Über das Schreiben und ein Projekt

Ich fasse nie gute Vorsätze für das neue Jahr. Weil daraus sowieso nie etwas wird. Aber manchmal überlege ich Ende Dezember dann doch, was ich im kommenden Jahr anders machen könnte, sollte, müsste, und dabei taucht eines früher oder später immer auf: mehr schreiben.

Mit dem Schreiben und mir ist das so eine Sache. Ich schreibe wirklich sehr, sehr gerne, und im Gegensatz zu so ziemlich jeder anderen Freizeitbeschäftigung, die ich je ausprobiert habe, habe ich es nie vollständig aufgegeben. Aber ich schreibe ziemlich selten. Ich muss voll und ganz in der richtigen Stimmung zum Schreiben sein. Und dann brauche ich Zeit, viel Zeit. Ich bin beim Schreiben viel perfektionistischer als in anderen Situationen, und manchmal sitze ich gefühlt drei Stunden an einem einzigen Satz, den ich immer wieder und wieder lösche, neu beginne, verändere. Wenn ich weiß, dass ich bald wieder aufhören muss, fange ich gar nicht erst an zu schreiben.

Ideen habe ich eigentlich ständig. Manchmal stehe ich mitten in der Nacht auf, um eine Idee zu notieren, weil es mir vollkommen unmöglich erscheint, einzuschlafen, solange ich nicht sichergestellt habe, dass ich am nächsten Tag noch von dieser Idee weiß. Manchmal finde ich auf meinem Handy Notizen, die ich irgendwann einmal hektisch, ohne Punkt und Komma, getippt habe, aus Angst, eine Idee könne mir entkommen, wenn ich sie nicht schnellstens schriftlich festhalte, und sei es auch nur in einer aufgrund der exzessiven Verwendung kryptischer Abkürzungen kaum verständlichen Form. Manchmal erwische ich mich dabei, wie ich in Gedanken mein eigenes Verhalten und meine eigenen Beobachtungen in romanwürdigen Sätzen wiedergebe. Und manchmal, nein, ziemlich oft, wünsche ich mir, ich könnte ein paar Monate in einem kleinen Holzhaus inmitten toller Natur verbringen, ohne Verpflichtungen, nur mit einem Computer zum Schreiben. Weil es im normalen Alltag einfach immer irgendetwas gibt, das mich vom Schreiben abhält.

Manchmal reicht eine Kleinigkeit. Ich fühle mich zum Beispiel jedes Mal wie der sprichwörtliche Ochs vorm Berg, wenn ich Namen für Protagonisten finden muss. Das klingt wahrscheinlich ziemlich lächerlich, aber ich habe immer das Gefühl, dass Namen, die man frei wählen kann, mehr sind als nur Schall und Rauch, dass unheimlich viel Bedeutung in so einem Namen stecken kann, ja, dass ein Leser meinen Text und vielleicht sogar mich als Autorin danach beurteilen wird, ob ich die Protagonistin Rita oder doch Andrea genannt habe. Ein noch größeres Problem habe ich mit Dialogen. Ich tue mich sehr schwer da­mit und vermeide sie, wo es nur geht. Vielleicht hat das mit meinem allgemeinen Hang zu im Grunde handlungsfreien Texten zu tun. Und damit, dass mir meine Dialoge immer künstlich vorkommen. Wie soll ich auch einen wirklich authentisch wirkenden Satz aus Ritas Mund formulieren, wenn ich schon einen halben Tag damit zugebracht habe, mich überhaupt für den Namen Rita zu entscheiden, der mir übrigens zu dem Zeitpunkt in der Geschichte, in der sich ein Dia- oder wenigstens Monolog wirklich nicht mehr umgehen lässt, noch immer alles andere als passend erscheint? Das Wissen, dass ich irgendwann an den Punkt kommen werde, an der die alleinige Verwendung von Personalpronomen zu Verwirrung führt und/oder langsam mal jemand etwas sagen sollte, damit man meinen Text nicht mit dem Drehbuch zu einem Kaurismäki-Film verwechselt, hält mich nicht selten davon ab, überhaupt mit dem Schreiben anzufangen.

