Von glücklichen Zufällen, besonderen Klängen und dem Doppelleben eines Familienvaters

Manchmal, wenn jemand mich fragt, warum ich Bibliothekarin geworden bin (falls ich diese Berufsbezeichnung schon verwenden darf, obwohl ich noch nicht als Bibliothekarin arbeite), antworte ich, dass es eher zufällig dazu gekommen ist. Dass ich nach dem Abi nicht wusste, was ich studieren sollte, dann mit Jura anfing, aber nach zwei Semestern feststellte, dass ich das nicht mein Leben lang machen will, so dass ich das Studium abbrach und erneut vor der schwierigen Frage stand, was aus mir werden sollte. Ich kann heute, mehr als fünf Jahre nach dem Entschluss, mich neu zu orientieren, zwar eindeutig sagen, dass ich mich im zweiten Anlauf richtig entschieden habe, aber nicht besonders gut begründen, warum dieser zweite Anlauf ausgerechnet in einem bibliothekarischen Studium bestand. Ich interessierte mich für Kultur, Literatur, Wissenschaft und Sprache und auch ein bisschen für IT, und auf der Suche nach passenden Studienfächern stieß ich irgendwann – in der Tat zufällig – auf die HdM Stuttgart und diesen Studiengang. Irgendwie so war das. Wahrscheinlich beginnen viele Karrieren auf ähnliche Art und Weise, nicht nur im Bibliothekswesen (einem Berufsfeld, in dem nach meiner Erfahrung nicht wenige eher über Umwege landen), sondern ganz allgemein.

Vor ein paar Tagen habe ich einen Film über einen Mann gesehen, der wohl eine ähnliche Formulierung wählen würde wie ich, wenn man ihn fragte, wie es dazu kam, dass er wurde, was er wurde. Allerdings ist sein Beruf etwas spektakulärer als meiner, und der Zufall spielte in seiner Karriere eine noch größere Rolle. Der Mann heißt Helge Risa und sein Beruf ist – Rockstar. So trägt der Film auch den passenden Titel „The Accidental Rockstar“ (oder, im norwegischen Original, „Den tilfeldige rockestjernen“). Helge Risa, auch bekannt als Omen, ist ein Sechstel der norwegischen Band Kaizers Orchestra, einer Band, die ich sehr, sehr gerne mag, die ich vermutlich sogar als meine absolute Lieblingsband aller Zeiten bezeichnen würde, wenn man mich dazu zwingen würde, unter all den Bands, die ich gerne höre, nur eine einzige auszuwählen.

Auch zu dieser Liebe kam es übrigens eher zufällig. Auf einem Konzert der Band in Köln im Frühjahr 2008 machten die sechs sich darüber lustig, dass ein deutscher Radiosender sie kurz zuvor aufgefordert hatte, von ihrem damals neuen Album „Maskineri“ einen Song auszuwählen, der – sozusagen als Singleauskopplung – im deutschen Radio gespielt werden könnte. Das erschien der Band deshalb so absurd, weil sie in Deutschland nicht besonders bekannt war und ist, was wiederum hauptsächlich darauf zurückzuführen ist, dass sie ausschließlich auf Norwegisch (genauer gesagt auf Jærsk, dem in der Landschaft Jæren gesprochenen Dialekt) singt. Eher spaßeshalber fragte Sänger Janove Ottesen daher, ob irgendjemand im Publikum die Band etwa tatsächlich aus dem deutschen Radio kenne. Niemand meldete sich – außer mir. Leider ging das im allgemeinen Gelächter und den ersten Tönen des nächsten Songs unter, aber es entspricht der Wahrheit. Zweieinhalb Jahre zuvor, im Spätsommer 2005, hatte 1Live, der Jugendsender vom WDR, tatsächlich einen Song von Kaizers Orchestra im Programm, der zwar nur sehr selten und nur im Rahmen der abendlichen Alternative-Sendung „Plan B“ gespielt wurde, aber doch einmal zum genau richtigen Zeitpunkt lief, jedenfalls für mich. Der Song hieß „Maestro“, genau wie das dritte Album der Band, das gerade erschienen war und das ich zu meinem eigenen Erstaunen einige Tage später bei Saturn in Mönchengladbach-Rheydt erstehen konnte. Ich war fast 15 und hatte gerade beschlossen, mein Taschengeld in Zukunft sinnvoll zu investieren, und gute Musik erschien mir jeden Cent wert zu sein. Längst nicht alles, was ich in diesem Alter getan habe, erwähne ich heute gerne oder gar mit Stolz, aber diesen Entschluss habe ich nie bereut. Aufgrund der Tatsache, dass mein Taschengeldvorrat natürlich alles andere als unerschöpflich war, musste ein Album hohen Qualitätsansprüchen genügen, um in meinem CD-Regal zu landen (ich verbrachte damals viel Zeit an den Anhörstationen bei Saturn), und „Maestro“ bestand jegliche Tests mit Bravour. Warum? Weil die 12 Songs darauf einfach komplett anders waren als alles, was ich je zuvor gehört hatte. Nicht nur wegen der Sprache – Kaizers Orchestra war die erste in einer ganzen Reihe weder englisch- noch deutschsprachiger Bands, die sich heute in meiner Sammlung befinden – , sondern auch wegen der Instrumentenwahl, des Inhalts ihrer Texte und des allgemeinen Sounds.

