Omen [Projekt Patine – 5]

Der Sturm fegt dunkle Wolken über die Dächer der Stadt. Die Hitze des vergangenen Tages ist nur noch eine schwindende Erinnerung. Er zieht die Schultern hoch und die Kapuze tiefer ins Gesicht. Für einen Moment hat er gezögert, sich gefragt, ob er bei diesem Wetter wirklich seine Wohnung verlassen soll, aber nun steht er an der Kreuzung und weiß, dass ihn etwas Großes erwartet. Die anderen haben sich bereits versammelt, er kann sie von Weitem sehen. Sie stehen mit dem Rücken zu ihm, dicht beieinander, alle vollständig in schwarz gekleidet, ein dunkler Fleck in einer dunklen Umgebung. Er geht auf die Gruppe zu. Mit jedem Schritt wächst die Gewissheit, dass er das Richtige tut. Dass er dazugehört. Er ist Nummer 50, der, auf den sie gewartet hatten, und er gehört an diesem Abend nirgendwohin außer in diese Gruppe schwarzer Rücken vor dem Denkmal, dessen Silhouette unbeweglich in den bewegten Himmel aufragt.

Es ist die gleiche Gewissheit wie an diesem Abend vor drei Monaten, an dem er zu dem wurde, was er jetzt ist, zu einem anderen Menschen, zu Nummer 50. Er hatte sich das schwerer vorgestellt, hatte angenommen, dass die anderen sich ihre Nummer 50 sorgfältig aussuchen würden. Doch es gab keine Bedingungen und keine Aufnahmeprüfung wie in den Büchern, die er als Junge gelesen hatte. Alles, was sie von ihm verlangten, war, sich eine Rede des Gründers anzuhören, und den fragenden Blicken aus neunundvierzig Augenpaaren standzuhalten, nachdem der Gründer seine Ansprache mit fünf direkt an ihn gerichteten, donnernden Worten beendet hatte: „Bist Du einer von uns?“ Und selbst, wenn er gewollt hätte, er wäre nicht in der Lage gewesen, darauf etwas anderes zu antworten als „Ja!“. Er hatte es brüllen wollen, dieses „Ja“, hatte all seine Kraft in diese eine Silbe gelegt, doch gemessen an dem gewaltigen Dröhnen der Stimme des Gründers, die noch immer durch den Raum zu hallen schien, klang es wie die kleinlaute Antwort eines verängstigten Kindes. Aber es genügte. Es reichte aus, um die anderen zum Jubeln zu bringen, um neunundvierzig Hände anerkennend auf seine Schulter klopfen zu lassen, als hätte er gerade etwas Großartiges vollbracht. Es reichte aus, um ihn zu Nummer 50 und die Gruppe vollständig zu machen. Er war das letzte Element, das noch gefehlt hatte, ohne das sie nicht das sein konnten, was sie sein wollten, und nun war er gekommen und hatte dieses simple Wort ausgesprochen, das den Unterschied bedeutete zwischen einer losen Schar von neunundvierzig Männern und einer richtigen Gruppe, einer Organisation, einer Bewegung.

Gerne würde er sich einfach unter die anderen mischen, unauffällig, unbemerkt. Doch einer dreht sich um, erkennt ihn, stößt einen anderen in die Seite. Immer mehr Blicke richten sich auf ihn und dann ruft einer: „Nummer 50!“ Er kann nicht erkennen, wer da ruft, sie alle tragen Kapuzen, an denen der Wind zerrt. Noch mehr Rufe werden laut, eine Hand zieht ihn in die Menge, und dann sieht er das Gesicht des Gründers. Ein Blick, der sich nicht deuten lässt. Er verspürt das Bedürfnis, sich für die Verspätung zu entschuldigen, doch der Gründer hat seine Aufmerksamkeit schon auf einen weiteren Neuankömmling gerichtet, den Schriftführer. Ohne den Schriftführer wäre er, Nummer 50, jetzt nicht hier. Ohne den Schriftführer wäre er gar nicht Nummer 50.

Sie lernten sich zufällig kennen, eines Nachts in der Tram, als sie beide gerade von der Spätschicht nach Hause fuhren. Er hatte keine Lust auf Begegnungen mit anderen Menschen, erst recht nicht mit Fremden, keine Lust auf Gespräche, er wollte nur schlafen. Schlafen und nicht daran denken, dass ihn am nächsten Morgen ein neuer Tag erwartete, der genauso ablaufen würde wie der, der gerade endete. Aber dieser Kerl setze sich einfach neben ihn und redete, erzählte von dieser Gruppierung, der er sich angeschlossen hatte. Ideen, Ziele, Pläne. Alles verkam zu einem Brei aus Worten in den müden Ohren. Er ließ ihn reden, nickte nur ab und zu mit dem Kopf, und stellte keine Fragen. Bis auf eine, als Reaktion auf die mit leuchtenden Augen vorgetragene Überzeugung, eine Gruppe brauche genau fünfzig Mitglieder, um etwas bewirken zu können. „Und wie viele seid ihr jetzt?“ „Neunundvierzig.“

Und dann, am nächsten Morgen, war da dieser Zettel, herausgerissen aus dem kleinen Notizblock, den der Schriftführer immer in der Hemdtasche bei sich trug. Eine Adresse, ein Datum, eine Uhrzeit, mehr nicht. Er hatte ihn genommen und auf die Frage des Schriftführers, ob er vorbeikommen würde, ein geistesabwesendes „Ja, vielleicht“ gemurmelt. Er nippte an seiner Kaffeetasse und starrte auf den Zettel. Einzelne Worte aus dem Monolog des Schriftführers drangen in sein noch vom Schlaf vernebeltes Bewusstsein. Und plötzlich fingen sie an, einen Sinn zu ergeben, einen sehr vagen, lückenhaften zwar, aber doch einen Sinn. Einen Zusammenhang, der ihn neugierig machte, den er aber erst eine Woche später vollständig begreifen sollte, als der Gründer begann, ihn zu erklären, mit kraftvollen, zornigen Worten die Lücken zu füllen.

