My Head Is Into You [Projekt Patine – 4]

Es war so einfach, auch wenn ihnen das nicht klar war. Sie waren beide jung und ahnungslos, frisch aufs Leben losgelassen, nicht wissend, was auf sie zukommen würde, und ziemlich unbekümmert, denn es fühlte sich an, als hätten sie alle Zeit der Welt. In diesen ersten Tagen verlangte niemand Entscheidungen. Es hatte gerade erst begonnen. Es erforderte nicht viel mehr als die Disziplin, jeden Morgen aufzustehen, den Bus zu nehmen und sich in diesen großen Saal zu setzen, indem sich vierhundert Augenpaare auf den einzelnen Menschen am Renderpult richteten.

Vierhundert Augenpaare, die zu vierhundert Menschen mit vierhundert Geschichten gehörten. Manchmal fixierte Kilian mit seinen eigenen Augen einen dieser Menschen und versuchte, sich vorzustellen, wie seine bisherige Geschichte aussehen könnte. Kindheit, Familie, Schule, Freundschaften, erste Liebe, Alltag. Keine der Personen, die zum Gegenstand seiner Beobachtungen wurde, gab ihm je einen Hinweis. Weder in Worten noch in Taten. Und Kilian sprach und handelte ebenfalls nicht, er blieb stumm, er offenbarte nicht, dass er versuchte, in den Menschen um ihn herum mehr zu sehen als Körper mit Gesichtern und Augen, die in eine bestimmte Richtung blickten, alle gleichzeitig, alle ausdruckslos. Sie blickten nach vorn, er zur Seite, zu den Menschen, in deren Gesichtern diese Augen saßen, und schließlich wurde ihm klar, dass die Geschichten ihn gar nicht interessierten. Denn wären sie nicht sowieso alle gleich, jetzt, in dieser Phase des Lebens? Auf jeden Fall müssten sie alle gleich enden, diese Geschichten, zumindest vorerst, nämlich in diesem großen Saal, in dem die vierhundert Menschen, Kilian eingeschlossen, zu einer Masse verschwammen, zu einer Menge verkamen, in der der Mensch am Rednerpult niemals ein einzelnes Augenpaar gesondert wahrnehmen könnte.

Elena hingegen konzentrierte sich auf die Ohren. Auf ihre eigenen, nicht auf die anderer. Ihre Tage bestanden aus Worten, Worten, die andere sagten, die etwas bedeuteten, die sie mitbekommen und verstehen musste. Sie verwandelte das Gehörte in geschriebene Buchstaben, füllte Seite um Seite mit Begriffen, Abkürzungen, Zitaten, in der Überzeugung, die Informationen, die ihre Ohren aufnahmen, so speichern zu können. Es erfüllte sie mit einer tiefen Zufriedenheit, zu einem späteren Zeitpunkt auf die Buchstaben zu blicken, die sie in hektischer, unordentlicher Handschrift notiert hatte, und sich erinnern zu können an die Stimme, die die Worte ausgesprochen hatte, an den Tonfall und die Nebengeräusche, die in einem Raum voller Menschen nie ausblieben. Husten, Räuspern, Rascheln, Flüstern. Geräusche, die sich nicht in Buchstaben und Satzzeichen verwandeln ließen. Geräusche, die Elena nicht in anderer Form speichern, aber auch nicht ausblenden konnte. In ihrer Erinnerung sind sie viel präsenter als all die Dinge, die sie in diesem Saal zu sehen bekam, die Gesichter und an die Wand geworfenen Bilder und die Bücher auf den Klapptischen. All das ist mit den Jahren fast bis zur Unkenntlichkeit verblasst, all das, bis auf dieses eine Paar dunkler, fragender Augen.

Das Leben bot Möglichkeiten im Überfluss. Sie konnten weitermachen oder aufhören, sich etwas anderes suchen, neu anfangen. Sie konnten sich treiben lassen, davon ausgehen, dass sie eines Tages schon wissen würden, was sie wollten. Noch mussten sie das nicht wissen, noch erwartete das niemand von ihnen, und noch gestanden sie sich selbst eine gewisse Unentschlossenheit zu. In dieser Phase war ihr Studium, war im Grunde ihr ganzes Leben ein Experiment, und wenn jemand scheiterte oder aufgab, wussten sie nicht recht, wie sie dazu standen, weil sie auch das nicht wissen mussten.

