Inner Hell [Projekt Patine – 8]

Eine schnurgerade Straße, rechts und links gesäumt von Nadelbäumen, durch deren dichtes, dunkelgrünes Kleid die Sonne sich mühsam einen Weg bahnt. Kaum Gegenverkehr, eine leise Geräuschkulisse aus dem Brummen des Busmotors, dem Gespräch zwischen den beiden Frauen drei Reihen weiter vorne und seinen eigenen Gedanken, die keine Ruhe geben wollen. Jonas blickt verwundert auf diese Welt aus Grün, Gelb und Blau. Er denkt an damals, und wenn er die Augen schließt, schafft er es, für einen Moment wieder der Junge zu sein, der nicht in einem Bus saß, sondern wanderte, die Landschaft in viel langsamerem Tempo auf sich wirken ließ. Die gleiche Landschaft, die er jetzt vor sich sieht, wenn er die Augen wieder öffnet.

Doch jetzt ist nichts so wie damals. Vielleicht weil die Jahreszeit eine andere ist, weil sie das Gegenteil ist von allem, was damals normal war. Keine kalte, klare Luft, die für eine Weile mit jedem Atemzug befreiender wirkt, bevor sie anfängt, unter die Kleidung zu kriechen, bis sie überall ist und die Bewegungen, die Sprache, das Denken lähmt. Kein Knirschen des knöchelhohen Schnees unter seinen Schuhsohlen und damit auch keine Verwunderung über dieses seltsame Gefühl, etwas zu bedeuten, etwas zu bewirken, etwas zu verändern in der Natur, indem er mit seinen Schritten Spuren hinterlässt, deren Vergänglichkeit er bewusst ausblendet. Keine dicke Eisschicht, die die Seen überzieht, über die er mühelos laufen kann, während es ihm unmöglich ist, sich vorzustellen, dass man darin auch schwimmen könnte, in einer anderen Jahreszeit.

Er ist allein, und er weiß, dass er diese Reise hauptsächlich deshalb macht, weil er den Wunsch verspürt hat, der Realität gleichzeitig davon und entgegen zu fahren. So wie sein Großvater damals, der zur Fortbewegung jedoch lieber die eigenen Füße verwendete als ein Fahrzeug, das die Geräusche der Natur, das Rascheln, Knirschen und Knacken, um eine ganz und gar menschengemachte Komponente erweitert. Es war, als wolle er weder bleiben noch ankommen und habe deshalb beschlossen, sich einfach eine Weile lang zu bewegen, zwar mit einem Ziel vor Augen, aber einer nur sehr schwachen Intention, dieses wirklich zu erreichen. Vielleicht wollte er leben, ohne sich niederzulassen, ohne einem bestimmten Ort zu erlauben, sein Leben für länger als nur ein paar Stunden oder einen Tag zu beeinflussen. Jonas hat lange gebraucht, um zu begreifen, was aus Sicht seines Großvaters so sehr gegen die Festlegung auf einen Ort sprach. Er musste erst erwachsen werden, selbst an den verschiedensten Orten ankommen und sie wieder verlassen, Dinge und Menschen kennenlernen und wieder verlieren, und, ja, vielleicht musste er in genau diesen Bus einsteigen, um zu verstehen, dass die Bindung an einen Ort immer auch eine Bindung an Menschen bedeutet. Und Menschen sind nicht wie Orte, sie sind keine Fixpunkte, an die man immer und immer wieder zurückkehren kann. Sie kom­men und sie gehen, sie haben ihr eigenes Tempo, sie bleiben nicht stehen. Ein Ort kann sich äußerlich bis zur Unkenntlichkeit verändern, aber er behält seinen Charakter. Über seine Heimatstadt hat Jonas‘ Großvater gesagt, sie sei die Gleiche geblieben, obwohl sie eines Tages beinahe vollständig dem Erd­b­­oden gleichgemacht worden war, sie habe ihr Wesen ebenso wenig verloren wie ihre Lage am Meer, das in der Kindheit des Großvaters fast jeden Winter zufror wie die Seen, die Jonas jetzt voller Erstaunen als blaue Ansammlungen flüssigen Wassers an sich vorbeiziehen sieht. Wenn ein Mensch sich verändert, neue Eigenschaften dazugewinnt, alte Gewohnheiten ablegt, vom Leben gestärkt oder geschwächt wird, behält er seine Augen, aus denen er beobachtet und in denen andere Menschen zu lesen versuchen. Man sieht ihn an und erkennt ihn wieder, aber nur seine Oberfläche, unter der sich etwas Neues, vollkommen Unbekanntes verbirgt.

