Heute unterwegs: Bettina, 57, Lehrerin mit Wohnort Mönchengladbach

Je veux dédier ce poème

à toutes les femmes qu’on aime

pendant quelques instans secrets …

À la compagne de voyage

dont les yeux, charmant paysage,

font paraître court le chemin.

Georges Brassens, Les passantes

Ich möchte dieses Gedicht

allen Frauen widmen, die man

während einiger heimlicher Augenblicke liebt …

Der Reisegefährtin, deren Augen,

faszinierende Landschaft,

den Weg kurz erscheinen lässt.

Georges Brassens, Die Passantinnen

Unterwegs –

nein, nicht auf Reisen, nicht an einem anderen Ort, sondern während der Fortbewegung zwischen zwei Orten. Unterwegs – das ist auch nicht „auf dem Weg“, was übertragen auch die Stufe einer Fortentwicklung bedeuten kann: „er ist auf einem guten Weg“. Zu diesem Ausdruck gehört dann auch der kultige Spruch, der Weg sei das Ziel. Unterwegs – das ist zunächst einmal nicht mehr und nicht weniger als die Zwischenzeit oder auch der Zwischenraum zwischen Zuhause und dem Ziel der Reise.

Dennoch gibt es ein Gefühl des Unterwegsseins. Aber dies ist von einem Paradoxon bestimmt. Es ist so ähnlich wie beim Begriff der Relativität der Physik: Es gibt keine gleichzeitige Erfahrbarkeit von Raum und Zeit, keine Möglichkeit, eine absolute Geschwindigkeit eines Beobachters im Raum zu ermitteln oder, anders gesagt, die Beschreibung einer Bewegung erfolgt immer relativ zu einem Bezugssystem. Demnach ist das Unterwegssein räumlich durch Haltepunkte im Zeitraum der Bewegung zu erfahren und zeitlich durch den Aufenthalt in einem in Bewegung befindlichen Raum. Wo und wann stellt sich bei uns das Gefühl des Unterwegssein als eigene Qualität ein?

Untersuchen wir die modernen Verkehrsmittel hinsichtlich ihrer Tauglichkeit für das Gefühl des Unterwegsseins. Ganz unten auf der Liste rangiert wohl das Motorrad. Hier ist das Bewusstsein des Reisenden vollständig durch die Fortbewegung absorbiert, das Motorrad ist kein in Bewegung befindlicher Raum, es setzt den Reisenden einfach nur in Bewegung. Das Auto ist natürlich ein in Bewegung befindlicher Raum, für den Fahrer allerdings gilt in hohem Maße das Gleiche wie für den Motorradfahrer, seine Aufmerksamkeit ist auf das Führen des Autos gelenkt. Anders sieht es natürlich aus, wenn man zu mehreren im Auto unterwegs ist, dann wird das Auto zu einem „autonomen und geschlossenen Kosmos, der sich in einer weiteren Welt fortbewegt“ (Michel Houellebecq, Unterwerfung). Allerdings kann die Intimität einer Autokabine dazu führen, dass das Gespräch zwischen den Insassen so intensiv ist, dass es gar keinen Bezug zur durchfahrenen Landschaft gibt, dass das Unterwegssein gar nicht bewusst wird. Die Fahrt sei wie im Fluge vergangen, behaupten dann die Reisenden. Ebenso ungeeignet für das Gefühl des Unterwegsseins ist eine Flugreise: zwar ist das Flugzeug ein Raum, der sich bewegt, doch vollständig ohne Haltepunkt im Zeitraum der Bewegung und einmal über den Wolken fehlt der Bezug zum Boden, so dass die Bewegung nicht sinnlich wahrnehmbar ist.

Die Nummer Eins auf der Liste der Verkehrsmittel, die uns das Unterwegssein als etwas Eigenes erfahren lassen, ist der Zug.  Hier haben wir den Raum, der sich merklich bewegt. Man nimmt die Bewegung durch den Blick aus dem Fenster und das Rattern über die Schiene wahr, und das Auge fixiert selektiv Haltepunkte für unsere Wahrnehmung. Ein Bauernhaus über Land. Ein Balkon während der langsamen Einfahrt in einen Bahnhof. Während die sinnliche Wahrnehmung Fixpunkte auswählt, setzt sich die Fantasie in Bewegung. Wir entwerfen eine ganze Biografie für die Leute, die in diesem Bauernhaus wohnen, sehen im Geiste eine Reihe von Kühen oder eine Schar glücklicher Kinder, schließen vom Bierkasten und der Wäsche auf dem Balkon auf die Bewohner der Wohnung. Herausragende Haltepunkte in diesem sich bewegenden Raum sind die Mitreisenden im Zug. Wir fixieren sie mit unserem Blick und bauen mit unserer Fantasie eine Beziehung zu ihnen auf, was Brassens in seinem Lied von den Passantinnen (s.o.) beschreibt, fragen uns, wohin wohl diese Person reist, ob sie glücklich oder unglücklich ist, was sie wohl zu erzählen hätte. Und dann nehmen wir ihre Gespräche wahr – Dialoge oder auch zunehmend Monologe am Telefon („Frau Meier, ich grüße Sie!“ –  „Bin gerade kurz vor Kassel.“), was wiederum unsere Fantasie auf diese Person fixiert.

