Abenteuerlich

Heute in vier Monaten wird die zweite meiner acht Wochen Praktikum in Bibliothek und Archiv der University for the Creative Arts fast beendet sein. Wahrscheinlich werde ich mich dann schon einigermaßen eingelebt haben in Farnham, Surrey, England. Das wirkt irgendwie unvorstellbar, jetzt, wo ich hier sitze in Leipzig, Sachsen, Deutschland. Bis vor Kurzem war das Praktikum in meinen Gedanken noch weit weg, es war nicht mehr als ein entfernter Punkt in meiner Zukunft, mit dem ich mich später noch beschäftigen könnte. Aber in den letzten Wochen habe ich gemerkt, dass ich schon ziemlich aufgeregt bin.

Eigentlich habe ich keinen Grund, aufgeregt zu sein. Ich gehe schließlich nicht zum ersten Mal über einen längeren Zeitraum für ein Praktikum alleine ins Ausland. Ich habe schon diverse Praktika in diesem Berufsfeld absolviert und außerdem bereits acht – in vier Monaten neun – Semester Bibliothekswissenschaft/-management hinter mir. Ich wurde schon häufig in meinem Leben mit neuen, fremden Leuten konfrontiert. Und ich reise auch nicht auf einen fremden Kontinent. Ich reise noch nicht einmal in ein Land, in dem ich noch nie zuvor war.

Aber trotzdem. Ich bin aufgeregt. Nervös. Nicht so sehr, dass ich an nichts anderes mehr denken oder gar nicht mehr schlafen kann, aber doch schon so, dass mich dieser England-Aufenthalt täglich mindestens einmal unter diesem oder jenem Gesichtspunkt beschäftigt. Wenn ich zurückdenke an die Zeit vor drei Jahren, als mein Praktikum in Estland immer näher rückte, dann glaube ich, dass ich damals weniger aufgeregt war. Obwohl das mein erster Auslandsaufenthalt sein sollte, den ich größtenteils alleine bestreiten würde, der länger dauern würde als nur ein paar Wochen und der einen studien- und karrierebezogenen Hintergrund haben würde. Manchmal frage ich mich, warum das so ist. Warum ich jetzt nervöser bin als damals, obwohl – rein rational betrachtet – viel mehr Faktoren für eine innere Unruhe vor dem Praktikum in Estland gesprochen hätten als es jetzt in Bezug auf England und die UCA der Fall ist. Damals ging ich für ganze sechs Monate weg. Damals ging ich in ein Land, dessen Landessprache ich so gut wie überhaupt nicht beherrschte. Damals machte ich mein Praktikum in einem Archiv, noch dazu im Historischen Staatsarchiv, obwohl ich in meinem Studium bis dahin nur sehr oberflächlich mit dem Archivwesen in Berührung gekommen war und auch meine Kennt­nisse der estnischen Geschichte begrenzt waren.

Aber dennoch ging ich in ein Land, über das ich mit Fug und Recht behaupten konnte, dass ich es bereits ziemlich gut kannte. Und in eine Stadt, durch deren Straßen und Gassen ich schon als Kind gelaufen war. Dass ich die Sprache kaum konnte, bereitete mir zwar durchaus Sorgen, aber erstens war ich optimistisch, dass ich sie lernen würde, wenn ich erst einmal in Tartu angekommen wäre, und zweitens hatte das Archiv mir dieses Praktikum ja schließlich angeboten, obwohl die Leute dort genau wussten, dass ich auf Estnisch nicht viel mehr sagen konnte als die Zahlen von eins bis zehn und die Begriffe für alltägliche Lebensmittel. Vielleicht kommt es mir jetzt nach drei Jahren auch nur so vor, als sei ich damals vergleichsweise entspannt an das Ganze herangegangen, aber einer Sache bin ich mir absolut sicher: dass damals die Vorfreude gegenüber jeglichen Sorgen und Zweifeln überwog. Die Vorfreude auf einen längeren Aufenthalt in diesem Land, das ich so sehr mochte (und mag), auf einen echten, hoffentlich schön kalten und schneereichen estnischen Winter, auf die Chance, die Landessprache zumindest ein bisschen besser zu erlernen, und auf die Menschen in diesem Land, die ich schon immer als sympathisch und in ihrer Mentalität als irgendwie gut zu mir passend empfunden hatte. Ich wusste, dass schon wirklich restlos alles schiefgehen müsste, damit mir das gute Gefühl, in Estland zu sein, nein, in Estland zu leben, auch nur ansatzweise vermiest werden könnte. Ich wusste, dass Estland mich nicht enttäuschen würde.

