Unterwegs

Hier ist er nun endlich, mein eigener Post zum Thema der diesjährigen Gastpost-Aktion. Ich hoffe, er verleiht der Aktion den Abschluss, den sie verdient. Nochmals vielen Dank an alle, die einen Text beigesteuert haben, aber auch an alle Leser. Und nicht vergessen: noch bis zum 23. Juni kann meine Umfrage zur Aktion ausgefüllt werden.

Als ich im letzten Jahr den Text zum Thema „Heimat“ schrieb, versuchte ich, mich mit Worten an den Ort anzunähern, der in Bezug auf mein Leben diesen Titel am ehesten verdient. Das war fast schon so etwas wie der Versuch einer Definition, die gleichwohl, wie mir von Anfang an klar war, niemals allgemeingültig sein kann. Mit dem Thema „Unterwegs“, das man ja in gewisser Weise als das Gegenteil des Themas von 2014 ansehen kann, verhält es sich anders. Als ich anfing, mir Gedanken dazu zu machen, stellte ich schnell fest, dass es nicht eine Definition sein konnte, nach der ich suchte, sondern ein Gefühl. Was seltsam ist, wenn man bedenkt, dass „Heimat“ ein sehr emotionales Thema ist, wohingegen „Unterwegssein“ in den meisten Fällen lediglich eine Notwendigkeit darstellt, die ziemlich emotionslos abgehandelt wird.

Wenn überhaupt, werden ihr wohl eher negative Gefühle entgegengebracht. Unterwegs zu sein kann lästig, stressig, zeitraubend sein. Wer hat sich nicht schon einmal gewünscht, sich an sein Ziel ganz einfach beamen zu können? Hinzu kommt, dass Unterwegssein fast immer eine gewisse Abhängigkeit von anderen Menschen – und oft auch der Technik – bedeutet. Da kann so viel schief gehen, verschuldet durch Menschen, unglückliche Zufälle, technisches Versagen, das Wetter oder diese ominöse „höhere Gewalt“, dass man eigentlich nach jeder reibungslos verlaufenen Reise glücklich sein müsste – stattdessen denkt man darüber entweder gar nicht nach oder empfindet es als selbstverständlich, dass man problemlos angekommen ist. Jede noch so kleine Abweichung vom selbstgesteckten Reiseplan löst Frust und Stress aus.

Deshalb, aber auch aus anderen Gründen, bin ich recht schnell zu dem Schluss gekommen, dass ich dem Unterwegssein ziemlich gleichgültig, vielleicht sogar ablehnend gegenüberstehe. Aber auch, dass es Ausnahmen gibt. Situationen, in denen ich bewusst unterwegs bin und das genieße. In denen, so abgedroschen diese Redewendung auch klingen mag, der Weg das Ziel ist. Wenn dazu auch noch das tatsächliche Ziel lohnenswert ist, dann gibt es für mich kaum etwas Schöneres als unterwegs zu sein. Und diese Momente, in denen ich genauestens spüre, dass ich unterwegs bin, und mich damit rundum wohlfühle, das sind die Unterwegs-Momente, die mir in Erinnerung bleiben. Geschichten von Staus, Zugausfällen, verschobenen Flügen oder Blasen an den Füßen, die sind schnell vergessen. Denn Schwierigkeiten wie diese sind zwar in dem Augenblick, in denen man sich mit ihnen konfrontiert sieht, unglaublich ärgerlich, aber spätestens, wenn man sein Ziel dann doch noch irgendwie erreicht hat, verlieren sie sehr schnell an Bedeutung. Die Situationen jedoch, in denen ich das Unterwegssein bewusst und voller Freude erlebe, bleiben. Ich erinnere mich immer wieder an sie, und zwar sehr detailreich, es kann vorkommen, dass ich an einen bestimmten Ort denke und noch genau im Kopf habe, welchen Song ich gehört habe, als ich mich dort – auf welche Weise auch immer – bewegte, was ich dort gegessen habe, welche Kleidung meine Begleitung dort trug oder wie sich die dort herrschende Temperatur auf der Haut anfühlte. Und meistens kann ich, während ich irgendwo irgendwie unterwegs bin, schon ziemlich präzise voraussagen, ob ich mich daran später noch auf die soeben beschriebene Art und Weise werde erinnern können oder nicht.

