Heute unterwegs: Klaus, 56, Lehrer mit Wohnort Mönchengladbach

Tagtäglich ist man ja zwecks Erledigung irgendwelcher Dinge „auf dem Wege“. Oft ist das pure Notwendigkeit oder Gewohnheit und geschieht unreflektiert. Aber manchmal will man gar nicht unbedingt ankommen, dann ist sozusagen der Weg das Ziel. Die durchquerte Gegend und die Begleitumstände der Fortbewegung sind interessanter als der anschließende Aufenthaltsort. Wer eine Kreuzfahrt unternimmt, genießt schließlich den Aufenthalt an Deck, sonst könnte man gleich per Flugzeug ans Ziel reisen. Die bewusste Wahl des langsameren, vielleicht unbequemeren, gar verpönten Verkehrsmittels verspricht ganz besondere Erlebnisse. Reiten erfordert eine bewusstere Entscheidung als sich ins Auto zu setzen und über die Autobahn zu brettern. Das Pferd ist bei uns schließlich kein übliches Verkehrsmittel. In meiner Studentenzeit war eine Autofahrt in die Türkei – zumindest bei vordergründiger Betrachtung – billiger als ein Flug dorthin. Zeit spielte keine große Rolle, und gerade die allmähliche Annäherung ans Ziel hatte durchaus ihren Reiz. Es gibt massenhaft Filme, deren eigentliche Handlung sich unterwegs abspielt; deshalb heißen sie auch Roadmovies. Und auch viele Cowboyfilme gehören im Grunde in dieses Genre. Der Vergleich mag konstruiert sein, aber doch ist es ein bisschen wie das Warten auf Godot: Das Momentane und Unvollendete zählt hier, nicht etwa das Ziel oder das Happy End. Man könnte auch sagen: Godot . . . kommt gar nicht. Und Istanbul . . . erreichen wir noch früh genug (auf besagter Türkei-Reise).

Unterwegssein war in alten Zeiten mit höheren Risiken verbunden. Insbesondere bei großen Distanzen war es keineswegs sicher, dass man wirklich ankam. Für so manche ungemütliche Ecke der Welt gilt das auch heute noch – oder leider erneut. Außer mangelhaften Sicherheitsvorkehrungen machen gerade in letzter Zeit jede Menge gefährlicher Idioten Teile der Welt unsicher. Im heutigen Europa sind Wegstrecken aber in der Regel wohlkalkulierbar, teilweise bis hin zur Langeweile, und das Navi kündigt sogar das Erreichen des Zielortes minutengenau an. Gleichwohl fallen mir da, ganz spontan, drei nicht ganz alltägliche Touren aus den letzten Jahren ein:

