Nur zu empfehlen

Vergangenen Donnerstag habe ich im Kino den Film „Wir sind jung. Wir sind stark.“ gesehen. Ein wahnsinnig gu­ter Film, eigentlich ein Muss für jeden. Und ein Film, der unbedingt in den Schulen gezeigt werden sollte. Die Handlung ist schnell zusammengefasst, oder besser: muss gar nicht zusammengefasst werden, wenn man grob weiß, was am 24. August 1992 in Rostock-Lichtenhagen geschah. Der Film spielt fast ausschließlich an diesem Tag und beschäftigt sich mit den Ausschreitungen am Abend sowie den Ereignissen zuvor. Es handelt sich jedoch nicht um eine Dokumentation, sondern um einen Spielfilm über eine Gruppe Jugendlicher, die sich aktiv an dem rassistisch motivierten Angriff auf das sogenannte Sonnenblumenhaus beteiligt.

Doch der Film hat nicht zum Ziel, eine Erklärung für das Verhalten der Menschen zu liefern, die damals Steine und Molotow-Cocktails auf das Haus warfen, in dem hauptsächlich vietnamesische Migranten lebten. Es geht nicht darum, dass der Zuschauer Verständnis oder gar Sympathie für die Jugendlichen entwickeln soll. Und genau das finde ich an dem Film so gut. Er präsentiert keine Gründe, will nicht suggerieren, dass es eine Antwort auf die Frage gibt, woher der Hass kommt, der diese Leute antreibt. Zwar erhält man kleine Einblicke in die Gefühlswelt der Jugendlichen, doch voll und ganz verstehen kann man keinen von ihnen zu keinem Zeitpunkt im Film. Das mag so manchen Zuschauer frustrieren, aber ich finde es sehr gut, sehr konsequent und sehr richtig.

Die Jugendlichen werden weder verharmlost noch dämonisiert. Es wird deutlich, dass viele, viele unterschiedliche Faktoren zusammenkommen, die ihren Anteil daran haben, dass die Situation schließlich eskaliert. Und dass all diese Dinge unterschiedlich stark auf jeden Einzelnen einwirken. Da sind Arbeits- und Perspektivlosigkeit und finanzielle Probleme. Da ist die bange Frage, wie es jetzt nach der Wende weitergehen wird, die vor allem diejenigen verunsichert, die in der DDR geboren wurden und aufgewachsen sind und nichts anderes kennen. Da ist die Sehnsucht (zurück?) nach einer Politik, die „nicht lange fackelt“, sondern vielmehr „hart durchgreift“. Da ist der ganz bescheidene Traum von einer glücklichen Familie und einem Eigenheim, der unerreichbar scheint. Da ist der Nervenkitzel, den das Austesten von Grenzen und provozierendes Verhalten gegenüber Erwachsenen verursachen. Da sind die ganz allgemeinen gesellschaftlichen Veränderungen, die sich nach der Wiedervereinigung in Ostdeutschland vollziehen. Und dann sind dann noch solche Probleme wie Beziehungsschwierigkeiten und Eifersucht, Naivität und Mitläufertum, mangelndes Selbstbewusstsein und mangelnde Reife, Trauer und Fassungslosigkeit über den Selbstmord eines Freundes, das Fehlen positiver Vorbilder und die noch nicht abgeschlossene Suche nach der eigenen Identität, mangelnde Bildung in Bezug auf Politik und Geschichte und ganz einfach Langeweile. Jeder für sich genommen sind diese Faktoren vielleicht keine große Sache, aber zusammen ergeben sie eine gefährliche Mischung, die jedoch ebenfalls nicht als überzeugende Lösung, als Antwort präsentiert wird. Bei fast allen der beteiligten Jugendlichen gibt es einen Moment in dem Film, in dem man als Zuschauer denkt: jetzt wird es ihm zu heikel, jetzt macht er nicht mehr mit – aber man wird eines Besseren belehrt, jedes einzelne Mal.

Interessant finde ich, dass der Film nur im Falle einer einzigen Person tiefergehend von deren Familienverhältnissen erzählt. Diese Person ist Stefan, großartig gespielt von Jonas Nay. Stefans Vater ist Demokrat und sieht mit Entsetzen, was in Rostock vor sich geht, ist aber nicht stark genug, aktiv etwas dagegen zu tun, schließlich steht sein Posten in der Partei auf dem Spiel. Er versteht seinen Sohn nicht und sein Sohn versteht ihn nicht, genau so wie er selbst seinen eigenen Vater, einen überzeugten Kommunisten, nie verstehen konnte. Bei allen anderen Jugendlichen in der Clique erfährt man höchstens sehr oberflächlich, aus welchen Verhältnissen sie stammen. Vielleicht ist das mit ein Grund, warum es Stefan ist, den man noch am ehesten sympathisch findet und dem man am ehesten zutraut, dass er irgendwann „aufwacht“ – bis zu dieser einen Szene gegen Ende des Films, in der jeglicher Hauch von Sympathie von einer Sekunde auf die andere zerschmettert wird.