Kilian beobachtete ihr Handgelenk, sah, wie es sich unaufhörlich über das Papier bewegte, wie es Striche und Bögen formte, wie es versuchte, Schritt zu halten mit ihren Ohren. Und er schaute ihr ins Gesicht, erwartete den Anblick angestrengt zusammengepresster Lippen und einer in konzentrierte Denkfalten gelegten Stirn, doch sie wirkte entspannt, lächelte sogar ab und zu und warf nur sehr vereinzelt einen Blick auf die Papierseite, die sie unermüdlich füllte. Kilian war erstaunt. Er selbst fühlte sich oft beinahe überfordert von der Aufgabe, dem zu folgen, was gesagt wurde und was er verstehen und behalten sollte, und gleichzeitig ein soziales Wesen zu sein, das Kontakt zu anderen sucht. Und sie, sie saß da und hörte und schrieb, und als die neunzig Minuten vorbei waren, packte sie den Schreibblock in ihre Tasche und verließ, in eine Unterhaltung mit einem der Menschen aus der achthundertäugigen Masse vertieft, den Saal. Doch bevor die Tür hinter ihr zufiel, drehte sie sich um und sah ihn für den Bruchteil einer Sekunde direkt an.

Plötzlich schien Elena ihm überall zu begegnen, diesem jungen Mann mit den dunklen Augen. Erst war er immer allein, wenn sie ihn sah, in einem der langen Gänge oder im Hörsaal oder an der Bushaltestelle, später dann war er häufig in Begleitung von ein paar anderen jungen Männern, zu denen er nie so recht zu passen schien. Und auch Elena selbst fragte sich lange Zeit, wie sie eigentlich zu ihm passte, zu ihm, der so lustig und so traurig war, immer irgendwie beides zur gleichen Zeit. Sie fragte sich das in jeder Vorlesung, in der sie nebeneinander saßen, nachdem der Zufall eines Tages dafür gesorgt hatte, dass sie beide zu spät kamen und keine andere Wahl hatten, als sich zusammen in die letzte Reihe zu setzen. An diesem Tag war er es gewesen, mit dem gemeinsam sie den Saal verließ, und dabei hatte sie nicht ahnen können, dass sie Jahre später, als sie schon längst nicht mehr jeden Morgen im gleichen Raum saßen und sich dabei auf völlig unterschiedliche Dinge konzentrierten, in der Lage sein würde, genau zu sagen, wie sie zusammenpassten, oder vielmehr, wie sie einander ergänzten. Sie, die in den Gesprächen mit ihm auf die kleinen Nuancen in seiner Stimme achtete, und er, dessen Augen ohne Unterlass suchten, fragten, zweifelten.

Sie lernten ständig neue Menschen kennen, darunter ältere Studenten, die kurz vor dem Abschluss standen. Sie wünschten ihnen Erfolg und Glück, und sie waren sich bewusst, dass auch sie einmal für alles entscheidende Prüfungen würden lernen müssen. Irgendwann, eines Tages, in der Zukunft. Aber noch betraf sie das nicht. Im Grunde betraf nichts sie damals wirklich. Sie konnten die wichtigen Dinge vertagen, auf das spätere, das wirklich ernste Leben, von dem sie sich nicht vorstellen konnten, dass sie es tatsächlich eines Tages würden leben müssen. Sie waren frei an diesem Ort, den sie sich ausgesucht hatten, und der ihnen nichts weiter abverlangte, als dass sie dort blieben und auf eine bestimmte Art und Weise lebten, die nicht immer einfach, aber doch sicher um einiges besser war als das, was sie später einmal erwarten würde. Doch das war so weit weg, dass man es getrost ignorieren konnte, und das taten sie und taten gut daran, für den Moment.

