Void [Projekt Patine – 1]

Sie hatte begonnen, die Wochenenden zu hassen. Jede Woche, spätestens am Donnerstag Abend, überkam sie ein Gefühl vollkommener Hilflosigkeit angesichts der vielen, langen, freien Stunden, die ihr bald bevorstehen würden, Stunden, die sie nicht zu füllen wusste. Sie fühlte sich überfordert mit der Aufgabe, diese Stunden hinter sich bringen, überstehen, überleben zu müssen. Mehr wollte sie gar nicht, nur überleben. Sie wartete ungeduldig auf den Sonntag Abend, auf den Moment, an dem sie sich ins Bett legen konnte, mit einem erleichterten Seufzer und der Gewissheit, dass sie es ein weiteres Mal geschafft hatte. Dass nun wieder fünf Tage auf sie warteten, an denen sie nicht gezwungen war, sich selbst zu überlegen, was in aller Welt sie mit ihnen anstellen könnte. Und an denen sie den Großteil ihrer Zeit nicht mit sich selbst verbringen musste.

Lange hatte sie sich nicht eingestehen wollen, dass sie einsam war. Vollkommen einsam. Ihr Leben lang hatte sie geglaubt, dass sie keine anderen Menschen brauchte. Keine Bekannten, keine Freunde, keine Verwandten, keinen Mann. Es war nett, wenn da jemand war, Bekannte, Freunde, Verwandte, Männer, aber wenn da niemand war, dann war da eben niemand. Sie hatte immer gedacht, sie könne das akzeptieren, mehr noch, damit leben, gut damit leben. Wie oft hatte sie mit einem mitleidigen, beinah hochnäsigen Lächeln beobachtet, wie die Leute um sie herum sich von anderen Menschen abhängig machten, wie sie mehr und mehr unfähig wurden, auch nur ein paar wenige Stunden alleine zu verbringen, ohne schwermütig zu werden oder nervös oder wütend oder richtiggehend verrückt. Sie hatte so viel Abstoßendes gesehen und gehört. Eine Kollegin, die, selig lächelnd, davon sprach, wie schön es doch sei, zu merken, dass man von seinen Kindern gebraucht werde. Ein junges Paar, das sich, neugierig beobachtet von einer Gruppe Schaulustiger, auf offener Straße lautstark stritt und schließlich trennte, was dazu führte, dass die Frau unter Tränen zusammenbrach. Die Tochter der Nachbarn, die nach dem Auszug ihrer großen Schwester blass und dünn und traurig morgens an ihrem Haus vorbei zur Bushaltestelle schlich, und mittags wieder zurück, die einzigen beiden Gelegenheiten, zu denen man sie noch auf der Straße sah. Ihren Exfreund, der sich darüber beschwerte, dass sie immer nur begrenzte Zeit mit ihm verbringen wollte und offensichtlich keine Lust hatte, ihre Beziehung so eng werden zu lassen, wie er es gerne gehabt hätte. In all diesen Situationen war sie einfach davongegangen, erhobenen Hauptes, mit einem Blick, der allen Beteiligten klarmachte: das musste sie sich nicht antun. Das waren die Probleme anderer Leute. Probleme, die sie selbst nicht im Geringsten nachvollziehen konnte. Sie ließ die Kollegin reden, ließ eine der Schaulustigen sich um die weinende und zitternde junge Frau kümmern, ließ das Nachbarskind Tag für Tag mit hängenden Schultern an ihrem Fenster vorbeischlurfen, ließ ihren Exfreund einfach stehen und nie wieder etwas von sich hören. Sie kehrte zurück in ihre kleine Wohnung, in der nur Platz war für sie selbst, schloss die Tür hinter sich und genoss das Gefühl, sich wieder voll und ganz auf die Dinge konzentrieren zu können, die ihr wichtig waren. Alleine.

Wenn sie nun an einem Samstag Morgen erwachte, versuchte sie sich an all die Dinge zu erinnern, mit denen sie damals, in dieser schier unendlich weit zurückliegenden Vergangenheit, ihre geliebte, heilige Freizeit verbracht hatte. Sie hatte Musik gehört, so laut, dass sie selbst kaum fassen konnte, dass sich nie einer der Nachbarn beschwerte, und die Nachrichten im Radio, und manchmal kam es ihr vor, als ließen auch diese nur den einen Schluss zu: dass jegliche Form von Gemeinschaft zum Scheitern verurteilt ist. Sie hatte ganze Abende in der Küche zugebracht und gekocht, drei Gänge, nur für sich allein, und mehr noch als das Essen hatte sie das Gefühl genossen, dass sie keinerlei Kompromisse eingehen musste, dass sie kochen konnte, was sie wollte, mit allen Zutaten und Gewürzen, die ihr schmeckten. Sie hatte Filme gesehen, die sie interessierten, die genau die Stimmung verbreiteten, die sie gerade brauchte, und wenn diese Filme ein Happy End hatten, dann eines, das der Protagonist, der sich im Laufe der Geschichte selbst gefunden hatte, vollkommen alleine auskosten konnte, keine von diesen ebenso kitschigen wie unglaubwürdigen Schlussszenen mit Küssen und bedeutungsschwangeren Blicken und dahergesagten Behauptungen über Liebe, Treue, Ewigkeit. Und sie hatte gelesen, wahnsinnig viel gelesen, Bücher, die sie fesselten, sie hatte sie vom Wohnzimmer ins Bad in die Küche mitgenommen, besonders gute Passagen laut rezitiert, für die einzige Zuhörerin, die sie wollte, die sie brauchte – sich selbst.

