Von Gärten, Handtüchern, Bildern und dem Wetter

Gestern nach Feierabend habe ich einen Schatz gefunden. Nein, kein Gold, keine Juwelen, keine Diamanten. Gar nichts Materielles. Sondern einen kleinen, versteckten, schönen und grünen Ort mitten in Farnham, den ich noch nicht kannte. Wenn der Victoria Garden, über den ich hier schrieb, „Farnham’s Best Kept Secret“ ist, dann ist dieser Ort wohl „Farnham’s Second-Best Kept Secret“. Die Rede ist von den Farnham Library Gardens. Direkt hinter der öffentlichen Bibliothek, aber von der Straße aus kaum zu sehen, befindet sich eine kleine Parkanlage, die über einen schmalen Pfad – einen echten Geheimgang – mit dem Gelände der St. Andrew’s Church verbunden ist. Ich habe sie nur durch einen Zufall entdeckt. Mir fiel gestern ein Flyer für eine studentische Kunstausstellung in den Library Gardens von vor ein paar Jahren in die Hände, und ich fragte mich, wo dieser Garten denn sein soll, hatte ich doch schließlich geglaubt, die Gegend um die Bibliothek schon längst zu kennen. Da gestern am späten Nachmittag nach den heftigsten Regengüssen, die ich je erlebt habe, unerwarteterweise noch die Sonne rauskam, beschloss ich, mich nach der Arbeit mal auf die Suche zu machen. Und da mir der kleine Garten so gut gefiel, bin ich heute – ebenfalls bei Sonnenschein – mit meiner Kamera nochmal zurückgekehrt.

Das Gelände, auf dem sich die Bibliothek befindet
Das Gelände, auf dem sich die Bibliothek befindet
Durch dieses Tor gelangt man in die Library Gardens
Durch dieses Tor gelangt man in die Library Gardens

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Hinter den Bäumen kann man die St. Andrew's Church erkennen
Hinter den Bäumen kann man die St. Andrew’s Church erkennen
Tolle Sitzgelegenheiten
Tolle Sitzgelegenheiten

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Dieser Tennisplatz gehört offiziell zur Bibliothek!
Dieser Tennisplatz gehört offiziell zur Bibliothek!

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In den Library Gardens wachsen auch Brombeeren
In den Library Gardens wachsen auch Brombeeren
Irgendwann steht man vor dieser Tür und denkt, es ginge nicht weiter, aber man kann die Tür öffnen ....
Irgendwann steht man vor dieser Tür und denkt, es ginge nicht weiter, aber man kann die Tür öffnen ….
... und steht dann auf dem kleinen Pfad, der zur Kirche führt
… und steht dann auf dem kleinen Pfad, der zur Kirche führt

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... education?
… education?
Nach wenigen Metern erreicht man die Kirche
Nach wenigen Metern erreicht man die Kirche

DSC_0635Diese Woche war bisher wettermäßig ziemlich mies, am Montag regnete es unterbrochen (und das sehr stark), außerdem war das der kälteste Tag, den ich hier bisher erlebt habe (etwa 15 Grad). Am Dienstag war es zwar etwas wärmer, aber auch sehr windig, dazu immer wieder Nieselregen. Gestern gab es dann die besagten extremen Regengüsse, zwischenzeitlich auch Blitz und Donner, das hatte was von Weltuntergangsstimmung. Im Eingangsbereich der UCA (da, wo die schon erwähnte Foyer Gallery ist) hört es sich bei Regen immer so an, als würde gleich das Dach einstürzen, und gestern hatte die Frau am Empfang einen so ängstlichen Gesichtsausdruck, dass man wirklich Mitleid bekommen konnte. Aber von einer Sekunde auf die andere, pünktlich zum Feierabend, war Schluss mit Regen und Sturm und es wurde ein richtig schöner Abend. Heute war es kühl und wechselhaft, dann aber, wieder genau zum Ende meines Arbeitstags, sonnig. Meine Gastfamilie, die gestern braungebrannt aus dem Urlaub auf Ibiza wiedergekommen ist, war natürlich alles andere als begeistert über das klischeehaft englische Wetter, das sie hier begrüßte …