Elena sitzt ihm gegenüber, in einem Café an einem Ort, den sich keiner von ihnen ausgesucht hat, der keinem von beiden ein Zuhause bietet. Genau wie er hat auch sie eine Zugfahrt hinter sich, keine allzu lange, aber doch eine, die deutlich macht, dass die Zeiten vorbei sind, in denen sie nur ein paar Minuten von dem Saal trennte, an dem sie jeden Morgen auch ohne Verabredung zusammenkamen. Elena schreibt jetzt keine schier endlosen Buchstabenketten mehr auf kariertes Papier, und ihr Gesicht ist nicht mehr entspannt, sie kaut auf der Unterlippe herum. Er fragt sie, ob sie Angst vor der Zukunft habe, und beobachtet ihr Gesicht, sieht, wie ihr unwillkürliches Lachen langsam einem nachdenklichen Ausdruck weicht. Er muss an all die Momente denken, in denen er in den Augen der jungen Menschen im Hörsaal nach Hinweisen auf ihre Geschichten gesucht hat. Er hat nie etwas gefunden. Doch in Elenas Augen sieht er, dass sie ihr Gehirn nach einer Antwort absucht. Dass sie nicht leichtfertig antworten wird. Und er weiß, dass er ihr diese Frage gestellt hat, weil er genau das braucht, eine ihre wohlüberlegten und doch nie allumfassenden Antworten.

Kilian fragt sie, ob sie Angst vor der Zukunft habe. In seiner Stimme liegt Neugier, und Anstrengung, Erschöpfung durch zu viele, zu belastende Gedanken. Sie muss lachen, eine spontane, reflexartige Reaktion, die nichts mit ihrem eigentlichen Empfinden zu tun hat. Das hat er sie noch nie gefragt. Die Zukunft war nie etwas, wovor man Angst haben musste, denn sie schien immer beeinflussbar. Sie hing immer nur von einer einzigen Person ab, und zwar von der, die in der Gegenwart lebte, aus der sie einmal entstehen würde. Aber noch bevor ihr Lachen ganz verklingt, weiß Elena, dass er Recht damit hat, ihr diese Frage jetzt zu stellen. Und sie weiß, dass sie das schon immer an ihm mochte, er stellt die richtigen Fragen. Die, die sonst niemand stellt. Obwohl oder gerade weil sie gestellt werden müssen.

Es ist jetzt anders, das Leben, ernster, fordernder. Alles und jeder verlangt jetzt Entscheidungen. Die bisherige Geschichte hat an Länge gewonnen. Erwachsensein, Familie, Arbeit, Freundschaften, Ehe, Alltag. Die Gegenwart ist das, was einmal Zukunft, was einmal beruhigend weit weg gewesen ist. Plötzlich scheint alles sie zu betreffen, es gibt keine Ausreden mehr, kein Verdrängen, kein Verschieben auf später, denn später ist jetzt. Jeder geht auf seine Weise damit um. Er stellt Fragen, sie versucht sich an Antworten. Er beobachtet, sie hört hin. Sie sind die gleichen Menschen wie damals, sie wissen noch immer nicht, was auf sie zukommen wird, doch nun fühlt es sich an, als müssten sie das wissen, weil die Zeit rennt.

„Ich habe Angst davor, dass ich mich eines Tages selbst hassen muss, für verpasste Chancen und falsche Entscheidungen, fürs Aufgeben und Scheitern“, sagt Elena, und Kilian sieht sie vor sich, als alte Frau, in einem Schaukelstuhl sitzend und über ihr Leben nachdenkend, und fühlt sich hilflos bei dem Gedanken, dass er nicht mehr tun kann, als sich zu wünschen, dass auf diesem alten Gesicht ein Anflug jenes Lächelns zu erkennen wäre, dass damals in den Vorlesungen manchmal über Elenas Lippen huschte.

„Aber wie kann man wissen, ob man eine Chance wirklich verpasst hat, und welche Entscheidung die richtige gewesen wäre?“, fragt Kilian, und in Elenas Vorstellung beginnen zwei Schaukelstühle zu quietschen. Nicht gleichzeitig, sondern versetzt, nicht zusammenpassend, aber sich ergänzend, so dass es nie einen Moment der Stille gibt.

Ihnen ist klar, dass es einfach war, so einfach, damals, in diesen ersten Tagen, als noch alles möglich war, auch die guten Dinge.


Was ist das Projekt Patine?

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