Slow Heart [Projekt Patine – 2]

Im Juli sprach Felix zum ersten Mal von Sydney, mit einem Gesichtsausdruck, der schwankte zwischen Erstaunen und einem seltsamen, verschämten Stolz. Schnell wechselte er das Thema, als wolle er klarstellen, dass er nicht vorhabe, von einem Leben in Australien auch nur zu träumen. Als wolle er weder sich selbst noch ihr erlauben, die Sache ernstzunehmen. In den folgenden Tagen sah Marie ihn manchmal verstohlen von der Seite an, beobachtete seine Augen, Mundwinkel und Hände, auf der Suche nach Hinweisen darauf, wie er wirklich dachte. Vergebens. Er erwähnte das Thema auch nicht mehr, und sie vergaß, dass es überhaupt je eine Rolle gespielt hatte.

Im August hörte sie, wie er seinem Freund Tom auf einer Party von dem Jobangebot erzählte. Sie stand da, zwischen einer Gruppe anderer Gäste, auf Theresas Balkon, in der Hand eine offene Flasche Bier, und sah plötzlich nur noch Felix‘ Mund, der sich bewegte, der lächelte und lachte, der die Worte „Sydney“ und „Karrieresprung“ formte, die die warme Nachtluft über die aus dem Wohnzimmer nach draußen dringende Musik hinweg in ihre Ohren transportierte. Felix bemerkte sie nicht, und kurze Zeit später hatten ihre Freundinnen sie wieder in ein Gespräch verwickelt, auf das sie sich nicht konzentrieren konnte. Dann erhob sich Tom von der Bank, auf der er mit Felix gesessen hatte, und verschwand ins Wohnzimmer. „Entschuldigt mich“, murmelte Marie und ging zu Felix herüber. Er lächelte sie an und sie ließ sich neben ihm nieder. „Wäre das mit Sydney wirklich so ein großer Schritt für Deine Karriere?“, fragte sie und nahm einen Schluck Bier, in der Hoffnung, dass das ihre Frage beiläufig erscheinen lassen würde. Er lachte leise. „So ein Angebot bekommt man nicht alle Tage“, sagte er. Marie nickte, obwohl ihr eher nach einem Kopfschütteln zumute war. Sie hatte nicht gewusst, dass es sich um ein konkretes und offenbar exklusives Angebot handelte, er hatte es ihr gegenüber dargestellt wie eine eventuell bestehende Möglichkeit, die sich jederzeit wieder zerschlagen könnte. „Willst Du es annehmen?“ Sie schaffte es nicht, ihn bei dieser Frage anzusehen, aber sie wusste, was sein sekundenlanges Schweigen, das darauf folgte, bedeutete. Er dachte darüber nach, wie er seine Antwort formulieren könnte. „Das muss ich mir noch überlegen“, sagte er schließlich und schob hastig hinterher: „Und mit Dir besprechen.“ Er hat überlegt, um dann zu sagen, dass er noch überlegen müsse, dachte Marie, und diese seine Antwort war so vage, so nichtssagend, so unbefriedigend, dass sie fast angefangen hätte zu lachen, aber gleichzeitig wusste sie, dass er Recht hatte, er konnte das nicht von jetzt auf gleich entscheiden. Und schon gar nicht alleine.