Das Grundgerüst ihrer Musik besteht zwar, wie bei anderen Rockbands auch, aus E-Gitarren und Schlagzeug plus Gesang, aber statt des ansonsten üblichen E-Basses kommt bei ihnen ausschließlich ein Kontrabass zum Einsatz. Zu den – in wechselnden Konstellationen eingesetzten – anderen ungewöhnlichen Instrumenten, die man in ihren Songs hören kann, gehören unter anderem: Harmonium (das Stamminstrument von besagtem Helge Risa, auf den ich später noch einmal genauer zu sprechen kommen werde), Akkordeon, Mandoline, Banjo, Marimba und – leere Ölfässer und Autofelgen. Nachdem Janove Ottesen und Gitarrist Geir Zahl in Zeiten der ansonsten mit den typischen Rockinstrumenten arbeitenden Vorgängerband, gnom, für den Song „Bastard“ mit den Klängen experimentiert hatten, die entstehen, wenn man mit einem Baseballschläger auf ein Ölfass einschlägt, wurde dies zum markanten Kernstück eines neuen, ganz eigenen Sounds, der die beiden dazu veranlasste, nach der Auflösung von gnom eine neue Band zu gründen, die sie Kaizers Orchestra nannten – die Inspiration zu diesem Namen kam ebenfalls von dem Song „Bastard“, in dem der mysteriöse Mr. Kaizer zum ersten Mal auftaucht. Bei diesem handelt es sich um eine fiktive Person aus dem ganz eigenen Universum, das die Band im Laufe ihrer langjährigen Karriere aufgebaut hat. Ihre Songs erzählen nämlich allesamt Geschichten, die in vielen Fällen auf direkte oder indirekte Weise miteinander verwoben sind. Und damit wären wir beim zweiten Grund dafür, dass „Maestro“ damals in meinem Regal landete. Denn im Gegensatz zu anderen Bands besingen die sechs Herren aus Bryne bei Stavanger nicht etwa persönliche Probleme wie Liebeskummer oder Zukunftsängste, sondern arbeiten eher wie Roman- oder Drehbuchautoren, mit fiktiven Figuren in einem oft historischen Setting. Das „Ich“ in ihren Texten ist immer ein lyrisches Ich. Fast alle ihre Alben sind Konzeptalben, auf denen die Songs mehr oder weniger zusammenhängen und gemeinsam eine Handlung ergeben, aber auch für sich stehen können. Das erste Album, „Ompa til du dør“ (das ich im Mai 2006 nach langer Suche endlich in einem Plattenladen in Amsterdam entdeckte, was dazu führte, dass ich für den Rest der Klassenfahrt nur noch sehr wenig Geld zur Verfügung hatte), erzählt die Geschichte einer Mafiafamilie im Krieg, auf dem zweiten Album „Evig pint“ geht es um Themen wie Himmel und Hölle, Rache und Tod, und das bereits erwähnte „Maestro“ spielt in einer Irrenanstalt. Dieser kleine Einblick in die Inhalte der Texte auf den ersten drei Alben lassen wahrscheinlich jeden, der versucht, sich den Sound der Band vorzustellen, mit fragendem Gesicht zurück, aber eigentlich gibt genau das schon einen ziemlich guten Hinweis. Die Musik von Kaizers Orchestra ist sehr schwer zu beschreiben, Rezensenten greifen oft aus purer Hilflosigkeit auf Adjektive wie „eigenartig“ oder „ungewöhnlich“ zurück, die ja im Grunde nicht viel aussagen. Wer versucht, etwas konkreter zu werden, behilft sich meist mit einem Hinweis darauf, dass die Band als Inspirationsquelle anfangs häufig Tom Waits benannt hat, sowie mit Formulierungen wie „eine wilde Mischung aus Rock, Polka, Klezmer, Balkansounds, Humppa, Tango, Walzer und Gypsymusik“, und, ganz ehrlich, was Besseres fällt mir auch nicht ein. Das Ganze ist eben sehr speziell und für viele sicher sehr gewöhnungsbedürftig. Nicht schlecht finde ich die Formulierungen, die der Rezensent des Internetportals „Avantgarde Metal“ (mit Metal hat der Sound der Kaizers allerdings überhaupt nichts gemein) im Zusammenhang mit Sound und Texten auf „Ompa til du dør“ verwendet: „The music can be described as a series of obscure events concerning some money, a gun and someone’s life, or if you want it simple: weird and confusing. […] The whole album has a certain easterly vodka driven twist […] Welcome to the underground, dear listener. The whole album has a disturbing atmosphere of wartime stress and heavy drinking sessions in a gloomy basement full of cigar smoke. […] It is one of the most energetic newer rock albums I’ve listened to. Very few rock bands (who weren’t labeled as art, avantgarde or something else) manage to create such a weird and moving atmosphere” (die ganze Rezension kann man hier nachlesen). Zwar hat sich der Sound über die Jahre natürlich entwickelt und verändert, ist vielleicht ein bisschen massentauglicher geworden, hat aber nie seine Einzigartigkeit verloren.