Habe ich dann trotz allem doch einmal begonnen, Buchstaben, Wörter, Sätze zu Papier zu bringen, macht mich das glücklich. Und manchmal sogar stolz. Ich glaube, das ist auch ein Grund, warum ich das Schreiben im Gegensatz zu so vielen anderen potentiellen Hobbys als Kind beziehungsweise Teenager nie hingeschmissen habe. So sehr ich es mir in der vierten Klasse auch einreden wollte, ich hatte einfach kein Talent zum Zeichnen. Für das Erlernen eines Musikinstruments (ich habe mehrere ausprobiert) war ich zu faul und zu ungeduldig. Die Jazztanzstunden führten regelmäßig zu Frust angesichts der doppelten Überforderung durch Arm-Bein-Koordination und das Auswendiglernen von Schrittfolgen. Von dem eher peinlichen – und einmaligen – Versuch, beim Training im Fußballverein meiner Schwester mitzumachen, will ich gar nicht erst anfangen (was hat sich mein dreizehnjähriges Ich dabei eigentlich gedacht?). Das alles endete immer damit, dass ich dachte: Kann ich nicht, will ich nicht, mach ich nicht. Klar, das mit der Literatur ist alles Geschmackssache, und jeder darf über meine Texte denken, was er eben denkt, aber ich glaube, genau das mag ich am Schreiben: dass eben auch ich darüber denken darf, was ich eben denke, weil es keine objektiven Maßstäbe gibt. Dass mein temporärer Berufswunsch „Comiczeichnerin“ niemals zur Realität werden würde, konnte ein Blinder mit Krückstock erkennen. Dass man nie über „Alle meine Entchen“ hinauskommt, wenn man nie übt, ist auch logisch, und die Tanzlehrerin hat mich auch nicht nur wegen meiner Größe immer in die letzte Reihe verfrachtet (in die ich im Übrigen ebenso eindeutig gehörte wie an den Spielfeldrand). Beim Schreiben gab es niemanden, der solch weise Entscheidungen treffen musste, und den brauchte ich auch nicht. Weil ich irgendwie einfach so wusste, dass das, was ich da tat, nicht schlecht war, und vermutlich war das genau die Art von Selbstbewusstsein, die mir im Zusammenhang mit anderen Freizeitbeschäftigungen immer gefehlt hat.

Trotzdem ist auch aus meinem Traum von der Buchveröffentlichung (bisher) nichts geworden. Und abgesehen von den vielen anderen Hürden, die man auf dem Weg dahin nehmen muss, liegt das in erster Linie daran, dass ich eben gar nicht so wahnsinnig viel und oft schreibe. Aber eigentlich würde ich genau das sehr, sehr gerne tun. 2015 habe ich tatsächlich damit begonnen, mehr zu schreiben, aber das meiste davon ist sehr persönlich und betrifft direkt, ohne den Umweg über fiktive Charaktere und Handlungsstränge, mein eigenes Leben. Das ist – zumindest vorerst – nicht für die Augen anderer bestimmt, und schon gar nicht für das Internet. Aber diese Art des Schreibens, die gefällt mir gut, sie geht mir leicht von der Hand und überzeugt doch gar nicht so selten den perfektionistischen Kritiker in mir. Ich würde sie gerne übertragen in etwas, das auch andere lesen dürfen. Denn eigentlich will ich ja, dass meine Werke nicht auf meiner Festplatte verstauben, sondern dass sie Leser finden, die dann irgendetwas daraus mitnehmen, und sei es auch nur den Gedanken, dass sie selbst das viel besser könnten. Und schließlich habe ich nicht umsonst vor nun schon fast drei Jahren in meinem allerersten Post auf diesem Blog geschrieben, dass ich ihn gestartet habe, um mehr zu schreiben und das dann auch anderen zugänglich zu machen. Ich glaube, der Grund, warum es mir dennoch auch heute schwerfällt, andere meine Werke lesen zu lassen, ist, dass ich immer denke, dass sie sie auf übertriebene Art und Weise auf mich als Person beziehen werden. Dass sie in jedem fiktiven Protagonisten mich zu sehen versuchen werden. Dass sie davon überzeugt sein werden, dass ein wenig fröhlicher Text aus meiner Feder nur bedeuten kann, dass es mir nicht gut geht. Aber abgesehen davon, dass die Menschen, die mich gut genug kennen, um sich wirklich Sorgen machen zu können, immer zumindest grob darüber informiert sind, wie es tatsächlich um mich steht, ist es doch eigentlich auch nicht besonders nett, seinen Lesern die Fähigkeit zur Abstraktion abzusprechen. Ja, Schreiben ist immer auch ein stückweit Selbsttherapie (oder besser gesagt: der Versuch einer Selbsttherapie), und ich bin davon überzeugt, dass man immer, und sei es unbewusst, irgendetwas von sich selbst und dem eigenen Leben in die Protagonisten und die Handlung einer Geschichte legt. Aber es gibt eben auch immer eine Distanz zwischen dem Autor und seinem Text, und die Theorie, dass Letzterer umso besser ist, je größer diese Distanz ist, halte ich nicht für völlig abwegig.

