Interlude [Projekt Patine – 6]

Ein Abend am Fluss, zwei Stunden vorher einkaufen, drei Stationen mit der Bahn, vier Minuten Fußweg, fünf Stufen die Treppe hinunter, sechs Flaschen Bier im Rucksack. Es ist heiß, sie schwitzt, der Rucksack ist schwer. Eine Gruppe Jugendlicher sitzt in der Nähe der Brücke im Gras. Sechzehn, siebzehn, höchstens, denkt sie, als sie vorübergeht. Zwei Mädchen teilen sich ein Paar Kopfhörer, das mit einem Handy verbunden ist, und singen lauthals einen Song mit.

Ihre eigenen Freunde sitzen nicht weit entfernt, auf Decken und Handtüchern. Sie läuft auf sie zu und fragt sich plötzlich, wie sie jede der dort sitzenden Personen mit nur einem Wort beschreiben könnte. Ihre Augen wandern zwischen den Gesichtern hin und her, erfassen Frisuren, Hauttöne, Wangenknochen, und können all die anderen Dinge, die zu diesen Menschen gehören, bestenfalls erahnen. Sie findet keine einzelnen Worte, keine Kurzbeschreibungen, ihr Gehirn beginnt unwillkürlich mit dem Formulieren langer, komplexer Sätze. Sie ist froh, als sie die Gruppe erreicht, den Rucksack abstellen und die Gedanken abschütteln kann. Sie platzt mitten in eine Geschichte, die der Erzähler bereitwillig noch einmal von vorne beginnt, immer wieder unterbrochen von Zwischenfragen und dem Geräusch von Flaschen, die geöffnet, Gläsern, die gefüllt werden. Sie hört zu, sie streckt die Beine aus, sie denkt nicht mehr.

Ein Schiff gleitet wie in Zeitlupe auf dem Fluss dahin, an ihnen vorbei, und schließlich aus ihrem Blickfeld. An diesen heißen Sommertagen wirkt alles träge, die Natur, die Menschen, die Maschinen. Nichts und niemand scheint zu hastigen Bewegungen fähig. Nichts und niemand, bis auf die Zeit. Dieser Tag ist so schnell vergangen, acht Uhr, zwölf Uhr, siebzehn Uhr, dann: elf Euro siebenundvierzig an der Supermarktkasse, Bahnlinie sieben um neunzehn Uhr neun. Und nun ist sie hier. Eine ihrer Freundinnen spricht von ihrem neuen Job, die Aufgaben sind langweilig, der Chef ist ein Choleriker. Immer nehmen sie sich vor, nicht über die Arbeit zu sprechen, und scheitern jedes Mal. Die Jugendlichen bei der Brücke lachen laut über einen Witz, den einer der Jungs gemacht hat, er sonnt sich in diesem Erfolg.

Eine andere Freundin hat noch ihren alten Job, aber eine neue Wohnung. Sie muss Kartons auspacken und Möbel aufbauen, alles bei dieser Hitze, und vielleicht war es nicht die beste Idee, unters Dach zu ziehen, aber in der alten Wohnung konnten sie und ihr Freund nicht bleiben. Einfach zu wenig Platz auf Dauer, und wer weiß, was die nächsten Jahre bringen. Arbeiten und Einrichten und Vorsorgen, alles kostet Zeit, wertvolle Zeit, die man plötzlich nicht mehr hat, und hat man sie doch, will man sie nutzen, möglichst sinnvoll und möglichst weit weg von zu Hause, und im Urlaub denkt man gleich an den nächsten, an all die Orte, die man noch sehen will, und dann fühlt es sich an, als müsste man überall gleichzeitig sein, am Strand und in den Bergen, im Hotel und im Zelt, im Wellnessbereich und auf dem Fahrrad, und gleichzeitig wäre man gerne einfach zu Hause, um endlich all das zu erledigen, was sich seit Wochen sammelt. Die beiden Mädchen singen ein neues Lied, dieses Mal bewusst schief.