Nun sind Krieg, Mafia und Vodkagenuss nicht unbedingt Themen, für die ich mich besonders interessiere. Trotzdem habe ich mich jedes Mal, wenn ein neues Album erschien, ziemlich intensiv mit den Texten auseinandergesetzt. Weil ich einfach fasziniert bin von dem hohen Maß an Fantasie, Kreativität und Originalität, die dahinter steckt. Man kann das vielleicht vergleichen mit jemandem, der sich für eine bestimmte Fantasybuchreihe interessiert und den Autor für sein Einfallsreichtum ebenso bewundert wie dafür, dass in dem von ihm geschaffenen Universum alles zusammenpasst und über mehrere Bände hinweg einen Sinn ergibt, ohne dass Logikfehler auftauchen. Noch wichtiger war und ist für mich aber die Beschäftigung mit der norwegischen Sprache und der Poetik, die in vielen der Texte steckt. Würden Kaizers Orchestra auf Deutsch oder Englisch singen, wäre ich von ihrer Musik sicherlich nur halb so begeistert. Beim Lesen eines norwegischen Textes zumindest den groben Inhalt zu verstehen, stellt für einen deutschen Muttersprachler ja kein allzu großes Problem dar, und mit Hilfe eines Wörterbuchs und Übersetzungen aus dem Internet konnte ich bei jedem neuen Album nachvollziehen, welche Geschichten da erzählt werden. Und eine ganz besonders komplexe Geschichte erzählt die Band mit Hilfe eines ambitionierten und besonderen Projekts, einer Albumtrilogie, deren einzelne Teile in den Jahren 2011 und 2012 erschienen: „Violeta Violeta Vol. I“, „Violeta Violeta Vol. II“ und „Violeta Violeta Vol. III“. Die Songs auf den drei inhaltlich zusammenhängenden, musikalisch aber durchaus unterschiedlichen Alben befassen sich mit dem Schicksal des Mädchens Violeta, das von seinem Vater entführt wird, und dem seiner psychisch kranken Mutter. Laut Janove Ottesen sind die Texte dem literarischen Genre des magischen Realismus zuzuordnen und die Trilogie stilistisch mit einem Tim-Burton-Film zu vergleichen. Auch in Bezug auf die ersten Songs der Band benennt er übrigens einen Film als Inspiration, und zwar die serbische Groteske „Underground“, die während des Zweiten Weltkriegs in Belgrad spielt.

Was ich damals, beim Kauf von „Maestro“, noch nicht ahnen konnte, ist, dass bald noch ein weiterer Grund hinzu kommen sollte, diese Band zu lieben: ihre Konzerte. Nicht selten liest man, die sechs Norweger seien die beste Liveband der Welt. Das lässt sich in einem Menschenleben wohl kaum überprüfen, aber während und nach jedem der sieben Konzerte, die ich selbst erleben durfte, hätte ich das ohne das geringste Zögern unterschrieben. Zwar war ich nie auf einem Konzert in Norwegen, wo sie große Hallen füllten (2011 spielten sie im ausverkauften Spektrum in Oslo vor mehr als 9.000 Zuschauern) und das gesamte Publikum mitsingen konnte, aber auch die kleineren Shows in Deutschland und der Schweiz waren allesamt großartig. Über eines dieser Konzerte habe ich hier im Blog ja schonmal geschrieben. Da sich die besondere Qualität eines Kaizers-Konzerts jedoch nicht gut in Worte fassen lässt, finden sich in der Linkliste am Ende dieses Posts einige Live-Videos.