Im September fragte Theresa: „Hat er denn konkret gesagt, dass er nach Australien gehen will?“ Marie konnte den bohrenden Blick ihrer Freundin förmlich spüren, als sie, um Zeit zu gewinnen, langsam nach dem Zuckerpäckchen griff, es aufriss und den Inhalt auf der Schaumkrone ihres Milchkaffees verteilte. Sie räusperte sich, rührte um, legte den Löffel auf der Untertasse ab und sagte, die Augen vorsichtig wieder auf Theresa richtend: „Nein, aber ich merke, dass er es will.“ „Woran?“ Marie betrachtete Theresas fragendes Gesicht, doch eigentlich sah sie nun Felix vor sich, sah, wie er vor seinem Laptop saß und nach Informationen über Sydney recherchierte, wie er verträumt vor der großen Weltkarte stand, die im Flur an der Wand hing, wie er plötzlich darauf bestand, Filme in der englischen Originalfassung anzusehen. „Hast Du ihn mal darauf angesprochen?“, fragte Theresa im Anschluss an diese Schilderung. Marie nickte. Ja, sie hatte ihn darauf angesprochen, zögerlich und mit klopfendem Herzen, als sie eine Woche zuvor nach Hause gekommen war und ihn am Schreibtisch vorgefunden hatte, vertieft in den Blog eines Australien-Auswanderers. Sie hatte nicht gewusst, wie sie ihre Gedanken formulieren sollte, und dann war sie einfach so aus ihr herausgeplatzt, diese eine Frage: „Planst Du schon?“ Er hatte sich zu ihr umgedreht, sie forschend angesehen und geantwortet: „Nicht konkret, ich informiere mich nur.“ Und dann hatten sie den ganzen Abend über nichts anderes gesprochen als über Australien, hatten Vor- und Nachteile einer Auswanderung diskutiert, laut über Geld, Entfernung, Unterschiede nachgedacht, sich selbst in den Straßen der Stadt und am Strand gesehen, Sonne, Wind und Salzwasser beinahe schon auf der Haut gespürt, und alles schien möglich. An diesem Abend schaffte es Felix, vermutlich ohne es selbst zu merken, Marie mitzureißen, sie anzustecken mit seiner wachsenden Euphorie angesichts dieser einmaligen Chance, bald am anderen Ende der Welt zu leben, anders zu leben, besser zu leben. Für ein paar Tage blendete sie alle Risiken und jedes ungute Gefühl aus, schmiedete Pläne und erwischte sich sogar dabei, wie sie ihren Freundinnen mit Überzeugung von all den faszinierenden Dingen erzählte, die sie von Felix über Australien gelernt hatte. Und dann war es eine einfache Frage aus dem Mund einer Freundin, die sie mit aller Kraft auf den Boden zurückholte: „Hast Du Dich schon nach einem Job dort umgesehen?“ Eine berechtigte, absolut selbstverständliche Frage, doch sie traf Marie vollkommen unvorbereitet. In diesem Moment musste sie sich eingestehen, dass sie sich bisher nur als moralische Unterstützung gesehen hatte, deren einzige Aufgabe es war, mitzukommen, dabei zu sein, wenn ihr Freund sich einen Traum erfüllte. Sie erkannte, dass sie sich selbst bislang lediglich die wohl wenig erfüllende Rolle einer passiven Begleiterin zugeschrieben hatte, die nicht mehr tun musste, als ihren Wohnort von einer Stadt in die andere zu verlagern. Über die Konsequenzen hatte sie nur in Ansätzen nachgedacht. Sie schaffte es, ihre Freundinnen tapfer anzulächeln und zu sagen: „Da findet sich schon was“, und das stieß auf allgemeines Nicken. Nur in Theresas Augen erkannte Marie Zweifel, sie reflektierten das, was sich in ihren Gedanken abspielte, in denen sich plötzlich Fragen, Unsicherheiten, Ängste auftürmten, bis sie einen riesigen Schatten warfen, in dem Marie sich selbst unsichtbar werden sah.

