Blick zurück nach Farnham, Teil 2

Endlich gibt es ihn, den schon vor langer Zeit angekündigten zweiten Teil meines Rückblicks nach Farnham. Ich weiß nicht, ob das noch irgendjemanden interessiert, jetzt, wo das Praktikum schon seit drei Monaten zu Ende ist, aber ich möchte es gerne schaffen, diesen Blog wieder regelmäßig zu füllen mit Worten und Bildern. Und da ist es vielleicht ein guter erster Schritt, ein einmal abgegebenes Versprechen auch tatsächlich irgendwann einzulösen. Das passiert jetzt. Nachdem ich die letzten Wochen meines Praktikums ja schon im Hinblick auf meine Aufgaben und Erlebnisse in der UCA zusammengefasst habe, will ich in diesem zweiten Teil einen die gesamten zwei Monate umfassenden, allgemeineren Rückblick wagen, und dabei vor allem aufschreiben, was mir so aufgefallen ist im Umgang mit den Engländern. Dazu möchte ich von vorneherein klarstellen, dass alles, was ich hier schreiben werde, lediglich auf meinen persönlichen Erfahrungen beruht. Natürlich ist die Ausdrucksweise „die Engländer“ stark verallgemeinernd, aber ich meine damit einzig und allein die Menschen, die ich in Farnham und Umgebung kennengelernt habe. Zudem ist mir auch bewusst, dass nicht in allen Regionen Englands die gleichen Verhältnisse herrschen, ich beziehe mich hier ausschließlich auf den Süden, oder genauer: Surrey, ein paar angrenzende Grafschaften und die Stadt London.

Natürlich geht man nicht nur ins Ausland, um dort zu arbeiten und das danach im Lebenslauf angeben zu können. Man geht auch, um sich persönlich weiterzuentwickeln, Sprachkenntnisse zu vertiefen, neue Leute und eine andere Kultur (besser) kennenzulernen, und für eine Weile aus seinem Alltagstrott herauszukommen. Und um zu beobachten. Letzteres führt, zumindest in meinem Fall, immer dazu, dass man unwillkürlich Vergleiche zieht, nicht nur zwischen der eigenen und der vermeintlich fremden Kultur, sondern auch zwischen sich selbst und den Menschen, denen man begegnet. Oft kommt auch beides zusammen. Das sind dann die Momente, in denen man – um das gleich mal auf meine Erfahrungen in England zu beziehen – zum Beispiel brav wartend an einer roten Ampel stehenbleibt, während alle anderen einfach über die Straße gehen, und denkt: „Oh Mann, ich bin so Deutsch“. Oder aber die Augenblicke, in denen man gemeinsam mit den Kollegen über etwas lacht und weiß: Humor ist, so unterschiedlich er in verschiedenen Kulturen auch ausfallen mag, letztendlich doch eine universelle Sprache.

