Blick zurück nach Farnham, Teil 1

Mein Praktikum in Farnham ist jetzt seit drei Wochen zu Ende. Seitdem ist viel passiert, ich bin noch gar nicht wieder so richtig in Deutschland angekommen (was hauptsächlich daran liegt, dass ich erst nächste Woche wieder nach Leipzig fahre) und es gibt viele Aspekte meiner Zeit in England, über die ich noch nicht geschrieben habe. Das würde ich gerne ändern, mit mindestens zwei Posts, von denen dieser hier der erste sein wird.

Die beiden Ausflüge nach London waren nicht das Einzige, was ich im September gemacht habe. In erster Linie habe ich natürlich weiterhin in der UCA gearbeitet. Neben meinen Hauptaufgaben – Durchsicht und Katalogisierung der Ausstellungsunterlagen, Digitalisierung verschiedener Materialien und Katalogisierung der Privatbibliothek von Bob Godfrey – kamen in diesem zweiten Monat noch ein paar interessante andere Dinge hinzu. Zum Beispiel war in der ersten Septemberwoche Staff Development Day für alle Mitarbeiter der Abteilung Library and Student Services. Es wurden verschiedene Sessions angeboten und jeder konnte, nach eine allgemeinen Einführung, bis zu vier davon besuchen. Die erste Session, an der ich teilnahem, wurde durchgeführt von einer der beiden Lisas aus der Digitalisierungsabteilung und Amy vom Centre for Digital Scholarship. Sie führten die Teilnehmer in die Tätigkeiten und Angebote ihrer Abteilungen ein – auf sehr originelle Art und Weise. An der Wand hing je ein Bild von beiden und eins von Tony, einem weiteren Mitarbeiter. Wir mussten uns dann in zwei Teams aufteilen. Zum Einstieg ging es darum, die Drei besser kennenzulernen: jedes Team erhielt eine ganze Reihe Post-It-Zettel mit Aussagen wie „I was involved in illegal marriage“ oder „I went on tour with Tom Jones“, die wir dann am Bild derjenigen Person anbringen mussten, von der wir glaubten, dass die jeweilige Aussage auf sie zutreffen könnte. Das führte zu vielen Lachern, heftigen Diskussionen innerhalb der Teams und interessanten Einblicken. Das mit der illegalen Heirat bezog sich übrigens auf Lisa, die mal als Standesbeamtin gearbeitet hat. Danach wurde es etwas ernsthafter, denn wir mussten Aussagen über die beruflichen Tätigkeiten der Drei zuordnen. Ich wusste vorher zwar schon einiges über Lisas Job, hatte aber wenig Vorstellung davon, was das Centre for Digital Scholarship so macht (falls das jemanden interessiert, hier ein Link), daher war das eine interessante Session, an deren Ende wir noch den neuen Großformatscanner in der Digitalisierungsabteilung bewundern durften. Der ist übrigens, wie der Aufsichtsscanner auch, ein deutsches Fabrikat – „great German quality“, wie Lisa sagte.

