Abwechslungsreich

Meine erste Woche im Praktikum ist vorbei. Auf der einen Seite verging sie sehr schnell, andererseits habe ich aber auch das Gefühl, dass das unmöglich nur fünf Tage gewesen sein können. Weil ich so viele Leute kennengelernt, so viele unterschiedliche Dinge gemacht und so viel Neues gelernt habe. Und weil es jetzt bereits völlig normal für mich ist, morgens durch die Hauptgeschäftsstraßen von Farnham zu laufen und dann irgendwann abzubiegen in die immer noch zentrale, aber etwas ruhigere Gegend, in der sich die UCA befindet. Es gibt mehrere verschiedene Wege von der Innenstadt zur Uni und jeder hat etwas für sich. Geht man ein Stück die Castle Street entlang, die langsam ansteigt und zum Schloss führt, kann man sich an vielen typisch englischen Dingen erfreuen – bunte Haustüren, rote Telefonzelle, roter Briefkasten, viele Blumen – und dann über einen von mehreren „Scholar Ways“ gewissermaßen einen Geheimweg in Richtung UCA einschlagen. Biegt man stattdessen von der Hauptstraße The Borough in den Lion and Lamb Yard ab, kommt man nicht nur durch diese schöne Gasse mit dem süßen Denkmal und den netten Cafés, sondern kann auch beobachten, was morgens schon bei Waitrose los ist, und dem Straßenmusiker mit dem langen, grauen Zopf zuhören, der immer an der Ecke neben dem Mülleimer steht und bevorzugt Songs wie „Sweet Child O‘ Mine“ auf seiner Gitarre spielt. Geht man stattdessen The Borough weiter entlang, kommt man an „Guitar Village“, einem Paradies für Gitarristen, mit seinem coolen Werbe-Oldtimer vorbei und kann dann über die Straße Potters Gate, bei der ich immer an Harry Potter denken muss, den Campus erreichen. Ich gehe mal den, mal diesen Weg, und wer weiß, vielleicht entdecke ich ja im Laufe der Zeit noch mehr Routen. Das würde mich bei den vielen Gassen hier nicht wundern. Einige sind so klein und eng, dass man sie extra mit einem Schild als „Public Footpath“ gekennzeichnet hat, weil sonst vermutlich nie jemand dort einbiegen würde.

Am Dienstag habe ich an dem Projekt mit den Ausstellungen der Galerie in Canterbury weitergemacht und dabei einige interessante Dinge gefunden. Zum Beispiel einen Pikachu-Stempel auf dem Fax einer Künstlerin an den Kurator (für die älteren Leser: Pikachu ist ein Pokémon; für meinen Vater: du erinnerst dich, die blaue Edition!) oder eine genaue schriftliche Dokumentation der Vorkommnisse, die zum Rausschmiss eines heute recht bekannten Künstlers aus einer Kunsthochschule in London führten. Mein Favorit aber war eine Sammlung von Briefen, die ein Künstler unter falschem Namen an verschiedene Unternehmen (unter anderem Kentucky Fried Chicken) und einen Psychologen geschickt hat. Er gab sich dabei zum Beispiel als alter Mann aus, der Probleme hat, bestimmte Verpackungen zu öffnen oder frittierte Hähnchenteile ekelhaft findet, oder als geistig Verwirrter mit schriftstellerischem Talent, aber null Verständnis für andere Menschen. All diese Dinge sind in den Briefen sehr ausführlich und sehr lustig, mit typisch britischem Humor, beschrieben. Einige der Angeschriebenen haben sogar tatsächlich geantwortet, der Psychologe zum Beispiel zeigte sich begeistert von den Gedichten des vermeintlichen Patienten, riet ihm aber dringend dazu, doch mal bei der „Sane Line“ anzurufen, woraufhin der Künstler im nächsten Brief fragte, wie denn die Nummer der „Insane Line“ laute. KFC schickte übrigens nur ein standardisiertes Schreiben, in dem die Unzufriedenheit des Gastes bedauert und selbiger aufgefordert wurde, den betreffenden Eimer Hähnchenteile in die Filiale zurückzubringen. Ansonsten befand sich bei den Sachen einiges an AV-Material, das zum Teil auf so veralteten Medien gespeichert ist, dass man es in der UCA vermutlich gar nicht wird nutzen können. Aber vielleicht findet man einen Weg, um es zu digitalisieren.