Vor und auch noch während meiner Zeit in Farnham habe ich Kate Fox‘ fast 600 kleinbedruckte Seiten starkes Buch „Watching the English“ gelesen, ein Werk, von dem viele Engländer sagen, die Lektüre habe ihnen viele Lacher beschert, die ihnen aber immer gewissermaßen im Halse stecken blieben, weil sie sich so wahnsinnig genau selbst wiederentdeckt haben in den Beschreibungen und Analysen der Anthropologin. Bevor ich nach England ging, dachte ich manchmal, es sei vielleicht ein Fehler, dieses Buch zu lesen, da es ein unvoreingenommenes Sich-Einlassen auf die Begegnung mit den Menschen in Farnham erschweren könnte. Und weil es einem geradezu Angst einjagen kann, selbst wenn man Deutscher ist, also einer Nation angehört, die ja auch nicht gerade für ihre Lockerheit bekannt ist. Denn was sich für einen Engländer wie eine Beobachtung der typischen Verhaltensweise seiner Landsmänner (und seiner selbst) liest, kann auf einen Ausländer, der eine Reise nach England plant, stellenweise wie eine Verbotsliste wirken. „Absolutely no boasting“, „never take yourself – or life – too seriously“, „queue-jumping is considered extremely rude behaviour“, „never accept a compliment“, „don’t disagree when someone complains about the weather“ (alles keine wörtlichen Zitate, aber sinngemäß so im Buch enthalten), und und und. Kate Fox erklärt zwar im Vorwort des Buches ziemlich genau, in welchem Sinne sie das Wort „rules“ gebraucht, und dass es dabei eben nicht um Vorschriften geht, aber trotzdem konnte ich es nicht verhindern, dass ich mich manchmal fragte, ob der Kollege meine Erzählungen über den letzten Island-Urlaub wohl als Angeberei empfand, oder ob die Tochter meiner Gastfamilie auf ihr „that’s a nice top you’re wearing“ statt eines „thank you“ nicht vielleicht eher eine Antwort wie „oh, it’s nothing special, I like yours better“ erwartet hätte. Insgesamt aber kann ich dieses Buch nur jedem empfehlen, der schonmal in England war oder einen Aufenthalt dort plant – wobei ich in letzterem Falle doch eher dazu raten würde, es erst zu lesen, während man da ist und schon eigene Erfahrungen gesammelt hat. Oder wenn man wieder zurück ist und sich mit Hilfe der Lektüre an die teils wirklich liebenswert-verschrobenen Menschen erinnern möchte, denen man begegnet ist.

Ich habe „Watching the English“ als Ausgangspunkt für diesen Text benutzt, weil sich Fox‘ Beobachtungen in vielen (aber nicht in allen) mit meinen decken, wobei sie ihre natürlich über einen viel längeren Zeitpunkt, mit viel mehr Menschen und mit einer viel wissenschaftlicheren Vorgehensweise gesammelt hat (trotzdem liest sich das Buch übrigens keinesfalls wie eine trockene akademische Abhandlung). Außerdem hat mir die Lektüre gezeigt, dass Klischees nicht aus dem Nichts entstehen. Und dass Engländer und Deutsche sich in mancherlei Hinsicht ziemlich ähnlich sind, sich diese gemeinsamen Eigenschaften aber auf sehr unterschiedliche Weise im Alltag offenbaren. Gleichzeitig zeigt das Buch – oder eher sein großer Erfolg vor allem in England selbst – auch schon einen Unterschied auf: die Engländer haben offensichtlich ein großes Bedürfnis, sich selbst als Nation nicht nur zu definieren (was in dem etwas seltsamen Konstrukt „Vereinigtes Königreich Großbritannien und Nordirland“ gar nicht so einfach und daher vielleicht umso wichtiger ist), sondern auch zu verstehen. Englische Buchhandlungen sind voll von Werken, die den Charakter der Engländer oder das Land an sich unter diesem oder jenem Gesichtspunkt beleuchten, analysieren, ja geradezu sezieren, mal so humorvoll wie Kate Fox es tut, mal aber auch bitterernst oder wirklich streng wissenschaftlich. Auch wir Deutschen lesen gerne über Deutschland, aber dann geht es um Poltik, um Wirtschaft, um Geschichte oder Zukunft des Landes, nicht darum, wie die Deutschen „ticken“, warum wir so sind, wie wir sind, und inwiefern das alltägliche Verhalten des einzelnen Deutschen etwas über uns als Nation aussagt. Vielleicht liegt das ganz einfach daran, dass wir uns allgemein schwertun mit Begriffen wie „Nation“ oder gar „Volk“, und/oder daran, dass das mit dem Stolz auf die eigene Herkunft so eine komplizierte Sache für uns ist, aber ich glaube jedenfalls, dass ein Buch mit dem Titel „Die Deutschen beobachten“ wohl eher im Ausland Erfolg hätte und für Lacher sorgen würde und der Autor im Inland hauptsächlich enmpörte Leserbriefe bekommen würde statt solcher voller Begeisterung und Selbstironie, wie Kate Fox sie empfangen hat.

