Erste Eindrücke

Seit drei Tagen bin ich jetzt in England. Wir sind am Samstag früh morgens aufgebrochen, durch Teile der Niederlande (die erreicht man von Mönchengladbach aus sehr schnell), Belgiens und Frankreichs gefahren und schließlich mit der Fähre von Calais nach Dover übergesetzt. In den Tagen vor dieser Abreise habe ich gelernt, eine Klausur geschrieben, meinen letzten Arbeitstag im Nebenjob absolviert, einige Zeit mit Familie und Freunden verbracht und gepackt. Das Packen für die zwei Monate England stellte sich als deutlich schwieriger heraus als das Packen für sechs Monate Estland vor ziemlich genau drei Jahren. Zwar hatte ich jetzt die luxuriöse Situation, mit dem Auto anreisen zu können und daher nicht auf Beschränkungen bezüglich Anzahl und Gewicht der Gepäckstücke achten zu müssen, aber ich konnte mir eben auch nicht, wie damals vor dem Praktikum in Estland, einfach sagen: „Was du nicht mitnimmst, kannst du ja vor Ort kaufen.“ Denn die englischen Preise sind nicht annähernd so studentenfreundlich wie die estnischen, außerdem zahle ich hier deutlich mehr Miete.

Nach der Überfahrt inklusive Kreidefelsen-Bestaunen ging es mit einem Zwischenstopp in Hastings, wo wir dank der vielbeschworenen englischen Freundlichkeit umsonst parken konnten, ohne Eile nach Farnham. Ich hatte vorher nur eine grobe Vorstellung von der Stadt, zusammengesetzt aus diversen Bildern aus dem Internet, Videos auf YouTube und dunklen Kindheitserinnerungen an andere englische Kleinstädte. Ich hatte keine wirklichen Erwartungen, die Farnham hätte erfüllen, enttäuschen oder über­treffen können, aber jetzt, nach drei Tagen, kann ich definitiv sagen, dass mir die Stadt gefällt. Wie ich in „Großstadtmusik 2“ schonmal angedeutet habe, ist Farnham meine erste Kleinstadt, der kleinste Ort, an dem ich je gelebt habe. Es ist noch zu früh, um einschätzen zu können, ob ich mich aufgrund der geringen Größe der Stadt vielleicht eines Tages langweilen oder aber besonders wohlfühlen werde. Außerdem kann ich auch noch nicht sagen, ob Farnham eine junge Stadt ist, in der immer was los ist, oder doch eher ein Rentnerparadies, denn noch sind Semesterferien. Bisher jedenfalls erfreue ich mich an den typisch englischen Häusern mit den bunten Türen, den Grünflächen, den kleinen Gassen, dem kleinen Flüsschen (River Wey, nicht zu verwechseln mit dem deutlich größeren River Wye), den gar nicht mal so wenigen Geschäften in den Einkaufsstraßen, die nicht viel mit der immer gleichen Ansammlung von Filialen der immer gleichen Ketten in deutschen Großstädten zu tun haben. Bei dem schönen Wetter, das hier am Wochenende herrschte (20-25 Grad, strahlender Sonnenschein, leichter Wind, kein Regen), sah das alles sehr schön aus. Und ich habe natürlich längst noch nicht alles gesehen, es gibt noch ein Schloss, einen großen Park, einen Wald, eine Burgruine etwas außerhalb und so weiter und so fort. Eigentlich erstaunlich, dass Farnham in so gut wie keinem Reiseführer auch nur erwähnt wird, aber wer weiß, vielleicht sind andere englische Kleinstädte ja noch schöner oder noch typischer oder wie auch immer. Hier sind jedenfalls ein paar der Bilder, die ich bisher gemacht habe, nicht nur hier, sondern auch auf der Fähre und in Hastings.

Die Kreidefelsen von Dover. Leider war es etwas neblig.
Die Kreidefelsen von Dover. Leider war es etwas neblig.

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Unterwegs in Südengland
Unterwegs in Südengland
Hastings, am Meer
Hastings, Innenstadt

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Hastings, am Meer
Hastings, am Meer


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Blick aus meinem Zimmerfenster in Farnham
Blick aus meinem Zimmerfenster in Farnham
Eine von mehreren Grünflächen in der Stadt, der Borelli Walk, benannt nach einem lokalen Politiker
Eine von mehreren Grünflächen in der Stadt, der Borelli Walk, benannt nach einem lokalen Politiker

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Im Sommer gibt es jeden Sonntag Nachmittag ein Konzert in der Gostrey Meadow, dem Park direkt gegenüber vom Borelli Walk
Im Sommer gibt es jeden Sonntag Nachmittag ein Konzert in der Gostrey Meadow, dem Park direkt gegenüber vom Borelli Walk
Am Eingang zur Gostrey Meadow
Am Eingang zur Gostrey Meadow
Gostrey Meadow, am Fluss
Gostrey Meadow, am Fluss
Publikum beim Konzert von Grandpa's Spells Jazz Band - hauptsächlich Rentner und Familien. Da gab's viel zu beobachten.
Publikum beim Konzert von Grandpa’s Spells Jazz Band – hauptsächlich Rentner und Familien. Da gab’s viel zu beobachten.