Mit England ist das anders. Meine Beziehung zu diesem Land ist nicht annähernd so eng, emotional, ja, liebevoll wie die zu Estland. Man kann sich sogar fragen, ob ich überhaupt eine Beziehung zu diesem Land habe. Ich glaube, die habe ich schon, aber sie ist von einer ganz anderen, vielleicht etwas seltsamen Art. Denn sie speist sich nicht aus unzähligen Kindheitserinnerungen und auch nicht aus Tausenden von Fotos in den Fotoalben und virtuellen Ordnern meiner Familie. Diese Beziehung besteht hauptsächlich in meinem Interesse für Musik, Literatur, Filme und ähnliche Dinge aus England, wobei dieses Interesse zu mindestens achtzig Prozent schlicht und ergreifend in meiner Liebe zur englischen Sprache begründet liegt. Während ich ziemlich lange nachdenken und die Hände zu Hilfe nehmen müsste, wenn mich jetzt jemand spontan fragen würde, wie oft ich schon in Estland war, kann ich wie aus der Pistole geschossen und ohne zu überlegen sagen: in England war ich bisher genau vier Mal. Einmal im Alter von fünf Jahren auf einer vierwöchigen Großbritannien-und-Irland-Campingrundreise mit meiner Familie. Das zweite Mal war in der elften Klasse, im Rahmen einer geradezu wahnwitzigen Tour mit der Schule: abends ging es in Mönchengladbach mit dem Reisebus los (in dem außer unserer etwa sechzigjährigen Lehrerin, die seelenruhig schlummerte, keiner ein Auge zutat), morgens um fünf oder sechs Uhr kamen wir in London an, wo wir durch zwei Museen gescheucht wurden und im Anschluss versuchten, trotz lähmender Müdigkeit und Schmerzen an diversen Körperstellen (schonmal versucht, mit einer Körpergröße von mehr als 1,80 Metern in einem Reisebussitz eine Position zu finden, die man länger als eine Stunde aushalten kann?) möglichst viel von der besonderen Atmosphäre in der englischen Hauptstadt in uns aufzusaugen. Ich geriet irgendwann in einen Zustand, in dem ich das Gefühl hatte, alles nur zu träumen, und war mir hundertprozentig sicher, dass ich es kaum wahrnehmen würde, wenn ein roter Doppeldeckerbus mit high speed auf mich zugerast käme. Die letzten zwei Stunden vor der Abreise verbrachte ich mit einigen Freunden halbschlafend in einer McDonald’s-Filiale, in der man zwei Kaffee zum Preis von einem bekam, wovon wir ausgiebig Gebrauch machten, und mein Kommentar gegenüber meinen Eltern, die mich nach der ebenfalls schlaflosen Rückfahrt am nächsten Morgen in Mönchengladbach abholten, lautete: „Sowas mach ich nie wieder“. Nur ein paar Monate später kam ich zum dritten Mal nach England, aber nur für etwa eine Stunde. Zu sehen bekam ich in dieser kurzen Zeit lediglich Teile des Flughafens London-Stansted, wo mein Vater und ich auf dem Flug nach Glasgow umsteigen mussten.