In meiner Zeit in Farnham habe ich mit beinahe jedem, den ich kennengelernt habe (und das waren fast ausschließlich Engländer), mehr oder weniger ausführlich über bestimmte Unterschiede zwischen Engländern und Deutschen sowie England, beziehungsweise dem Vereinigten Königreich, und Deutschland gesprochen. Die Menschen in Farnham waren sehr interessiert an Deutschland, einem Land, das viele von ihnen nicht nur aus den Nachrichten kannten, wo es momentan wegen der Flüchtlingskrise ja eine große Rolle spielt, sondern auch aus eigener Anschauung. Allerdings beschränkte sich Letztere in vielen Fällen auf Städtetrips nach Berlin und/oder München oder eine Woche Schüleraustausch irgendwo in der Provinz im Alter von etwa 14 Jahren. Manche konnten auch von Begegnungen mit deutschen Touristen an spanischen Stränden berichten, wobei sie sich in diesem Fall nicht allzu ausführlich äußern wollten oder aber direkt klarstellten, die unmöglichste Gruppe unter den Urlaubern bildeten sowieso immer und überall die Engländer (abgesehen natürlich von der hier im Blog auch schon erwähnten Sache mit den Handtüchern und den Liegestühlen, wobei man das, wenn man denn will, wohl auch als Bewunderung für die Disziplin der frühaufstehenden Deutschen auslegen könnte). Und damit sind wir schon bei einer Eigenschaft der Engländer, die mir wirklich beinahe täglich aufgefallen ist, und die ich als sehr sympathisch, aber zuweilen auch etwas anstrengend empfinde: Bescheidenheit. Wobei das nicht ganz das richtige Wort ist. Kate Fox benutzt in diesem Zusammenhang den Begriff „self-deprecation“, der meiner Meinung nach sehr gut passt. Die Engländer, jedenfalls die, die ich kenne, sind nicht einfach bescheiden, es reicht ihnen nicht, die eigenen Qualitäten unerwähnt zu lassen, es reicht ihnen noch nicht einmal, selbige zu verleugnen, nein, sie behaupten, in Wirklichkeit unglaublich schlecht zu sein in dem, wofür man sie gerade lobt. Die Mutter meiner Gastfamilie zum Beispiel stellte das von ihr gekochte Abschiedsessen mit den Worten „I’m actually terrible at cooking“ auf den Tisch, obwohl es sehr gut roch – und später auch sehr gut schmeckte. Als ich mich bei der Arbeit einmal begeistert über die Fotografie-Künste einer Kollegin äußerte, winkte sie nur ab und erzählte, sie habe ja eigentlich etwas ganz anderes studieren wollen, aber ihre Noten seien nicht gut genug gewesen, und so sei sie dann eben im Fotojournalismus-Kurs gelandet, und da lerne man das eben, im Grunde sei das doch lediglich ein Handwerk und habe nichts mit Talent zu tun. Ich will nicht sagen, dass es nicht auch viele Deutsche gibt, die eigene Stärken auf ähnliche Weise abzustreiten oder jedenfalls zu relativieren versuchen würden, aber es war schon sehr auffällig, dass wirklich alle Engländer, mit denen ich in Farnham zu tun hatten, auf diese Weise auf Komplimente reagierten.