Im Oktober besuchte Marie ihre Eltern auf dem Land. Es lagen nur wenige Kilometer zwischen ihrer Großstadtwohnung und dem alten Haus am Ende der schnurgeraden Dorfstraße, und doch kam Marie nur selten her. Jedes Mal, wenn sie aus dem Bus stieg und die Straße entlanglief, vorbei an Bäumen und Feldern, die sich seit ihrer Kindheit kaum verändert hatten, hatte sie das Gefühl, sich nicht an einem tatsächlich existierenden Ort zu befinden, sondern in einer Erinnerung an eine lange vergangene Zeit, an eine Welt, die vollkommen anders war als die, in der sie nun lebte. Sie umarmte ihre Eltern, sie genoss den selbstgebackenen Kuchen, sie streichelte den altersschwachen Hund, sie betrachtete sich selbst als Fünfjährige auf einem gerahmten Foto an der Wohnzimmerwand, sie half ihrem kleinen Bruder bei den Hausaufgaben, sie schälte Kartoffeln und atmete dabei den unvergleichlichen Duft ihres Leibgerichts ein, sie saß zwischen ihren Eltern auf dem Sofa und sah mit ihnen fern, bis ihrem Vater die Augen zufielen. Und als sie sich ins Bett legte in dem kleinen Gästezimmer, das das Zimmer ihres Bruders gewesen war, bis er nach ihrem Auszug Maries größeres Kinderzimmer unter dem Dach haben durfte, war sie erstaunt über die vollkommene Ruhe, die im Haus und vor dem Fenster herrschte, und auch in ihrem Kopf. Sie hatte den ganzen Tag nicht einmal an Australien gedacht. „In fünf Jahren bin ich endlich achtzehn und kann weg von hier“, sagte ihr Bruder, als sie am nächsten Tag zu zweit mit dem Hund spazierengingen. Er kickte einen am Wegesrand liegenden Stein mit dem Fuß weit hinaus auf das rechts von ihnen liegende Feld und blickte ihm hinterher, als würde die Flugbahn des Steins ihm die Richtung für seine Zukunft vorgeben, als wünschte er, sich selbst auf genauso einfache Weise an einen anderen Ort begeben und sich damit befreien zu können von der Langeweile, die das Dorf für ihn bedeutete. Marie sah ihn an und wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie wollte ihm Mut machen, ihm anbieten, dass er sie in der Stadt besuchen könne, wann immer er wolle, ihm vor Augen führen, dass fünf Jahre sich nur so lange unendlich anfühlen, bis man erwachsen ist und die Zeit rast und ständig Entscheidungen fordert. Doch sie konnte kein aufmunterndes Wort finden. Da war nur dieser eine Satz in ihrem Kopf: Du solltest jede Sekunde genießen, die Du noch hier verbringen darfst. Schweigend hob sie einen weiteren Stein vom Boden auf und schleuderte ihn mit aller Kraft auf das Feld zu ihrer Linken.

Im November begann Felix, sich im Internet nach einer Wohnung in Sydney umzusehen. Er saß mit seinem Laptop am Küchentisch, während Marie versuchte, Mehl, Zucker, Butter und Äpfel zu einem Kuchen zu vereinen, der auch nur annähernd mit dem ihrer Mutter mithalten könnte. „Die hier musst Du Dir ansehen!“, rief Felix begeistert aus, als sie die Butter abwog. Er winkte sie zu sich heran. „Perfekte Lage – und mit riesiger Dachterrasse!“ Marie sah kaum hin. Es fehlten noch zwanzig Gramm Butter. „Ist die nicht viel zu teuer?“, fragte sie. „Wäre gerade noch bezahlbar“, antwortete er. „Man muss das Budget ja nicht bis aufs Letzte ausreizen“, sagte Marie und gab Zucker in die Backschüssel. „Ja, stimmt“, seufzte Felix. Marie holte den Handmixer aus dem Hängeschrank über ihrem Kopf. „Diese ist günstiger, hat aber nur zwei Zimmer“, berichtete Felix und fügte hinzu: „Aber das wäre doch auch in Ordnung, finde ich“, was beinahe unterging im Lärm des Handmixers, mit dem Marie jetzt Butter und Zucker zu einer cremigen Masse verrührte. „Finde ich nicht“, sagte sie und las den nächsten Schritt im Rezept nach. „Drei Zimmer können wir uns wahrscheinlich nur am Stadtrand leisten“, gab Felix zurück. „Ich will aber nicht total weit draußen wohnen“, widersprach Marie, während sie den Mixer ausstellte und nach dem Mehl griff. Felix hielt ihren ausgestreckten Arm fest. „Marie“, sagte er. Zögerlich sah sie ihn an. Aus seinen Augen sprach eine Gewissheit, die Marie erschaudern ließ, als er sagte: „Du willst das gar nicht, oder? Du willst nicht in Sydney wohnen, auch nicht in der tollsten Wohnung der Stadt.“ Er klang nicht enttäuscht, nicht wütend, nicht traurig. Er klang, als habe er endlich etwas ausgesprochen, von dem er schon lange wusste, dass es die Wahrheit war.