Wenn ich überlege, auf welche Situationen in meinem bisherigen Leben dies in besonderem Maße zutrifft, fallen mir zu allererst sechs Urlaube ein*: die Reisen nach Island in den Jahren 2005, 2006 und 2013, eine Campingwoche in Dänemark im Sommer 2009 (die eigentlich noch um eine Woche in Südschweden ergänzt werden sollte, was aus Krankheitsgründen aber leider ausfallen musste), eine Tour durch Schottland im Jahre 2007 und der erst vor Kurzem beendete diesjährige Urlaub in Estland. Außerdem stelle ich mir vor, dass die Wohnwagen-Ferien in Skandinavien, die vor unserem ersten Estland-Urlaub die Sommer meiner Kindheit prägten, ebenfalls ein bewusstes Gefühl des Unterwegsseins ausgelöst hätten, wenn ich damals bereits alt genug gewesen wäre, um das zu begreifen. Alle diese Reisen haben eins gemeinsam: es handelt sich um Rundreisen. Es ging dabei immer darum, eine bestimmte Strecke hinter sich zu legen, aber nicht nur, um von A nach B zu kommen, sondern auch, um zwischen A und B möglichst viel zu sehen, die Strecke also wirklich zu erleben. Die Zwischenstopps und die am Fenster vorbeiziehende Landschaft waren dabei mindestens genauso wichtig wie der Ort, an dem wir am Ende ankamen.

Unterwegs in Island, 2005 (eingescanntes Analogfoto)
Unterwegs in Island, 2005 (eingescanntes Analogfoto)

Alle genannten Reisen erfolgten mit dem Auto als Fortbewegungsmittel und bedeuteten, was das Übernachten anging, immer einen gewissen Verzicht auf Luxus (einmal abgesehen von drei Hotelübernachtungen in Estland dieses Jahr). Wir schliefen im Zelt, im Wohnwagen oder in Hostels, fast ausnahmslos in jeder Nacht an einem anderen Ort, und auch, wenn das vielleicht ein wenig umständlich ist, bin ich doch davon überzeugt, dass es kaum eine bessere Art geben kann, ein Land wirklich zu erkunden, möglichst viel mitzunehmen. Das klingt unentspannt und mag den ein oder anderen Leser an die chinesischen Touristengruppen erinnern, die drei Länder an einem Tag bereisen, tatsächlich meine ich das aber ganz anders. Am Ende ist es egal, ob ich drei oder dreihundert Fotos an einem Tag gemacht habe, und ob ich alle Sehenswürdigkeiten gesehen habe, die der Reiseführer empfiehlt, oder aber keine einzige davon. Es geht um das Eintauchen in die Umgebung, in der man sich befindet, und darum, sie mit allen Sinnen wahrzunehmen. Nun kann man argumentieren, dass man seine Umgebung zu Fuß oder mit dem Fahrrad noch viel genauer wahrnehmen und in sich aufsaugen kann als mit dem Auto, oder dass nur die Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln ein wirkliches Eintauchen in die Kultur des bereisten Landes möglich macht. Aber so sehr ich vor allem letzterem Einwand auch zustimme, die Realität ist nun einmal so, dass nur die wenigsten von uns die Möglichkeit haben, mehr als eine bis drei Wochen am Stück in die Erkundung einer fremden Gegend zu investieren. Und ich kann jeden verstehen, der sich im Urlaub nicht von Fahr- und Zeitplänen einschränken lassen möchte. Mit dem eigenen Auto bestimmt man selbst das Tempo und entscheidet ganz alleine, wo man für wie lange einen Zwischenhalt einlegen möchte. Man ist an nichts gebunden, nur grob an die Strecke, die man sich vorgenommen hat.

Unterwegs in Dänemark, 2009
Unterwegs in Dänemark, 2009
Unterwegs in Schottland, 2007 (eingescanntes Analogfoto)
Unterwegs in Schottland, 2007 (eingescanntes Analogfoto)

Neben dieser Freiheit gibt es noch einige Faktoren, die für mich zur Entstehung des besonderen Gefühls des Unterwegsseins beitragen. Dazu gehört natürlich die Begleitung, aber auch die Musik, die man unterwegs hört. Eine solche Auto-Rundreise bietet ja die seltene Gelegenheit, etwas zu realisieren, was wir uns doch bestimmt alle schonmal gewünscht haben, was es aber leider nur im Film gibt: die perfekte musikalische Untermalung der Erlebnisse. Das Wetter beeinflusst das Reiseerlebnis ebenfalls, wobei auch allgemein als schlecht empfundenes Wetter bei einer Reise etwas für sich haben kann. Die Menschen und Tiere, denen man unterwegs begegnet, spielen außerdem eine Rolle, ebenso wie die Lebensmittel, die man zu sich nimmt (nicht zuletzt, weil auch diese ein Eintauchen in die jeweilige Kultur erlauben), und die Orte, an denen man das tut.

