Heute unterwegs: Christian, Student

            Sozialstudie und Straßenbahn

Seit ich im Theater arbeite, fahre ich häufiger Straßenbahn. Das Theater liegt irgendwo in der Südstadt, meine Freundin wohnt direkt die Straße runter und bis zur Uni sind es, wenn man Glück hat und nicht irgendeine Pimmelnase wieder wen mit seinem Fiat Panda am Zülpicher Platz umge­nietet hat, vielleicht fünfzehn Minuten. Mit anderen Worten: die gegenwärtige Arbeits-Ausbil­dungs-Beziehungs-Situation ist allein vom ökonomischen Standortfaktoren-Gesichtspunkt gar nicht mal so schlecht, um nicht zu sagen, es gäbe Schlimmeres. Wenn man denn wollte, könnte man den Weg auch mit dem Fahrrad bestreiten. Oder wenn man richtig bescheuert ist, könnte man sogar morgens eine halbe Stunde früher aufstehen, zu Fuß bis zum Chlodwig gurken, von da über Eifelstraße und Barbarossa zum Zülpicher und dann se long wäj daun tu Junivörsiti. Aber wer macht das schon? Insbesondere nach einer durchzechten Nacht oder der ausgiebigen morgendlichen Schmuserei mit der Perle. Da lobt man sich doch die Institution der elektrischen, schienengebun­de­nen Personenverkehrseisenstraßenbahn. Meistens pünktlich, quasi ümme weil Student, über­wie­gend schnell, und die kostenlose Sozialstudie wird direkt mitgeliefert. Vorab aber eine kleine Ein­ordnung, wie der Verfasser zum Schienenbetrieb steht:

Schon zu Schulzeiten bin ich Bahn gefahren. Wobei man Bahn und Straßenbahn nach überholter Auffassung schärfstens zu trennen hat. Da war allerhand seltsames Volk unterwegs, einschließlich oder insbesondere der Schaffner. Ganz überwiegend waren die Bahnen zu meiner Schulzeit mor­gens überfüllt mit Nutellabrot-Zucker-gepushten Kindern auf dem Weg zur Schule, die sich mit ihren Federmäppchen noch vor dem Hellwerden gegenseitig die Hirnschalen malträtierten oder durch belangloses und hysterisches Kreischen entweder in Folge der Raufereien oder auch einfach nur so den morgendlichen Berufs-pendlern gehörig auf den Glückskeks gingen. Das wurde mehr­heit­lich von der Gesamtheit der Fahrtteilnehmer geduldet, was wohl damit zu tun hatte, dass sie sich zu 80 % aus der beschriebenen Riege rekrutierte. Gelegentlich kam es auch mal zu Ausschrei­tun­gen, bei denen sich ein in der Pubertät befindlicher Fahrgast seinen Gefühlen so unsicher war, dass er einem vermeintlich kleineren Kumpanen freundschaftlich mit Tritten die Nase oder einen Arm brach, um dadurch seinen Unmut über das dargestellte, penetrante und nervenaufreibende Verhalten zum Ausdruck zu bringen, gleichzeitig mit der Empfehlung verbunden, ihn selbst und die übrigen Fahrgäste in Zukunft zu respektieren und von ungebührendem Verhalten abzusehen. Doch das war, wie gesagt, nicht die Regel. Nachmittags gesellte sich auf der Rückfahrt zu den vom Bildung­sapparat mind-gefuckten Schreihälsen zu einem großen Teil die müde Früh­schicht dazu, es wurde ruhiger und die Heimfahrt hatte beinahe einen greifbaren Esprit von Er­lösung und Güte, Har­monie und Stille. Ich mochte diese Fahrten. Sowohl die Hin- als auch die Rückfahrten, obschon einiges, wie gezeigt, dafür spricht, die Rückfahrten etwas lieber zu mögen als die Hinfahrten. Spä­ter kamen dann die ersten Flaschensammler, da war ich aber eigentlich schon gar nicht mehr auf der Schule, sondern in Süddeutschland unterwegs. Die Flaschensammler gaben dem Ganzen einen merkwürdigen Touch. Um es klar und deutlich vorweg zu nehmen: ich habe nichts dagegen, wenn Menschen, denen die Existenzsicherung schwerfällt, sich auf die eine oder andere Art in legalen Auswüchsen ein paar Mark dazu verdienen. Lernt man ja auch in der Uni, dass der Mensch und Vorteil und Ökonomie und Lebensgrundlage und so. Verständlich also, dass ich es anfangs sehr nor­mal fand, den Leutchen nicht nur meine leeren Flaschen, sondern auch übrig gebliebenes Wechselgeld in die Hand zu drücken und alles Gute zu wünschen. Nennen wir das einfach mal altersbedingte Naivität. In meinem Abijahr wurde ich am Bahnhof Zeuge einer handfesten Auseinan­der­setzung zwischen Vertretern der Trinkerszene und darin auch hauptberufli­chen Flaschensamm­lern. Das alles hatte damit begonnen, dass ein Neuling ohne Absprache mit den Localplayern die Züge durchsucht hatte und dann seinen Teil abtreten sollte, was er natürlich ablehnte, weil er sich keiner Gemeinschaft zugehörig fühlte und von den Gesetzmäßigkeiten der Szene nichts wusste oder sich diesbezüglich dumm stellte. Am helllichten Tag, mittig auf dem Bahnsteig, bekam er dafür vom stark alkoholisierten und stark beringten Rädelsführer der Gruppe mit einem einzigen Schlag die Nase gebrochen und blieb wimmernd und blutüberströmt unter den tumben Blicken der Zug­gäs­te an eine Laterne gelehnt sitzen, bis die Polizei eintraf. Damals hat mich das sehr beeindruckt und mich, was meinen pfändlerischen Altruismus angeht, irgendwie in mei­nem Optimismus be­schnit­ten. Vielleicht führt ein Erlebnis wie dieses bei manchen dazu, dass sie die Augen verstärkt auf die Problematik einer solchen Szenerie lenken und sich gar hierfür zu in­ter­essieren und enga­gie­ren beginnen. Ja, vielleicht sollte es das sogar. Für mich war es einfach nur ab­stoßend und falsch und unerklärlich und gefährlich. Und in erster Linie natürlich ein starker Kon­trast zu der soliden, festungsähnlichen Unbekümmertheit des Schulalltags, einschließlich den fünf Minuten Fußweg vom Bahn- zum Schulhof.