Jetzt wollte ich eigentlich nur kurz erklären, wieso ich die Band mag, und mich ansonsten hauptsächlich dem Film widmen. Stattdessen ist dieser Post ein weiterer Beweis dafür, dass ich einfach nicht in der Lage bin, mich kurz zu fassen. Ignorieren wir das und machen einfach weiter. Wie man an einigen Formulierungen, vor allem im letzten Abschnitt, vielleicht schon gemerkt hat, gibt es Kaizers Orchestra heute nicht mehr – oder sagen wir: sie sind im Moment nicht aktiv. Ungefähr zu der Zeit, als „Violeta Violeta Vol. III“ erschien, gab die Band bekannt, dass sie nach der anstehenden Tour auf unbestimmte Zeit eine Pause einlegen würde. Nach 13 Jahren Bandgeschichte (zählt man die beiden Vorgängerbands mit, die aus Teilen der Kaizers-Besetzung bestanden, kommt man sogar auf über 20 Jahre) und mit einem Durchschnittsalter der Mitglieder von fast 40 durchaus verständlich. Obwohl sie das nie so gesagt haben, wurde diese Neuigkeit von vielen Fans als Ende der Band aufgefasst, aber ich weigere mich, das zu glauben. Trotzdem freut man sich natürlich über alles, was nach so einer Nachricht noch an kaizersbezogenem Material erscheint, und „The Accidental Rockstar“ ist darunter ein absolutes Highlight. Der Film setzt nicht nur Helge Risa, dem verschrobenen Typen am Harmonium, ein Denkmal, sondern der gesamten Band mitsamt ihrer Geschichte und Kreativität. Trotzdem steht Risa klar im Mittelpunkt. Auffällig war er zwar schon immer, der Mann mit der Gasmaske und dem Martin-Luther-Porträt als Deko auf seinem Instrument, aber man kannte eben immer nur den Bühnen-Helge und hat wohl auch schon immer gespürt, dass er auf der Bühne eine Rolle spielte. Der Film nun zeigt, dass er zu aktiven Kaizers-Zeiten in der Tat geradezu ein Doppelleben geführt hat, und zwar eines, in das er – genau – per Zufall geriet. Janove Ottesen brauchte für seine Band jemanden, der ein Tasteninstrument beherrschte und brachte eines Tages seinen Studienkollegen Helge zu den Proben mit, einen eigenbrötlerischen jungen Mann, der nicht viel redete und eigentlich am liebsten in der Kirche Orgel spielte, es aber irgendwie ganz nett fand, mit den anderen Jungs abzuhängen, und so eben nach und nach zum Rockstar wurde. Regisseur Leiv Igor Devold, der den Film mit Hilfe von Crowdfunding finanzierte, vermischt Interview- und Konzertausschnitte mit Backstage-Szenen und Aussagen von Fans, und dieses dokumentarische Material wiederum mit einer fantastisch anmutenden, spielfilmartigen Rahmenhandlung, die gespickt ist mit jeder Menge Anspielungen auf Songtexte und Musikvideos der Band. In diesen fiktiven Szenen erlebt man Helge Risa als stummen Beobachter seines eigenen Lebens, der erstaunt, aber fasziniert durch die Welt von Kaizers Orchestra stolpert, eine Welt, zu der er klar dazugehört, ohne jedoch so richtig hineinzupassen. Er ist ein unverzichtbarer Bestandteil der Band und des Kults, der um sie herum entstanden ist, steht aber immer irgendwie am Rand – weil er es so will. In einer Szene erzählt er, dass er aufgrund seiner christlichen Gesinnung nicht immer mit den Texten der Band einverstanden war, und es deshalb einmal fast zu seinem Ausstieg gekommen wäre. Mal sieht man ihn die Fassade seines Wohnhauses anstreichen oder mit Frau und Kindern im Wald spielen, dann wieder unter dem Jubel eines großen Publikums mit seiner Maske die Bühne betreten. Er sagt (und das bestätigen seine Bandkollegen), es wäre übertrieben zu behaupten, dass zwischen ihm und den anderen fünf eine tiefe Freundschaft bestehe, darauf habe er es auch nie angelegt, aber dieses gemeinsame Musikmachen, das scheint ihm unheimlich wichtig zu sein, und am Ende des Films hat man fast den Eindruck, dass er trotz seiner einzelgängerhaften Zurückhaltung derjenige ist, der die (vorübergehende) Auflösung der Band am meisten bedauert. Er ist kein Rockstar wider Willen, er hätte sich diese Art von Leben nur eben niemals selbst ausgesucht. Er kann auf der Bühne hinter dem dynamischen Gesangs- und Gitarrentrio Janove Ottesen, Geir Zahl und Terje Vinterstø schonmal übersehen werden, gleichzeitig aber ist er fast als Bandmaskottchen zu bezeichnen, denn die Gasmaske, die er irgendwann von einem Flohmarktbesuch anschleppte, wurde zum Logo der Band und ziert in irgendeiner Form so gut wie jede ihrer Veröffentlichungen.

