Sieben gute Bücher

2014 hatte ich, inspiriert von einer ehemaligen Kommilitonin, eine Liste der Bücher erstellt, die ich das Jahr über gelesen hatte. Auch dieses Jahr habe ich das wieder getan. Obwohl ich das Gefühl hatte, 2015 deutlich mehr gelesen zu haben, ist die Anzahl der Bücher auf der diesjährigen Liste nur geringfügig höher als im Vorjahr, aber, wie ich letztes Jahr ja bereits dargelegt hatte: auf die Zahl kommt es nicht an. Anstatt euch hier wieder die vollständige Liste zu präsentieren, habe ich mir dieses Mal einige Highlights herausgepickt, die ich gerne ausführlicher vorstellen möchte. Als Geschenketipp zu Weihnachten kommt das Ganze jetzt natürlich zu spät, aber nach Weihnachten ist ja auch immer vor Weihnachten (und vor diversen Geburtstagen).

Das hier ist nicht als Top 7 gedacht, sondern alphabetisch nach Autoren geordnet (und ja, mir ist bewusst, dass Isländer keine Nachnamen, sondern Patronyme haben, und dass in Island nach den Vornamen sortiert wird, in Deutschland ist es aber üblich, die isländischen Patronyme wie Nachnamen zu behandeln, daher findet sich der isländische Roman hier unter N und nicht unter E). Ansonsten gilt: alles rein subjektiv, über Geschmack lässt sich nicht streiten, auch nicht in Bezug auf Literatur.

  1. Julian Barnes: „England, England“

2015 war bei mir das Jahr der England-Literatur. In Vorbereitung auf mein Praktikum in Farnham (Surrey) im August und September las ich so ziemlich alles Englandbezogene, was mir in die Finger kam, und auch vor Ort beschäftigte ich mich weiterhin mit dem Land, in dem ich vorübergehend lebte. Eines der ersten Werke, das ich mir vornahm, als feststand, wohin ich für das Praktikum gehen würde, war „England, England“ von Julian Barnes. Es war allerdings nicht der Titel, sondern das Ausgangskonzept dieses Romans, das mich ansprach. „You can fit the whole of England on the Isle of Wight“ – diesen in England oft gehörten Spruch nimmt Barnes wörtlich und lässt eine seiner Hauptfiguren, den größenwahnsinnigen Unternehmer Jack Pitman, einen gigantischen Freizeitpark auf der Insel errichten, der genau das repräsentiert: ein England im Kleinformat. Inklusive all der Dinge, die man gemeinhin mit England verbindet, von bekannten Gebäuden über Volkssagen und Traditionen bis hin zu einer von Schauspielern dargestellten Royal Family. Im Laufe der Zeit wird „England, England“, wie der Park genannt wird, immer beliebter, sowohl bei Touristen als auch bei Engländern, beliebter als das echte England.

Der skurrile Roman wird zum Großteil aus der Sicht von Martha erzählt, die der Leser zunächst als ein Kind kennenlernt, das es liebt, ein Puzzle zu legen, bei dem man alle englischen Grafschaften korrekt zusammenlegen muss. So ist es wenig überraschend, dass sie später für Jack Pitman an dessen Großprojekt mitarbeitet – und einige, sagen wir: interessante, Details aus seinem Privatleben aufdeckt. Doch der Roman besticht nicht nur durch seine Komik und die Tatsache, dass man bei der Lektüre eine ganze Menge über England lernen kann, sondern auch durch Barnes‘ tollen Schreibstil. Und durch eine ganze Menge nachdenklich stimmender Passagen wie der Folgenden: „If a memory wasn’t a thing but a memory of a memory of a memory, mirrors set in parallel, then what the brain told you now about what had happened then would be coloured by what had happened in between. […] The past was never just the past, it was what made the present able to live with itself. […] Did those whose lives had disappointed them remember an idyll, or something which justified their lives ending in disappointment?“

  1. Kate Fox: „Watching the English“

Im zweiten Teil meines Rückblicks auf die Zeit in Farnham habe ich schon einiges über dieses Buch geschrieben, daher möchte ich hier einfach nur auf diesen Post verweisen.