Mein vierter England-Aufenthalt schließlich war der Intensivste und derjenige, der neben einigen anderen Dingen dazu beigetragen hat, dass ich mich für mein Master-Praktikum überhaupt in diesem Land beworben habe (ursprünglich wollte ich nach Wales, daraus wurde aber leider nichts). Im Sommer 2008, mit 17, machte ich eine zweiwöchige Sprachreise nach London. Es war mein erster Urlaub ganz alleine, das erste Mal, dass ich mich voll und ganz auf meine eigenen Sprachkenntnisse verlassen musste, und auch das erste Mal, dass ich meinen – bis heute ziemlich schlechten – Orientierungssinn auf eine harte Probe in Form einer mir weitgehend unbekannten Metropole stellte. Ich wohnte in Kingsbury, bei einer alten Dame, Mrs Silverman, die sämtlichen Klischees entsprach, die man gemeinhin mit alten englischen Damen verbindet, wenn man einmal davon absieht, dass sie keinen Hund hatte. Ihr Wohnzimmer war plüschig, kitschig, rosa-grün und von oben bis unten mit Bildern von der Verwandtschaft in verschnörkelten silbernen Rahmen geschmückt. Das erste, was sie tat, als ich an einem ziemlich warmen Tag Ende Juni bei ihr ankam, war, mir eine Tasse heißen Tee in die Hand zu drücken und mich zu fragen, ob ich auch Fan von Neil Diamond sei, dessen Auftritt beim Glastonbury-Festival sie sich gerade im Fernsehen ansah. Überhaupt sah sie gerne fern, jeden Abend saß ich mit ihr zusammen auf dem Sofa, in dem man so tief versank, dass das Aufstehen sich schwierig gestaltete (Gleiches galt für die Füße auf dem weißen Flauschteppich), und dann guckten wir Serien. Mrs Silverman sah jeden Tag die aktuelle Folge der Soaps „Eastenders“, „Coronation Street“ und „Emmerdale“ und dann im Anschluss, je nach Wochentag, die Krankenhausserie „The Royal“, eine Krimireihe, an deren Namen ich mich nicht erinnere, oder auch die Quizshow „The Weakest Link“. Ich war tagsüber zwar in der Sprachschule oder irgendwo in London unterwegs, aber ich habe mir immer vorgestellt, dass meine Gastgeberin ihre Tage damit verbrachte, Yellow Press zu lesen und auf den Beginn ihrer Soaps hinzufiebern. Jedenfalls stapelten sich auf dem Esstisch im Wohnzimmer verschiedene Klatschblätter, die sich so gut wie ausschließlich mit den Royals befassten, über die Mrs Silverman auch gerne sprach, ohne zu merken, dass mich das nicht interessierte und ich auch nicht die leiseste Ahnung hatte, was Charles, William und Konsorten gerade so trieben. Ich versuchte zwar, mich ihr zuliebe auf meiner täglichen Fahrt mit der Jubilee Line zur Sprachschule mit Hilfe der unvermeidlichen Gratis-Pendlerzeitungen diesbezüglich ein bisschen weiterzubilden, hatte damit aber wenig Erfolg. An dem eben erwähnten Esstisch servierte mir die alte Dame immer mein Frühstück und mein Abendessen, beides ebenfalls ziemlich klischeehaft. Ich habe ihr gegenüber in Bezug auf das Essen zwei Fehler gemacht, nämlich erstens gesagt, dass ich Grapefruit mag und zweitens das mir am zweiten Abend zum Nachtisch servierte Eis gelobt. Das war zwar beides nicht gelogen, aber eine halbe Grapefruit auf nüchternen Magen am Morgen – und zwar jeden Morgen – und eine große Schüssel billiges Fürst-Pückler-Eis aus der Familienpackung am Abend – und zwar jeden Abend – waren dann doch nicht ganz so super, was ich mich aber natürlich nicht zu sagen traute. Ansonsten gab es morgens Cornflakes und Toast mit Orangemarmelade und abends, wenn die erste Soap bereits begonnen hatte, beispielsweise Lachs mit salzlosen Kartoffeln und TK-Erbsen oder Baked Beans mit Würstchen (es mag überraschen, aber Baked Beans mag ich seit diesen zwei Wochen in London wirklich richtig gerne). Manchmal stand dazu Senf auf dem Tisch, den ich zuerst ignorierte, dann aber aus Höflichkeit aber doch einmal probierte. Mrs Silverman sagte, ihre Freundinnen fänden diesen Senf alle zu scharf und sie könne gar nicht verstehen, warum, aber ich als Deutsche sei ja bestimmt sowieso an scharfen Senf gewöhnt. Der Geschmack von diesem Senf ist eine der stärksten Erinnerungen, die ich bis heute an London habe, ich bezweifle, dass in Deutschland ein Senf hergestellt wird, dessen Schärfegrad auch nur annähernd mit dem dieser englischen Paste mithalten kann.

