Heute unterwegs: Daniela, 20, Studentin mit Wohnort Hamburg

Hier ist er nun also, der erste Gastpost zur diesjährigen Aktion. Wie letztes Jahr poste ich die Texte in zufälliger Reihenfolge, jeweils mit bis zu einer Woche Abstand. Dieses Jahr sind leider weniger Texte zusammengekommen als im letzten Jahr, deshalb habe ich beschlossen, auch jetzt, nach Ablauf der eigentlichen Frist, noch Beiträge anzunehmen, da es ja sowieso eine Weile dauern wird, bis alle bisher bei mir eingegangenen Texte veröffentlicht wurden, und weil schon drei Leute mir mitgeteilt haben, dass sie gerne mitmachen würden, den Einsendeschluss aber leider verpasst haben. Also, solltet ihr euch durch die Texte, die es in der nächsten Zeit hier zu lesen geben wird, noch spontan inspiriert fühlen – setzt euch gerne hin und schreibt noch einen eigenen Gastpost! Allzu lange solltet ihr das aber nicht mehr rausschieben, nach dem 10. Mai nehme ich wirklich nichts mehr an. Hier nun aber der erste Text (der übrigens von einer Verfasserin stammt, die letztes Jahr noch nicht bei der Aktion mitgemacht hat).

Ich sitze am Laptop, an einem kahlen Schreibtisch aus schwarzem Holz. Noch glänzt er vom feucht Darüberwischen, die Maßnahme, mit der ich die Tassenränder und Feuchtigkeitsflecken zu kaschieren versucht habe.

Ich höre den Schlüssel; es ist meine Mitbewohnerin und gleich gehe ich nach draußen und übergebe ihr meinen, den kaugummiverklebten Bund, der jetzt ein halbes Jahr an meinem Corona-Anhänger aus Mexiko gebaumelt hat.

Nur ein halbes Jahr. Ich sehe aus dem Fenster und merke, dass der Wind die kahlen Zweige der Bäume kaum bewegt. Ein kleines bisschen. Wie immer, wenn ich auf dem Balkon stand und Musik gehört habe, ganz laut, oder mit Zigarette in der Hand die Kinder im Schulhof gegenüber beobachtet habe.

Ich gehöre ihm. Schon zum zehnten Mal diktieren mir seine warmen Luftströme und kühlen Brisen, dass ich den Ort wechseln sollte. Den Ort, an dem ich wohne, meine Heimat. Ich bin zuhause, wenn ich unterwegs bin.

Denn ich gehöre dem Wind; er trägt mich immerfort; ich bin ein kreiselndes Blatt in einem Strudel, scheinbar ziellos. Aber in Wirklichkeit lenkt er mich. Lässt mich aufhorchen, wenn es draußen raschelt und mahnt mich, keine zu starke Bindung zu Möbeln oder Gegenständen einzugehen.

Wie damals passt mein Leben in einen Koffer. Ich betone das oft und erzähle meinen Freunden, wie minimalistisch ich bin. Aber erwähne ich auch diese klammen Momente, in denen ich vor dem kleinen Haufen Taschen und Tüten knie und überlege, wo ich eigentlich hingehöre? Wo mein Zuhause ist, wenn ich nur dann glücklich bin, wenn ich nicht länger als ein, zwei Jahre in einer Wohnung bleibe?

Ich lächele und erinnere mich an mein fünfzehnjähriges Ich. An den verhängnisvollen Abend, Men in Black, die Keksdose. Die Auseinandersetzung, die mich damals zwang, meine texanische Gastfamilie zu wechseln. Polizei. Der Bischof.

Ich denke an mich, wie ich dasitze, auf einem Sofa, und ein paar kaum leserliche Zeilen kritzele. Währenddessen plärrt die aufgedrehte Marokkanerin die Asiatin aus Russland an, sie solle den Abwasch machen. Ich könne das sowieso nicht, hat sie zu mir gesagt. Aber dafür habe ich jetzt keinen Nerv, denn ich muss schreiben.

Über diesen Übergang. Dieses Gefühl, an einem Ort zu sein und doch an keinem. In dem Wohnzimmer ist es stickig und es riecht nach Hund, nach seltenem Lüften und aufgestauter Gereiztheit.

Zwei Austauschschülerinnen wohnen hier, und ich habe das Glück oder Pech, hier eine Woche zu hausen. Hat man mir zumindest erklärt. Ich befinde mich im Heim von Carol Henry, Zeugin Jehovas, der Bezirksvorsitzenden meiner Austauschorganisation. Weil meine eigene Betreuerin Tracy aus unerfindlichen Gründen keinen Platz in ihrem Wohnzimmer hat, muss ich eine Nacht hier, dann wieder dort schlafen. Ich weiß an keinem Tag, wo man mich hinschiebt, ob zu ihr oder doch zu Tracy oder nach draußen unter die Brücke. Na gut, wir sind nicht in LA.