  1. Klaus Mann: „Mephisto“

Eines dieser Bücher, die ich schon lange einmal lesen wollte. Nachdem ich im November eine sehr gute Inszenierung einer Bühnenfassung des Romans am Düsseldorfer Schauspielhaus gesehen hatte, habe ich diesen Plan dann endlich in die Tat umgesetzt, hauptsächlich auf langen Zugfahrten. Und dabei stellte sich heraus, dass es sich um eins dieser Bücher handelt, bei denen man im Nachhinein denkt: Das hätte ich schon viel früher mal lesen sollen. Die Handlung ist, zumindest in ihren Grundzügen, wohl allgemein hinreichend bekannt, aber sie ist nicht das einzige, was diesen im Exil entstandenen Roman so großartig macht. Auch die Schilderungen der Theaterszene im Deutschland der 20er- und 30er-Jahre mit ihren Stars wie der Hauptfigur Hendrik Höfgen (dessen Persönlichkeit und Biografie so viele Gemeinsamkeiten mit der des berühmten Gustaf Gründgens aufweist, dass der Roman nach einer Klage durch dessen Erben in der BRD zeitweise nicht publiziert werden durfte) finde ich sehr interessant, nicht zuletzt, weil deutlich wird, dass Erfolg in diesen Zeiten nicht immer allzu viel mit Talent zu tun hatte, dafür aber umso mehr mit politischer Haltung, gesellschaftlicher Position und natürlich der vermeintlichen „Rasse“.

Die Geschichte ist voller Figuren, mit denen man sich nicht identifizieren kann oder will, und Höfgen wird von Seite zu Seite unangenehmer, sein Opportunismus widert den Leser geradezu an – aber gerade deshalb kann man das Buch nur schwer aus der Hand legen. Hier ist es eben nicht das anrührende oder spannende Schicksal einer sympathischen Figur, das den Leser Satz um Satz vorantreibt, sondern die Hoffnung, dass bald irgendetwas passiert, das Höfgen erkennen lässt, wie sehr er vom rechten (oder in diesem Fall besser: vom linken) Weg abgekommen ist. Oder dass er zumindest nicht immer noch weiterkommt. Darüber hinaus ist „Mephisto“ – was ich zunächst gar nicht so erwartet hatte – sehr komisch. Der Roman steckt voller satirischer Anspielungen auf bekannte Persönlichkeiten dieser Zeit, die man teils problemlos, teils nur durch ein bisschen Recherche wiedererkennt. Keine Angst, man muss sich mit der deutschen Geschichte nicht bis ins Detail auskennen, um den Roman verstehen zu können. Aber gerade die Tatsache, dass man mit etwas Hintergrundwissen noch mehr von der Lektüre hat, gehört für mich zu den stärksten Gründen, warum „Mephisto“ auf dieser Liste auftaucht. Denn dadurch habe ich neben dem eigentlichen Roman noch eine ganze Menge anderer interessanter Texte gelesen (vor allem online), über Dinge, mit denen ich mich sonst vielleicht nie ausführlicher beschäftigt hätte.

  1. Eiríkur Örn Norðdahl: „Böse“

So etwas wie diesen über sechshundert Seiten starken Roman habe ich noch nie gelesen, und ich bezweifle auch stark, dass es etwas Vergleichbares überhaupt gibt. Die Haupthandlung ist schnell zusammengefasst. Es geht um die jüdische Studentin Agnes, Tochter eines nach Island eingewanderten litauischen Ehepaars, die ihre Abschlussarbeit über den Holocaust schreibt, ein Thema, von dem sie geradezu besessen ist. Sie lernt Ómar kennen, der in seiner Kindheit mit der Scheidung seiner Eltern und ständigen Umzügen an neue Orte im In- und Ausland zurechtkommen musste, und sich in der Beziehung mit Agnes zum ersten Mal wirklich angekommen fühlt. Doch Agnes beginnt eine Affäre mit Arnór, einem der isländischen Neonazis, die sie im Zusammenhang mit ihrer Arbeit befragt, und als Ómar davon erfährt, steckt er vor Wut das ge­­meinsame Haus in Brand. Wer jetzt denkt: „Na toll, nun hast du uns ja schon die ganze Story verraten“, irrt. Ich selbst war auch etwas verwundert, dass der Klappentext fast vollständig verrät, wie die Sache ausgeht, aber schon nach wenigen Seiten wurde mir klar: das ist nur ein Handlungsstrang unter vielen, und es geht in diesem Roman auch gar nicht so sehr um irgendeine Geschichte, sondern vielmehr um die Geschichte, ein ganz bestimmtes Kapitel europäischer Geschichte, und um dessen Auswirkung auf die Gegenwart.