Im Dezember lag Marie weinend in Theresas Armen, unfähig, etwas anderes zu fühlen als vollkommene Taubheit, sie war betäubt, innerlich und äußerlich, sie spürte nicht, wie ihre Freundin ihr über den Kopf streichelte wie einem Kind, das sich beim Spielen ein Knie aufgeschlagen hat. „Ich bin ihm egal“, murmelte Marie in Theresas Haare. „Er macht es einfach trotzdem, er hat das schon lange beschlossen, und jetzt geht er wirklich, ohne mich, weil er mich nicht braucht.“ Theresa antwortete nicht, und davon fühlte Marie sich in ihrer Vermutung bestätigt. Sie löste sich aus der Umarmung, wischte sich die Tränen aus den Augen und sagte, den verschwommenen Blick auf das besorgte Gesicht ihrer Freundin gerichtet: „Ich hab gedacht, ich krieg das hin. Zurückstecken und einfach mitkommen. Aber das ist so viel mehr als ein kleiner Kompromiss. Ich kann das nicht, ich kann nicht in so einer Riesenstadt leben, mit all dem Lärm und den Hochhäusern und den vielen Menschen, das ist mir doch hier schon zu viel. Und dann noch ein ganz anderes Land, so weit weg, so unendlich weit weg, …“ Sie brach ab. Ihre Stimme hatte sich tapfer durch diese Erklärung gekämpft, aber nun versagte sie doch und die Tränen kehrten zurück. Wieder nahm Theresa sie in den Arm. Marie weinte und Theresa streichelte, und die Welt um sie herum war wie immer und doch ganz anders, und dann sagte Theresa: „Ich hab es von Anfang an gewusst.“

Im Januar lag Marie im Bett im Gästezimmer ihrer Eltern, das sie in den letzten drei Wochen kaum einmal verlassen hatte, weil sie nicht zurückwollte in die Wohnung, die sie mit Felix geteilt hatte, bis zu dem Tag, an dem er von ihr verlangt hatte, sich endlich zu entscheiden, und der damit geendet hatte, dass sie Theresas weiße Bluse schwarz weinte. Und während sie auf dem Land trotz all ihrem Schmerz immer stärker spürte, dass sie Felder wollte und Bäume und einen kleinen Bach, keine großen Straßen, keine Hochhäuser und auch kein Meer, hatte Felix begonnen, seine Sachen zu packen, um sie später wieder einräumen zu können, in fremde Möbel in der kleinen, aber zentral gelegenen Wohnung, die er für sich gemietet hatte. In Sydney. Marie sah auf die Uhr. In fünf Stunden würde das Flugzeug abheben, das Felix weiter wegbringen würde, als sie sich vorzustellen vermochte. Das fühlte sich schrecklich an, und doch wusste Marie, dass das Flugzeug letztendlich nicht mehr tun würde, als eine Distanz, die wohl schon seit Langem existiert hatte, zu einer unumstößlichen geografischen Tatsache zu machen. Es würde ihn mitnehmen in sein neues Leben, ihn ihr wegnehmen, weil er das so wollte, weil sie nicht hineinpasste in seine Pläne, und auch nicht hineinpassen konnte. Es klopfte. Maries Vater streckte den Kopf zur Tür herein und sagte: „Besuch für Dich.“ Dann öffnete er die Tür ganz und verschwand in den Flur. Marie setzte sich im Bett auf. Im Türrahmen stand Felix. „Ich wollte nicht gehen, ohne mich zu verabschieden.“ Sie antwortete nicht. Mehr noch als sein Besuch überraschte sie die Tatsache, dass sein Anblick nichts in ihr auslöste, sie fühlte sich vollkommen leer. Zögerlich machte Felix einen Schritt in ihre Richtung. Für den Bruchteil einer Sekunde sahen sie einander in die Augen, dann wandte er den Blick ab. Sie hörte, wie er tief Luft holte, bevor er, angestrengt auf den Parkettboden starrend, fragte: „Kommst Du mich mal besuchen?“ Maries Finger spielten mit den Knöpfen am Bezug der Bettdecke, während sie spürte, wie die einzig mögliche, die einzig richtige Antwort auf diese Frage von ihrem Gehirn auf ihre Zunge wanderte, und dann sagte sie, leise, aber bestimmt: „Nein.“

(Keine wahnsinnig tolle Live-Version, aber anders habe ich den Song online nicht gefunden. Die Albumversion könnt ihr hier hören.)


Was ist das Projekt Patine?

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