  1. Eine Fahrt mit dem Krimtrolleybus. Diese längste Obuslinie der Welt führt 87 Kilometer weit, von Simferopol über den 700 m hohen Angara-Pass nach Jalta am Schwarzen Meer. Es ist seltsam, unter zwei Fahrdrähten durch Felder und dünn besiedeltes Bergland zu kurven. Die meisten Obusse dort haben schon bessere Zeiten gesehen; Pannen unterwegs sind nicht auszuschließen. Ich unternahm diese Fahrt im Mai 2003. Die Krim gehört zur Ukraine, wurde aber 2014 von Russland völkerrechtswidrig annektiert, was das Reisen hier nicht unbedingt einfacher macht. Dazu ein Link: Die Trolleybusline 52 und die Moderne des ÖV (Neue Zürcher Zeitung)
Krimtrolleybus - startbereit in Jalta (2003)
Krimtrolleybus – startbereit in Jalta (2003)*
  1. Eine Fahrt mit der albanischen Eisenbahn, abgekürzt HSH (Hekurudha Shqiptare). Man darf ruhig sagen: Dritte-Welt-Niveau. In keinem anderen Land Europas sind Gleise und Rollmaterial in einem derart erbärmlichen Zustand. Aber die Züge fahren pünktlich und sind spottbillig. Ich unternahm eine solche Fahrt im Mai 2008 von Tirana nach Durrës und zurück. Unterwegs war ich als Hobbyfotograf entzückt von den erstklassigen Aufnahmebedingungen, nämlich a) Schneckentempo und b) herausgeschlagene Fensterscheiben, welche zumindest nicht dreckig sein können. Die Hauptstadt Tirana besitzt inzwischen übrigens gar keinen Bahnhof mehr. Dazu ein Link: Im Durchzug (Die Zeit)
Tirana Hauptbahnhof, als es ihn noch gab (2008)
Tirana Hauptbahnhof, als es ihn noch gab (2008)*
  1. Ein Besuch in Transnistrien. Das ist genauso eine politische Missgeburt wie Bergkarabach, Nordzypern, Südossetien, Abchasien oder neuerdings die Krim – allesamt vereint im Club der international nicht anerkannten Staatsgebilde –, ein de-Facto-Regime. Vom Bahnhof der moldawischen Hauptstadt Chişinău erreicht man mit einem uralten Regionalzug die von Russland alimentierte Möchtegernrepublik. Die Anreise in den spartanisch möblierten Waggons kostet umgerechnet nur 60 Cent, dauert gut 2 Stunden und eröffnet am Schienenstrang jede Menge Einblicke in ein archaisches Dorfleben mit Ziehbrunnen. Nachdem unterwegs fast alle Passagiere ausgestiegen sind, endet die Fahrt praktisch auf freiem Feld an der improvisierten Station Bender-2. Die liegt gerade noch im eigentlichen Moldawien, während das Stadtzentrum von Bender bereits zu Transnistrien gehört. Auf holprigen Dorfwegen fragt man sich bis zum „Grenzposten“ (zwei Metallcontainer) durch. Die „Einreise“ zu Fuß ins Separatistengebiet habe ich nicht als schikanös in Erinnerung. Kaum in Transnistrien angekommen, ist man buchstäblich eingelullt von Sowjetnostalgie: überall Propagandatafeln, rote Sterne, Lenin-Denkmäler. Beinahe eine Zeitreise, gäbe es dort nicht durchaus zeitgemäße Konsumtempel des allgegenwärtigen (höchstwahrscheinlich mafiös strukturierten) „Sheriff“-Konzerns. Die sogenannte Hauptstadt Tiraspol jenseits des Flusses Dnister erweist sich schließlich als ebenso blitzsauber wie stinklangweilig. Ich unternahm diese Fahrt im August 2014.
Unterwegs in Tiraspol/Transnistrien (2014)
Unterwegs in Tiraspol/Transnistrien (2014)*
Unterwegs per Straßenbahn in Odessa/Ukraine (2012)
Unterwegs per Straßenbahn in Odessa/Ukraine (2012)*

Wie gesagt, es waren nur ein paar beliebige Beispiele aus der Kategorie „Unterwegs mit den Verkehrsmitteln der Einheimischen“. Alle Eindrücke des Alltags aufsaugen. Mich haben immer die schlichten Realitäten interessiert. Nicht zu kurz kommen sollen natürlich die Begegnungen am Wege. Auch dazu kurz drei kuriose Episoden:

  1. Übernachtung im Auto irgendwo in Nordgriechenland, August 1986. Ich steige morgens etwas ungelenk hinaus auf die Fahrbahn. In dem Moment kommt ein stämmiger Polizist auf einem klapprigen Mofa vorbei, diabolisch grinsend, mit cooler Sonnenbrille, wie eine Seyfried-Karikatur. Will der mich gleich verhaften? In meiner Verlegenheit frage ich ihn nach einem Kaufladen. Er bedeutet mir hinterherzulaufen, fährt schnurstracks zu seinem Privathaus, drückt mir Plastiktüten in die Hand und heißt mich Unmengen Auberginen, Tomaten und Obst mitnehmen.
  1. Auf einem Campingplatz in Südserbien, September 1981. Es wird Herbst, außer uns ist niemand mehr hier. Wir frühstücken, nebenan wühlen zwei Schweine im Boden. Ein großer Kessel heißes Wasser dampft. Ein Mann mit Aktentasche erscheint und grüßt herüber. Mit dem Bolzenschussgerät tötet er das erste Schwein, zerlegt es vor unseren Augen, während das zweite arglos weiterfrisst. Schon versucht die Frau des Platzwartes, auch dieses einzufangen. Uns selbst verging schlagartig jeglicher Appetit.
Untwerwegs in Anatolien/Türkei (1981)
Unterwegs in Anatolien/Türkei (1981)*
  1. An einem bulgarischen Rastplatz, Anfang der 1980er Jahre. Autoreisen in die Türkei führten fast immer durch Bulgarien, trotz Visum-Prozedur. Es war einfach der kürzeste Weg. In den Zeiten des Eisernen Vorhangs hatte diese Etappe stets etwas Beklemmendes an sich, und man war hier nur ungern unterwegs. Einmal, in stockdunkler Nacht an einem Rastplatz, verschwand ein Freund zum Pinkeln ins Gebüsch – und erschrak fast zu Tode. Wie aus dem Nichts war plötzlich eine Gestalt an ihn herangetreten und fragte (in korrektem Deutsch): „Möchten Sie Käse kaufen?“

Unterwegs kann man eben viel erleben . . .

