Am Schmelzpunkt

Am Wochenende war ich beim Melt!-Festival. Es war mein erstes mehrtägiges Festival seit dem Sommer 2013 und mein erstes großes Festival seit noch längerer Zeit. „Ich bin das gar nicht mehr gewohnt“, sagte ich zu meinen Freunden, bevor es losging, und dann fragte ich noch, halb ironisch, halb ernst: „Was muss ich machen?“ Und sie antworteten: „Mit dem Kopf wackeln.“ Wir lachten und drehten die Musik im Auto lauter, und ich wusste: Das krieg ich hin, das verlernt man nicht, und mehr erwartet auch wirklich niemand an einem solchen Wochenende, an dem man Teil eines Publikums ist, das vor allem zwei Dinge will – Musik und Spaß.

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, nach Ende des Festivals ausführlich darüber zu schreiben, die Atmosphäre zu schildern, meine persönlichen Highlights zu benennen und vielleicht hier und da eine besonders schöne, lustige oder verrückte Episode einzustreuen. Aber jetzt sitze ich hier und fühle mich dazu nicht in der Lage. Nicht etwa, weil es nichts zu erzählen gäbe oder das Festival mich gar enttäuscht hätte. Beides kann ich zum Glück verneinen. Es ist vielmehr so, dass es mir schwerfällt, die vielen Eindrücke, die ich an den drei Festivaltagen gesammelt habe, in Worte zu fassen, die sie wirklich so wiedergeben, wie sie waren. Ich habe das ausprobiert, mehrfach – es gelingt mir nicht. Ich glaube, das liegt daran, dass man sich während eines Festivals in einem ewigen Wechselbad der Gefühle befindet. Mal ist man überglücklich, weil da gerade eine Band spielt, die man liebt und die man schon immer live sehen wollte. Dann wieder ist man enttäuscht, weil die meistens eher knapp bemessene Zeit, die der Band für ihren Auftritt zugestanden wurde, schon abgelaufen ist. Mal ist man aufgeregt, weil die Band auf der Bühne, die man vorher noch gar nicht kannte, so gut ist, dass man sich fragt, wie man bisher ohne sie leben konnte. Kurz darauf wartet man leicht genervt und mit schmerzenden Fußsohlen an einem Stand auf sein meistens eher wenig gesundes, dafür umso teureres, auf Plastik oder Pappe serviertes Essen, oder in der Schlange vor der spätestens am zweiten Tag wirklich nicht mehr wohlduftenden Toilette. All das ist aber nur wenig später völlig vergessen, wenn die Lieblingsband den Lieblingssong genau in dem Moment spielt, in dem die Sonne über dem Festivalgelände untergeht. Weniger perfekt passt der heftige Regenguss, der einsetzt, wenn man gerade voller Vorfreude vor einer der nicht überdachten Bühnen steht, und der nicht nur zu einer Trübung der eigenen Laune führt, sondern auch zu einer deutlich sichtbaren Verkleinerung des Publikums, das angesichts der Großartigkeit der bald beginnenden Band eigentlich riesig sein sollte. Ein paar Songs weiter und man tanzt lächelnd im strömenden Regen, überzeugt davon, dass der gerade gespielte Song bei anderem Wetter nur halb so toll wäre. Im Gegensatz dazu findet man den nächsten Auftritt vielleicht so schlecht, dass man völlig fassungslos auf das jubelnde und klatschende Publikum blickt und sich fragt, ob die anderen Leute gerade etwas ganz anderes sehen und hören als man selbst. Und so weiter und so weiter.

Es ist also unmöglich, von DEM Gefühl oder DER Atmosphäre zu sprechen, und obwohl ich vermute, dass ich es schon irgendwie schaffen würde, in einem sehr langen Text von all den Dingen zu schreiben, die mich beim Festival begeistert, enttäuscht, überrascht, glücklich gemacht, genervt, verwundert, zum Lächeln gebracht haben, habe ich beschlossen, damit gar nicht erst anzufangen. Stattdessen sage ich zusammenfassend: Das Melt! war wunderbar, die guten Momente haben eindeutig überwogen, das Gelände hat mir sehr gut gefallen und ich möchte gerne nächstes Jahr wiederkommen, am liebsten in Begleitung von genau den gleichen Menschen wie dieses Mal. Und ansonsten lasse ich jetzt etwas sprechen, ohne das all die oben beschriebenen Gefühle unmöglich wären, und ohne das man gar nicht erst anfangen müsste, Festivals zu organisieren – die Musik. Meine musikalischen Highlights beim Melt! waren (in chronologischer Reihenfolge und mit je einer Verlinkung zu einem Video, dazu einfach auf die Bandnamen klicken):

Mogwai. Weil ich sie schon immer live sehen wollte. Weil sie für Hunderte von vor Glück strahlenden Augenpaaren gesorgt haben. Weil sie die erste Band waren, bei der die gigantischen alten Bagger auf dem Ferropolis-Gelände bunt beleuchtet wurden und noch viel imposanter wirkten als tagsüber. Weil es sie jetzt seit ziemlich genau 20 Jahren gibt. Und weil sie so grandios waren, dass sich die Enttäuschung darüber, dass sie „Rano Pano“ nicht spielten, in Grenzen hielt.

