Neuanfang aus anderer Perspektive

Es folgt ein weiterer Auszug aus dem Werk mit dem Arbeitstitel „Der Ersatz“, aus dessen erstem Kapitel ich hier ja bereits vor einigen Monat einen Ausschnitt gepostet habe. Die Handlung dieses folgenden Auszugs wird aus der Sicht von Dominique erzählt, die in besagtem ersten Kapitel schon am Rande eine Rolle spielt. Ansonsten sind, denke ich, zum Verständnis keine weiteren Hinweise nötig.

Annika schließt die Tür hinter uns ab. Die vielen Anhänger an ihrem Schlüsselbund schlagen dabei ge­räuschvoll aneinander. „Und? Wie hat dir der erste Tag gefallen?“, fragt sie, lächelt mich an, ver­staut den Schlüsselbund in ihrer Handtasche und entfernt eine rote Fluse von ihrem schwar­zen Blazer. Die Tadellosigkeit ihres Outfits ist wiederhergestellt und ich sehe ihr an, dass sie das be­ruhigt, so, als sei die Fluse ein hartnäckiger Fleck gewesen, den sie mit Hilfe chemischer Reini­gungsmittel nun end­lich loswerden konnte.

„Gut“, sage ich. Das entspricht tatsächlich der Wahrheit, überrascht mich aber nicht. Ich glau­be, besser kann ein erster Tag kaum laufen. Die Freude, die ich heute Morgen beim Ge­danken an die neue Aufgabe in der neuen Stadt mit neuen Leuten verspürt habe, wurde den ganzen Tag über nicht getrübt. Wenn das meine Mutter wüsste. Ich muss ein wenig grinsen, als ich mir vorstelle, wie herablassend sie schauen würde, wenn sie den Laden sehen könn­te, den Annika und ich jetzt hinter uns lassen. Dabei würde sie so gut ins Zielgruppenprofil passen, wenn sie 30 Jahre jünger wä­re. Zumindest könnte sie sich die Teile leisten, die ich heute gefaltet, auf Kleiderbügel gehängt und auf Kundinnenwunsch eine Größe kleiner an die Umkleidekabinen gebracht habe. Aber sie hätte wohl nur einen abfälligen Blick auf An­nikas zugegebenermaßen wirklich zu dick aufgetra­ge­nes Make-Up geworfen und hätte sich im Laden gegenüber für noch mehr Geld neu eingekleidet. Und danach schon damals aus­gesehen wie Anfang 50.

Auf Annikas Knopfdruck hin blinken die Scheinwerfer eines silbernen Cabrios auf, das ein paar Meter entfernt steht. „Wo hast du geparkt?“, fragt sie mich. „Nirgendwo“, antworte ich. „Hast du kein Auto?“ Es klingt ungläubig, geradezu entsetzt. Nein, denke ich, ich habe ja nicht umsonst noch einen zweiten Job. Du, Annika, kannst dir den Schlitten doch be­stimmt auch nur leisten, weil du einen reichen Freund hast. „Nein“, sage ich, und weil An­ni­kas verwirrter Blick schwer zu er­tragen ist, füge ich noch hinzu: „Noch nicht.“ Sie nickt mit einem mitleidigen Lächeln, von dem ich mir nicht sicher bin, ob es echt oder gekünstelt ist. Dann wünscht sie mir einen schönen Abend und verabschiedet sich. Bevor sie losfährt, winkt sie mir aus dem Cabrio zu und ruft: „Bis morgen!“ Ich mache mich auf den Weg zur Haltestelle.

In der Bahn lehne ich meinen Kopf gegen das Fenster. Das leichte Vibrieren der Scheibe schiebt zwei Bilder vor meinem geistigen Auge übereinander. Annikas weit geöffnete Au­gen werden zu de­nen meiner Mutter, als sie fragt: „Hast du kein Auto?“ Nein, Mutter, ich habe kein Auto. Weil ich es schon damals albern fand, dass ich den nicht gerade besonders langen Weg zur Uni statt mit dem Bus mit einem eigenen Mercedes zurücklegen sollte. Weil ich mich nie wirklich darüber ge­freut habe, dass meine Eltern mir das Auto zum Abi ge­schenkt haben. Am liebsten hätte ich es di­rekt wieder verkauft und das Geld in eine Reise investiert, so wie es meine Eltern selbst getan hätten, wenn sie auch nur die leiseste Ahnung gehabt hätten, was ich mir damals wirklich wünschte. Aber eine Reise hätte ja nur die Kar­riere hinausgezögert, wohingegen das Auto sie di­rekt unterstützte.

Jetzt gibt es das alles nicht mehr. Keinen Weg zur Uni und keinen Mercedes mehr. Und auch kei­ne Karriere, wie meine Eltern sie sich vorstellen. Es gibt nur noch einen Teil des Geldes, das ich nach zweieinhalb Jahren vom Gebrauchtwagenhändler für das Auto bekommen ha­be. Die Not­fallreserve auf mei­nem Konto. Ich gehe nämlich gar nicht so planlos an die Dinge heran, wie du denkst, Mutter. Und wenn der Notfall nicht eintritt, dann komme auch ich ei­nes Tages mit einem Auto zur Ar­beit, Annika. Mit einem, das Sinn macht. Mit einem, das ich mir wirklich zu hundert Prozent selber leisten kann.