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Die Band
Die Band

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South Street. So ruhig, wie es hier auf den Bildern wirkt, ist es auf dieser Straße und vielen anderen in Farnham, allerdings offensichtlich selten. Selbst gestern, am Sonntag, war überall richtig viel Verkehr für eine so kleine Stadt.
South Street. So ruhig, wie es hier auf den Bildern wirkt, ist es auf dieser Straße und vielen anderen in Farnham, allerdings offensichtlich selten. Selbst gestern, am Sonntag, war überall richtig viel Verkehr für eine so kleine Stadt.

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Lion and Lamb Yard
Lion and Lamb Yard

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Castle Street. Da geht's hoch zum Schloss, das man im Hintergrund erahnen kann.
Castle Street. Da geht’s hoch zum Schloss, das man im Hintergrund erahnen kann.

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St. Andrew's Church
St. Andrew’s Church

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Bunte Türen in einer Seitenstraße
Bunte Türen in einer Seitenstraße

Aber eine schöne Stadt alleine ist natürlich noch nicht alles. Man muss ja auch irgendwo wohnen. Ich habe hier ein kleines Zimmer im Haus einer fünfköpfigen Familie. Das Haus liegt praktisch direkt am Bahnhof von Farnham, von dem aus man in etwa einer Stunde und 15 Minuten London erreichen kann, außerdem ist man von hier aus sehr schnell in der Innenstadt und an der University for the Creative Arts (UCA), wo ich mein Praktikum mache, die Lage ist also geradezu perfekt. Von der Familie kenne ich bisher nur drei Leute und den Hund, es ist wohl auch immer mal wieder jemand für ein paar Tage nicht da. Es ist noch ziemlich ungewohnt für mich, so mit fremden Leuten zusammen zu wohnen und nur ein kleines, spartanisch eingerichtetes Zimmer für mich zu haben, aber die Familie ist nett und sowas braucht eben seine Zeit. Nachdem es so schwer war, in Farnham überhaupt eine Unterkunft zu finden, bin ich bisher auf jeden Fall zufrieden. Die Familie hat wohl immer wieder Gäste, vor mir hat eine Französin zwei Monate lang in diesem Zimmer gewohnt, aber auch aus Spanien und Singapur waren schon Leute für eine Weile da. Außerdem wird eins der Zimmer regelmäßig für ein paar Tage über AirBnB vermietet, ich bin mal gespannt, ob ich demnächst vielleicht auch ein paar Kurzzeit-Mitbewohner bekomme.

Heute hatte ich dann meinen ersten Praktikumstag an der UCA. Im Moment sind noch Semesterferien, deshalb ist nicht besonders viel los, außerdem wird gerade umgebaut und eine neue Ausstellung in der Galerie am Eingang eingerichtet. Ich wurde begrüßt von Rebekah, die mich im Praktikum betreut. Sie ist selber noch ziemlich jung und war direkt sehr nett. Noch nie zuvor wurde ich an einem ersten Praktikums- oder Arbeitstag als erstes gefragt, ob ich einen Tee möchte. Mit dampfenden Tassen in der Hand haben wir dann erstmal eine kleine Tour durch die Bibliothek und die dazugehörigen Büros gemacht, und ich wurde vielen ebenfalls sehr netten Leuten vorgestellt, von denen sich einige an ein paar Worten Deutsch versuchten. Die Bibliothek ist größer als erwartet und vor allem sehr gut ausgestattet. Es gibt sehr viele Arbeitsplätze, die meisten davon mit sehr neu aussehenden Apple-Computern. Der Bestand ist ebenfalls sehr groß, wurde heute Morgen allerdings nur von zwei Studenten genutzt, ich bin gespannt, wie gut die Bibliothek ab September, wenn die Ferien vorbei sind, angenommen wird. Das Bibliotheks- und Archivteam ist jedenfalls auch ziemlich groß und erfüllt viele unterschiedliche Funktionen. Darunter sind die üblichen Aufgaben wie Informationskompetenzvermittlung, Katalogisierung und Auskunftsdienst, die man aus jeder Hochschulbibliothek in Deutschland kennt, aber einiges hat mich überrascht. Eine eigene Digitalisierungsabteilung mit drei Mitarbeitern zu haben zum Beispiel ist für eine doch eher kleine Hochschule nicht unbedingt üblich. In dieser Abteilung werde ich ein Mal pro Woche mitarbeiten, das wird bestimmt interessant, denn dort wird nicht etwa einfach nur gescannt, sondern mit sehr vielen verschiedenen Arten von Dokumenten und Objekten (unter anderem Sketchbooks, AV-Materialien und Kunstwerken) gearbeitet. Außerdem gibt es einen Mitarbeiter, der Studenten mit Behinderung oder Legasthenie bei der Benutzung der Bibliotheks- und Archivbestände hilft und spezielle Angebote für diese Zielgruppe entwickelt, denn laut Rebekah betrifft das relativ viele Studenten in den kreativen Studiengängen. Ein weiteres Team aus zwei Leuten kümmert sich speziell um alles, was mit Datenbanken und Bibliothekssoftware zu tun hat. Darüber hinaus sind an der UCA eine ganze Reihe von anderen Stellen in oder neben der Bibliothek angesiedelt, beispielsweise der Career Service und die IT-Abteilung, das Ganze wird zusammengefasst unter der Bezeichnung „Library & Student Services“. Ich finde, es ist eine gute Idee, all diese Dinge miteinander zu verbinden, so ist die Bibliothek für die Studenten so etwas wie eine allgemeine Anlaufstelle für alle möglichen Fragen und nicht etwa nur ein Raum voller Bücher.

