Behind the Walls [Projekt Patine – 7]

Das Leben ist komisch. Es kann wehtun. Es kann glücklich machen. Es kann einfach sein und kompliziert, es kann eintönig sein und aufregend, es kann erfüllen und sich sinnlos anfühlen. Niemand weiß das besser als ich, obwohl ich nie ein Leben gelebt habe. Aber ich habe viele Leben beobachtet. Jedenfalls Ausschnitte davon, ein paar Stunden, einen Tag, manchmal eine ganze Woche. Das ist allerdings nicht viel im Vergleich mit einem ganzen Menschenleben, und es ist noch weniger verglichen mit der Zeit, die mir gegeben ist, wobei es in meinem Fall sehr schwierig ist, zu bestimmen, wann diese Zeit abgelaufen sein wird. Weil ich kein Leben habe, habe ich auch keinen Tod.

Das Leben hinterlässt seine Spuren in den Gesichtern der Menschen. Und ich hatte schon viele Gesichter. Ich war die Frau, die ihren Kindern am Telefon sagte, sie sei nur im Urlaub, sie komme bald wieder, und sie und der Papa hätten am Morgen nur ein bisschen diskutiert. Ich war der Schauspieler, der seinen Text übte, den gleichen Satz wieder und wieder aufsagte, und dabei zunehmen wütend wurde, wütend auf sich selbst, auf den Mund, den er mit mir teilte, weil dieser nicht in der Lage war, die richtige Stimmlage zu erzeugen. Ich war das Mädchen, das sich auf das erste Date mit diesem ganz besonders tollen Jungen vorbereitete, mit einer Mischung aus Freude und Angst, die ihre Hände zittern ließ, als sie versuchte, mit viel Make-Up den Pickel an ihrem Kinn zu kaschieren. Ich war der Geschäftsmann, der in aller Frühe aufstand, spät in der Nacht schlafen ging und ständig aufwachte, das Licht einschaltete und sich mit einem tiefen Seufzer in die von dunklen Schatten unterlegten Augen blickte, die für diesen Moment auch meine waren.

Von keinem dieser Menschen kann ich auch nur ansatzweise sagen, wie seine Geschichte angefangen hat, oder wie sie weiterging nach diesen kurzen Episoden, in denen ich ihre Augen, Nasen, Münder reflektierte. In der ersten Zeit, die ich hier verbracht habe, habe ich es immer bedauert, wenn ein Mensch ging, wenn er die Tür hinter sich zuzog und es für eine Weile still und leer wurde. Ich wollte wissen, was als nächstes passiert, ganz gleich, ob ich mich mit den Augen, der Nase, dem Mund dieses Menschen wohlgefühlt hatte oder nicht. Inzwischen jedoch lasse ich die Menschen gehen, ohne weiter darüber nachzudenken. Sie werden jedes Mal schnell ersetzt: die Frau, die ihren Kindern etwas vorspielt, durch den Mimen, der meint, niemandem glaubwürdig etwas vorspielen zu können; das Mädchen, das kleine Makel zu verdecken sucht, durch den Anzugträger, der die deutlichen Zeichen des Schlafmangels gar nicht mehr verdecken kann.

Die Menschen können lügen, Rollen einnehmen und der Natur nachhelfen, so viel sie wollen – wenn sie mir gegenüber stehen, sind sie ganz sie selbst, ehrlich, ungeschminkt. Sie fühlen sich sicher in diesen vier Wänden, die nicht ihre eigenen sind, in denen sie sich nur vorübergehend aufhalten, ein Aufenthalt, für den sie bezahlen müssen, und ich habe so einiges mitbekommen, das vermuten lässt, dass sich die Bezahlung nicht immer auf das Geld beschränkt, das sie drei Stockwerke tiefer auf den Tisch legen. Denn obwohl sie hier alleine sind, passieren hier Dinge, die ihre Beziehungen, ihr Leben verändern können. Sie telefonieren, sie denken nach, sie führen Selbstgespräche, nicht ahnend, dass sie sowohl die Lippen, die die Worte formen, als auch die Ohren, die die Worte empfangen, mit mir teilen. Sie treffen Entscheidungen, und weil ihnen hier niemand widersprechen kann, nehmen sie diese Entscheidungen mit, wenn sie das Zimmer wieder verlassen. Es stört mich nicht mehr, dass ich nie erfahre, ob sie sie jemals in die Tat umsetzen, diese einsam gefassten Entschlüsse, die sie manchmal, vor mir stehend, laut aufsagen, so oft, bis sie meinen, wirklich daran zu glauben. Einmal nahm eine Frau ihren Lippenstift und schmierte damit drei tiefrote Worte quer über meine, ihre, unsere Stirn: „Alles wird gut.“ Auch das eine Entscheidung, ein bewusster Beschluss, ein Plan für die Zukunft, geschrieben von einer Hand, die zum gleichen Körper gehörte wie das Gesicht, das ganz aufgequollen war von den vielen Tränen, die geflossen waren, bis irgendein unergründlicher Prozess im Gehirn zu der Idee geführt hatte, dass alles gut wird, wenn man nur daran glaubt.

