Heute unterwegs: Manuela, 24, Studentin aus Mittelhessen

Ausgetreten 

Ein Nachmittag im Oktober, Sonnenschein und mäßiger Ostwind. Unser Familienhund, ein mittelgroßer Mischling mit dem klingenden Namen Antonio, quietscht schon ganz aufgeregt, während ich ihm sein Geschirr anziehe. Kaum lasse ich ihn in den Vorgarten, wartet er geduldig, dass ich meine Jacke und inzwischen sehr zerschlissenen Treckingschuhe anziehe. Die Schuhe waren mal blaugrau, nach mehreren Jahren in meinem Besitz haben sie eine braune Tönung bekommen, trotz regelmäßiger Pflege. Die alte Lederleine vom Haken geschnappt und schon sind wir beide auf dem Weg.

Mit dem Hund bin ich meine tägliche Portion „unterwegs“ – egal, bei welchem Wetter. So banal das klingen mag, verheißt es doch, Licht und Sauerstoff zu tanken. Und wenn erst meine Füße in Bewegung sind, kommen auch meine Gedanken in Fahrt. Sie entfernen sich von den Dingen, die sonst in meinem Kopf festhängen, beginnen zu kreisen oder neue Wege einzuschlagen und mit Ideen zurückzukehren. Wenn ich unterwegs bin, ersinne ich Geschichten, halte weitschweifige Reden zu weltbewegenden Themen, schmiede Pläne oder lerne mit mir selbst (oder Antonio) diskutierend für die nächste Klausur.

„Unterwegs sein“ heißt für mich also „in Bewegung sein“, körperlich und gedanklich. Physisch bin ich das meistens zu Fuß, seltener auf dem Fahrrad. In der Regel kann ich auch selbst bestimmen, welchen Weg ich nehme.

Man könnte auch andere Fortbewegungsarten als „unterwegs“ bezeichnen, aber für mich sind sie es nicht. Meine allmorgendliche Busfahrt zur Fachhochschule ist „pendeln“: eine Dreiviertelstunde lesen und hoffen, dass sich nicht geschätzt 150 Kilo Lebendgewicht auf den Schalensitz neben mich (bzw. halb auf mich) quetschen, oder dass ich nicht Bekanntschaft mit einem ausgesprochen extrovertierten Körpergeruch mache. Beim „Auto fahren“ muss ich mich zu sehr auf die Straße konzentrieren. Wenn ich mit dem Zug „reise“, heißt das nur, den Anschlüssen hinterher zu rennen und den Drang zu unterdrücken, in den voll besetzten Waggons lauthals nach Besitzern einer Freifahrt zu fragen, die für mich als zahlenden Fahrgast eigentlich den Platz räumen müssten. Und „geflogen“ bin ich zugegebenermaßen noch nie. Ich vermute aber, dass dieser Fortbewegungsart ebenfalls das fehlt, mit dem auch die anderen nicht aufwarten können. Die Entspannung, die Freiheit, selbst zu bestimmen.

Ich beschließe, den Weg in die Wiesen einzuschlagen, um möglichst viel Sonne abzubekommen. Antonio läuft mir fröhlich voraus, seine Schlappohren wippen mit seinem Gang und der Wind spielt mit seinem langen, schwarzen Fell. Er ist ein angenehmer Weggefährte: gelassen, unkompliziert und ein guter Zuhörer. Die Begleitung macht das „unterwegs sein“ ebenfalls aus. Allein schon, dass jemand den eigenen Spinnereien zuhört – wie ein Hund. Oder eben diesen Spinnereien noch Feuer gibt – wie ein lieber Mensch. Man hat Zeit füreinander, wenn man unterwegs ist, und schenkt seiner Begleitung Aufmerksamkeit und Wertschätzung.

Ein Geräusch hinter mir lässt mich innehalten und mich umschauen. Am Himmel entdecke ich seine Verursacher: Kraniche. Ein riesiger Schwarm fliegt in V-Formation über meinen Kopf hinweg, mit lautem Trompeten. Ich versuche gar nicht erst, die Tiere zu zählen – es sind locker mehrere Hundert. Mein Heimatdorf liegt mitten in einer der wenigen Kranich-Flugrouten Europas. Bei günstigen Windverhältnissen sieht man sie im Herbst in großer Zahl Richtung Afrika fliegen. Heute ist genau einer dieser Tage, genau die richtige Zeit. Im Nordosten sehe ich am Horizont schon die nächste Formation, genauso groß wie die Erste. Auch sie sind unterwegs, auf ihre eigene Weise.

Antonio sind die Vögel suspekt. Aus seinem Geburtsort in Südspanien kennt er dieses Phänomen nicht und wir haben ihn noch nicht lang genug, als dass er es schon einmal erlebt haben könnte. Jammernd macht er seinem Unmut Luft und ich setze mich wieder in Bewegung.

Ich treffe zwei ältere Damen, die mir entgegenkommen. Sie schätzen es, dass ich Antonios Geschäft eingesammelt habe, wie es bei uns Pflicht ist. Ein kurzes Gespräch entspinnt sich, in dem sie sich über ignorante Hundehalter ereifern und ich ihnen nur zustimmen kann.

„Unterwegs“ begegnet man sich, völlig ungezwungen, denn die meisten sind freiwillig draußen und verspüren keinen Druck dahinter. Und wenn man sich mitten im Feld eines kleinen Dorfes trifft, kann man sich wohl kaum ignorieren. Die Distanz anderer Fortbewegungsarten ist hier (im Feld) nicht gegeben.

Weitere Begegnungen habe ich auf diesem Spaziergang allerdings nicht. Ich dehne ihn aber möglichst lange aus. Nach knapp zwei Stunden komme ich wieder zu Hause an. Die Kranichzüge erreichen in diesem Moment den Höhepunkt des Tages und bedecken den ganzen Himmel. Ich habe mehr als zwanzig Schwärme gezählt. Die Zahl der Vögel, die heute unterwegs waren, geht locker in den sechsstelligen Bereich. Zeugin dieses Spektakels sein zu dürfen, erfüllt mich mit purem Glück.

Ich genieße es immer wieder, „unterwegs“ zu sein, denn es steckt so viel darin: Inspiration, Freiheit, Begleitung, Begegnung. Und die kleinen Wunder des Alltags. Wie die ersten Frühlingsblumen, der Anblick eines seltenen Schmetterlings, eine unvorhergesehene, lustige Situation. Oder eben die Kraniche.

Vermutlich würde ich einiges verpassen, wenn ich seltener „unterwegs“ wäre.

 

Und wer jetzt noch einmal Manuelas Text zum Thema „Heimat“ aus dem letzten Jahr lesen möchte, kann hier klicken.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s