– [Projekt Patine – 3]

(Ja, „-“ ist tatsächlich der Titel des dritten Songs auf dem Album, oder sagen wir eher: des kurzen Zwischenspiels zwischen dem zweiten und dem vierten Song. Das Ganze ist nämlich nur 45 Sekunden lang. Aber auch 45 Sekunden können inspirieren.)

Alles ist hellblau. Schnee und Eis und Kälte und Wind. Anton hält die Augen fest geschlossen, will sie nicht öffnen, am liebsten nie mehr. Er ist wach, aber nicht bereit, den Traum aufzugeben. Er träumt in Hellblau. Der Traum hat keine Handlung und keine Protagonisten. Er hat nur einen Schauplatz. Einen, an dem die Berge den Lärm der Welt fernzuhalten scheinen, an dem die Luft klar ist und das Meer glatt wie ein Spiegel, an dem Erzählungen von anderen Orten wie unhaltbare Gerüchte klingen. Weil es unmöglich ist, sich vorzustellen, dass das Universum hinter den Bergen noch weitergeht.

Anton kennt diesen Traum. Er fühlt sich gut an, aber immer nur für eine Weile, dann verwandelt sich das angenehme Gefühl in einen Schmerz, der im Herzen beginnt und sich langsam im ganzen Körper ausbreitet. Anton weiß, dass der Schmerz verschwinden wird, sobald er die Augen öffnet, doch das kann er nicht, er will daran glauben, dass er nur lange genug durchhalten, sich dem Schmerz ganz hingeben müsste, dann würde er sich auflösen und selber Teil des Traums werden. Als sanfter Windstoß, der die Fahnen an den Fischerbooten im Hafen zum Wehen bringt, als Schneeflocke auf den Gipfeln der Berge, als ein Tropfen salzigen Wassers. Doch es gelingt ihm nicht, er hält es nicht aus, er reißt die Augen auf und fühlt sich geblendet von dem dunklen Grau, in das sein Schlafzimmer getaucht ist. Der Schmerz ist verschwunden, aber die Erinnerung ist noch da, an den Schmerz, an den Traum, an den Ort.

Vor einem Jahr stand er dort, am Hafen, zu seinen Füßen das Meer mit den makellosen Reflexionen von Booten und Bergen und Wolken, er sah, er hörte, er roch und er fühlte, er sog die Atmosphäre in sich auf, und er wusste, dass dieser Ort einzigartig war. Mehrfach hat er versucht, dies anderen Menschen zu erklären, und jedes Mal wurde ihm dabei schnell klar, dass seine Schilderungen von Häusern, Straßen und Natur vollkommen gewöhnlich klangen. Er ist nicht in der Lage, in Worte zu fassen, was er wahrgenommen, was er ganz genau gefühlt hat, ja, es war wohl insgesamt mehr ein Gefühl, das den Ort ausmachte denn etwas Sicht- oder gar Greifbares. Das Gefühl, das ihn beherrschte, als er dort stand, und das ihn seitdem nicht mehr losgelassen hat. Es ist unsichtbar auf den vielen Fotos, die er von der kleinen Stadt gemacht hat, und er ist nicht in der Lage es zu beschreiben. Vielleicht kommt der Schmerz ihm am nächsten. Im Grunde war nämlich auch dieses Gefühl damals kaum auszuhalten.