Vor Kurzem habe ich irgendwo gelesen, dass man gute Vorsätze präzise formulieren muss, damit man überhaupt eine Chance hat, sie auch wirklich umzusetzen. Statt „im neuen Jahr mache ich mehr Sport“ soll man zum Beispiel sagen: „im neuen Jahr gehe ich jeden Montag, Mittwoch und Freitag eine Stunde Joggen“, statt „ich werde sparsamer leben“ einen Satz wie: „ich werde pro Monat nur noch x Euro für Kleidung ausgeben“. Keine wahnsinnig neue Erkenntnis und wahrscheinlich nicht viel mehr als ein ganz nett anmutender psychologischer Trick. Aber es hat mir doch vor Augen geführt, dass ich mir tatsächlich besser gar nichts vornehmen sollte, wenn ich nicht über dieses völlig unkonkrete „mehr schreiben“ hinauskomme. Und deshalb wage ich mich an ein Projekt, das man, wäre es mir nicht erst fast zwei Wochen nach Beginn des neuen Jahres eingefallen, als wirklich guten Vorsatz bezeichnen könnte. Denn es ist sehr präzise formuliert.

Ich habe mir in der letzten Zeit die Frage gestellt, was mich eigentlich zum Schreiben inspiriert, und ob ich nicht vielleicht einfach mehr von dieser Inspiration brauche. Ich kam auf Folgendes: Natur, Literatur, Gespräche mit anderen Menschen und Musik. Aber ich lebe in der Großstadt, und so schön die Parks von Leipzig auch sind, sie können nicht mithalten mit wirklich inspirierenden Landschaften, wie man sie zum Beispiel in Island findet. Lesen ist immer gut, aber man stolpert doch eher zufällig (und längst nicht in jedem Buch) über Sätze, die wirklich nachhaltig in Erinnerung bleiben und zu eigenen Formulierungen anregen. Ähnlich verhält es sich mit den Gesprächen, die man darüber hinaus ja auch nicht nach eigenem Belieben zu jeder Zeit führen kann. Aber Musik, Musik geht doch so gut wie immer, und sie hat einen ziemlich großen Einfluss auf meine Stimmung, mein Wohlbefinden. Und manchmal höre ich ein Album zum ersten Mal und weiß ganz genau, dass es in den nächsten Tagen und Wochen so etwas wie der Soundtrack meines Lebens sein wird. So ging und geht es mir in der letzten Zeit mit dem Album „Patine“ der belgischen Band BRNS. Wirklich neu ist es zwar nicht, aber irgendwie hatte ich es lange Zeit ignoriert – ein Fehler, wie sich herausstellen sollte, aber vielleicht auch nicht, vielleicht kann ich es nur in genau der Situation, in der ich mich aktuell befinde, so wertschätzen, und hätte es noch vor einem halben Jahr gar nicht so gerne gemocht. Ich höre es momentan dauernd, zu Hause, unterwegs, in der Bibliothek, überall, und jeder Song auf diesem Album hat mir früher oder später eine Schreib-Idee gegeben. Und die Umsetzung dieser Ideen ist das Ziel des besagten Projekts, das ich schon allein der Alliteration wegen „Projekt Patine“ nennen möchte. Ich werde zu jedem Song einen Text schreiben, und zwar eine Kurzgeschichte, denn ein weiteres Problem, das ich mit dem Schreiben habe, ist, dass ich mir wohl immer zu viel vornehme, dass ich immer gleich an Romane denke, und dann stehe ich gedanklich vor einer riesigen, schier unüberwindbaren Mauer, und traue mich keinen Schritt voran. Ja, ich will mehr schreiben, aber in Bezug auf das gewählte literarische Format gilt eben manchmal: weniger ist mehr. Deshalb Kurzgeschichten, jede nicht länger als drei Seiten, und jede für den Blog. Möglichst eine pro Woche, mit den gleichen Titeln und in der gleichen Reihenfolge wie die Songs auf dem Album. Um das einhalten zu können, muss ich meinen Perfektionismus zumindest in Teilen über Bord werfen und so tun, als würde ich nur für mich schreiben. Die Geschichten müssen nicht inhaltlich zusammengehören, müssen nicht von den gleichen Protagonisten handeln und auch nicht im gleichen Stil verfasst sein. Ich muss mich inspirieren lassen, von den Melodien, den Texten, dem Gefühl, das ein Song in mir auslöst, oder auch von allem zusammen, und einfach schreiben. Was mir in den Sinn kommt, ohne Gedanken an den Leser und seine möglichen Interpretationsansätze. Dass das klappen kann, weiß ich, denn zwei Geschichten habe ich schon geschrieben. Die erste gibt’s morgen.

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16 Gedanken zu „Über das Schreiben und ein Projekt

  1. Jou. Richtig! Kopp entlasten und was notieren. Unterwegs, nachts, wo man gerade ist. Mach ich auch so. Man schläft einfach besser.
    Noch was: Man schreibt, glaub ich, zunächst mal nicht für andere Leute (dann Leser genannt), sondern für sich selbst. Man ordnet sich dabei irgendwie die Welt ringsherum. Schön, wenn’s dann noch den Lesern zusagt.

    Im übrigen hast Du das alles wieder sehr, sehr gut formuliert. Für mich als LESER immer ein Gewinn.

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