Die zweite Session, an der ich teilnahm, wurde von Chris geleitet. Er hat vor einigen Monaten zusammen mit Rebekah begonnen, eine Materialsammlung aufzubauen. Diese befindet sich in einem separaten Raum in der Bibliothek und umfasst unterschiedlichste Materialien, von Holz über Metalle und Textilien bis hin zu dem bisher besondersten Stück, einem präparierten Kolibri. Die Idee dahinter ist, dass die Studenten der Kreativstudiengänge, die auf ganz andere Art und Weise lernen als klassische Wissenschaftler, die Materialien mit allen Sinnen erleben und sich davon inspirieren lassen können. So kann zum Beispiel ein Textildesign-Student auf einfache Art und Weise herausfinden, welche Art von Stoff am besten zu seinem Projekt passt. Aber nicht nur das: Chris zielt mit der Sammlung auch speziell auf die Studenten des Studiengangs Creative Writing ab, denn er hat die Theorie, dass der haptische Umgang mit verschiedenen Materialien Schreib­prozesse inspirieren und erleichtern kann. Um das unter Beweis zu stellen, gab er uns die Aufgabe, uns von einem Tisch eins oder mehrere Materialien auszusuchen, die uns auf irgendeine Weise ansprechen, uns damit zu beschäftigen und zu notieren oder zu zeichnen, was uns in den Sinn kommt. Danach teilten wir unsere dabei gewonnenen Eindrücke mit dem Rest der Gruppe. Meine Haupterkenntnis: das Berühren bestimmter Materialien löst Erinnerungen aus, die Ideen für das kreative Schreiben geben. Das ist fast wie eine Kettenreaktion, die erste Berührung führt zu einem bestimmten Bild vor dem geistigen Auge, hinzu kommen Erinnerungen an Geräusche, Gerüche, Gefühle, die wiederum andere Erinnerungen auslösen, und all das kann man in irgendeiner Form zu Papier bringen. In meinem Fall erinnerte mich ein kleines Stück dunkles Holz an den Boden in meinem Zimmer in Tartu. Diese Erinnerung war Ausgangspunkt für einen Text, der ab einem bestimmten Punkt nur noch am Rande mit diesem Zimmer zu tun hatte und ziemlich persönlich wurde. Vielleicht poste ich ihn trotzdem irgendwann einmal hier. Es war auch spannend zu sehen, wie unterschiedlich alle Sessionteilnehmer mit der Aufgabe umgingen und was dabei entstanden ist. Ich denke jedenfalls, dass eine solche Materialsammlung in der Bibliothek einer Kunstuniversität absolut sinnvoll ist, auch wenn ich es mir schwer vorstelle, zu entscheiden, was man darin aufnimmt und was nicht.

Nach dieser zweiten Session war Mittagspause. Uns war vorher schon gesagt worden, dass es etwas zu essen geben würde, aber wir hatten uns alle nichts besonders Tolles darunter vorgestellt und wurden positiv überrascht, als wir im Innenhof ein ganzes Buffet mit Gegrilltem und Beilagen sowie einen zweiten Tisch mit Tee, Kaffee und Kuchen vorfanden. Dazu gab es Musik von der Band Delta Tyne, die aus den beiden Kollegen Chris und Jonathan besteht. Sie sind in Farnham recht bekannt, weil sie häufig im Pub „The Hop Blossom“ auftreten. So saßen wir zu Bluesklängen zusammen, aßen leckeres Essen und unterhielten uns. Nach der Pause ging es für mich weiter mit einer Session von Rebekah und Henry, die die vielen verschiedenen Kataloge und Datenbanken vorstellten, die die UCA zu bieten hat, und uns anhand von kleinen Aufgaben herausfinden ließen, welche davon sich am besten zum Auffinden welcher Art von Ressourcen eignen. Ich hatte von den meisten dieser Angebote bis dahin lediglich gehört, so dass diese Session für mich sehr hilfreich war. Das galt auch für die vierte und letzte Session, die ich besuchte. Dabei ging es nämlich um Screencasting, also das Erstellen von Videos mit Hilfe einer Software, mit der man sozusagen seinen Computerbildschirm bei einem bestimmten Vorgang „abfilmen“ und dazu seine Stimme aufnehmen kann. Die UCA will das in Zukunft beispielsweise nutzen, um auf einfache und leicht verständliche Art und Weise die Funktionen des Bibliothekskatalogs zu erklären. Wie mir ein Kollege schon zuvor erzählt hatte, gibt es unter den Studenten im kreativen Bereich einen recht hohen Anteil an Legasthenikern und Menschen mit Lernschwierigkeiten, hinzu kommen viele Studenten, für die Englisch nicht Muttersprache ist. So ist es wichtig, Alternativen zu geschriebenen Anleitungen anzubieten. Insgesamt war der Staff Development Day ein interessanter Tag, an dem ich viele Gespräche geführt und einige Kollegen kennengelernt habe, die ich vorher noch nicht kannte. Zudem war er eine Bestätigung dafür, dass die Arbeitsatmosphäre innerhalb des Teams wirklich gut ist, und auch dafür, dass meine Arbeit wertgeschätzt wurde und man mich am liebsten länger da behalten hätte (O-Ton Nicky: „If only we had a spare job …“).