Er steht auf und zieht die Rollläden hoch. Das dunkle Grau macht Platz für ein etwas Helleres. In der Küche schaltet er das Radio und den Wasserkocher ein und dann wartet er. Der Nachrichtensprecher berichtet von einem Gipfeltreffen, der Wasserkocher brodelt, der Sekundenzeiger der Wanduhr bewegt sich tickend und unermüdlich vorwärts, und Anton steht da und nimmt nichts von alledem wahr. Es ist zwei Minuten nach acht, seine nackten Füße frieren auf dem kalten Fliesenboden, es gibt große, wichtige Neuigkeiten aus der Welt, der Realität, doch das einzige, was Anton erreicht, ist die Stimme eines alten Mannes aus der hellblauen Vergangenheit. „Bleib doch einfach hier“, hat Jón vor einem Jahr gesagt, und jetzt wiederholt er es, „bleib doch einfach hier“, und auch sein Blick scheint nun wieder auf Anton zu ruhen, dieser erste wirklich ernste Blick, den er auf ihn richtete, nachdem ihr gesamtes Gespräch zuvor durchdrungen gewesen war von Witz, Ironie und Spinnerei. Das Wasser kocht, die Nachrichten sind vorbei. Die einsetzende Musik lässt Anton zusammenzucken. Er kennt diesen Song.

Ausgerechnet Country. Es war Anton unmöglich, sich Prärielandschaften und Cowboyhüte vorzustellen, als er in Windjacke das Hostel betrat, noch immer ganz eingenommen von den Eindrücken aus der kleinen Stadt, die in den Klängen aus der in die Jahre gekommenen Stereoanlage einen jähen Kontrast fanden. Jón, der Betreiber des Gasthauses, pfiff leise mit, während Anton das Gästeformular ausfüllte, und als er den Zimmerschlüssel aus einer Schublade nahm, kamen ihm sogar ein paar einzelne Worte aus dem Refrain über die Lippen. Anton musste grinsen und konnte es sich nicht verkneifen, den alten Mann mit den zerzausten Haaren und dem grauen Vollbart auf die Musikauswahl anzusprechen. „Dein Lieblingslied?“ Jón lachte. „Ja, eins von vielen.“ Sein Englisch war gefärbt von diesem starken, für seine Landsleute typischen Akzent, den Anton sehr sympathisch fand. „Ein echter Country-Fan also?“ Jón deutete auf das Fenster, auf dessen anderer Seite gerade leichter Schneefall eingesetzt hatte. „Och, man träumt sich eben manchmal weg von hier“, sagte er. Das konnte Anton ebenso wenig verstehen wie die Vorliebe des Alten für Country-Musik, aber er nickte nur lächelnd und nahm den Schlüssel entgegen, den Jón ihm reichte. „Dein Zimmer ist im ersten Stock, leicht zu finden. Da ist die Musik von hier unten übrigens nicht zu hören.“ Beide lachten, Anton bedankte sich und stieg die Treppe hinauf.

Am Abend kochte er sich in der Hostelküche eine einfache Mahlzeit und setzte sich mit seinem Teller in den kleinen, wohnzimmerartigen Raum, der an die Küche angrenzte. Es hatte aufgehört zu schneien, und auch sonst war draußen keine Bewegung zu vernehmen, die kleine Stadt lag ruhig da, schwach beleuchtet von einigen Straßenlaternen. Jón betrat den Raum, in der Hand eine verknitterte Zeitung. Er nickte Anton zu und ließ sich ihm gegenüber auf einem Sessel nieder. „Du bist wohl der einzige Gast heute“, sagte er. „Was machst Du überhaupt hier, so alleine, im Winter?“ Anton war überrascht von der Neugier und Direktheit des alten Mannes, der nicht vorzuhaben schien, auch nur einen kurzen Blick in die Zeitung zu werfen. „Man träumt sich eben manchmal weg …“, antwortete Anton und Jón lächelte. „Es ist nicht ganz ungefährlich, solche Träume wahrzumachen“, sagte der Alte, „deshalb war ich auch noch nie in Amerika. Ich habe noch nicht einmal einen Cowboyhut.“

