Heute unterwegs: Roland, 25, Student mit Wohnort Hamburg

Ich möchte die Geschichte meiner ersten wirklichen Reise erzählen. Obwohl es meine Geschichte ist, wird sie fast ausschließlich von jemandem handeln, der Jim Tofu heißt. Damals hieß ich nämlich noch so. Heute heiße ich Roland. Man kann es sich in etwa so vorstellen:

Jim ist damals aufgebrochen, um mit seiner Band Killing Tofu die Welt zu verändern. Aber zurück gekommen ist Roland, den die Welt verändert hat. Und unterwegs ist das schwarze Blut der Sojasprossen geflossen.

Es war seine erste wirkliche Reise gewesen. Klar, er hatte nicht sein Leben lang nur zuhause gesessen und Däumchen gedreht. Er kannte auch die Strände Vlissingens und Portugals, aber wirklich Reisen, wirklich Unterwegs sein, das ist ja etwas ganz anderes als Urlaub.

Die wirklichen Reisen sind die Reisen, bei denen man die Welt herausfordert. Bei den wirklichen Reisen ist man kein Schiff, das durch fremde Gewässer fährt, sondern ein Irrer, der ins Wasser springt, wissend, dass er das Schiff, mit dem er kam, vielleicht nie wieder finden wird. Die wirkliche Reise ist immer auch eine Reise der Seele und wirklich reisen, das ist brutal und anstrengend. Und bei jeder Reise müssen Menschen sterben, um anderen Platz zu machen.

Killing Tofu hatten wir uns genannt. Die tötenden Tofus. Zu zweit waren wir, meine große Schwester Fiona und ich. Ich meine, Jims große Schwester und er. Die wahr gewordene Angst der Fleischindustrie und aller Schlafmenschen. Sie waren die, die nach dem Abitur das taten, was sie wirklich wollten. Sie würden nicht aus der Schule kommen, studieren, einen Job finden, bis zur Rente arbeiten und danach Revell-Segelboote basteln. Sie würden ihr Leben leben. Und sie waren sich der Gefahr bewusst.

Der Gedanke war in etwa der: Wenn wir jetzt eine Band namens Killing Tofu gründen und zu zweit durch Europa touren, dann werden wir am Ende wahrscheinlich keine Rockstars sein, sondern einfach nur verschuldet und desillusioniert. Aber! Auf der anderen Seite: Wenn wir es nicht versuchen, sondern das tun, was alle machen, nämlich den sicheren Weg gehen mit Zivi (das gab es damals noch) oder FSJ und dann Studium (Jura oder BWL oder was auch immer), dann ist das Scheitern schon im Plan mit inbegriffen. Rückblickend betrachtet hatte diese Zeit eine ziemliche Volles-Rohr-in-den-Abgrund-Mentalität.

Wirklich überraschend war dann, wie schnell wir am Abgrund ankamen. Und dass er gar nicht aussah wie ein Abgrund, sondern wie eine Autobahnraststätte, auf dem ein VW-Bus stand, aus dessen Motor schwarzer Rauch qualmte. Der Moment, kurz vor unserem letzten Konzert. Der Moment, an dem Mobi endgültig hinüber war.

Mobi, dessen Gaspedal seit Beginn der Tour übrigens nur noch mit Gaffer-Tape gehalten wurde. Mit 30 km/h über den Standstreifen der Autobahn fahren inklusive. Das Gaspedal und die 30 km/h sind jetzt auch keine konstruierte Metapher, das war wirklich so. Ein Auto wie die komplizierteste Beziehung aller Zeiten. War man auch nur für eine Sekunde zynisch, fing er an zu quietschen und rumpeln und signalisierte irgendetwas auf dem Armaturenbrett, das wir im Handbuch nicht zuordnen konnten.

Es war das Ende. Auf diesem Rastplatz. Da kam alles zusammen. Denn, was ich bisher noch nicht so ganz ausdrücklich gesagt habe, was man sich aber denken kann: Die Leute haben uns gehasst. Nicht alle, klar. Aber viel zu viele als Rolands dünne Haut hätte vertragen können. Man muss sich klar machen: Roland kam aus einer Welt, in der er Frontmann der Schulband war, die auf dem Schulgelände vor dreihundert Leuten gespielt hatte. Die ihre 200 CDs innerhalb eines Tages auf dem Schulfest verkauft hatten. Die Exposition seiner Figur hatte nahegelegt, dass es in seinem Leben immer größer werden würde. Er war davon ausgegangen, dass seine Band einschlagen würde wie ein Eimer Gehacktes auf einem veganen Weihnachtsmarkt.

Aber dann haben sie ihn ausgebuht. Und abgehatet. Erst bei YouTube und dann im Real-Life. Irgendwann hieß er tatsächlich ‚Hippie-Homo‘. In andern Foren: Der ‚Tofu-Spasti‘. Und diese Brutalität muss man sich mal rein tun. Man stellt sich auf eine Bühne und tut das, was man liebt, singt mit seiner Stimme von der Welt, die man sich wünscht. Und einem gegenüber steht eine Menge, die nichts davon hören will. Die fordert, dass man von der Bühne geht, damit endlich der Main Act spielt.