In dem kleinen Park, der die Straße mit der Bahnhaltestelle mit unserer Wohngegend ver­bindet, führen die Leute ihre Hunde aus oder beobachten ihre Kinder beim Spielen auf dem Spielplatz, der durchaus etwas liebevoller gestaltet sein könnte. Arne hat vorgeschlagen, den Park im Som­mer ab und an für WG-Picknicks zu nutzen. Momentan ist es zwar schwer, daran zu glauben, dass es ir­gendwann warm und trocken genug sein wird, um hier auf einer Decke im Gras zu sitzen, aber ich kann mir eine solche Szene durchaus schon vorstellen. Wir essen gute Sachen, die Arne zu­be­reitet hat, Lukas erzählt verrückte Geschichten von seinen Reisen, wobei Arne ihm ab und an mit einer Detailfrage ins Wort fällt, während Mara ein bisschen abwesend dasitzt und ihre Beine und Füße dehnt. Ich muss über mein eigenes Ge­dankenkonstrukt grinsen. Kaum habe ich die Leute ken­­nengelernt, denke ich in Klischees. Gut für Taavi, dass er heute erst einzieht. So muss er we­nigs­tens in der fiktiven Picknick­sze­ne noch keine Rolle spielen.

[…]

Ich öffne die Tür zu meinem Zimmer. Das Bild über dem Schreibtisch hängt schief. Es war wohl doch schon zu spät und zu dunkel, als ich gestern Abend mit der Dekoration der Wände begann. Ich lege meine Tasche auf dem Bett ab und rücke das Bild gerade. Es zeigt das Meer, vom Wind aufgewühlt, nur die kleinen weißen Schaumkronen verraten, wo die Grenze zwischen Wasser und nebligem Himmel verläuft. Man vermutet den Fotografen auf ei­nem Boot, das auf den Wellen tanzt, immer kurz davor zu kentern, aber in Wirklichkeit musste Sebastian nur sein Fenster öffnen und ein bisschen ranzoomen, um dieses Bild auf­neh­men zu können. Das Meer in allen seinen unterschiedlichen Zuständen ist das, was er in Frankreich Tag für Tag beim Blick aus dem Fenster sieht. Und er sieht es nicht nur, er beob­achtet es, er fotografiert es, er fängt es ein. Dieses Bild hat er mir geschickt, für den Fall, dass mir die tägliche Aussicht aus dem Fenster in meinem neuen Zimmer nicht gefallen könnte. Eine Art Erinnerung daran, dass auch Meer­blick nicht immer Traumpanorama be­deutet, ein kleiner Trost. Komischerweise ist ge­nau dieses Foto, das jetzt über meinem Schreibtisch hängt, dieses düstere, unangenehme Werk, unter seinen unzähligen Fotos von dem Meer vor seiner Haustür mein liebstes.

Das, was ich zu sehen bekomme, wenn ich aus meinem eigenen Fenster schaue, ist weniger aufregend. Ein Stück schmale, ruhige Straße, parkende Autos und einige Häuser, die un­se­rem zum Verwechseln ähnlich sehen. Nichts Besonderes, eine ganz normale Großstadt­um­gebung. Eine Aussicht, die sich bei wechselnder Wetterlage nur geringfügig verändern wird, es lohnt sich nicht, sie beinahe täglich zu fotografieren. Und schon gar nicht, meinem Cou­sin eines der Bilder im Großformat in seine vorübergehende französische Wahlheimat zu schicken, wo es dann leicht schief in einem Holzrahmen die Wand über seinem Schreibtisch zieren könnte. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob sein Schreibtisch nicht vielleicht sowieso unterhalb des Fensters steht, von dem aus er seine Bilder macht.

Für eine Weile sitze ich auf der Bettkante und versuche, die Gedanken an Sebastian und die französische Atlantikküste auf der einen und Annika, den neuen Job und meine Mutter auf der anderen Seite loszuwerden. Aber ich komme nicht so recht zur Ruhe. Nebenan haben Taavi und Arne angefangen, aus all den Brettern wieder etwas Brauchbares zusammenzu­bau­en. Das Geräusch des Akkuschraubers bringt mich zu der Erkenntnis, dass es nicht Ent­spannung ist, was ich jetzt brauche, sondern das genaue Gegenteil. Entschlossen stehe ich Se­kun­den später in Taavis Türrahmen, blicke auf die beiden am Boden hockenden Männer zwi­schen den Einzelteilen eines Schreibtischs hinunter und sage, ohne mir das wirklich überlegt zu haben: „Lasst uns heute Abend was unternehmen. Wir alle zusammen, die gan­ze WG.“

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