Ein rotes Stück Papier liegt auf dem Schreibtisch. Es scheint Anton anzuschreien, nach seiner Aufmerksamkeit zu verlangen. Seine To-Do-Liste. Er hatte sich vorgenommen, die freie Zeit am Wochenende gut zu nutzen. Aufräumen, einkaufen, Bücher in der Bibliothek abgeben, seine Schwester anrufen, lesen, putzen. Nach nichts von alledem ist ihm zumute, aber er muss etwas tun, muss sich ablenken, den Traum abschütteln, oder noch besser: endlich ganz vergessen. Lustlos greift er nach einem Stift und beginnt, eine Einkaufsliste zu schreiben, aber er kann sich nicht konzentrieren, er weiß nicht, was er braucht, und fühlt sich fast schon überfordert. Ihm wird plötzlich klar, dass er den Traum bisher immer nur unter der Woche hatte. Im Büro ist es leicht, sich abzulenken, da ist er unter Beobachtung, da muss er funktionieren und Aufgaben erfüllen, und sei es auch nur die, nicht vor Langeweile einzuschlafen.

„Du erinnerst mich an meinen Sohn, er sieht Dir ein bisschen ähnlich. Er wollte immer weg von hier, in eine richtig große Stadt im Ausland. Dann ist er nach London gegangen, eigentlich nur für ein paar Monate. Jetzt trinkt er seit über zehn Jahren Tee mit Milch und steht mit fremden Menschen an der Bushaltestelle Schlange. Und ob Du es glaubst oder nicht, erst gestern hat er am Telefon zu mir gesagt, er hätte so richtig Lust auf einen Plausch mit den altbekannten schrägen Vögeln aus der Nachbarschaft, am liebsten vorne an der Tankstelle, bei einem schwarzen Kaffee aus einer Warmhaltekanne.“ Jón schüttelte verständnisvoll, aber amüsiert den Kopf. Anton musste lachen. Er hatte verstanden. Wenn man sich einen Traum verwirklichte, veränderte man sich. Das war riskant. Nicht, weil man sich neue Angewohnheiten zulegte. Sondern weil man Dinge aufgab und Gefahr lief, sie nie zurückzubekommen, sie zu verdrängen, bis sie plötzlich wieder auftauchten in den Gedanken und begannen, sich selbst wie Träume anzufühlen. Aber Leben bedeutet immer Risiko, dachte er. Und es gibt Dinge, für die es sich lohnt, Risiken einzugehen.

Am nächsten Morgen stieg Anton widerwillig die Stufen zum Erdgeschoss des Hostels hinunter. Er hatte gut geschlafen in dem kleinen, einfach eingerichteten Zimmer. Jón und er hatten bis spät in die Nacht zusammengesessen und geredet, über ferne Länder und das Wetter vor der Haustür, über Arbeit und Reisen, über Träume und Erinnerungen. Der Zeitung war Jón ebenso das Interesse schuldig geblieben wie Anton seinem Gegenüber die Antwort auf die Frage nach dem Hintergrund seiner winterlichen Tour. Er hatte sich nicht verpflichtet gefühlt, sie zu beantworten, über ernste Themen zu sprechen, komplizierte Beziehungen, eingefahrene Strukturen, das vermeintliche oder tatsächliche Fehlen von Dingen, die er selbst nicht benennen konnte. Jón hatte immer mit einem Lächeln gesprochen, humorvoll und mit einem Hang zur absurden Komik, und es war Anton erstaunlich leichtgefallen, einzustimmen in diesen gelassenen Tonfall. Nun musste er gehen. Er musste weiter. Er hatte diese Reise angetreten, weil er glaubte, sich damit für eine Weile befreien zu können von Zwängen und Abhängigkeiten, vom Diktat eines durchgetakteten und immer gleichen Alltags, aber nun war ihm klar, dass das nur in Grenzen möglich war. Er musste den Mietwagen zu einem bestimmten Zeitpunkt abgeben, durfte seinen Flug nicht verpassen und hatte seine Übernachtungen bereits im Voraus gebucht. Vollkommen frei ist man eben auch im Urlaub nicht, dachte er, als er Jón, der schon wieder pfiff und sang, seinen Zimmerschlüssel reichte.