Natürlich sprachen wir auch viel über ganz grundsätzliche Unterschiede zwischen den beiden Ländern, und dabei ging es oft und viel um Geld. Zwar habe ich auch das von Kate Fox beschriebene „Money-Talk Taboo“ beobachten können, die Engländer mögen es wirklich nicht, zu erzählen, wieviel sie für eine bestimmte Sache gezahlt haben (es sei denn, es handelte sich um ein besonders günstiges Schnäppchen oder einen völlig unverschämten Preis, den beispielsweise ein Handwerker verlangt), aber ebenso wie wir Deutschen beschweren sie sich gerne darüber, wie teuer alles ist – wobei man dafür in England natürlich ganz andere Maßstäbe ansetzen muss. Auch im Zusammenhang mit Bildung. Da der Sohn meiner Gastfamilie noch während meines Aufenthalts nach Manchester zog, um dort mit seinem Studium anzufangen, habe ich direkt mitbekommen, wie unterschiedlich die Systeme in den beiden Ländern sind. Wenn ich erzählte, dass ich lediglich 200 Euro im Semester bezahlen muss, um studieren und darüber hinaus mit meinem Studententicket durch ganz Leipzig und Umgebung fahren zu können, und dass die Studiengebühren in Höhe von 500-600 Euro pro Semester in Deutschland schon nach kurzer Zeit wieder abgeschafft wurden, rissen die Engländer Augen und Münder auf. Ein Jahr Studium in Manchester – und auch an den meisten anderen Unis – kostet 9.000 Pfund, also knapp 12.800 Euro. Adam, mein Mitbewohner in Farnham, hat mir zwar erklärt, dass längst nicht alle Studenten komplett selbst dafür aufkommen müssen (es gibt „student loans“, abhängig vom Einkommen der Eltern, die je nach späterem eigenen Einkommen auch nicht vollständig zurückgezahlt werden müssen), aber trotzdem ist das eine unfassbare Summe. Und hinzu kommen Miete, Lebensmittel, Ausgehen, öffentliche Verkehrsmittel und all das. Meine Gastfamilie bekam kurz vor dem Umzug eine zweiseitige Liste vom Studentenwohnheim zugeschickt, in der all das genannt wurde, was der zukünftige Student doch bitte alles mitzubringen hat – fast alles Dinge, die neu angeschafft werden mussten. Mehrere der Leute, mit denen ich über dieses Thema geredet habe, sprachen davon, dass Bildung in England wirklich ein Luxusgut sei. Auch dafür kann ein Auslandsaufenthalt gut sein: man lernt Dinge zu schätzen, die bisher vollkommen selbstverständlich waren. Eine gute Ausbildung zu einem erschwinglichen Preis hatte für mich bis dahin auf jeden Fall immer dazugehört. Natürlich kann es sich auch in Deutschland längst nicht jeder leisten zu studieren, und ich weiß, dass ich besonders privilegiert bin, weil ich noch nicht einmal nebenbei arbeiten gehen muss, aber in solchen Gesprächen wird einem schon klar, dass wir es – jedenfalls in dieser Hinsicht – wirklich gut haben in Deutschland. Auch die Gehälter, die in England, besonders im Süden, im Schnitt natürlich höher sind als bei uns, rechtfertigen aus meiner Sicht keine Studiengebühren in der oben genannten Höhe. Und ausländische Studenten zahlen noch mehr. In Schottland hingegen ist Studieren kostenlos – aber nur für Schotten, nicht aber für Engländer, Waliser oder Nordiren (was auch wieder ein anderes Licht auf die Frage nach den „Nationen“ innerhalb des Königreichs wirft), geschweige denn für Ausländer.

Der zweite Themenkomplex, der früher oder später mit eigentlich jedem zur Sprache kam, war das Wohnen. Nicht nur, weil sowohl die Mietpreise als auch das Mietrecht in England ziemlich nachteilig für Mieter sind, sondern auch, weil die Engländer eine ganz andere Wohnkultur pflegen als die Deutschen. Von diesem „My home is my castle“-Klischee hat sicher jeder schonmal gehört, und auch, dass Engländer sehr gerne gärtnern und in ihren Häusern herumwerkeln, dürfte international bekannt sein. Mir ist allerdings auch wieder aufgefallen, dass es in England deutlich weniger Mehrfamilienhäuser gibt als in Deutschland (und dabei denke ich nicht nur an die Plattenbauten, die hier in Ostdeutschland ganze Stadtteile dominieren). Die Mutter meiner Gastfamilie sagte einmal: „We English just don’t do flats“, und das trifft es ziemlich genau. Kaum jemand wohnt in Wohnungen, selbst Studenten-WGs befinden sich sehr häufig in Einfamilienhäusern, die dann von fünf oder sechs Leuten bewohnt werden. In einer Kleinstadt wie Farnham ist so gut wie jedes nicht öffentlich oder für Geschäfte genutzte Gebäude ein Einfamilienhaus. Zudem ist mir aufgefallen, dass die meisten Leute in England in einem viel jüngeren Alter anfangen, sich nach Wohneigentum (in den meisten Fällen nach einem Haus, nicht etwa einer Wohnung) umzuschauen. Das hat nicht nur damit zu tun, dass die Mietpreise exorbitant hoch sind und ein Haus, besonders in einer beliebten Gegend wie Surrey, natürlich auch eine gute Wertanlage darstellt, sondern auch damit, dass die ganze Sache mit dem eigenen Haus in der englischen Gesellschaft einen hohen Stellenwert hat.