Den gestrigen und den heutigen Arbeitstag habe ich je zur Hälfte mit meinem Archivprojekt und zur anderen Hälfte mit dem Katalogisieren der Bibliothek von Bob Godfrey verbracht. Heute saß ich dabei gegenüber von Karolina, der tschechischen Kollegin, die ihren Plan mit dem Deutschtest nun offensichtlich doch (noch) nicht in die Tat umsetzen will. Sie ist übrigens die Einzige unter den Kollegen, die schon mal in Leipzig war, das ist allerdings schon lange her. Sie erzählte, dass sie als Kind manchmal mit ihrer Familie in der DDR war, unter anderem, weil die Schuhe, die man dort kaufen konnte, bessere Qualität hatten als die Tschechoslowakischen – allerdings hat sie dann ihre neu gekauften Winterstiefel auf dem Kamin stehen gelassen, mit dem Ergebnis, dass die Sohle schmolz, sie furchtbaren Ärger bekam und der nächste Winter für ihre Füße alles andere als angenehm wurde. Karolina, Nicky und ein paar andere Bibliotheksmitarbeiter arbeiten derzeit in einer Art Container, der ursprünglich wohl mal als vorübergehende Lösung gedacht war, nun aber schon ziemlich lange neben dem Uniparkplatz steht. Darin wird es laut Nicky im Winter viel zu kalt und im Sommer viel zu heiß, aber die Stimmung ist gut im Containerbüro, und es gibt immer jemanden, der einen „chat“ bei einer Tasse Tee der eigentlichen Arbeit vorzieht. Und wenn Karolina dann das bekommt, was sie selbst als „half past three crisis“ (mit stark gerolltem R) bezeichnet, haben sowieso alle was zu Lachen. Eine solche Nachmittagskrise tritt auf, wenn sie zu einer Uhrzeit, in der der Feierabend schon in greifbarer Nähe liegt, auf einen besonders schwierigen Fall in Sachen Katalogisierung stößt (sie kümmert sich derzeit vor allem um Filme). Dann reagiert sie immer so gespielt hysterisch und regt sich mit britischem Humor, den sie anscheinend voll und ganz übernommen hat, über Filmemacher und Katalogisierungsregeln auf.

Zum Abschluss dieses Posts gibt’s jetzt noch meine Highlights aus den Ausstellungsunterlagen, die ich von Montag bis heute durchgesehen habe. Interessant fand ich zum Beispiel eine Ausstellung zum Thema Verpackungen in verschiedenen Ländern. Leider gab es dazu nur ein paar wenige Fotos, aber schon daran konnte man gut sehen, wie unterschiedlich Verpackungen von Alltagsdingen (Lebensmittel, Kosmetik, Putzmittel und so weiter) je nach Kultur gestaltet werden. Zudem zeigte die Ausstellung auch auf, dass bestimmte Dinge für den Verkauf an Touristen ganz anders verpackt werden als für Konsum durch die Landesbevölkerung. Als Beispiel gab es dazu unter anderem ein Bild von zwei Ouzoflaschen, die man in Griechenland kaufen kann. Die eine war gestaltet wie eine antike Vase, die Aufschrift in blau und weiß gehalten, und die andere einfach eine stinknormale Glasflasche mit schlichtem Etikett. Man kann sich denken, welche für welche Zielgruppe gedacht ist – und auch, dass die Preise vermutlich sehr unterschiedlich ausfallen.

Eine andere Ausstellung trug den Titel „Crazy Golf“. Die beiden mitwirkenden Künstler bauten in der James Hockey Gallery eine Minigolfbahn auf, die ungewöhnlichen Hindernisse hatten sie selbst entworfen. Die Besucher bekamen einen Zettel in die Hand, auf dem sie ihre Punkte eintragen konnten, und am Ende gab es für jeden eine Urkunde. In den Unterlagen zu der Ausstellung befand sich ein Heft zu Geschichte und unterschiedlichen Formen dieses Sports. Darin stand unter anderem, dass in Deutschland rund 15 Millionen Menschen pro Jahr eine Runde Minigolf spielen (jedenfalls war das der Stand zu Anfang der „Nullerjahre“) – Minigolf ist laut dem Heft „the 9th most popular leisure-time sport activity of the Germans.“ Apropos „the Germans“: auf den Fotos zu einem Workshop in der Galerie sah man im Hintergrund an den Wänden eine ganze Reihe Karikaturen zum Thema Englisch-Deutsche Beziehungen hängen, unter anderem diese von Bernard Cookson. Überhaupt scheint die Sache mit den Handtüchern hier das am weitesten verbreitete Deutschen-Klischee zu sein (neben dem Mythos vom immer fleißig und effizient arbeitenden deutschen Volk), mein Mitbewohner hat mir erzählt, dass es vor ein paar Jahren mal einen sehr beliebten Fernsehsketch gab, in dem eine Gruppe Engländer im Urlaub nach gründlichem Ausschlafen aus dem Hotelzimmerfenster guckt und feststellen muss, dass sämtliche Sonnenliegen am Pool bereits mit Handtüchern in Deutschlandfarben markiert wurden und die deutschen Touristen schon längst gefrühstückt haben (meine Familie wird an dieser Stelle bestimmt denken: Ja, klar, es will ja schließlich keiner riskieren, dass es am Buffet nur noch Kaffee und Oliven gibt!)