London Grammar. Weil Sängerin Hannah Reid einfach eine Wahnsinnsstimme hat, die live noch viel besser zur Geltung kommt. Weil wir während ihres Auftritts ganz entspannt auf dem Boden vor der Mainstage saßen und uns dabei mal unterhielten, mal die an uns vorbeigehenden Leute beobachteten, mal einfach nur zuhörten. Und weil dabei die nur schwer erträgliche Hitze, die am ersten Festivaltag geherrscht hatte, langsam, aber sicher endgültig aus der Luft verschwand.

Nils Frahm. Weil ich vorher total gespannt darauf war, inwiefern sich sein Festival-Set von dem Konzert mit Ólafur Arnalds unterscheiden würde, das wir 2012 erleben durften. Weil er mich noch mehr beeindruckt hat als erwartet. Weil es unglaublich ist, was er ganz alleine auf der Bühne abliefert. Weil er zu diesen Menschen gehört, die aus jeder einzelnen Faser Musikalität und Talent ausstrahlen. Weil er am Klavier locker mit Lubomyr Melnyk (über den ich hier schrieb) mithalten kann. Und weil er völlig zurecht mehrfach „Szenenapplaus“ vom restlos begeisterten Publikum bekommen hat.

The Districts. Weil sie für mich DIE Neuentdeckung des Festivals sind. Weil ich selten eine Band erlebt habe, die so in ihrer Musik aufgeht und bei der wirklich alle Mitglieder gleichermaßen abgehen. Weil ich die Stimme von Sänger Rob Grote – irgendwo zwischen Jack Steadman von Bombay Bicycle Club und Caleb Followill von Kings of Leon – richtig gut finde. Und weil ich es nicht bereue, für sie vor der Mainstage stehen geblieben zu sein anstatt mir AnnenMayKantereit im Intro-Zelt anzuschauen.

Django Django. Weil ich auch sie schon immer live sehen wollte. Weil ihr Auftritt zu den Konzerten gehörte, nach denen einem die Songs auf Platte fast schon lahm vorkommen, weil sie live so grandios waren. Weil ich stark bezweifle, dass es im Publikum auch nur eine einzige Person gab, die die Füße stillhalten konnte. Weil man ihnen den Spaß an der Sache angemerkt hat. Und weil keine andere Band den Screen im Hintergrund der Mainstage so passend eingesetzt hat wie sie.

Von Spar. Weil ich mir vor dem Festival zum ersten Mal einen ihrer Songs angehört und für gut befunden hatte, von ihrem Auftritt dann aber noch deutlich beeindruckter war. Weil ihr Auftritt für mich einen tollen Abschluss des zweiten Festivaltages bildete. Und weil sie zu den Bands gehören, die jetzt ganz weit oben auf der „möglichst bald nochmal live sehen“-Liste stehen.

Catfish and the Bottlemen. Weil ich vorher nur den Namen dieser walisischen Band kannte, sie dann aber nur wenige Sekunden brauchten, um mich zu überzeugen. Weil dem Publikum der Nieselregen bei ihrem Auftritt komplett wurscht war. Und weil das durch langes Anstehen redlich verdiente Frappé mit Muffin zu ihrer Musik gleich doppelt so gut schmeckte.

Element of Crime. Weil diese Band live einfach immer, immer, immer super ist. Weil ich auch dieses Mal wieder Leute im Publikum beobachten konnte, die sich über die Texte kaputtlachten. Weil wir fast ganz vorne standen. Weil sie einen ihrer ganz alten, englischen Songs spielten und Sven Regener danach „Vielen Dänk!“ rief. Weil es zwei Zugaben gab. Weil ich bei Element of Crime immer an meine Schwester und meine Eltern denken muss. Und weil sie einfach den coolsten Bassisten der Welt haben, über den ein Freund nachher sagte: „Den würde ich am liebsten als Opa adoptieren.“

Darwin Deez. Weil ihre Musik viel vielseitiger ist als ich erwartet hatte. Weil sie zwischen den Songs mit kreativen und sehr lustigen Tanzeinlagen überraschten. Weil mit ihnen nicht nur der coolste Bassist, sondern auch die coolste Bassistin der Welt an diesem dritten und letzten Tag beim Melt! auftrat (wobei ich das Wort „cool“ in beiden Fällen sehr unterschiedlich definiere). Und weil ganz am Schluss, bei „Radar Detector“, wirklich ausnahmslos alle im Zelt getanzt haben, als würde ihnen dabei niemand zusehen.

Das waren sie, die Auftritte, die mir am besten gefallen haben. Leider schafft man es bei größeren Festivals ja nie, wirklich alle Bands zu sehen, die man gerne sehen würde, aber ich glaube, ich habe eine ganze Menge wirklich guter Auftritte erleben dürfen. Auftritte, die dafür gesorgt haben, dass ich nicht nur vor Hitze, sondern auch vor Freude so manches Mal quasi dahingeschmolzen bin. Nächstes Jahr gerne wieder. Wir sehen uns, Melt!

Die Melt!-Auftritte von Mogwai, Nils Frahm, The Districts, Django Django und ein paar anderen könnt ihr euch noch bis zum 18. August in der Mediathek von Arte Concert in voller Länge ansehen. Leider hat ZDF Kultur dieses Jahr leider anscheinend aus irgendwelchen Gründen nichts aufgezeichnet.

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