Ich selbst arbeite hauptsächlich im Archiv, das von der Bibliothek räumlich getrennt und auf mehrere kleinere Räume verteilt ist. Rebekah erzählte, dass für das Archiv nur ein verschwindend geringes jährliches Budget zur Verfügung steht und sie deshalb auf Spenden angewiesen ist. Da die UCA in ihrer heutigen Form erst seit 2005 besteht und aus dem Zusammenschluss von sechs Kunsthochschulen hervorgegangen ist, gibt es viele sehr verschiedene Sammlungen, das Ganze ist etwas chaotisch und die Platzprobleme sind offensichtlich. Zudem kann der Bestand bisher teilweise nicht unter optimalen Bedingungen gelagert werden, und einiges ist auf die vier Standorte der UCA (Farnham, Canterbury, Rochester und Epsom) verteilt. Rebekah fährt wohl recht häufig zwischen den Standorten hin und her, mein Praktikum beschränkt sich aber auf Farnham. Mein Praktikumsprojekt besteht in der Bearbeitung einer Sammlung der Herbert Read Gallery, einer von vier Galerien der UCA. Diese hat zu jeder ihrer Ausstellungen Materialien gesammelt, die jetzt gesichtet, geordnet, erschlossen und sachgerecht aufbewahrt werden müssen. Es handelt sich um sehr unterschiedliche Materialien, allein heute stieß ich – neben natürlich einer Menge Papier – schon auf Dias, Fotos, Disketten, CDs, VHS-Kassetten und eine Vinylplatte. Nicht zu jeder Ausstellung gibt es gleich viel Material, zu einigen findet sich nicht mehr als ein Flyer, zu anderen wurde jede E-Mail, die im Zuge der Planung ausgetauscht wurde, ausgedruckt und aufgehoben. In den nächsten Tagen werde ich das Ganze erstmal sortieren, in einer Tabelle erfassen und weiterführende Informationen zu den Künstlern und Ausstellungen recherchieren, damit habe ich heute schon angefangen, später folgen Katalogisierung und teilweise Digitalisierung. Außerdem soll ich einige besonders interessante Sachen heraussuchen, die dann per Social Media präsentiert werden. Insgesamt habe ich das Gefühl, dass Rebekah und die anderen sehr darum bemüht sind, dass ich in diesem Praktikum möglichst viel machen kann, was mich interessiert und mir fachlich etwas bringt, ich soll immer Bescheid sagen, wenn mich etwas besonders interessiert, es geht also offenbar keinesfalls darum, eine unbezahlte Arbeitskraft auszunutzen. Optimale Voraussetzungen für ein tolles Praktikum also. Übrigens komme ich sprachlich bisher super zurecht, ich verstehe eigentlich alles (die Farnhammer, falls sie so heißen, sprechen also keinen unverständlichen Dialekt) und das Sprechen geht auch ziemlich gut. Mit dieser Aussage habe ich zwar vermutlich gegen die unausgesprochene Bescheidenheitsregel der Engländer verstoßen, aber ich bin eben einfach froh darüber, dass sich meine Sorgen bezüglich der Sprache tatsächlich als unbegründet herausgestellt haben.

Es gäbe jetzt noch so einiges, worüber ich schreiben könnte, zum Beispiel über die Frage, ob die Engländer, mit denen ich bisher zu tun hatte, den gängigen Klischees entsprachen oder nicht, aber das hebe ich mir mal für den nächsten Post auf. Bis dahin werde ich einiges wohl auch schon etwas besser einschätzen können. Übrigens habe ich mir überlegt, dass ich gerne wieder, wie damals in Tartu, nach jeder Woche einen Song posten würde, der die vergangene Woche in gewisser Weise musikalisch zusammenfasst. Auf diese Weise bin ich auch gezwungen, mindestens ein Mal pro Woche etwas zu posten. Spätestens am Sonntag dürfte es hier also wieder etwas Neues geben.

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