Jonas weiß, dass sein Großvater Veränderungen nur schwer ertragen konnte, während er sich gleichzeitig nach ihnen sehnte. Auch deshalb passte diese Reise so gut zu ihm, sie bedeutete Stillstand und Fortschritt zur selben Zeit, sie erlaubte es ihm, auszubrechen aus der Welt, die sich stetig wandelt, und gleichzeitig ebendiese Wandlung hautnah mitzuerleben. Jonas begleitete ihn nur für zwei Wochen und er war zu jung, um das vollends zu verstehen, doch heute ist er sich sicher, dass es sich so verhielt, und dass er diese seltsame Mischung aus Angst vor Veränderung und einem ungeduldigen Stre­ben nach Weiterentwicklung geerbt hat. Vor sechs Wochen ist er in die Heimatstadt seines Großvaters gereist, um ihren Charakter zu entdecken, doch alles, was er dort fand, war die Erkenntnis, dass Erzählungen und Fotos nicht mehr vermitteln können als ein blasses Abziehbild von dem Gefühl, das den Erzähler ergriff, als er die Häuser und Straßen betrachtete und auf den Auslöser drückte. Jonas war dem Trugschluss erlegen, dass er, weil er seinen Großvater so gut kannte, in der Lage wäre, die Stadt mit dessen Augen zu sehen, aber es ging nicht, sie blieb ihm fremd. Er hatte sich damit getröstet, dass das ganz natürlich ist, wenn man zum ersten Mal an einen Ort kommt, ganz gleich, wie viel man schon über ihn gehört hat, doch jetzt sieht er die Bäume und die Straße und den Himmel und erkennt sie nicht wieder, und das muss doch bedeuten, dass die Tatsache, dass man einen Ort schon einmal besucht hat, alleine keinen Wert hat, weil sie keine Vertrautheit schafft.

Der Rucksack, den der Großvater auf dem Rücken trug, enthielt alles, was sie unterwegs benötigten, und manchmal fragte Jonas sich, wie das alles dort hineinpassen konnte, die Kleidung, die Kamera, die Schokolade, die Landkarte, das Notizbuch, in das der Großvater jeden Abend seine kurzen, präzisen Eintra­gungen machte. Manchmal nahm jemand sie ein Stück im Auto mit und dann merkte Jonas, dass der Rucksack schwer sein musste, wenn der Großvater ihn unter Mithilfe des Fahrers in den Kof­ferraum oder auf die Rückbank hievte. Doch sobald sie ausgestiegen waren, lief der Großvater mit dem Rucksack weiter, und nichts an seinem zielstrebigen, aufrechten Gang verriet das Gewicht seines Gepäcks. Vielleicht war es das, was Jonas damals am meisten faszinierte, was ihn zu seinem Groß­vater aufblicken ließ und ihn stolz machte, weil er mit ihm gehen durfte. Jeden Abend, wenn sie ihre Unterkunft für die Nacht erreicht hatten, breitete der Großvater die Landkarte aus und zeigte Jonas, wie sie am nächsten Tag laufen würden, und Jonas prägte sich die Strecke so genau ein, dass er während der ganzen zwei Wochen nicht einmal fragen musste, wie weit es noch sei, auch nicht dann, wenn seine Füße vor Kälte und Anstrengung zu prickeln begannen.