Meine größte besondere Aufgabe im September war die Zusammenstellung einer Online-Ausstellung, in der ich einige besonders interessante Fundstücke aus den Unterlagen der UCA-Galerien präsentieren sollte. Das Oberthema konnte ich frei wählen und schnell fiel meine Wahl auf „Utopia“, da man diesen Begriff in ziemlich viele verschiedene Richtungen interpretieren kann und er so auf viele sehr unterschiedliche Bilder aus den Ausstellungen passt. Eine Utopie – im wörtlichen Sinne, also als „Nicht-Ort“, und nicht in der weit verbreiteten Auslegung des Begriffs als ein Ort, der besser ist als die Realität (was eigentlich eine „Eutopie“ wäre) – kann, wie mir bei der Beschäftigung mit der Aufgabe klar wurde, im Grunde alles Mögliche sein und muss gar nicht unbedingt der Fantasie entspringen. So kann beispielsweise ein Ort, der für eine Person vollkommen vertraut und alltäglich ist, für eine andere fremd und vielleicht sogar unvorstellbar, ja utopisch, sein – ein fremdes Zuhause oder ein fremder Arbeitsplatz etwa. Allzu viel von meinen Überlegungen zu dem Begriff will ich jetzt hier gar nicht einbringen, die wird man nachlesen können (auf Englisch), wenn die Ausstellung fertig und online ist. Leider hatte ich nämlich am Ende nicht mehr genug Zeit, um sie im eigentlichen Praktikum fertigzustellen, stattdessen arbeite ich jetzt noch sozusagen privat daran. Das Projekt hat mir schon in Farnham viel Spaß gemacht und liegt mir am Herzen, so dass ich es gerne bald abschließen und dann auch veröffentlicht sehen würde. An meinem vorletzten Tag wurde ich zu diesem Projekt sogar interviewt, und zwar gleich vier Mal. Ein Dozent aus dem Journalismus-Studiengang war auf der Suche nach interessanten Interviewpartnern für seine Erstsemester, wollte Rebekah dafür einspannen und kam kurzerhand auf die Idee, auch mich auf seine Liste zu setzen. Daraufhin kamen einige der Studenten in Zweierteams zu uns ins Archiv und befragten Rebekah zu ihrem Job und mich zu der Ausstellung (mal mehr, mal weniger gut vorbereitet). Ihre Aufgabe war es, aus dem Gespräch die interessantesten 15 Sekunden herauszuschneiden und im Seminar zu präsentieren. Ich habe keine Ahnung, was sie aus meinem Gerede gemacht haben, aber ich konnte auf diese Weise herausfinden, ob meine Gedanken zu dem Thema nachvollziehbar sind (scheint der Fall zu sein), und Rebekah hat diese Gelegenheit ausführlich genutzt, um unter den Studenten Werbung für das Archiv, seinen Bestand und seine Aktivitäten zu machen.

Außerdem musste ich im September auch ein längeres Interview geben, in dem es mehr um meine Person und mein Praktikum ging. Als weitere Öffentlichkeitsarbeitsmaßnahme planen Rebekah und ihre Assistentin Carryl, die ein spezielles Studium für Filmarchivare absolviert hat, eine Reihe von kurzen Videos, die sich mit dem Archiv befassen. Eins davon stellt mich als Praktikantin und meine Arbeit vor. Es ist ja sowieso immer unangenehm, die eigene Stimme auf Aufnahmen zu hören und das eigene Gesicht in einem Video zu sehen, aber wenn man dann auch noch eine Fremdsprache sprechen muss, wird es ganz furchtbar. Hinzu kam, dass Carryl einige Tage mit dem Videoschnitt beschäftigt war und ich mir deshalb im Büro ständig Passagen aus dem Interview anhören musste, abwechselnd mit der Stimme des überdrehten Amerikaners aus den Tutorial-Videos für das Schnittprogramm, die sie sich zwischendurch ansah. Das Endergebnis ist zum Glück nicht ganz so furchtbar, wie ich befürchtet hatte, aber trotzdem bin ich mir noch nicht so sicher, wie ich es finden werde, wenn es bald online zu sehen ist … Die Interviews waren aber auf jeden Fall alle eine gute Erfahrung und das Video trägt natürlich auch zu meinen Erinnerungen an die Zeit in Farnham und an der UCA bei.

Das war jetzt ein kleiner Rückblick auf meine letzten Wochen im Praktikum. Beim nächsten Mal werde ich noch von ein paar anderen Erlebnissen und Beobachtungen aus meinem September in England erzählen, mit Fotos (auch aus Brighton). Zum Abschluss gibt es hier noch ein Video, in dem man Teile des UCA-Campus in Farnham, unter anderem auch die Digitalisierungsabteilung, sehen kann.

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