Der Hund einer vorübergehenden Familie lenkt für kurze Zeit die Aufmerksamkeit der Freunde auf sich. Er schnuppert neugierig an den Taschen und Tüten, die zwischen ihnen liegen, sie lassen ihn gewähren, beobachten ihn schweigend. Sein unbekümmertes Verhalten holt sie für einen Augenblick zurück in die Gegenwart, in der sie in diesen Tagen immerzu damit beschäftigt sind, über die Zukunft zu sprechen, über Reisen, Hochzeiten, Umzüge, Beförderungen. Als die Familie es geschafft hat, den Hund zum Weitergehen zu überreden, herrscht für eine Weile Schweigen, sie sehen sich an, als hätten sie vergessen, worüber zuletzt geredet wurde, aber das haben sie nicht. Das alte Gesprächsthema wirkt auf sie nur ebenso wenig verlockend wie der langweilige, immer gleiche Asphaltgeruch des Uferwegs auf den Hund.

Sie betrachtet ihre Freunde. Sie kennt diese Menschen seit fast zwölf Jahren. Über viertausend Tage, über einhunderttausend Stunden, über sechs Millionen Minuten. Sie hat sie schon oft angesehen und sich gefragt, wie sie sie und ihre Beziehung zu ihnen am besten beschreiben könnte. Kurz, prägnant, nachvollziehbar. Mit einem Bild, einer Metapher. Für eine Weile war sie davon überzeugt, dass das Beziehungsnetzwerk eines Menschen im Ergebnis eine Summe ist. Diese Beziehung plus diese plus diese plus jene. Jede Beziehung hat dabei einen bestimmten Wert, der sich zusammensetzt aus vielen einzelnen Faktoren, und alle diese Werte zusammen addiert ergeben die Summe. Sie hat diese Überzeugung verworfen. Weil sie wie besessen versuchte, die Werte zu bestimmen, menschliche Kommunikation in Zahlen auszudrücken. Ein Lächeln ist eine drei, eine Umarmung eine fünf, bei Gesprächen kommt es auf Länge und Thema an. Eine erfundene Skala für nicht messbare Werte. Eine Formel mit zu vielen Unbekannten. Unbefriedigend. Nie wusste sie, ob sie die richtigen Zahlen addierte. Und gab es nicht auch Fälle, in denen sie etwas abziehen müsste? Und war das alles überhaupt richtig, wer war sie, zu glauben, sie dürfe ihre Freunde auf diese Weise beurteilen?

Das Gespräch geht weiter. Jeder einzelne in der Runde hat das Gefühl, dass im eigenen Leben wenig passiert, das alles einfach seinen Gang geht, Tag für Tag. Und gleichzeitig scheint sich im Leben der anderen alles ständig zu verändern, zu wachsen, sich zu entwickeln. Die anderen machen Schritte nach vorne und manchmal auch zurück, aber man selbst bleibt stehen. Jeder erzählt von sich und hat den Eindruck, im Grunde nichts zu sagen zu haben, aber alles, was jemand sagt, hinterlässt seine Spuren bei den anderen, bringt sie zum Lachen oder zum Nachdenken, hallt nach in ihren Köpfen. Vielleicht sprechen wir deshalb so ausführlich über scheinbar belanglose Dinge, denkt sie, vielleicht hoffen wir, dass sie im Nachklang alles andere als banal sind, dass sie, sobald sie unsere Lippen verlassen haben, in den Ohren eines anderen irgendetwas bewirken. Jeder von uns hat irgendwann einmal etwas gesagt, dass einen der anderen dazu veranlasst hat, etwas zu tun oder nicht zu tun. Jeder von uns hat beraten, motiviert, beeinflusst. Und jeder von uns hat Ratschläge angenommen, sich ermutigt gefühlt, die eigenen Gedanken und Handlungen in eine bestimmte Richtung gelenkt.

Das Beziehungsnetzwerk eines Menschen ist keine Summe, es ist ein Mosaik. Jedes Steinchen repräsentiert einen anderen Menschen, und jeder dieser Menschen erfüllt eine Funktion, manchmal auch mehrere, aber niemals alle. Alle Funktionen sind nur dann erfüllt, wenn das Mosaik vollständig ist. Es ist unerheblich, aus wie vielen Steinchen ein Mosaik besteht, ob zwanzig oder siebzig oder zweihundert. Jeder Mensch ist für jeden anderen Menschen, den er kennt, nur ein Steinchen unter vielen, und umgekehrt. Mehr zu sein als das, egal in wessen Mosaik, wäre zu viel, überfordernd.