Und damit wären wir bei einem Aspekt, mit dem Kate Fox sich in „Watching the English“ sehr ausführlich und im Zusammenhang mit den verschiedensten Themen beschäftigt, der mir aber kaum aufgefallen ist: der ebenfalls ziemlich berühmten (oder berüchtigten?) englischen „class consciousnes“. Bei der Lektüre kann einem an einigen Stellen geradezu schwindelig werden vor lauter „working class“, „upper class“, „lower-middle“, „middle-middle“ und „upper-middle“, und ich kann mir auch durchaus vorstellen, dass nicht wenige Engländer beim Autokauf tatsächlich ziemlich genau darüber nachdenken, welcher Klasse sie wohl von anderen zugerechnet werden, wenn sie im Ford Mondeo oder im VW Golf vorfahren. Aber ich selbst habe im Alltag nichts oder nur sehr wenig davon mitbekommen, nie wurde mir gegenüber eine andere Person als „working class“ beschrieben und erwartet, dass das ein bestimmtes Bild bei mir hervorrufen würde. Das kann natürlich daran liegen, dass Engländer das vielleicht nur unter sich machen, oder auch daran, dass ich es in Farnham im Wesentlichen mit Leuten zu tun hatte, die alle einen ähnlichen Hintergrund hatten (Akademiker aus einer ziemlich wohlhabenden Gegend im Speckgürtel der Hauptstadt). Jedenfalls ist das ein Klischee, über dessen Warheitsgehalt ich nach den zwei Monaten ebenso wenig urteilen kann wie über die Frage, wie die Engländer denn nun wirklich zu ihren „Royals“ stehen, denn über die hat mit mir nie jemand gesprochen, und auch mein Einblick in die englische Medienwelt war nicht so umfassend, dass ich sagen könnte, ob die königliche Familie wirklich ein so wichtiges Thema darstellt, wie oft behauptet wird.