Da ist das ältere Ehepaar, beide ziemlich wackelig auf den Beinen, und vor der Stufe zum Bahnsteig sagt sie: „Pas op he, Walter!“ (für Nichtrheinländer: „Pass auf hier, Walter!“)*. Stecken hinter diesem Satz 40 Jahre Fürsorge oder aber Bevormundung? War und ist sie in dieser Beziehung immer die Chefin, obwohl sie genauso schlecht die Stufe steigen kann wie er? Diese Reflexion hält die Bewegung fest, ist ein Bezugspunkt nicht nur während unserer Reise, sondern auch für unsere Erinnerung.

Und wenn es zu einem Gespräch mit den Reisenden kommt, dann haben wir die Chance, das Gefühl des Unterwegsseins in unseren Erinnerungsschatz aufzunehmen. Ich war mit meinen Schülerinnen, einer Gruppe von ungefähr fünfzehn Siebzehnjährigen, im Zug auf der Reise nach Italien. Durch die Platzreservierungen fügte es sich, dass ein einzelner junger Mann von ungefähr 30 Jahren mit fünf meiner Schülerinnen in einem Abteil saß. Sichtlich angeregt durch die Präsenz dieses gutaussehenden und durch den Altersunterschied interessanten Mannes waren sie ziemlich albern und laut. Als er nach einer Stunde das Abteil verließ, sprach ich ihn an: „Ich kann verstehen, dass Sie sich lieber woanders hinsetzen wollen bei diesem Gegackere.“ Er verneinte vehement, sagte, er wolle sich nur einen Kaffee holen. Er genieße die Fahrt mit meinen Schülerinnen. „Die sind so wunderbar normal!“ Dann erzählte er mir, er sei Kinder-und Jugendpsychologe und habe die ganze Woche in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie gearbeitet. Was er da gesehen hätte, könne einen wirklich herunterziehen. Durch die Fahrt mit meinen Schülerinnen könne er ins Wochenende starten mit dem Bewusstsein, dass es auch Jugendliche mit gesunder Psyche gebe.

Hat dieses Gespräch unmittelbar etwas mit dem Unterwegssein im Zug zu tun oder wäre es zu diesem kurzen Gedankenaustausch auch beispielsweise in einem Restaurant gekommen? Ich glaube, eher nicht. Denn erstens ist eine Reise in einem Fernzug deutlich länger als ein Aufenthalt in einem Restaurant und zweitens entsteht  im Zug eine Art Gemeinschaft mit fremden Personen. Hans-Magnus Enzensberger hat in seiner Publikation “Die große Wanderung“ die Solidaritätsgemeinschaft in einem Zugabteil als Allegorie für eine Zuwanderungsgesellschaft herangezogen. In einer solchen Gemeinschaft ist das Ansprechen eines Mitreisenden gesellschaftlich legitimiert, ja geradezu natürlich. Die gemeinsame Reise in einem sich durch die Landschaft bewegenden Raum mit der gleichzeitigen Möglichkeit, den Platz zu wechseln, auf dem Gang zu stehen, ins Bordbistro zu gehen, ermöglicht es, anders als beim Sitznachbarn im Reisebus, mit verschiedenen Mitreisenden ins Gespräch zu kommen. Auch unter diesem Aspekt ist der Zug das herausragende Verkehrsmittel.

Die Wahrnehmung der Landschaft sowie der Mitreisenden, die gleichzeitige Fantasiereise der Gedanken und das flüchtige Gespräch mit den Anderen im Zug, das sind die Haltepunkte in einer Bewegung von einem Ort zum anderen, die das Unterwegssein erfahrbar machen.

*Diese Begebenheit hat mir meine Tochter Laura erzählt.

Und wer jetzt noch einmal Bettinas Text zum Thema „Heimat“ aus dem letzten Jahr lesen möchte, kann hier klicken.

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