Der Leser erfährt nämlich nicht nur, was zwischen Agnes, Ómar und Arnór passiert. Erzählt wird auch das Schicksal von Agnes‘ Großeltern in der litauischen Kleinstadt Jurbarkas, wo sich im Kleinen das abspielte, was Millionen von Menschen vor und während des Zweiten Weltkriegs europaweit erleben mussten. Norðdahl ist dabei ziemlich schonungslos, sowohl was die Beschreibung der Grausamkeiten gegen die Juden angeht, als auch in Bezug auf die Schilderung des Verhaltens der Deutschen und der nicht-jüdischen Bevölkerung der Stadt. Agnes‘ Vorfahren stehen dabei teils auf der einen, teils auf der anderen Seite. Auch die persönlichen und familiären Hintergründe von Ómar und Arnór werden geschildert. Letzterer ist übrigens kein typischer, pöbelnder Neonazi, sondern der hochbegabte Sohn einer alleinerziehenden Bibliothekarin aus Ísafjörður in den isländischen Westfjorden, mit dem Agnes sich auf einem ganz anderen Niveau unterhalten kann als mit ihrem Freund Ómar, der aufgrund einer unglücklichen Episode in seiner Jugend sein Leben nur schwer zu meistern versteht. Darüber hinaus gibt es Passagen aus der Perspektive von Agnes‘ Sohn Snorri (interessanterweise in der zweiten Person Singular verfasst), einem Säugling, der den Erwachsenen so viel mitzuteilen hätte, wenn er denn nur könnte, sowie Einblicke in die jüngere isländische Geschichte, in der rechtsextreme Tendenzen unter bestimmten Gruppen gar nicht mal so selten vorkamen, wie man von dem in vielerlei Hinsicht als so vorbildlich geltenden Inselstaat vermuten würde.

Ich habe, wie regelmäßige Leser dieses Blogs wissen, eine besondere Vorliebe für isländische Literatur, und in gewisser Weise ist „Böse“ auch ein typisch isländischer Roman, der eine etwas schräge Story erzählt und sich mit Island und den Isländern befasst, aber gleichzeitig ist er absolut einzigartig. Nicht nur, weil er mit Litauen einen weiteren interessanten Schauplatz hat (womit er übrigens unter den neueren isländischen Romanen nicht alleine ist, auch Bragi Ólafssons „Der Botschafter“ spielt zu einem großen Teil in dem baltischen Land), sondern auch, weil Norð­dahl, der hauptsächlich als Lyriker bekannt ist, es versteht, Belletristik mit Sachinformation und gut recherchierten Fakten zu verbinden. Man kann sich gut vorstellen, dass es dem Autor während seiner Arbeit an dem Roman ganz ähnlich erging wie seiner Figur Agnes, deren Leben sich mehr oder weniger vollständig um die Themen Holocaust und Antisemitismus dreht. Der Roman ist das schriftliche Zeugnis des gedanklichen Sich-Hineinsteigerns in eine Thematik, die wütend und ohnmächtig, ja, geradezu wahnsinnig macht, und entsprechend direkt ist die Sprache. Und dabei reißt Norðdahl den Leser absolut mit, mal mit Hilfe von nackten, schwindelerregenden Zahlen, mal durch Einblicke in die Gedankenwelt der Juden von Jurbarkas, mal mit Humor und Ironie, und mal mit wunderbaren Formulierungen wie der Folgenden: „Die An­­­hänger populistischer Parteien sind nicht die Arbeitslosen, wie oft behauptet wird, sondern die, die befürchten, ihre Arbeit zu verlieren […]. Wer keine Arbeit hat, dem ist das scheißegal. Es ist nämlich nicht die Realität, die uns zum Narren hält, sondern das, von dem wir befürchten, dass es Realität werden könnte. Das Monster im Schrank, unter dem Bett. Um dich aufzufressen, muss es gar nicht existieren.“