Unterwegssein kann auch negativ besetzt sein. Ich erinnere mich an Fahrten, denen man rein gar nichts abgewinnen konnte und die partout nicht enden wollten. Da wäre man lieber gleich am Ziel gewesen. Bei uns wird gerne die Etappe von Mende nach Rodez in Frankreich erwähnt, für die wir einmal, vor fast dreißig Jahren, eine gefühlte Ewigkeit brauchten. Und kurz darauf trällerten wir auch noch „It’s a long way to Montfalcon“. Fast schon sprichwörtlich gebraucht wird die Formulierung „in der Pampa“, heißt so viel wie: nichtssagende Strecke oder Gegend, strukturschwach, muss man nicht gesehen haben.

Vom Unwert des Reisens

Der große Philosoph Immanuel Kant (1724–1804) hat seine ostpreußische Heimat niemals verlassen, kaum jemals ist er aus Königsberg herausgefahren. Wozu auch? Philosophen haben da so ihre eigene Sicht der Dinge. Zum Erreichen der inneren Unabhängigkeit sind – mal vereinfacht ausgedrückt – nicht unbedingt detaillierte Weltkenntnis, Begegnungen mit Einheimischen oder gar Aktivurlaub nötig. Der römische Stoiker Seneca (ca. 4 v. bis 65 n.Chr.) belehrt uns etwa folgendermaßen: „Was kann das Reisen (Unterwegssein) einem Menschen nützen? Nicht mäßigt es seine Genusssucht, nicht zügelt es seine Begierden, nicht dämpft es seinen Jähzorn, nicht bändigt es den hemmungslosen Ungestüm seiner Liebe, schließlich entfernt es keinerlei schlechte Neigungen. Im übrigen wird unsere unstete Seele am meisten von dem, woran sie krankt, gereizt, noch hektischer und oberflächlicher macht sie das ständige Hin und Her. Das Reisen wird weder besser machen noch gesünder. Solange du nicht weißt, was man meiden, wonach man streben muss, was notwendig, was überflüssig ist, was gerecht, was nicht, was sittlich ist, wird das nicht Reisen sein, sondern Umherirren. Keine Hilfe wird dir bringen dieses Hin- und Herreisen; du reist nämlich zusammen mit deinen Leidenschaften, und deine schlechten Eigenschaften folgen dir. Daher belasten sie dich überall und beschweren dich. Nach einem Heilmittel muss ein Kranker suchen, nicht nach einer anderen Gegend. Reisen macht nicht zum Arzt, nicht zum Redner, keinen Beruf lernt man mit Hilfe eines Ortes. Die Weisheit, die wichtigste Wissenschaft von allen, liest man die etwa auf Reisen auf? So lange werden dich deine Probleme verfolgen [Letzteres etwas freier übersetzt] bei deiner Flucht über Länder und Meere, wie du ihre Ursachen bei dir trägst.“ (Auszug aus ep. mor. 104).

Ortswechsel, Klimawechsel, Abstand gewinnen, Vergleiche anstellen, exotische Eindrücke sammeln, Herausforderungen annehmen – das bringt also nix! Wie gesagt: eine ganz spezielle Sichtweise! Man ist geneigt einzuwenden: Aber Reisen bildet! Jahrelang zehrt man von Reiseeindrücken und -erlebnissen. Kommt sicher ganz darauf an, was man unter Reisen bzw. Unterwegssein versteht. Ein weites Feld . . .

 

Und wer jetzt noch einmal Klaus‘ Text zum Thema „Heimat“ aus dem letzten Jahr lesen möchte, kann hier klicken.

* Alle Fotos: Klaus Schameitat

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2 Gedanken zu „Heute unterwegs: Klaus, 56, Lehrer mit Wohnort Mönchengladbach

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