Devold hat es sich mit dem Film nicht zum Ziel gesetzt, Helge Risa durchschaubar oder jede seiner Handlungen nachvollziehbar zu machen. Er lässt den Mann, der auf der Bühne wegen der Maske oder seines starren Gesichtsausdrucks immer so abwesend, fast schon gruselig, wirkt, etwas – ja, menschlicher erscheinen, ohne jedoch diese Aura der Mysteriösität, die ihn umgibt, zu zerstören. Ebenso entzaubert er die faszinierende Welt von Kaizers Orchestra nicht im Geringsten, obwohl der Film natürlich auch deutlich macht, dass das Ganze einem ausgeklügelten Konzept folgt. Eigentlich kein besonders massentaugliches Konzept, aber doch eines, das Kaizers Orchestra zu einer der erfolgreichsten norwegischen Bands aller Zeiten gemacht und ihnen trotz ihrer norwegischen Texte auch im Ausland eine ganze Menge Fans beschert hat. Mich eingeschlossen. „The Accidental Rockstar“ bietet einen wunderbaren Überblick über weite Teile der Bandgeschichte, zeigt, wie sympathisch die sechs Herren auf und abseits der Bühne sind, und lässt den Fan mit dem Gefühl zurück, dass 2013 vielleicht eine Ära zu Ende gegangen sein mag, dass das von Kaizers Orchestra geschaffene Universum – und natürlich ihre Musik – aber überlebt und immer noch Details zu bieten hat, die einem vorher nie aufgefallen sind. Natürlich ist „The Accidental Rockstar“ für Leute, die die Band nicht kennen, nicht immer leicht zu verstehen, aber wenn man es nicht darauf anlegt, die fiktive Rahmenhandlung bis ins Detail begreifen zu wollen, muss man kein eingefleischter Fan sein, um Spaß an dem Film zu haben. Sehen kann man ihn gegen eine kleine Gebühr auf Vimeo (siehe Link unten), inzwischen gibt es auch eine DVD zu kaufen. Ich kann ihn, ebenso wie eine eingehende Beschäftigung mit Kaizers Orchestra, nur empfehlen. Ich glaube nach wie vor daran, dass die Band eines Tages in irgendeiner Form zurückkehrt, und solange das nicht passiert, erfreue ich mich an der Tatsache, dass Skambankt, die zweite Band von Terje Vinterstø (oft bezeichnet als „Norwegens einzige echte Punkband“), seit Beginn der Pause sehr aktiv ist.

 