Womit wir bei meiner Arbeit in den letzten drei Tagen dieser Woche wären. Eigentlich soll ich nur einen Tag pro Woche in der Digitalisierungsabteilung mitarbeiten, da Rebekah aber von Mittwoch bis heute frei hatte, habe ich diese Woche gleich drei Tage dort verbracht. Die Abteilung besteht aus drei Mitarbeiterinnen: Lorna und zwei Mal Lisa, was immer wieder für Verwirrung sorgt. Lorna ist in meinem Alter und arbeitet seit einem Jahr in der UCA-Bibliothek. Sie hat Fotojournalismus studiert und ist unter anderem dafür zuständig, die alljährliche Graduation Fashion Show der Absolventen der Mode-Studiengänge (davon gibt es an den Standorten Rochester und Epsom sehr viele verschiedene) fotografisch festzuhalten. Gerade digitalisiert sie eine Reihe von Sketchbooks aus dem Studiengang Art & Design, und dabei habe ich diese Woche mitgeholfen. In den Sketchbooks haben die Studenten über einen Zeitraum von zehn Wochen ein individuelles Projekt dokumentiert, von der ersten Idee bis zum fertigen Design. In dem Projekt, um das ich mich jetzt gekümmert habe, entwickelte eine Studentin ein Design für eine Tapete und ließ sich dabei von einem bekannten englischen country garden, Great Dixter (Northiam, East Sussex), inspirieren. Da für die Digitalisierung jede einzelne Seite per Aufsicht­scanner gescannt und dann bearbeitet werden muss, kommt man dazu, sich die Projektarbeit sehr genau anzuschauen. Und es ist wirklich interessant, so einen künstlerischen Arbeitsprozess nachzuvollziehen. Die Studentin hat jede Seite ihres Sketchbooks anders gestaltet, mit Zeichnungen, Näharbeiten, Fotos und Ausschnitten aus Zeitschriften, und dazu schriftlich begründet, was sie inspiriert und warum. Ihr fertiges Design war am Ende ziemlich anders als anfangs angedacht, und die Seiten dazwischen zeigen auf, wie es dazu kam. Heute haben Lorna und ich noch mit einem weiteren Sketchbook angefangen, in dem es um ein ganz anderes Projekt ging: die Entwicklung eines Textildesigns für Bekleidung auf Grundlage intensiver Beschäftigung mit der Geschichte des Kohleabbaus in der Grafschaft Kent – für mich ziemlich unvorstellbar, aber genau deshalb besonders interessant. Allerdings ist das Ganze auch ein bisschen frustrierend, weil man an diesen Projekten das ganze Ausmaß der Kreativität und des Talents bestimmter Personen sieht und einem umso mehr vor Augen geführt wird, dass man (sprich: ich) selbst noch nicht einmal in der Lage ist, eine einzelne Blume halbwegs naturgetreu zu malen. Nicht, dass ich besonders großes Interesse daran hätte, Pflanzenmustertapeten oder vom Kohleabbau inspirierte Kleidung zu designen, aber ein bisschen mehr künstlerisches Talent wäre schon ganz schön.

Anhand des Tapetendesign-Sketchbooks hat Lorna mir gezeigt, was alles getan werden muss, bis das Ganze online einsehbar ist – und das ist deutlich mehr, als der Dozent des betreffenden Kurses offensichtlich glaubt, der dachte nämlich, er könne die Werke schon nach einer Woche an seine Studenten zurückgeben. Ich jedenfalls habe jetzt nicht nur ein besseres Verständnis dafür, wie Künstler (oder jedenfalls britische Kunststudenten) arbeiten, sondern kenne mich auch zu ungefähr hundert Prozent besser mit Photoshop aus. Bisher habe ich sämtliche Versuche, mit diesem Programm mehr zu tun als ein Bild zurechtzuschneiden, nach kurzer Zeit entnervt aufgegeben, aber Lorna kennt sich durch ihr Studium bestens aus und kann dazu noch sehr gut erklären. Natürlich gibt es immer noch eine Million Photoshop-Funktionen, die ich nicht kenne, aber all das, was man tun muss, um Sketchbook-Seiten auf den Upload in die Datenbank vorzubereiten, kann ich jetzt quasi im Schlaf. Die Datenbank, in der die Digitalisate irgendwann zu sehen sein würden, heißt „Turning The Pages“ – und der Name ist Programm, man hat wirklich das Gefühl, in einem Buch zu blättern. Das sieht gut aus, erfordert aber zusätzliche Arbeitsschritte, insbesondere, wenn ein Sketchbook – wie im Falle des Tapetenprojekts – in einem Ringbuch angelegt wurde, aus dem jede Seite einzeln herausgenommen werden muss. Noch ist keins der Sketchbooks online, dafür aber schon einige andere Dinge aus der Sammlung der UCA, ihr könnt ja mal reinschauen. Unter anderem gibt es den „Special Collections Guide“, den ich als gedruckte Ausgabe am ersten Tag bekommen habe, und in dem man sich anschauen kann, was die Archive der vier Standorte so alles beherbergen (einfach „Special“ in der Suchfunktion eingeben).