Kleine Wellen schlagen ans Ufer, als drei der Jugendlichen mit nackten Füßen in den Fluss waten, erst vorsichtig, dann immer mutiger, bis ihnen das Wasser an die Knie reicht. Der Rest der Gruppe sieht zu, stellt Vermutungen über die Sauberkeit des Flusses an, doch wenig später stehen sie alle im Wasser. Bis auf einen Jungen. Er sieht sich um, und für einen Moment ist es vollkommen still. Dann rennt er los, rennt auf die anderen zu, rennt in den Fluss. Ein Mädchen kreischt, Wasser spritzt, der Junge stolpert und landet mit dem gesamten Körper im Wasser, die anderen lachen. Und dann vergessen sie, dass sie vollständig angezogen sind, dass sie noch mit der Bahn nach Hause fahren müssen, dass man hier nicht baden darf. Sie schwimmen, sie spritzen einander nass, das kühle Wasser nimmt die Trägheit.

Die heiße Luft ist erfüllt vom Gelächter und den Schreien der Jugendlichen, so sehr, dass sie erst nach einer Weile bemerkt, wie still es in ihrer eigenen Runde geworden ist. Niemand spricht, alle sitzen sie da, mit ihren Flaschen und Gläsern in den Händen, und sehen hinüber zu den Badenden. Sie erkennt Erstaunen in den Augen ihrer Freunde, und Belustigung und eine Melancholie, die an Neid grenzt. Sie sind nicht mehr siebzehn. Das Leben hat ihnen Chancen beschert und sie haben sie genutzt, sie haben Jobs und Geld und Ruhe und noch mehr Chancen, sie haben alles, aber in diesem Moment wollen sie nichts außer Abkühlung und Unbeschwertheit. Einer ihrer Freunde seufzt, ein anderer schüttelt nachdenklich den Kopf, und plötzlich muss sie lachen. Die anderen sehen sie fragend an, doch dann weichen Verwirrung und Melancholie aus ihren Gesichtern, sie sieht, wie sich Mundwinkel nach oben verziehen und kleine Falten um die Augen entstehen, und schließlich lachen sie alle, lachen lauter als es die Jugendlichen im Fluss jemals könnten.

Sie sind älter geworden, haben gelernt und gearbeitet, haben erste Falten bekommen, sind reicher geworden an Geld und Erfahrungen, haben begonnen, ein ruhigeres, gleichförmigeres Leben zu leben. Aber sie sind zusammengeblieben, haben all das miteinander geteilt wie das Bier aus ihrem Rucksack. Jeder für sich mag das Gefühl haben, unbeweglich auf der Stelle zu stehen, aber zusammen sind sie weit gekommen, weiter, als sie mit siebzehn überhaupt denken konnten. Das Leben bewegt sich vorwärts, es nimmt sie mit, es verwandelt sie. Sie können darüber seufzen, sie können darüber lachen, es macht keinen Unterschied. Es ist, wie es ist, und anders muss, darf, sollte es nicht sein.

Das Mosaik kann sich verändern, es kann wachsen, es kann schrumpfen. Steinchen können sich verschieben, herausfallen, ersetzt werden. Die Funktionen, die die Menschen für einander erfüllen, können sich ändern, ebenso wie die Gesprächsthemen und die Art und Weise, miteinander Zeit zu verbringen. Die Menschen werden achtzehn, dreißig, fünfzig, fünfundsiebzig, neunundneunzig, aus dreiundzwanzig Steinchen werden einunddreißig werden achtundvierzig werden siebenundsechzig, und das ist alles nicht wichtig. Das Mosaik bleibt bunt.

(„Interlude“ beginnt in diesem Live-Video etwa bei Minute 5, davor spielt die Band „My Head Is Into You“.)


Was ist das Projekt Patine?

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4 Gedanken zu „Interlude [Projekt Patine – 6]

  1. Unterschätze mir mal den Hund nicht! Der „langweilige Asphalt“ ist keine tabula rasa und birgt höchstwahrscheinlich viel mehr Geheimnisse und Botschaften, als wir Menschen uns vorstellen können. Was wurde da nicht im Laufe der Zeit alles verschüttet, breitgetreten, fallengelassen . . . Dem Hund sagt das was, uns nicht!

  2. Aber natü. war das ein Randaspekt, ziemlich nebensächlich sogar. Ich fand Deinen Text (wieder mal) äußerst lesenswert. Das ganze Arrangement ist so stimmig, keine Brüche, stilistisch wie aus einem Guss. Dazu noch die Einsichten der Personen, sehr typisch für ihre Lebensphase. Weiter so! Unbedingt! (und alles gut abspeichern bzw. konservieren . . . Gesamtausgabe oder Gesammelte Werke folgt!)

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