LINKLISTE

Live

  • Maestro (live in Oslo, Juni 2005. Der eigentliche Song beginnt bei Minute 2:30)
  • Kontroll på Kontinentet (live im Vega, Kopenhagen, Oktober 2005. In diesem Ausschnitt aus dem legendären Vega-Konzert, das man vollständig auf DVD und fast in Gänze auf einem Doppelalbum erleben kann, wird die Band so vorgestellt, wie es früher auf ihren Konzerten üblich war)
  • Die Polizei (vom gleichen Konzert. Ja, es geht um die deutsche Polizei, wie im Refrain auch zu hören ist)
  • Dieter Meyers Inst. (vom gleichen Konzert. Wer neugierig auf die Sache mit den Ölfässern ist – ab Minute 5)
  • Dr. Mowinckel (vom gleichen Konzert. Einer der wenigen Songs, in denen Geir Zahl singt)
  • Christiania (vom gleichen Konzert. Mal ein Beispiel für einen etwas ruhigeren Song.)
  • Støv og Sand (live beim Øya-Festival 2011. Hier sieht man Helge Risa am Ölfass, und er tanzt sogar)
  • Tusen Dråper Regn (vom gleichen Festival, mit Trommlern)
  • Philemon Arthur & the Dung (live in der norwegischen Fernsehsendung „Lydverket“, 2011. Die geringe Größe der Bühne und des Publikums erinnern eher an ihre Konzerte in Deutschland)
  • En For Orgelet, En For Meg (live im Gloria, Köln, März 2013. Bei dem Konzert war ich, siehe oben. Janove bemüht sich um ein paar deutsche Worte.)
  • Svarte Katter & Flosshatter (live in der Union-Halle, Frankfurt, März 2012. Bei diesem Konzert war ich ebenfalls. Es ist nur der Anfang des Songs, aber bei einem Text, der den Schwerpunkt auf Helge legt, kann man den nicht unterschlagen)

Dokumentarisches

  • The Accidental Rockstar (Trailer kostenlos, ganzer Film für 48 Stunden zum Streaming für 4,61 Euro. Norwegisch mit englischen Untertiteln)
  • Making of Violeta Violeta Vol. I (die Band bei den Aufnahmen zu Teil 1 der Trilogie. Kurzdoku von Gitarrist Geir Zahl. Norwegisch mit englischen Untertiteln)
  • On the Road to Oslo Spektrum (die Band auf der Tour, die mit dem Konzert im Spektrum endete. Ebenfalls von Geir Zahl. Einige Ausschnitte aus dieser Doku findet man auch in „The Accidental Rockstar“ wieder. Norwegisch mit englischen Untertiteln)
  • Making of the Videos 2012 (die Band bei den Dreharbeiten zu den Musikvideos zu „Aldri Vodka, Violeta“ und „Begravelsespolka“ in Budapest. Ebenfalls von Geir Zahl. Norwegisch mit englischen Untertiteln)

Besonderes

  • Jesus Jesus mit Nephew (Auftritt im dänischen Fernsehen mit der dänischen Band Nephew. Von einer Zusammenarbeit dieser beiden Bands hatte ich schon immer geträumt! Der Text des Songs ist teils Englisch, teils Dänisch, teils Norwegisch)
  • Begravelsespolka (Auftritt mit Orchester in der Weihnachtssendung des dänischen Fernsehsenders DR, inklusive Stepptanzeinlage von Janove und Helge. Der eigentliche Song beginnt bei Minute 2:20. Der Typ am Schlagzeug ist nicht Rune Solheim!)
  • Drøm Videre, Violeta (Janove Ottesen solo am Klavier in einem Café in Wien)
  • Hjerteknuser (die Band als Straßenmusikanten in der Berner Innenstadt)
  • Femtakt Filosofi (Auftritt im schwedischen Fernsehen. Vor der Veröffentlichung von „Violeta Violeta Vol. I“ gingen Janove Ottesen und Bassist Øyvind Storesund auf eine kleine Promotour, auf der sie die neuen Songs in Klavier-und-Kontrabass-Versionen vorstellten)
  • Tokyo Ice Til Clementine/Kontroll på Kontinentet (Akustikversionen in Viererbesetzung, aufgenommen beim Pinkpop-Festival 2004)
  • Interview & Songs im Schweizer Fernsehen (Janove Ottesen und Helge Risa beantworten Fragen und spielen vier Songs)
  • Goin‘ Out West (live im Rockefeller, Oslo, Dezember 2009. Die Band covert einen Song von Tom Waits, natürlich im eigenen, ölfassbegleiteten Sound)
  • Bastard (der zukunftsweisende Song der Vorgängerband gnom. Leider gibt es dazu kein richtiges Video)
  • Edderkopp (ein ganz altes Schätzchen, ein Song von Janove Ottesens und Geir Zahls Jugendband Blod, Snått og Juling, erschienen 1994 auf Kassette)
  • Cajamente Con Serioso (eine ganz besondere Version des Songs „Prosessen“, von der Band Das Kriegsensemble, die einige Kaizers-Songs mit klassischer Instrumentierung, im 30er-Jahre-Stil und auf Deutsch spielen – obwohl die Bandmitglieder Norweger sind. Das Ganze findet man auf einer Vinyl mit dem Titel „Die verloren gegangenen Aufnahmen 1929-1933“)
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