Eine andere UCA-Datenbank ist „Imagebank“, leider nur für Universitätsangehörige einsehbar. Darin werden unter anderem die Bilder der oben erwähnten Modenschauen, aber auch Fotos von Ausstellungen in den Uni-Galerien und Projektarbeiten von Studenten gesammelt. Die Fotos der diesjährigen Graduation Fashion Shows waren meine bisher letzte Aufgabe in der Digitalisierungsabteilung. An sich nicht so spannend, ich musste nur bestimmte Dinge abgleichen und die Bilder in die Datenbank hochladen, aber das war genug, um mir mal wieder zu zeigen, dass Modedesign eine Welt für sich ist, die ich wohl nie so recht verstehen werde. Mir ist zwar inzwischen klar, dass Laufstegmode meist gar nicht den Anspruch hat, in irgendeiner Weise alltags- oder straßentauglich zu sein, aber manche der Designs waren wirklich komplett schräg. Hinzu kam, dass ich mich bei der Durchsicht der Bilder immer wieder selbst daran erinnern musste, dass die Models keine Puppen, sondern Menschen sind, so ausdruckslos und kerzengerade wie die auf den Bildern über den Laufsteg laufen oder in Gruppen zusammen posieren. Das ist teilweise schon fast gruselig. Ich frag mich wirklich, wie man sich fühlt, wenn man mit einem Hirschgeweih auf dem Kopf und Plateausohlen an den Füßen in einem komplett durchsichtigen Top und einer grellbunt gemusterten, sehr weiten Hose am Publikum vorbeiläuft. Da ich aber, abgesehen von der Körpergröße, wenig mit den Models auf den Bildern gemeinsam habe, werde ich das wohl nie herausfinden (und auch daran habe ich kein übermäßig großes Interesse). Die Designs einer Studentin allerdings fand ich wirklich gut, sie hatte sich von den sogenannten Sign Spinners inspirieren lassen, diesen US-amerikanischen Werbeschildjongleuren (zu sehen zum Beispiel in diesem Video), und Kleider entworfen, die die Trägerinnen quasi zu menschlichen Werbeschildern mit ironischen Slogans machen.

Das war also eine sehr interessante Woche. Nicht nur wegen der Aufgaben im Praktikum, sondern auch, weil ich einige neue Ecken in Farnham entdeckt und inner- und außerhalb der UCA eine ganze Menge beobachtet habe. Darüber schreibe ich aber am Sonntag (oder spätestens Montag), dann auch wieder mit Fotos. Momentan ist das Wetter hier wirklich toll, bis zu 25 Grad mit viel Sonne, ich hoffe, das bleibt am Wochenende so, damit ich viel anschauen und fotografieren kann. Und ich hoffe auch, dass ich weiterhin problemlos posten kann. Nachdem bei meinem Laptop, das ich erst Ende Januar gekauft habe, der Akku kaputtgegangen ist, spinnt es jetzt auch im angeschlossenen Zustand gerne mal rum. Ich habe schonmal vorsichtshalber die wichtigsten Daten gesichert, da ich Angst habe, dass das nicht mehr lange gut geht. Ich wollte das Laptop zwar noch vor England reparieren lassen, aber dazu muss man es einschicken (ist ja noch Garantie drauf) und das Ganze dauert laut Herstellerangabe mindestens zehn Werktage. Das fiel dann auch noch genau mit dem Poststreik zusammen, und das war kurz vor der Abreise, daher habe ich es gelassen und war auch bis vor ein paar Tagen noch zuversichtlich, dass das Ding zumindest durchhält, bis ich wieder in Deutschland bin. Jetzt stellt sich das etwas anders dar, aber ich gebe die Hoffnung nicht auf und sage einfach mal: Bis Sonntag. Dann mit dem ersten Song der Woche.

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