Wir sind in San Antonio, Texas, in der Wohnung eines Künstlers. Dessen Präsenz erahnt man nur, wenn man sich die Zeichnungen an den Wänden genauer ansieht. Rundliche Frösche mit spöttischem Grinsen, die an sein eigenes amüsiertes Gesicht erinnern, Katzen und andere Tiere, aber vor allem Frösche. John ist Karikaturist und schweigsam, sehr, sonst würde er es vermutlich nicht in diesem Haus aushalten.

Eine laute Person käme nicht gegen den Geräuschpegel an, der hier ständig herrscht. Im Flur stehen Käfige und Futternäpfe, und derer nicht wenig. Es gibt einen flauschigen weißen Hund, einen gelben, großen Vogel; er ist der Schlimmste, kleine, grüne Vögel, dünne, graue Hunde und einen riesigen, heulenden Collie.

Ich habe nicht die Kraft, aufzustehen und mich mit jemandem zu unterhalten. Nein, lieber höre ich zu, wie meine Betreuerin versucht, gegen das Gekreische des Gelben anzureden. Er soll sprechen können, heißt es. Wenn ja, sagt er gerade shut up, shut up, shut up, wiederholt es, ist auf einer Dauerschleife hängengeblieben.

Ich höre das wilde Trippeln seiner Krallen auf der Metallstange. Unbeirrt fährt das stille Mädchen aus Kyrgistan fort, die Teller abzuwaschen. Ich frage mich, wie sie es mit ihrer Hexe von marokkanischer Gastschwester aushält. Dauernd muss diese mir vorhalten, wie schlecht ich doch putze. Natürlich ist es unglaublich. Dass ich nicht weiß, wie man richtig fegt. Aber das ist nicht der Grund, warum ich meine Gastfamilie wechseln musste. Die Ursache dafür liegt viel tiefer.

Es hat mit Jason zu tun. Mit dem Jungen mit den Sonnenaugen, dem, der mir in der Schule Joints anbietet, obwohl er weiß, dass ich es hasse. Dass ich niemals Zigaretten rauchen würde oder Gras, weil ich keine Drogen brauche. Schreiben ist das einzige, was meine Gedanken beruhigt. Alles andere würde ihn bloß verschlimmern, diesen Zustand.

Ich höre Echos, überall, splitterhafte Erinnerungen, spüre die Vergangenheit und die Zukunft und alles zugleich. Ohne jede Richtung treibe ich durch die Luft und sehe meinen Gefühlen zu, wie sie sich im Kreis drehen und mich mal hierhin, mal dorthin reißen. Schwarz, Schatten, grau, weiß, hell, Licht.

Alles geschieht gleichzeitig.

Mühsam schlucke ich die Tränen herunter. Ein Gesicht taucht vor meinem inneren Auge auf: Strenge Brille, mürrisch zusammengekniffene Augen. Nach dem Streit mit meiner Gastfamilie hat man mich vor die Wahl gestellt: Selbst nach einer Familie suchen oder eine zugeteilt bekommen. Allerdings in einem anderen Staat. Einem Staat, in dem es meine Freunde nicht gibt und Jason auch nicht.

Also bin ich durch die High School gelaufen, mit einer langen Liste von Namen, die vielleicht in Frage kommen, vergeblich, entmutigt. Jeder hatte eine andere Ausrede: krebskranke Schwester, eine Kuh im Haus, kein Zimmer übrig, Geschichten von Drogen und Knast.

Dann Mrs. Morris. Meine Astronomielehrerin. Die, mit der ich mich jeden Vormittag streite, in der dritten Stunde, die die Augen verdreht, wenn ich mich melde und die Antwort weiß. Das Gefühl schmeckt bitter, ist eine Mischung aus Aufgeregtheit und Übelkeit.

Vielleicht wird es gut. Ich bei einem intellektuellen, älteren Ehepaar. Keine Hunde.

Wie lange habe ich schon hier gesessen? Ich sehe auf und blicke in die dunklen, von tiefen Ringen umrahmten Augen Tracys. Irgendetwas stimmt mit ihr nicht. Es kann ohnehin kein Zufall sein, dass alle Betreuer in unserem Bezirk der gleichen Sekte angehören.

„Was machst du?“

Ich schenke ihr einen Todesblick, was mir kaum eine Sekunde lang gelingt.

„Komm doch mit uns Fernsehschauen.“

Lustlos spähe ich zur Sofaecke, ebenso düster wie der Rest des Hauses, dieses Tierzwingers, an den weder Tageslicht noch Luft kommt, niemals.

„Vielleicht.“

Ich beiße mir auf die Lippe und schließe mein Heft, widerwillig.

So hat mein fünfzehnjähriges Ich reagiert und so reagiere ich jetzt. Eine Mischung aus Licht und Schatten, Liedfetzen in meinem Kopf, diese Angst und dieses perlende, reine Glück, welches daher rührt, dass ich frei bin.

Niemandem gehöre ich, nur dem Wind.

Ich spüre seine Verheißungen, merke, wie sie unter meinen Fingerspitzen beben, wenn ich die ungenutzten Umzugskartons berühre, den Staub von meinen wenigen Deko-Artikeln streiche. Immer werde ich dem Wind gehören.

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