Und er lernte noch viel mehr in den darauffolgenden Wochen. Lernte, dass die Wut nicht nur in den Worten des Gründers steckte, sondern in den Köpfen all dieser Männer, denen Worte nicht genug waren, die handeln wollten, und die – ganz gleich, ob aus tatsächlicher Gewissheit oder nur aus Respekt vor der Überzeugung des Gründers – glaubten, das nun endlich tun zu können, da doch die 50, die magische Zahl, erreicht worden war. Er lernte auch, dass der Schriftführer nur scherzhaft so genannt wurde, weil er immer eifrig alles notierte, obwohl ihn nie jemand dazu aufgefordert hatte, und außer ihm auch niemand ein solches Mitprotokollieren für nötig zu halten schien. Abgesehen davon wurde jedoch nichts nur zum Scherz gesagt. Die wöchentlichen Treffen waren von einem tiefen Ernst geprägt, der alles durchzog, die Reden und Gesten des Gründers, die Atmosphäre in dem nüchtern möblierten Raum und jedes einzelne der fünfzig Gesichter. Und vielleicht war es dieser unerschütterliche Ernst, der ihn am meisten faszinierte. Er wollte ein Teil davon sein.

Sie sind mehr als fünfzig an diesem Abend. Die Gruppe ist gewachsen. Immer wieder hat in den vergangenen Wochen jemand einen Neugierigen mitgebracht, und jeder dieser Neulinge ist danach jede Woche wiedergekommen. Es herrscht stillschweigende Einigkeit darüber, dass es trotz allem nicht schaden kön­ne, mehr als fünfzig Mitglieder zu haben. Nummer 50 aber ist unter ihnen allen der Einzige geblieben, dessen Name verrät, wann er dazugestoßen ist. Überhaupt hat die Gruppe damit aufgehört, neuen Mitgliedern neue Namen zu geben, ob scherzhaft oder nicht. Sie sind einfach da, je mehr, desto besser. Für die Worte hingegen galt in den zurückliegenden Wochen das Gegenteil. Die Ansprachen des Gründers wurden immer kürzer, die Stimmung im Raum immer angespannter.

Und jetzt stehen sie hier. Gut dreihundert Mann, still, ernst, vereint. Hier gibt es keine Wände, an denen die Anspannung Halt machen muss. Hier geht es nicht um Reden. Hier und jetzt, auf diesem Platz, an diesem Abend, geht es endlich um Taten. Der Gründer spricht genau zwei Worte, mehr nicht. „Es beginnt.“ Und dann setzen sie sich in Bewegung, noch immer schweigend, noch immer ungeduldig, aber mit der willkommenen Gewissheit, dass das Warten bald ein Ende haben wird. Die Stadt ist dunkel und leer und leise. Er stellt sich vor, dass ein Beobachter die Atmosphäre, die sie durchschreiten, als gespenstisch bezeichnen würde. Er muss grinsen. Er hört auf die Schritte der Männer vor, hinter und neben ihm. Er ist einer von ihnen.

Er wird auch dann noch einer von ihnen sein, wenn sie wenig später doch wieder zu Worten greifen, Worten, die sie alle wie aus einer Kehle brüllen, Worten, die ihnen vorkommen wie Waffen. Er wird auch dann noch einer von ihnen sein, wenn, gegen Mitternacht, der Gründer der erste ist, der einen Stein aufhebt und all die Kraft, die sonst immer in seiner Stimme zu hören war, in diesen Wurf legt, der die anderen zu erlösen scheint von der Pflicht zum ernsten Abwarten. Er wird auch dann noch einer von ihnen sein, wenn längst keine Ordnung mehr herrscht, wenn die Gruppe nicht mehr als Gruppe agiert, sondern als Zusammenschluss von dreihundert einzelnen, wütenden Menschen, die zwar alle das Gleiche wollen, aber doch alle ihren eigenen, ganz persönlichen Hass herausschreien und herausschleudern in Form von Schimpfworten und Steinen, und er wird mittendrin sein und nichts mehr denken, nur noch handeln, als Nummer 50, als derjenige, der das alles im Grunde erst möglich gemacht hat. Er wird auch dann noch einer von ihnen sein, wenn die Polizei anrückt und mit größter Mühe versucht, die Situation, die aggressive Menge und das Feuer unter Kontrolle zu bekommen.

Und er wird auch dann noch einer von ihnen sein, wenn er am nächsten Morgen, noch ganz berauscht von dem Glück, das er hatte, weil er entkommen konnte, die Zeitung aufschlägt und einen Mob aus schwarz gekleideten Männern sieht, von denen nur einem die Kapuze so weit aus dem Gesicht gerutscht ist, das man ihn erkennen kann. Nur einem. Nur ihm. Nur Nummer 50.

(In diesem Live-Video ist „Omen“ der erste Song, danach folgen „My Head Is Into You“ und „Slow Heart“. Die Albumversion von „Omen“ könnt ihr hier hören.)


Was ist das Projekt Patine?

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2 Gedanken zu „Omen [Projekt Patine – 5]

  1. Ja, so isses: In der Gruppe fühlen sich die Kerle stark, pöbeln, krakeelen rum, sind gewalttätig. Und dann ganz plötzlich – „dummer Zufall“ – steht der eine oder andere wieder ganz allein da, will heißen: ER ist identifizierbar, während die „Kameraden“ sich wegducken. Für die symbolhafte Nummer 50 kann er sich da rein gar nix kaufen . . .

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