Aber ich verliere mich hier gerade in Details, die mit meinem bevorstehenden Praktikum in Farnham nur noch sehr am Rande zu tun haben. Das soeben verwendete Wort „Erinnerungen“ bringt mich allerdings wieder zurück zum eigentlichen Thema. Ich stelle immer wieder fest, dass ich mich an London als Stadt ziemlich schlecht erinnern kann. Ich könnte zwar die Wohnung von Mrs Silverman und einige lustige Situationen aus dem international besetzten Konversationskurs, den ich an der Sprachschule besuchte, noch ziemlich genau beschreiben, aber manchmal, wenn ich Bilder von London im Fernsehen sehe, kann ich mir kaum vorstellen, dass ich das alles vor noch nicht einmal sieben Jahren mit eigenen Augen, live und in Farbe gesehen habe. Gut, ich habe noch nie zu den Menschen gehört, die sich nach langer Zeit noch im Detail an Orte erinnern können, aber ich bin doch erstaunt darüber, dass ausgerechnet London, die erste Stadt in meinem Leben, die ich vollkommen selbstbestimmt und ungestört durch Bedürfnisse und Interessen anderer erkunden konnte, in meiner Erinnerung so stark verblasst ist. Ich glaube, das liegt zu einem nicht unerheblichen Teil daran, dass ich damals noch analog fotografiert habe und daher nicht, wie ich es heute mit der Digitalkamera tun würde, alles festhielt, ohne mir Gedanken um die Restkapazität auf meinem Film zu machen. Und dadurch, dass ich niemanden hatte, den ich und der mich vor Tower Bridge, Big Ben und Marble Arch hätte fotografieren können, wurde die Anzahl der Fotos noch einmal verringert. Ich habe mir die Bilder aus London wohl auch deutlich seltener angesehen als die von anderen Reisen, bei denen ich digital fotografiert habe. Außerdem kann man nach einer alleine unternommenen Reise natürlich mit niemandem über das Erlebte sprechen, der dem eigenen Gedächtnis auf die Sprünge helfen könn­te.

Worauf ich mit all den Erzählungen von meinen bisherigen vier England-Aufenthalten hinauswollte, ist im Wesentlichen Folgendes: ich habe das Gefühl, dass ich dieses Land kaum kenne. Das versuche ich momentan zu ändern, in dem ich mich im Internet informiere und vor allem viel Literatur mit Englandbezug lese. Julian Barnes‘ ziemlich großartigen Roman „England, England“ habe ich fast durch, außerdem habe ich mir fest vorgenommen, „In Search of the English Eccentric“ von Henry Hemming demnächst erneut zu lesen, und ich freue mich jetzt schon auf den Tag, an dem „Channel Shore“ von Tom Ford, das ich schon vor Monaten vorbestellt habe, bei mir eintrifft (falls jemand in dieser Richtung noch Buchtipps hat, immer her damit!). Hinzu kommen ein paar kleinere Maßnahmen wie das Hören von Musik englischer Bands oder die Pflege meiner Begeisterung für „Top Gear“, soweit das in diesen Zeiten möglich ist (wahrscheinlich erstaunt es einige, dass ich diese Sendung mag, aber ich sag euch: hätte Mrs Silverman das damals geguckt, hätte ich deutlich mehr Spaß an den gemeinsamen Fernsehabenden gehabt). Ob das alles irgendwas bringt, kann ich nicht sagen. Es ist ja auch die Frage, ob das was bringen muss. Keiner in Farnham wird von mir erwarten, dass ich mich in England und mit der englischen Kultur so auskenne wie eine Einheimische.