  1. Sven Regener: „Meine Jahre mit Hamburg-Heiner“

Sven Regener kennen die meisten wohl als Autor des Kultromans „Herr Lehmann“ und/oder als Sänger der von mir sehr geschätzten Band Element of Crime. Dass er auch immer wieder mal als Blogger unterwegs war, ist weniger bekannt. In diesem Buch finden sich seine Blogposts aus den Jahren 2005 bis 2010, in denen Regener hauptsächlich vom Tourleben mit der Band, aber auch von unzähligen anderen, meist eher belanglosen Dingen erzählt. Zum Beispiel beschäftigt er sich eingehend mit der Frage, ob „Oh Tannenbaum“ im Dreiviertel- oder Viervierteltakt gesungen werden muss, schreibt über Erdnüsse im Tourbus, philosophiert über das Bloggen an sich und postet verwackelte Handyfotos, die gerade wegen ihrer schlechten Qualität Charme haben. Als eine Art roter Faden, der das Ganze zusammenhält, dienen Regeners Telefonate mit seinem Kumpel Hamburg-Heiner, von dem man nie direkt erfährt, ob es ihn eigentlich wirklich gibt oder nicht. Das ist aber auch vollkommen unerheblich, fest steht in jedem Falle: Regener und „HH“ führen Dialoge, die in all ihrer Absurdität und Komik absolut mit Herrn Lehmanns berühmter Schweinebraten- und Lebensinhalt-Diskussion mithalten können.

Obwohl Regener seine Blogs immer nur auf Bitte anderer, wegen „Promo“, anlegte, und anfangs keinen blassen Schimmer hatte, worüber er überhaupt schreiben soll („Wenn man wenigstens eine anständige Verschwörungstheorie am Start hätte, irgend so einen total doofen Quark …“), hat er erstaunlich viel zu erzählen. Er beobachtet die Welt und die Menschen um sich herum, nimmt so ziemlich alles und jeden auf die ein oder andere Weise aufs Korn und lässt den Leser an seinen teils wirklich abstrusen Gedankengängen teilhaben. Ich habe dieses Buch innerhalb von wenigen Tagen gelesen, denn immer, wenn einer der kurzen Texte (selten länger als eine bis zwei Seiten) vorbei war, dachte ich: Ach komm, einer geht noch. Und dann noch einer und dann noch einer …

  1. Maggie Shipstead: „Seating Arrangements“

2014 gehörte Maggie Shipsteads zweiter Roman „Astonish Me“ ganz eindeutig zu meinen persönlichen Lesehighlights. „Seating Arrangements“ ist das Debüt der jungen amerikanischen Autorin, in dem sie eine Geschichte erzählt, die mich zu Anfang weniger interessierte als die von „Astonish Me“, mich dann aber ebenso schnell packte. Der Großteil des Romans spielt in den Tagen vor der Hochzeit von Daphne und Greyson, die mit Verwandten und Freunden auf der fiktiven Insel Waskeke gefeiert werden soll. Aus verschiedenen Perspektiven erzählt Shipstead von den weitreichenden Auswirkungen der Hochzeitsvorbereitungen: alte Wunden werden aufgerissen, Konflikte entstehen oder flammen wieder auf, Geheimnisse kommen ans Licht, Beziehungen verändern sich. Im Fokus stehen dabei Winn, der Vater der hochschwangeren Braut, dessen Leben sich zum Großteil um die Frage dreht, warum er nie Mitglied in einem angesehenen Club auf der Insel werden durfte, und der heimlich ein Auge auf Daphnes beste Freundin Agatha geworfen hat, sowie Livia, Daphnes jüngere Schwester, die unter der Trennung von ihrem Exfreund, dem Sohn von Winns Erzfeind, leidet.

Die Geschichte ist natürlich nichts weltbewegend Neues, und Familienporträts dieser Art gibt es auch zuhauf. Hinzu kommt, dass der Roman nur an sehr wenigen Stellen wirklich spannend ist oder überraschende Wendungen nimmt. Das sollte man vielleicht wissen, bevor man beginnt, ihn zu lesen, es sollte aber keinesfalls abschrecken. Nachdem mich Maggie Shipsteads Schreibstil in „Astonish Me“ sehr begeistert hatte, hätte sie mir auch die langweiligste Story der Welt erzählen können, ich hätte die Lektüre trotzdem genossen. Zudem gefällt mir die Idee, eine Hochzeit und ihre Vorbereitungen aus der Sicht so gut wie aller Beteiligten zu erzählen, dabei aber ausgerechnet das Brautpaar am wenigsten zu Wort kommen zu lassen. Allerdings scheint Daphne unter den Protagonisten auch diejenige zu sein, um deren emotionale Verfassung man sich am wenigsten Sorgen machen muss. Ganz anders ist es um Winn und Livia bestellt, zu denen man als Leser im Grunde vergeblich versucht, eine Verbindung aufzubauen. Viele ihrer Handlungen sind alles andere als nachvollziehbar und gerade das macht sie zu hochinteressanten Hauptfiguren. „Seating Arrangements“ ist eine komplexe Analyse des Zusammenlebens in einer Familie voller mit sich selbst beschäftigter Individuen, ein Roman, der zeigt, was passieren kann, wenn Gefühle unterdrückt, verschwiegen, mit sich selbst ausgemacht werden. Insgesamt muss ich sagen, dass mich dieses Erstlingswerk nicht ganz so begeistert hat wie sein Nachfolger, aber ich habe es sehr gerne gelesen und freue mich auf jeden Fall jetzt schon auf jeden Roman, den Maggie Shipstead noch veröffentlichen wird.