Als ich gerade den VW Golf erwähnte, wurde mir klar, dass ich noch gar nichts darüber geschrieben habe, wie denn die Engländer über uns Deutsche denken. Über den VW-Skandal, der während meiner Zeit in Farnham erst so langsam anfing, ans Licht zu kommen, waren die Engländer – allen voran die Journalisten der Tabloids – jedenfalls ziemlich entsetzt, hatte man die Deutschen und besonders die deutsche Automobilindustrie doch immer für „impressively efficient“ (O-Ton Rebekah, allerdings nicht in Bezug auf Autos) gehalten. Auch in Bezug auf die „typisch deutsche“ Einstellung zum Thema Arbeit fallen in England ähnliche Adjektive, und auch ich selbst konnte Unterschiede in dieser Hinsicht feststellen. Ich würde auf keinen Fall so weit gehen zu behaupten, die Engländer seien faul oder würden ihre Arbeit nicht zuverlässig und rechtzeitig erledigen (das kann ich schon allein deshalb nicht, weil ich eben nur einen einzigen Arbeitsplatz kennengelernt habe), aber eins steht fest: regelmäßige Pausen für „a cup of tea and a chat“ sind geradezu heilig. Und ja, das Tee-mit-Milch-Klischee hat wirklich jeder einzelne Engländer, den ich kennengelernt habe, bestätigt, Adam erzählte sogar, dass sein Vater sich in den Urlaub immer Teebeutel aus England mitnimmt, weil der Tee überall sonst in seinen Augen geradezu ungenießbar sei. Und auch ich habe mich so an meine zwei bis drei Tassen Tee mit Milch pro Arbeitstag gewöhnt, dass ich mich fast schon frage, wie ich mal ohne funktionieren konnte. Übrigens habe ich mir in den zwei Monaten in der UCA fast keine einzige Tasse je selbst gekocht und keinen Penny für Teebeutel ausgegeben, es war immer jemand da, der mir eine Tasse, manchmal auch ungefragt, aus der Küche mitbrachte. Klar, in vielen deutschen Büros wird wahrscheinlich die gleiche Menge Flüssigkeit in Form von Kaffee getrunken, aber dass man dazu teilweise mehrmals täglich minutenlang seine Arbeit unterbricht, um sein Heißgetränk nicht still und alleine, sondern gemeinsam und bei einer Unterhaltung zu schlürfen, das habe ich in meinen Praktika und Studentenjobs in Deutschland noch nicht erlebt. Ich fand das sehr angenehm, aber anfangs auch irritierend, und oftmals fiel es mir schwer, nach einem solchen „tea chat“ wieder mit der Arbeit anzufangen – ein Gefühl, das meine tschechische Kollegin Karolina übrigens selbst nach zwanzig Jahren noch nicht ganz abgelegt hatte. Zwar liebte auch sie Tee mit Milch, aber diese Gewohnheit gehörte auch zu den vielen Dingen, wegen derer sie sich gern ein bisschen über die Engländer lustig machte.

Lustig sind die Engländer übrigens wirklich, den berühmten englischen Humor gibt es nicht nur in Filmen und Büchern, sondern auch im echten Leben. Und zwar häufig in Form von Ironie und humorvoller Selbstkritik. „The importance of not being earnest“ nennt Kate Fox die Eigenart der Engländer, jede, wirklich jede Situation mit Humor zu nehmen oder sich jedenfalls immer humorvoller Sprache zu bedienen, und genau das habe ich auch beobachtet. Außerdem kann ich absolut bestätigen, dass die Engländer im Allgemeinen sehr höflich, aber keinesfalls aufdringlich sind. Nicht zuletzt deshalb habe ich mich in den zwei Monaten in Farnham total wohlgefühlt, mein Fazit fällt sehr positiv aus (übrigens auch, was die Sache mit der Kleinstadt angeht, wobei man in Farnham natürlich London vor der Tür hat), und ich würde keinesfalls davor zurückschrecken, irgendwann noch einmal für gewisse Zeit in diesem Land zu leben.

Hier ist noch ein Song, der, wenn ich das denn weitergeführt hätte, bestimmt eines Tages unter meinen Songs der Woche gelandet wäre. Schon bevor ich überhaupt nach Farnham ging, wusste ich, dass eine Band mich durch den englischen Spätsommer und Frühherbst begleiten würde, weil ihre Musik meiner Meinung nach wunderbar dazu passt, und zwar The Radio Dept. Wenn ich heute, im Nachhinein, ihre Songs höre, denke ich zurück an den grünen, aber langsam rot-braun-gelb werdenden Farnham Park, das über der Stadt thronende Farnham Castle, die bunten Türen der Häuser in der Innenstadt, den Garten meiner Gastfamilie, die UCA und all die anderen Orte und Dinge, die ich zwei Monate lang jeden Tag zu sehen bekam, und die mir jetzt fehlen. In ganz besonderem Maße gilt das für den Song „Closing Scene“ und deshalb mache ich ihn hiermit zu meinem „Song des Praktikums“.

Zum Abschluss möchte ich euch noch ein paar Fotos vom Ausflug nach Brighton zeigen, die meine Schwester gemacht hat. Brighton ist übrigens definitiv eine Reise wert, ziemlich bunt und verrückt, mit vielen Kneipen, Cafés und ausgefallenen Shops.

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