Immer und immer wieder versuchte sie nun, ihre Wochenenden auf die gleiche Art und Weise zu verbringen wie damals, sich auf Melodien und Meldungen einzulassen, in köstlichen Gerichten zu schwelgen, bewegte Bilder aufmerksam zu verfolgen, Worte in sich aufzusaugen und auszusprechen, als sei das der Sinn des Lebens, den sie gefunden hatte, der sie gefunden hatte, während er den meisten anderen Menschen für immer verborgen bleiben würde. Aber es ging nicht. Sie schaltete das Radio ein und konnte sich nicht darauf konzentrieren. Sie rührte im Kochtopf und verspürte weder Appetit noch Freude. Sie sah die Anfangsszenen eines Films und musste gähnen. Sie schlug ein Buch auf und wollte es schon nach wenigen Zeilen wieder wegelegen. Weil ihr all das nicht mehr genug war. Weil es ihr vorkam wie die sehr viel schlechtere Alternative zu etwas, das sie nicht benennen konnte. Und wenn sie versuchte, zu begreifen, was es war, das ihr fehlte, hatte sie nach kurzer Zeit das Gefühl, der Kopf müsste ihr platzen vor Anstrengung und Ungewissheit und Müdigkeit, und dann legte sie sich ins Bett, schloss die Augen und war doch nicht in der Lage, Schlaf oder auch nur ein wenig Ruhe zu finden.

„Du musst einfach mehr unter Leute gehen“, sagte ihre Mutter, als sie versuchte, am Telefon ihre Situation zu schildern, ohne zu viel von ihren Gefühlen offenbaren oder gar zugeben zu müssen, dass es sich bei ihrer Überzeugung, dass sie ihre Zeit mit Abstand am sinnvollsten nutzte, wenn sie sie alleine verbrachte, offenbar lediglich um eine Illusion gehandelt hatte. Fast war sie ein bisschen wütend über die Reaktion ihrer Mutter, die diesen banalen und wenig originellen Ratschlag wie beiläufig aussprach, und gleich zu einem vollkommen anderen Thema überging. Doch in den folgenden Tagen wurden diese sieben mit wenig Elan dahergesagten Worte in ihrem Kopf zu einer Art Mantra, gegen das sie sich zunächst hartnäckig wehrte, das aber immer wieder einen Weg in ihre Gedanken fand und dort viel überzeugender, motivierender, wahrer klang als aus dem Mund ihrer Mutter. „Du musst einfach mehr unter Leute gehen.“ Einfach. Mehr. Leute. Du musst, du musst, du musst.

Statt einem Mal in der Woche ging sie jetzt fast täglich einkaufen und erwiderte dabei jedes Lächeln und jedes „Schönen Tag noch“, das sie zuvor immer als unehrliche Höflichkeitsfloskel emfpunden und konsequent unbeantwortet gelassen hatte. Sie machte freiwillig Überstunden, um die an fünf Tagen die Woche garantierte soziale Interaktion namens Arbeit verlängern zu können. Sie rief eine alte Bekannte an, deren aufgedrehte Art das einzige war, an das sie sich nach langer Funkstille noch wirklich erinnern konnte, und verabredete sich mit ihr zum Kaffeetrinken. Und sie nahm sogar die Einladung des neuen Kollegen zum Abendessen an, obwohl sie ihn für einen Langweiler hielt. So etwas wie Glück oder Zuversicht oder auch nur ein bisschen Stolz auf sich selbst verspürte sie bei alledem immer nur für kurze Zeit. Sobald sie ihre Einkäufe in den Kofferraum geladen, das Büro verlassen, das Telefon aufgelegt, die Details für das Essen vereinbart hatte, überkamen sie Zweifel. An ihren Plänen, an der Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit solcher Aktionen, an ihrem Verstand. Und jedes Mal, wenn sie den Ratschlag ihrer Mutter befolgt hatte, wenn sie „einfach mehr unter Leute“ gegangen war, stellte sie sich bei der anschließenden Rückkehr in ihre schmerzhaft stille Wohnung nur eine Frage: Und was ist davon jetzt übrig geblieben?

Nichts. Nichts blieb davon übrig, abgesehen von einer Menge langsam vor sich hin gammelnder Lebensmittel in ihrem überfüllten Kühlschrank, ein paar Euro mehr auf der nächsten Gehaltsabrechnung, einem schlechten Gewissen wegen der vielen Sahne in der mit der unverändert albernen Bekannten verzehrten Torte, und der Erkenntnis, dass der Kollege außer der Arbeit keinerlei Gesprächsthemen kannte. Sie fühlte sich nicht nachhaltig besser oder in irgendeiner Form bereichert durch die künstlich vermehrten Begegnungen mit anderen Menschen. Aber das führte nicht dazu, dass sie wieder Freude an ihren alten Beschäftigungen verspürte, im Gegenteil, sie begann auch hier den Sinn zu hinterfragen, der, wie sie plötzlich erkannt zu haben glaubte, überhaupt nur dann gegeben wäre, wenn irgendetwas übrig bliebe vom Hören, Schmecken, Sehen, Lesen, Sprechen. Aber es blieb nichts übrig. Es waren flüchtige Genüsse, die sie nicht mehr wahrzunehmen vermochte, ehe sie sich schon wieder auf und davon gemacht hatten. Nie blieb irgendetwas übrig.


Was ist das Projekt Patine?

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s