Und sie kommen sich selbst näher, hier, in diesen vier Wänden. Ihr Alleinsein zwingt sie zur Selbstreflexion. Manchmal zucken ihre Mundwinkel unwillkürlich, wenn sie sich an etwas erinnern, das sie zu einem anderen Menschen gesagt haben, und das ihnen nun falsch oder schlichtweg albern vorkommt. Sie lächeln bei dem Gedanken an schöne Momente, die lange vergangen sind, sie aber nie losgelassen haben. Sie ärgern sich über sich selbst, sie sind stolz auf ihre Leistungen, sie verspüren Zukunftsangst und Vorfreude auf den nächsten Tag, sie geben sich ihren Illusionen hin und lassen Tagträume zu. Sie wissen nicht, dass ich all das mit ansehe. Ich bin ein Meister im Deuten von Gesichtsausdrücken. Eine Eigenschaft, die auf die meisten Menschen offenbar nicht zutrifft. Denn die Geschichte eines Menschen ist, wie mir im Laufe der Zeit klar geworden ist, immer auch eine Geschichte von Missverständnissen, von unendlich vielen Fehlschlüssen. Ich habe es aufgegeben, mir zu wünschen, ich könnte mitbekommen, ob sie jemals aufgeklärt werden, diese Irrtümer, die in den Köpfen der einsamen Gäste dieses Zimmers wachsen, sich verzweigen, ein undurchdringbares Dickicht bilden. Einmal schlug ein Mann mit der Faust mitten in mein, sein, unser Gesicht, vollkommen außer sich über die Entdeckung, dass er jahrelang belogen worden war. Er schlug nicht fest genug, um sich, mir, uns wirklich etwas anhaben zu können, aber der Schlag löste irgendetwas in ihm aus, er nahm seine Jacke und rannte aus dem Zimmer, auf zwei Beinen, die zum gleichen Körper gehörten wie das Gesicht, das durch all die Wut kaum wiederzuerkennen gewesen war, bis irgendein unergründlicher Prozess im Gehirn zu der Idee geführt hatte, dass es helfen könnte, die Wut in eine Bewegung zu stecken.

Ich beneide sie nicht um das Leben, die Menschen. Es muss anstrengend sein, so viele Gefühle in sich zu tragen, die früher oder später alle ihren Weg an die Oberfläche finden und sich zeigen, wenn nicht in Worten oder deutlichen Bewegungen, dann doch wenigstens in den kleinen Gesichtsregungen, von denen die Menschen oft gar nicht wissen, dass es sie gibt. Ja, die Menschen sind frei, im Gegensatz zu mir. Sie können hingehen, wohin auch immer sie wollen, können sprechen, mit wem sie möchten, sie können entscheiden, was sie sich anhören und was nicht. Aber jeder von ihnen hat nur ein Leben und nur ein Gesicht. Und ich mache mir nichts aus Freiheit, denn ich weiß nicht, wie es ist, frei zu sein.

Ich bin ein Außenstehender, ich habe nicht die geringste Vorstellung davon, wie es sich anfühlt, ein Leben zu leben. Aber ich weiß sehr genau, vielleicht genauer als jeder Mensch auf dieser Welt, wie das Leben sein kann. Traurig, glücklich, wütend, stolz, aufgeregt, melancholisch, ängstlich, entzückt, verzweifelt. Alles Worte, deren Sinn sich mir im Laufe vieler, vieler Jahre nach und nach erschlossen hat, Worte, die ich zu verstehen lernte, indem ich beobachtete, Gesichter las und einfach immer hier war, an dieser Wand, unbeweglich, stumm, gefühllos. Ich bin hier, weil man mich eines Tages hierher gebracht hat. Sollte morgen jemand beschließen, mich an einen anderen Ort zu bringen, dann werde ich eben dort weiter beobachten und dort weiter meine Gesichter wechseln wie die Menschen ihre Stimmungen. Das Leben ist komisch, egal wo.

(Die Albumversion des Songs kann man hier hören.)


Was ist das Projekt Patine?

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