinein wehte, sah das schwa­che Licht der Nachttischlampe, hörte das Rattern und Quietschen eines Güterzugs, der sich quä­lend langsam über die Gleise schob, während die Gruppe der vor der Schranke wartenden Menschen immer größer wurde. Sie hatte selbst oft dort gewartet, manchmal mit schweren Einkaufstüten in den Händen, die sie nur noch ein paar Meter weiter bis nach Hause tragen musste. Sie schloss die Finger um das Holz, und dann ging die Schranke hoch und sie konnte gehen, wohin sie wollte, in das Zimmer, oder weiter geradeaus, vorbei an den Häusern und Bäumen, die Treppe hinauf, durch den Park, an der Ruine vorbei, die Treppe hinunter, in die Stadt, begleitet von den Klängen, die aus den geöffneten Fenstern der Musikschule drangen.

Sie sitzt in einem nüchtern eingerichteten Raum in einem öffentlichen Gebäude in einem Land, das so anders ist als das, in dem sich das Zimmer befindet, das für einige Zeit ihres war, und der kleine Gegenstand in ihrer Hand scheint direkt aus diesem Zimmer zu stammen, dessen Boden aus breiten, dunklen Balken bestand, die sich unter ihren nackten Füßen warm anfühlten, ganz gleich, wie kalt es draußen war. Sie mochte es, sich vorzustellen, dass vor ihr schon viele, viele andere Menschen in dem Zimmer gewohnt hatten, und manchmal glaubte sie, die Wärme an ihren Fersen und Zehen müsste von diesen Menschen kommen, die einen Teil ihres Lebens damit verbracht hatten, über diese Balken zu laufen, die die Wärme speicherten, sie festhielten, um sie abgeben zu können an die nächsten Füße, die dort ihre Schritte machen würden. Und auch sie hatte Wärme hinterlassen. Wärme und Erinnerungen, Erinnerungen, die wach wurden, als sie dieses kleine Stück Holz berührte. Und die Erinnerungen werden zu Worten.

Ihr Kopf spult vor, lässt die Zeit, die vergangen ist, seit sie das Zimmer mit den warmen Balken und der kalten Luft endgültig verlassen hatte, in schwindelerregendem Tempo an ihrem inneren Auge vorbeiziehen, überspringt einige Abschnitte ganz, und landet schließlich bei diesem Moment am Tag zuvor. Bei dieser Szene, in der die Kamera hin und her schwenkte zwischen ihren Augen und denen des Hundes, bis dieser das Interesse verlor, nach vier Minuten oder einer halben Stunde oder siebzehn Sekunden. Die Angst und der Hass verschwanden, wichen aus ihrem Körper wie die Luft aus ihren Lungen, als sie zum ersten Mal nach einer gefühlten Ewigkeit ausatmete. Sie lief zurück in die Richtung, aus der sie gekommen war, ihre Beine bewegten sich, trugen sie vorwärts, weil sie es so wollte, die Taubheit hatte auch ihre Glieder verlassen. Sie kam an der Bank am Wegweiser vorbei, auf der sie schon so oft gesessen hatte, auch schon, als alles noch so war wie immer, so wie es bleiben sollte. Doch plötzlich war sie sich nicht mehr sicher, ob es so wirklich hätte bleiben sollen. Sie sah ein Eichhörnchen, das in den Ästen eines Baumes kletterte. Sie hörte den Gesang der Vögel und das Geräusch, das ihre Schritte auf den Kieselsteinen verursachten. Sie roch frisch gemähtes Gras und Brombeeren und einen Hauch des typischen Geruchs aus dem Imbiss, der sich ganz in der Nähe befand, auch wenn sie sich das zwischen den Bäumen und Feldern kaum vorstellen konnte. Es war genau so, wie es auch schon gewesen war, als alles noch so war, wie sie gedacht hatte, dass es hätte bleiben sollen. Alles, was sie sah und hörte und roch und schmeckte und fühlte, gehörte ihr, ihr allein, sie musste diese Erlebnisse nicht teilen, um sie schätzen zu können. Ihre Augen waren kein bisschen blinder ohne seine, und ihr Herz und Hirn kein bisschen schwächer.

Ihre Gedanken und ihre Hand halten inne. Sie legt den Stift ab, hebt den Kopf und sieht die Menschen um sie herum an, die die verschiedensten Gegenstände betrachten und berühren und das, was sie dabei denken und empfinden, auf Papier festhalten, in Worten oder Zeichnungen oder einer wirren Mischungen aus beidem. Das hier ist nicht das Zimmer mit den Holzbalken, das hier ist nicht das Land, in dem sie an der Bahnschranke wartete. Sie war dort, damals, ohne ihn, und sie ist hier, jetzt, ohne ihn, und sie lächelt, als der Kursleiter sie ansieht und fragt: „Möchtest du vorlesen, was du geschrieben hast?“ Sie nickt, blickt auf ihre Notizen und will gerade zu lesen beginnen, als ihr noch etwas einfällt. „Moment“, sagt sie, nimmt den Stift wieder in die Hand, und schreibt ein letztes Wort auf das Papier, in die linke obere Ecke, in Großbuchstaben, einer Überschrift gleich: „Freiheit.“

(Dies ist die persönlichste Kurzgeschichte, die ich für das Projekt bisher geschrieben habe, und vielleicht wirkt sie genau deshalb auf den einen oder anderen Leser etwas wirr, aber es war mir wichtig, sie genau so zu schreiben, und ich hoffe, auch ihr könnt ihr irgendetwas abgewinnen. Ich habe mir übrigens vorgenommen, nach Abschluss des Projekts in einem Post ein bisschen über die Entstehung der Geschichten und den Schreibprozess zu erzählen, vielleicht klären sich damit ja eventuelle Fragen – wobei ich natürlich nicht vorhabe, durch Anmerkungen zu jedem einzelnen Satz den Interpretationsspielraum einzuschränken.) 


Was ist das Projekt Patine?

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