Mit den möglicherweise an mich gestellten Erwartungen ist das aber so eine Sache. In meinen nervösesten Momenten neige ich dazu, mir einzubilden, dass die Leute, denen ich in England begegnen werde, mir gegenüber Erwartungen haben könnten, die ich nicht erfüllen kann. Aber wenn ich ehrlich bin, sind das eigentlich ganz einfach die Erwartungen, die ich an mich selbst stelle. Neben meiner vor jedem Praktikum wieder auftretenden Sorge, dass ich vielleicht fachlich nicht genug draufhabe oder gewisse Formulierungen aus meiner Bewerbung sich innerhalb kürzester Zeit als maßlose Übertreibungen offenbaren könnten, kommt in diesem speziellen Fall noch die Sache mit der Sprache hinzu. Und das ist vielleicht das Verrückteste an meiner Aufregung. Ich kann Englisch. Ich kann sogar gut Englisch. Das weiß ich. Und ich glaube, genau das ist das Problem. Als ich nach Estland ging, wusste ich, dass ich nur ein paar einzelne Vokabeln der Landessprache konnte, und dass meine Archivkollegen das auch wussten. Mir war auch klar, dass die Esten, zumal die in den größeren Städten, gut und gerne Englisch (teilweise auch Deutsch) sprechen. Und so hatte ich keine Angst vor der Sprachbarriere, die für mich im Sommer 2012 zweifelsfrei ungefähr zehntausend Mal größer war als sie im Sommer 2015 sein wird. Irgendwie hatte die Tatsache, dass ich kaum Estnisch konnte, auch etwas Beruhigendes. Sie hielt die Erwartungen gering. Jetzt aber habe ich das Bedürfnis, möglichst perfekt zu sein, was die Sprache angeht, wenn ich nach England gehe. Ich will mich nicht blamieren. Oder so ähnlich. Jedenfalls stelle ich da einen ziemlich hohen Anspruch an mich selbst, wahrscheinlich einen zu hohen, obwohl ich das eigentlich total entspannt angehen könnte. Ich hatte noch nie ein Problem damit, auf Englisch zu kommunizieren, damals in London habe ich über sowas gar nicht nachgedacht (was allerdings daran liegen könnte, dass ich ein paar Monate vorher erst eine Sprachreise nach Málaga gemacht hatte, nach nur anderthalb Jahren Spanischunterricht in der Schule, so dass Englisch für mich wahrscheinlich ein Klacks war). Aber jetzt erwische ich mich bei Gedanken wie: „Vielleicht habe ich ja einen ganz schlimmen deutschen Akzent, der mir nur nie aufgefallen ist“ oder „was ist, wenn ich irgendein Wort falsch verwende und damit, ohne es zu wissen, etwas total Peinliches sage?“ Ums Verstehen mache ich mir eigentlich keine Gedanken, seit ich weiß, dass es nicht nach Wales geht (nachdem ich in der Zeit, in der ich noch dachte, dass ich mein Praktikum dort machen könnte, die erste Folge der Krimiserie „Hinterland/Y Gwyll“ gesehen und dabei bei einigen Protagonisten Probleme gehabt hatte, zu erkennen, ob sie gerade Englisch oder doch Walisisch sprachen, machte ich mir schon ein wenig Sorgen). Es ist nicht so, dass ich Schweiß­ausbrüche kriege, wenn ich daran denke, dass ich ab August erst einmal nur noch Englisch werde sprechen müssen, aber eine gewisse Verunsicherung besteht auf jeden Fall, allein schon deshalb, weil ich dann mit Muttersprachlern kommunizieren werde. In Estland und auf anderen Reisen war ich zwar schon oft in der Situation, dass ich Englisch sprechen musste und eigentlich fand ich das auch immer toll, aber das war so gut wie nie mit Muttersprachlern. In Tartu war Englisch meistens die einzige gemeinsame Sprache mit den Erasmusstudenten aus aller Herren Länder, aber da hatte jeder seinen eigenen speziellen Akzent und niemand war perfekt, viele beherrschten die englische Sprache weitaus schlechter als ich und die absolvierten sogar ein Studium auf Englisch. Die Gespräche in diesen Konstellationen waren entspannt und frei von jeglichem Druck, es ging einfach darum, sich zu verständigen, und ich habe Freundschaften erlebt, in denen ausschließlich in einem sehr primitiven Englisch kommuniziert wurde. In Farnhman wird das anders sein. Aber häufig kann ich über meine eigenen Bedenken lachen, und ich bin mir vollkommen im Klaren darüber, dass man Perfektion in einer Fremdsprache, soweit dies überhaupt möglich ist, nur erreichen kann, indem man eben ins kalte Wasser springt und sich selbst dazu zwingt, diese gegenüber Muttersprachlern anzuwenden. Und die Möglichkeit, mein Englisch zu verbessern und/oder den vermeintlichen deutschen Akzent abzulegen, ist eine der Sachen, auf die ich mich im Hinblick auf die Zeit in Farnham am meisten freue. Hinzu kommt, dass ich British English einfach toll finde.