  1. Zadie Smith: „N-W“

Leah, Natalie, Felix und Nathan, etwa Mitte 30, sind im fiktiven Londoner Stadtteil Caldwell, einer Wohnblocksiedlung mit Working-Class-Bevölkerung, aufgewachsen. Obwohl sie alle den gleichen Hintergrund haben, ist es ihnen in den Jahren nach der Schule sehr unterschiedlich ergangen. Natalie ist erfolgreiche Anwältin, mit einem Banker verheiratet und Teil der Upper Class, kann jedoch keinesfalls verleugnen, dass es ihrer Mutter und ihren Geschwistern nach wie vor alles andere als rosig geht. Leah arbeitet für eine soziale Organisation, kommt gemeinsam mit ihrem Mann, einem gutaussehenden Friseur, finanziell einigermaßen über die Runden, hat aber so ihre Problem mit einigen Dingen, die in ihrem Leben jetzt, teils plötzlich, eine Rolle spielen. Felix hat zwar erfolgreich seine Drogensucht überwunden, wird aber immer wieder von seiner Vergangenheit eingeholt und findet sich ständig in Konflikten mit seinem Vater wieder. Am übelsten hat das Schicksal Nathan mitgespielt, der in der Schulzeit durchaus Aussichten auf eine Karriere als Fußballer hatte, sich nun aber als Dealer durchschlägt.

Soweit die Ausgangslage. Man könnte meinen, dass das Ganze nun einfach darauf hinausläuft, dass die Vier sich nach langer Zeit zufällig wiedertreffen und ihre völlig unterschiedlichen Werdegänge vergleichen, einander beneiden und bemitleiden. Oder auf eine von diesen „Freundschaft ist alles“-Kitschgeschichten. Falsch gedacht. Zwar sind Natalie und Leah tatsächlich seit ihrer Kindheit beste Freundinnen und, ja, auf die ein oder andere Art und Weise begegnen sich auch alle Protagonisten irgendwie irgendwann, aber trotzdem ist „N-W“ vollkommen anders als man erwartet. Das betrifft zunächst die Form. Man kann den Roman durchaus als experimentell bezeichnen, der Stil auf den ersten Seiten ist sehr gewöhnungsbedürftig, ändert sich dann aber sowieso immer wieder, so dass man sich ständig auf etwas Neues einlassen muss: stream of consciousness wechselt sich ab mit klassischem Erzählstil, detailreiche Beschreibungen mit stakkatohaften Passagen, von Dialogausschnitten durchsetzte Gedankenfetzen mit Schilderungen, die fast ausschließlich Gerüche und Geräusche umfassen, es aber trotzdem verstehen, die Atmosphäre fast greifbar zu machen. Man muss ein sehr aufmerksamer Leser sein, Zadie Smiths vierter Roman ist wirklich kein Buch zum Nebenbeilesen. Vieles wird nur angedeutet oder erklärt sich erst Seiten später. Ein beeindruckendes Werk, nicht nur wegen dieser formellen Aspekte, sondern auch, weil es – so habe jedenfalls ich es empfunden – die Stadt, in der es spielt, in vielerlei Hinsicht nahezu perfekt repräsentiert. Der Roman wirkt chaotisch, streckenweise regelrecht verwirrend, aber dennoch entsteht im Laufe der Zeit eine Welt, die man am Ende nur sehr ungern wieder verlassen will. Die Figuren, allen voran Natalie und Leah, sind mehr als bloße Vertreter der englischen Klassengesellschaft in all ihren Ausprägungen, unter der Oberfläche schlummert eine ganze Menge Überraschendes. Und immer schwingt das Gefühl mit, dass längst nicht alles Gold ist, was glänzt, oder, um es mit Zadie Smiths Worten zu sagen: „Happiness is not an absolute value. It is a state of comparison.“

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2 Gedanken zu „Sieben gute Bücher

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