Der Bus biegt in ein Dorf ab und hält an einem hölzernen Haltestellenhäuschen, drei Mensche steigen ein, zwei Menschen steigen aus. Für einen kurzen Moment verspürt Jonas den Drang, ihnen zu folgen, den Bus mit seiner warmen, stickigen Luft zu verlassen und einfach zu laufen, seine Beine zu spü­ren, so wie damals. Doch er bleibt sitzen. Sein Großvater ist niemals von der geplanten Strecke ab­gewichen. Heute weiß Jonas, dass er deshalb so stur dem vorher festgelegten Weg folgte, weil das ihm das Gefühl gab, ausnahmsweise einmal uneingeschränkt selbst entscheiden zu können, ohne dass das Leben sich einmischen, feststehende Pläne kurzfristig zunichte machen, plötzlich das Einlassen auf veränderte Umstände verlangen konnte. Seltsam, denkt Jonas, als der Bus auf die Landstraße zurückkehrt. Seltsam, dass auf dieser Reise, die allein aufgrund des unberechenbaren Wetters so vie­le Risiken barg, alles tatsächlich genau so verlief, wie es der Großvater geplant hatte, jedenfalls in die­sen zwei Wochen, ganz so, als habe der Entschluss, die Reise trotz all der Unwägbarkeiten anzutreten, ihn mit der Macht ausge­stat­tet, seine Vorstellungen in jeder Sekunde kompromisslos durchzusetzen.

Einer der Männer, die zugestiegen sind, setzt sich Kopfhörer auf und fügt der Geräuschkulisse das von außen kaum als Musik zu erkennende Rauschen elektrischer Gitarren hinzu. Jonas lehnt den Kopf an die vibrierende Fensterscheibe, die Landschaft und das Innere des Busses verschwimmen vor seinen Augen zu einem wirren Gemälde, und plötzlich fragt er sich, ob sein Großvater jemals an der Idee, ihn für eine Weile mitzunehmen, gezweifelt hat. Ob er selbst nicht vielleicht der größte Risikofaktor war, ein Junge von zwölf Jahren ohne Wandererfahrung, der noch nie einen so strengen Winter erlebt hatte, und für den Urlaub das stundenlange Faulenzen bei Sonne und Hitze an einem Strand oder Pool bedeutete. Er dachte, sein Großvater wolle ihm vermitteln, was es heißt, zu verzichten, die kleinen Dinge wertzuschätzen, und ganz und gar auf den eigenen Körper und die eigene Willenskraft angewiesen zu sein, und ja, all das hat er gelernt, doch er glaubt nicht mehr daran, dass das der Plan des Großvaters war. Denn er kennt die Wahrheit, kennt sie seit diesem Moment, in dem sein Großvater eine der wenigen Fragen beantwortete, die Jonas ihm während der Reise stellte, eine Frage, die sich nur auf ein Detail bezog, mit deren Beantwortung der Großvater jedoch alle anderen möglichen Fragen überflüssig machte.