Die Verunsicherung hat natürlich auch sehr viel damit zu tun, dass ich momentan noch nicht weiß, wo ich in Farnham unterkommen werde – und es scheint auch nicht gerade leicht zu sein, etwas zu finden – und damit, dass ich nur eine grobe Vorstellung von meinen Aufgaben im Praktikum habe. Was Letzteres angeht, graut es mir insbesondere vor dem ersten Tag. Ich hasse erste Tage. Obwohl ich in meinem Leben schon so einige erste Tage erlebt habe (in Schulen, Hochschulen, Praktika, Jobs), bin ich jedes Mal nervös davor und würde am liebsten gar nicht erst hingehen. Oder, noch besser, die Zeit um eine Woche vorspulen, zu einem Zeitpunkt, in dem man alles schon einigermaßen kennt. Letzte Woche hatte ich meine erste Vorlesung in diesem Semester, in dem ich Module aus dem Bachelorstudiengang belege, und obwohl ich die Hochschule und die Professorin schon seit einem Jahr kenne, habe ich mich richtig komisch gefühlt, als ich hinging. Weil ich ja die anderen Studenten nicht kannte, die sich untereinander aber schon seit drei Jahren kennen, und die mich doch bestimmt komisch angucken würden. Wie an eigentlich jedem anderen ersten Tag in meinem bisherigen Leben auch merkte ich schnell: alles halb so wild. Und so wird es am 3. August in der UCA bestimmt auch sein. Trotzdem. Leicht wird mir ein erster Tag wohl nie fallen. Ein weiterer ziemlich starker Faktor, der zu dem Gefühl von Ungewissheit beiträgt, ist, dass man in England natürlich deutlich höhere Kosten einplanen muss als in Deutschland oder gar Estland, und ich noch nicht so recht weiß, wie gut ich das hinbekommen werde. Aber – und das ist immer mein stärkstes Argument zur Selbstberuhigung bei auftretenden Bedenken jeglicher Art – es geht hier nur um zwei Monate. Acht Wochen. Das sind gerade einmal vierzig Arbeitstage. Selbst wenn das Praktikum sich als doof oder langweilig herausstellen sollte, selbst wenn ich mir nach Abzug der Miete außer etwas zu Essen nichts mehr leisten können sollte, selbst wenn Farnham in Wirklichkeit nicht halb so schön sein sollte wie auf den Bildern im Internet, selbst wenn sich bei mir wider Erwarten Heimweh einstellen sollte – zwei Monate sind schnell vorbei. Das halbe Jahr in Tartu damals war so schnell vorbei, dass ich mir heute kaum noch vorstellen kann, dass es überhaupt tatsächlich ein halbes Jahr war. Wahrscheinlich wird die Zeit in Farnham schneller vergangen sein, als ich gucken kann, und selbst wenn dann alles doof war, habe ich immerhin wieder einmal Erfahrungen gesammelt, die ich mir in den Lebenslauf schreiben kann.