Mit einem deutschen Künstler hatte ich diese Woche auch zu tun, und zwar mit dem Zeichner Heinrich Kley (1863-1945), dessen Werke offenbar auch Bob Godfrey interessierten und vielleicht sogar inspirierten. Mir selbst gefallen natürlich diejenigen Bilder von Kley am besten, auf denen Krokodile zu sehen sind, die hat er gar nicht mal selten gezeichnet. Ein Beispiel ist „Seiltanz“ . Und damit wären wir auch schon bei einer kleinen Linksammlung zu meinen Lieblingsbildern aus dieser Woche. Toll fand ich zum Beispiel die Arbeiten der Illustratoren John Vernon Lord und Justin Todd. Lord hat unter anderem eine Ausgabe von „Äsops Fabeln“ illustriert, daraus stammt zum Beispiel dieses schöne Bild mit den Fröschen. Mehr Illustrationen von John Vernon Lord kann man sich auf seinem Blog ansehen. Justin Todd hat Kinderbuchklassiker wie „Alice in Wonderland“ und „The Wind in the Willows“ illustriert. In den Ausstellungsunterlagen befand sich unter anderem eine Postkarte mit seiner niedlichen Covergestaltung für eine Ausgabe von „Mrs Frisby and the Rats of NIMH“. Auch niedlich fand ich ein Foto von Simon Sandys mit dem Titel „Kitchen Sink Melodrama“ (die Träne kann man leider auf dem Internetbild nicht so gut erkennen) sowie ein Werk namens „The Duck’s Revenge“ von Jerome Leroy-Lewis.

Mein letztes Highlight dieser Woche ist kein Foto, auch wenn es auf den ersten Blick so aussieht. Es handelt sich um ein Bild des Schotten Jock McFadyen, dessen Werk ich insgesamt sehr beeindruckend finde. Nicht nur, weil viele seiner Gemälde aussehen wie Fotos, sondern auch, weil er etwas macht, was ich noch nie gesehen habe – er malt Street Art, aber nicht in dem Sinne, dass er sich auf Mauern und Fassaden verewigt. Nein, er malt ganze Mauern oder Gebäude, die mit Street Art* verziert sind. Ob er dabei reale Straßenkunstwerke abmalt oder alles reinste Phantasie ist, vermag ich nicht zu sagen. Das Werk „Kill Matthew Barney“ jedenfalls spielt zumindest auf eine reale Person, einen amerikanischen Medienkünstler, an. Auf seiner Internetseite kann man noch einige andere Werke von McFadyen anschauen, nicht alle im gleichen Stil wie „Kill Matthew Barney“, aber alle toll („London Fields“ zum Beispiel würde ich mir gerne aufhängen).

Morgen steht für mich wieder ein Tag in der Digitalisierungsabteilung auf dem Plan und dann ist auch schon Wochenende. Und zwar drei Tage lang, denn am Montag ist hier Summer Bank Holiday. Ich weiß noch nicht, was ich am Wochenende mache, am Samstag will ich mal wieder einen Ausflug mit dem Zug machen, aber ich weiß noch nicht wohin. Das werde ich morgen mal planen. Jedenfalls soll das Wetter schon zum vierten Mal in Folge pünktlich zum Wochenende schön werden.

 

*Falls sich jemand beim Stichwort „Street Art“ fragt, wann es auf meinem anderen Blog endlich die Street-Art-Bilder vom Estland-Urlaub im Mai zu sehen geben wird: das ist in Planung und ich hab mir vorgenommen, dass ich England nicht verlassen werde, bevor das erledigt ist.

 

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