Anton sitzt am Schreibtisch, den Stift noch in der Hand. Auf dem Zettel vor ihm stehen nur ein paar wenige Worte, die ihm völlig bedeutungslos vorkommen, und er ist so erschöpft, als habe er bereits alles erledigt, was er sich vorgenommen hat. Oben anfangen, denkt er. Oben anfangen und die Liste Schritt für Schritt abarbeiten. Zuerst aufräumen. Wie ferngesteuert von diesem Gedanken öffnet er die oberste Schreibtischschublade. Schreibutensilien, eine Ersatzpatrone für den Drucker, Notizbücher, eine kleine Kiste mit Erinnerungen in Papierform. Eintrittskarten, Zugtickets, Flyer, ausländische Geldscheine. Anton fragt sich, warum er das alles aufbewahrt, doch eigentlich weiß er das ganz genau. Diese Sammlung ist der Versuch, Erinnerungen physisch zu sichern. Sie ist eine Form der Weigerung gegen das Loslassen. Abwesend blättert er durch die papiernen Zeugnisse diverser Reisen. Zwischen einem türkischen Fahrschein und einer slowakischen Banknote stößt er auf eine simpel gestaltete Visitenkarte. Hellblaue Schrift auf weißem Grund. Eine Anschrift und eine Telefonnummer.

„Wann geht’s wieder nach Deutschland?“, fragte Jón zum Abschied. „In zehn Tagen. Ich will aber gar nicht nach Deutschland. Ich will auch nicht weiterreisen. Ich weiß nicht, ob man das verstehen kann, wenn man sein ganzes Leben hier verbracht hat, aber ich habe das Gefühl, dass es jetzt nicht mehr besser werden kann. Dass diese Stadt der Höhepunkt meiner Reise bleiben wird.“ Jón sah Anton an. Das permanente Lächeln war aus seinem Gesicht verschwunden. „Bleib doch einfach hier“, sagte er. Anton war zu perplex, um antworten zu können. „Ich könnte etwas Hilfe im Hostel gebrauchen. Am besten von jemandem, der Englisch und Deutsch spricht.“ Der Witz kehrte in Jóns Augen zurück, als er hinzufügte: „Ich muss auch gar nicht immer Country hören. Western geht auch.“ Anton schaute auf den Schnee vor dem Fenster und lauschte auf die warmen Klänge aus den Lautsprechern. Dann schüttelte er den Kopf und sagte: „Nein, das wäre wohl zu gefährlich.“

Anrufbeantworter. Eine Ansage, eindeutig Jóns Stimme. Anton versteht kein Wort. Es piept. Er atmet tief ein. „Hier ist Anton. Ich weiß, Du hast gesagt, sowas ist nicht ungefährlich, aber Du hast auch gesagt, ich könnte doch einfach dableiben, und deshalb … Steht Dein Jobangebot noch?“ Er legt auf und lächelt. Alles ist hellblau.

 

(Mit einem Klick könnt ihr euch die 45 Sekunden Klang anhören, die auf der verlinkten Seite fälschlicherweise als „Interlude“ betitelt werden. Tatsächlich ist „Interlude“ aber der Titel des sechsten Songs auf dem Album.)


Was ist das Projekt Patine?

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4 Gedanken zu „– [Projekt Patine – 3]

  1. Na, wenn das nicht (überwiegend ) in Island spielt? Befindet sich das erwähnte Hostel etwa in Siglufjörður . . . oder in Kópasker (Du erinnerst Dich: Earthquake Center!) . . oder was ist der Ort DEINES Traums?
    Jedenfalls wieder ganz toll formuliert.

    1. Danke für das Lob! :) Siglufjörður stimmt, irgendwie ist mir diese kleine Stadt besonders stark in Erinnerung geblieben, und wenn ich mir spontan einen Wohnort in Island aussuchen dürfte, würde ich Siglufjörður nehmen. Vielleicht kommen wir da ja eines Tages nochmal zusammen hin, ich würde mich freuen!

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