Dass zwei Monate schnell vorbeigehen, trübt andererseits aber auch die Vorfreude auf das ganze Unterfangen. Denn Vorfreude habe ich. Eine ganze Menge. All die Sachen, die mich verunsichern – die möglichen Aufgaben im Praktikum, die Menschen und Orte, die ich noch nicht kenne, der „Englischzwang“ – lösen in mir auch den Wunsch aus, das Abenteuer (meine Schwester hat mir vor der Abreise nach Estland damals gesagt, dass ich das Ganze als Abenteuer sehen und genießen soll, und das ist wahrscheinlich genau die richtige Einstellung) endlich beginnen zu können. Ich freue mich auch darüber, dass ich das Praktikum ausgerechnet an der UCA machen kann, denn für mich ist ein gewisses inhaltliches Interesse am vorhandenen Bestand für die Arbeit in einer Bibliothek oder einem Archiv unerlässlich. Außerdem kann ich mich noch daran erinnern, was für ein gutes Gefühl mich immer überkam, wenn ich während meines Praktikums durch die Räumlichkeiten des Zentrums für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe lief, weil es einfach eine vor Kreativität geradezu überquellende Umgebung war. Das war inspirierend und hat das Gefühl, einen bedeutenden und für die Gesellschaft wichtigen Job zu machen, verstärkt. Ich kann mir gut vorstellen, dass es mir an der UCA ähnlich gehen wird. Und Farnham sieht auf den Bildern im Internet in der Tat schön aus. Es ist außerdem nah an London, so dass ich die Möglichkeit bekommen werde, meine verblassten Erinnerungen von damals aufzufrischen und die analogen durch digitale Bilder zu ersetzen. Die Besuche von meiner Schwester Freunden werden mir ausreichend Gelegenheit bieten, mich vor Sehenswürdigkeiten fotografieren zu lassen und mit anderen über die gesammelten Eindrücke zu sprechen.

In einigen Momenten ist die Unsicherheit stärker, dann wieder die Vorfreude. Jetzt muss ich es nur noch schaffen, meine Ansprüche an mich selbst herunterzuschrauben und die Unsicherheitsfaktoren, die ich bis zu einem gewissen Grad selbst kontrollieren kann (Unterkunft, Finanzen und so weiter), in den Griff zu bekommen. Und vor allem: die Vorfreude überwiegen zu lassen. Ich glaube, das kriege ich hin. Neulich bin ich über ein Video gestolpert, das sehr gut zu meiner Situation passt und das Mut macht, weil es zeigt, dass der weiter oben schon angedeutete Sprung ins kalte Wasser sich fast immer lohnt. Es sind kleine Dinge wie ein Song, eine Dose Baked Beans, ein Bild aus Farnham oder eben ein Video, die die Unsicherheit zumindest für kurze Zeit vergessen lassen.

 

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2 Gedanken zu „Abenteuerlich

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