Jim saß da, auf dem Rastplatz, neben dem abnippelnden Mobi und schrieb in sein Tagebuch:

Es zeichnet sich mehr und mehr ab, was ohnehin von Anfang an klar war. Dass wir scheitern. Dass sich niemand für uns interessiert. Dass wir nur zwei naive Gestalten der Generation Y sind, die bei dem Versuch, ihren Traum wahr zu machen, an der harten Wand der Realität zerschmettern. Es gab irgendwann mal diese Zeit, als man klein war, da musste man nur fest genug an etwas glauben und es wurde wahr. Aber diese Zeit ist vorbei.

Ganz am Anfang, als es ums wirkliche Reisen ging, da hab ich diese Metapher eingebaut mit dem Irren, der vom Schiff springt. Die greife ich jetzt nochmal auf. Denn genau das war Jim. Ein Irrer, der die Gefahr kannte, aber voller Zuversicht ins kalte Wasser sprang, um zu gucken, wie lange er da überleben kann.

Wobei, ins Wasser gesprungen sind sie eigentlich Hand in Hand, Roland und Jim. Aber unterwegs wurde es zu heftig für Roland. So sollte die Geschichte nicht verlaufen – er sollte doch zumindest Rockstar werden, nachdem er schon keinen Brief aus Hogwarts bekommen hatte. Aber jetzt auch noch als Rockstar zu scheitern, das war zu hart. Und deswegen hat er Jim das alles abkriegen lassen. Deswegen wurde Jim mit der Zeit zu dem, was die Leute in ihn projizierten. Er konnte sich nicht dagegen werden, er wurde zu dem ‚Tofu-Spasti‘ und alles, was ihm blieb, war diese Rolle bis zu seinem Tod zu spielen. Sie trieben durchs Wasser und die Wellen schlugen über ihnen ein, aber Schlucken musste nur Jim. Die lauten Pfiffe, die Buh-Rufe, die Hater-Kommentare. Und während Jim allmählich ertrank, kraulte Roland mit letzter Kraft in Richtung der nebulösen Kräne, die er in der Ferne sah. Er wurde ohnmächtig. Und wachte an den Landungsbrücken auf. In Hamburg. Völlig entkräftet und mit einer schweren Lungenentzündung.

So war das. Wie ich angekündigt hatte. Wer aufbricht, ist nicht derselbe, der wieder ankommt.

Ich möchte zum Abschluss noch eine Sache ganz deutlich sagen, weil die Geschichte alles in allem ja doch sehr düster wirkt:

Ich würde alles noch einmal genau so machen.

Aber auch wirklich ganz genau so. Ich würde sogar noch einmal die Qualen durchstehen, die ich bei der Herstellung meiner Dreadlocks erfahren habe.

Und zwar nicht für all die schönen Dinge (welche ich weitestgehend ausgespart habe), sondern für die Ablehnung des Publikums. Für den Moment, in dem mich zweihundert Menschen gehasst haben, als ich ihnen sozusagen mentally naked gegenüberstand. Das ist eine Erfahrung, die ich jedem empfehlen möchte, den es, wie mich, immerzu auf Bühnen zieht. Weil sie einem klar macht, dass man das, was man sucht, niemals auf einer Bühne finden wird. Dass diese Leute da, selbst wenn sie einem zujubeln, niemals die Person meinen, die man wirklich ist. Selbst wenn sie manchmal gejubelt haben, jubelten sie nur dieser Pappfigur namens Jim Tofu zu, die irgendetwas für sie bedeutete, aber nicht wirklich viel mit mir zu tun hatte.

Was man wirklich sucht, was Jim Tofu noch nicht wusste, aber Roland bald ahnte, das kann man nicht selbst erzeugen. Es funktioniert anders. Nämlich genau anders herum. Man muss aufhören, die Geschichte schreiben zu wollen und damit anfangen, die Geschichte passieren zu lassen. Und wenn man das tut, und da spreche ich jetzt auch aus Erfahrung, dann beginnt die wirkliche Geschichte. Eine echte Geschichte mit echten Verwandschaftsverhältnissen und echten Namen. Und die kommt nicht durch eine Idee, die man in seinem Kinderzimmer ausklügelt, sondern mit dem Wind – so wie es Bob Dylan ohnehin vorhergesagt hatte. Und auf einmal erscheint es, als ob man Aufbruch und Unterwegs sein und Ankommen in ganz anderen Dimensionen denken muss. Als ob man vor über zwanzig Jahren aufgebrochen wäre, um ewig lange unterwegs zu sein und schließlich hier in Hamburg zu landen. Aber nicht, um dann hier Revell-Boote zu basteln und ins Regal zu stellen. Sondern um neue Boote zu Wasser zu lassen, um neu zu packen, hier an den Landungsbrücken, und noch einmal in See zu stechen, mit den Erfahrungen der ersten Reise im Gepäck und dem Vertrauen in den Wind. Ja. Wer vom Gaspedal des motorisierten Mobis enttäuscht wurde, setzt auf die Kraft des Windes, oder nicht? Ein Segelboot soll es sein. Wir übergeben uns dem Wind und wenn er uns weit genug getragen hat, dann springen wir ins Wasser und sehen, was passiert.

 

Und wer jetzt noch einmal Rolands Text zum Thema „Heimat“ aus dem letzten Jahr lesen möchte, kann hier klicken. Roland hat übrigens heute Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch und alles Gute fürs weitere Unterwegssein und Schreiben (wofür dich sicher nie jemand ausbuhen wird).

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