Es war der Abend vor seiner Abreise. Am nächsten Tag sollte Jonas zum zweiten Mal in seinem jungen Leben alleine in ein Flugzeug steigen und zurückfliegen an einen Ort, den er sein Zuhause nannte, der ihm aber nun, nach dreizehn Tagen Wanderschaft, unendlich weit entfernt schien, ganz so, als sei er nicht dort, sondern in dieser kalten, weißen, manchmal schmerzhaften Natur aufgewachsen, die ihn in den hinter ihm liegenden Tagen ständig umgeben und ganz in sich aufgenommen hatte. Die wenigen Dinge, die er von diesem fremden Ort mitgenommen hatte, lagen nun nicht mehr im Rucksack des Großvaters, sondern in der kleinen Tasche, die die ganze Reise über zusammengefaltet irgendwo zwischen Pullovern und Proviant ihren zu vernachlässigenden Beitrag zu dem Gewicht geleistet hatte, das der Großvater schulterte. Jonas fühlte, wie ihn eine tiefe Traurigkeit überkam bei dem Gedanken, dass er diese Tasche am nächsten Tag in seinem Zimmer abstellen würde, das viel mehr Dinge enthielt, als selbst der stärkste Großvater je auf dem Rücken transportieren könnte. Er drehte sich um, getrieben von dem plötzlichen Drang, den Blick abzuwenden von der Tasche, die ein Symbol war für die Zukunft und die Vergangenheit, in die er nicht zurückkehren wollte. Sein Großvater saß am Tisch und sah ihn durch die großen, runden Gläser seiner Brille an. „Eine Sache musst du noch ein­packen“, sagte er und stand auf. Dann holte er aus seinem Rucksack einen Gegenstand, den er nicht nur in den dreizehn gemeinsam verbrachten Tagen, sondern schon davor bei sich getragen hatte, und den er nun weitergeben wollte an seinen Enkel, der ihn fast zwanzig Jahre später nur wenige Kilometer entfernt in einem Bus aus seinem Rucksack nehmen und betrachten würde, in dem vergeblichen Versuch, darin die Landschaft vor dem Fenster wiederzuerkennen. Jonas blickte auf sei­ne Hände, die plötzlich diesen Gegenstand hielten, den zuvor immer nur die knochigen, langen Fin­ger des Großvaters gehalten hatten, und war so erstaunt, dass er nicht mehr herausbrachte als: „Warum?“ Sein Großvater nahm die Brille ab und sah ihn lächelnd an, und in seinem Lächeln erkannte Jo­nas einen Anflug der Traurigkeit, die sein eigenes Herz so schwer machte. Und dann sagte der Großvater, so leise, als würde er ein Geheimnis aussprechen: „Weil Du so bist wie ich.“

Jonas lauscht auf die undefinierbare Gitarrenmusik, die Stimmen, die sich in einer Sprache unterhalten, von der er kein Wort versteht, und auf den Busmotor. Morgen wird er in ein Flugzeug steigen und zurückfliegen an einen Ort, der sich nicht wie sein Zuhause anfühlt, aber darum geht es nicht in seinen Gedanken. Er ist in die Stadt gereist, in der sein Großvater aufgewachsen ist, und hat sie nicht gefunden, nicht verstanden, und dann ist er hierher gekommen, weil er wollte, dass sich das hier, die­se Komposition aus Bäu­men, Wiesen, Wald­wegen und Seen, wie sein Zuhause anfühlt, so wie damals, aber auch hier ist er gescheitert. Nun ist er auf dem Weg an den letzten Ort, an den sein Großvater jemals gegangen ist, und er hat Angst, Angst davor, erneut nur körperlich anzukommen, aber nicht mit Herz und Hirn, unfähig, den Ort mit der Stimme zu verknüpfen, die damals diese sechs Worte sprach, während er staunend die Landkarte in der Hand hielt, auf der er jetzt erkennt, dass es nicht mehr weit ist bis zum Friedhof.

(Leider keine optimale Version des Songs, aber die einzige, die in Videoform zu finden war. Ein gewisses Charakteristikum des Songs ist hier fast noch schlechter zu hören als der Gesang, und ich fürchte fast, dass man so kaum nachvollziehen kann, wie der Song mich inspiriert hat – daher hier noch ein Link zur Albumversion.)


Was ist das Projekt Patine?

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2 Gedanken zu „Inner Hell [Projekt Patine – 8]

  1. Der Satz gefällt mir besonders gut:
    „Wenn ein Mensch sich verändert, neue Eigenschaften dazugewinnt, alte Gewohnheiten ablegt, vom Leben gestärkt oder geschwächt wird, behält er seine Augen, aus denen er beobachtet und in denen andere Menschen zu lesen versuchen. Man sieht ihn an und erkennt ihn wieder, aber nur seine Oberfläche, unter der sich etwas Neues, vollkommen Unbekanntes verbirgt.“
    Wie immer, präzise und gefühlvoll erzählt.

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