Seit ich meinen Lebensmittelpunkt nach Köln verlegt habe, häufiger Straßenbahn fahre, so mit der Zeit auch einen ganz guten Überblick über die Stadt und die Menschen bekommen habe, hat sich bei mir dieses Bild etabliert, dass, was ich damals als absolut unwirkliches, ja wohl exotisches, ergo einmaliges Erlebnis wahrgenommen, analysiert, kategorisiert und mehr oder minder erfolgreich verdrängt habe, in dem einen oder anderen Auswuchs einer Realität entspricht, die mich immer wieder ins Grübeln bringt, wenn ich unterwegs bin. Man kann dieser Erkenntnis oder diesem Umstand allein vorhalten, dass man sich per natura nicht in oder mit Dingen aufhalten muss und soll, die einen buchstäblich runterziehen, die an der Konzentration nagen und effektiv ja auch durch bloßes Nachdenken und Realisieren nicht behoben, geändert oder verbessert werden kön­nen. Aber ich kann nicht verhehlen, dass mich diese Bahnfahrten gleichermaßen faszinieren wie ab­stoßen. Ich liebe es, in der Straßenbahn zu sitzen oder überhaupt in Bahnen. Die Idee der Sache an sich verheißt ja gewissermaßen eine Überbrückung von durchaus erheblichen Distanzen in überschaubarer Zeit, auf statisch justierten, festmontierten und sehr geraden Linien, also die theoretisch wohl sicherste Methode, um von einem Punkt A zu einem Punkt B zu kommen, ohne jetzt näher auf die Frage eingehen zu wollen, warum der Mensch in heutiger Zeit so ein krasses Bedürfnis zu haben scheint, ständig von einem Ort zu einem anderen Ort zu wollen. Was kann dir schon passieren, wenn du eine Straßenbahn bist? Genau, wenig. Aber die Menschen in und um diesen fahrenden, stählernen Tempel der Verkehrssicherheit sind ein ziemlich wackliger Faktor.

Neulich saß im Abteil gegenüber, schräg rechts, ein Knabe von so Mitte zwanzig, den wir früher als Zecke bezeichnet hätten, mit viel Altmetall im Gesicht, bunten Haaren und Cees Noteboom unterm Arm. Er hörte relativ laut Musik, was insofern eine Rolle spielt, als ich zwei oder drei Mal von meiner eigenen Literatur aufsah, zu ihm rüber schielte und feststellte, dass unter den Kopfhörer­muscheln an beiden Seiten zwei lange Hautlappen runterhingen, die sich unschwer als Ohrläpp­chen identifizieren ließen, aus denen er wohl vor kurzem erst zwei überdimensionierte Tunnels entfernt haben musste. Im Laufe der Fahrt sah er mehrfach zu mir herüber und sagte wohl auch etwas, das ich erst nicht wahrnahm, weil ich dachte, er spräche mit sich selbst. Auch so ne Sache, die man immer häufiger sieht, wenn man in der Stadt unterwegs ist: Menschen, die mit sich selber reden. Später stellte sich heraus, dass er sich über die jungen Mädchen in seinem Rücken mo­kierte, die nach seinem Gusto wohl ein bisschen zu lautstark ihre Freude am Leben zelebrierten, und in den sonstigen Fahrgästen wohl so etwas wie eine Bestätigung für sein Empfinden und eine darauf fußende Aussprache suchte, womit ich ihm als einziger in seinem Blickfeld sitzender Companion aber weder dienen konnte noch wollte. Zugegeben, ich war viel zu sehr damit be­schäf­tigt, mich von diesen Hautläppchen faszinieren zu lassen, als dass ich seinen Unmut hätte so schnell begreifen können. Im Nachhinein stellte ich dann fest, dass mich die Mädchen mit ihrer beschis­se­nen, lauten Kackmusik und ihrem affektierten Habitus eigentlich auch nicht ganz nervlich verfehlt hatten, aber da war ich schon fernab von Gut und Böse und konnte mich nur noch mit mir selbst ins Fäustchen ärgern.

Ach, was lässt sich nicht noch alles erzählen, über die Fahrten und die Menschen, die Fahrten mit Menschen und ohne Menschen, um Menschen herum und auf Menschen. Letzteres war Quatsch. Was sieht man nicht alles, wenn wir uns auf den Weg von einem Punkt A zu einem Punkt B ma­chen, von Dingen, die wir gerne und mit Erstaunen und Überraschung wahrnehmen und von Din­gen, die auch Teil einer Realität sind, die immer wieder bewegt und nachdenklich macht, die kurios und fürchterlich sein kann, aber doch immer in irgendeiner Weise inspirierenden Charakter hat. Gleich ist Vorstellung, ich mach mich mal auf den Weg zum Bahnhof. Mal gucken, was es heute gibt.

 

Und wer jetzt noch einmal Christians Text zum Thema „Heimat“ aus dem letzten Jahr lesen möchte, kann hier klicken.

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