Unterwegs in Island, 2013
Unterwegs in Island, 2013

Die wichtigste Voraussetzung für das perfekte Unterwegs-Gefühl habe ich noch gar nicht genannt. Das ist natürlich das, was man auf der Reise zu sehen bekommt. Strahlender Sonnenschein, nette Mitreisende, die perfekte Musik und leckeres Essen nützen wenig, wenn man sich beim Blick aus dem Fenster gelangweilt oder gar abgestoßen fühlt. Das ist mit ein Grund, warum ich mich so richtig „unterwegs“ nur dann fühle, wenn ich eine Gegend bereise, die ich entweder noch gar nicht kenne oder jedenfalls nicht ständig zu Gesicht bekomme. Genau deshalb haben die alltäglichen Wegstrecken, also zum Beispiel die Bus- oder Radfahrt von zu Hause zur FH, für mich nichts mit wirklichem Unterwegssein zu tun. Ich bin dann zwar, technisch gesehen, auch unterwegs, aber es sind zu viele Gedanken in meinem Kopf (an Zeitpläne und zu erledigende Aufgaben oder die Tatsache, dass ich mal wieder auf den allerletzten Drücker oder gar zu spät ankommen werde), die ein bewusstes Erleben unmöglich machen. Und wenn ich zum tausendsten Mal mit der Linie 70 das Völkerschlachtdenkmal passiere, nehme ich es allerhöchstens noch aus dem Augenwinkel wahr und teile nicht annähernd die Faszination der Touristen, die mit unterschiedlichen Verkehrsmitteln aus den verschiedensten Ländern angereist sind, um das riesige Bauwerk, das ich selbst inzwischen gar nicht mehr als so überwältigend groß empfinde, zu sehen. Natürlich ist es schade, dass man im Alltag kaum einen Blick für die Schön- und Besonderheiten seiner Umgebung hat, aber welchen Reiz hätte noch eine Urlaubsreise, wenn man schon in seiner Heimatstadt ununterbrochen begeistert wäre von allem, was sich um einen herum befindet? Dann würde man wohl kaum das Bedürfnis verspüren, überhaupt jemals eine andere Gegend zu besuchen.

Unterwegs in Estland (Insel Saaremaa), 2015
Unterwegs in Estland (Insel Saaremaa), 2015
Unterwegs in Island, 2006 (eingescanntes Analogfoto)
Unterwegs in Island, 2006 (eingescanntes Analogfoto)

Ich glaube, das gesuchte Gefühl habe ich gefunden. Ich muss nur die Augen schließen und an eine der besagten Reisen zurückdenken, um zu wissen, wie sich wirkliches Unterwegssein für mich persönlich anfühlt. Es zu beschreiben, vielleicht sogar zu definieren, ist mir nicht leicht gefallen, und es kann gut sein, dass es mir nur sehr unzureichend gelungen ist. Aber wie ich eingangs schrieb, um eine Definition sollte es für mich bei diesem Thema gar nicht gehen. Trotzdem konnte ich es nicht lassen, einmal einen Blick in den Duden zu werfen. Dieser definiert das Adverb „unterwegs“ wie folgt:

„a) sich auf dem Weg irgendwohin befindend

b) auf der Reise/auf Reisen

c) draußen [auf der Straße]“

Dazu fällt mir spontan ein: a) eine innerstädtische Bus- oder Bahnfahrt, b) eine Reise per Auto oder Zug zu meiner Familie nach Mönchengladbach, c) ein Spaziergang im Park. Unter „unterwegs sein“ versteht der Duden hingegen Folgendes:

„auf Reisen sein, aus dem Koffer leben, sich die Welt ansehen, herumkommen, [umher]reisen“

Und das klingt für mich ziemlich stark nach dem, was ich in diesem Text zu beschreiben versucht habe.

 

* (Und weil es sechs sind, habe ich mir auch erlaubt, sechs statt der eigentlich erlaubten fünf Fotos einzufügen – dafür habe ich mich dieses Jahr aber immerhin an die Längenbegrenzung gehalten.)

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5 Gedanken zu „Unterwegs

  1. Ja, die „richtige“ Musik! Da denke ich spontan an endlose Kilometer in den Westfjorden Islands, die wir 2006 gemeinsam abgespult haben, teilweise bei Nieselregen. Und Du hattest eine CD zusammengestellt, die perfekt zu der Stimmung passte, egal ob im Ísafjarðargöng oder am Dynjandi-Wasserfall oder mit Blick auf Hornstrandir. Jedenfalls habe ich die CD noch im Auto . . . und höre sie bisweilen (wenngleich die Stimmung auf der stets überfüllten deutschen Autobahn eine gänzlich andere ist).

  2. Da ich gerade einen Kurztrip nach Saaremaa (ein Post wird wohl noch kommen) hinter mir habe, stieß ich auf diesen Beitrag. Er ist sehr schön und trifft auch mein Empfinden. Danke dafür.

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