Neben den Jugendlichen und der gefährlichen Dynamik innerhalb ihrer Clique konzentriert sich der Film auch noch auf das Verhalten von Stefans Vater und seinen Parteikollegen. Dadurch wird deutlich, wie sehr gesellschaftliche und politische Konfliktsituationen von dem Streben nach Macht und der Angst vor Imageverlusten beeinflusst sein können. Außerdem beleuchtet Regisseur Burhan Qurbani auch die „andere Seite“ in Form des Schicksals der Vietnamesin Lien. Sie spricht Deutsch, hat einen Job (ihr Chef schätzt an Asiaten immerhin ihre „gute Arbeitsmoral“) und ist fest entschlossen, in Deutschland zu bleiben und nicht, wie ihr Bruder es gern tun würde, zurück nach Vietnam – in eine noch ungewissere Zukunft – zu gehen. Man bewundert sie für ihre Stärke und ihren Mut, ist aber doch erleichtert, als sie am Ende versteht, dass sie keine Chance hat gegen die aggressive Meute, die da vor ihrem Haus steht, als sie das volle Ausmaß des Hasses und der Gewaltbereitschaft erkennt.

Langsam steuert der Film auf den eigentlichen Anschlag auf das Sonnenblumenhaus zu und wechselt dabei immer wieder den Handlungsort, zeigt mal Stefan, Robbie (ebenfalls wie immer großartig: Joel Basman) und die anderen Jugendlichen, dann wieder Lien und ihre Familie, dann wieder Stefans Vater, der mit sich selbst ringt. Auch die entscheidenden Szenen werden nicht durchgängig aus einer Perspektive gezeigt, mal fühlt es sich an, als würde man mitten unter den ängstlichen und hilflosen Bewohnern des Sonnenblumenhauses stehen, und im nächsten Moment blickt man fassungslos auf den wütenden Mob vor der Tür. Und dabei fällt es schwer, zu entscheiden, wen man schlimmer findet: die Steineschmeißer oder die vielen, vielen Leute, die ihnen applaudieren und zujubeln. Die Situation spitzt sich immer mehr zu, bis sich schließlich sogar die Polizisten zurückziehen und ein Teil der Menge in das Haus stürmt, auf der Suche nach eventuell noch darin befindlichen Bewohnern, getrieben von blindem Hass und dem Willen, nichts und niemanden in dieser Nacht unversehrt zu lassen. Und dann kommt eine Szene, in der mir plötzlich klar wurde: der Titel des Films sagt eigentlich alles, er drückt genau das Gefühl aus, das die Jugendlichen verspüren, die Idee, dass man in der Gruppe stark ist. Das, was sie vermutlich sagen würden, wenn man sie Jahre später fragen würde, warum sie sich an dem Anschlag beteiligt haben. Es wäre ein schwacher Erklärungs- und Entschuldigungsversuch, aber etwas Stärkeres liefert der Film nicht.

Und so verlässt man das Kino am Ende im Grunde ohne mehr zu wissen als vorher. Vielmehr erscheint einem das, was damals geschehen ist, noch unfassbarer, noch unbegreiflicher. Und ich glaube, das ist genau der „Lerneffekt“, der erzielt werden sollte: dass es keine Entschuldigung gibt, ja, dass es vielleicht sogar gefährlich wäre, wenn man den Eindruck bekäme, diese Jugendlichen und all die anderen, die damals beteiligt waren, auch nur ansatzweise verstehen zu können. Denn das wäre der erste Schritt zum Akzeptieren. Und so etwas kann und darf man nicht akzeptieren, wenn man verhindern will, dass es sich immer wieder wiederholt. Die allerletzte Szene macht das unmissverständlich deutlich, und sie dürfte selbst diejenigen überwältigen, die es tatsächlich geschafft haben, bis zu diesem Zeiptunkt vollkommen unbeeindruckt zuzusehen. Genau wegen dieser Wiederholungsgefahr kommt der Film auch genau zum richtigen Zeitpunkt, er ist sehr aktuell, auch wenn er an einem Tag vor nunmehr fast 23 Jahren spielt. Ich war bestimmt nicht die Einzige an diesem Abend in Leipzig, die nach Ende des Films mit noch größerem Unbehagen als sowieso schon auf die bevorstehende dritte Legida-Demo am folgenden Tag blickte. Weil der Film eindrucksvoll gezeigt hat, wozu die Angst vor dem Unbekannten, gepaart mit einigen ganz unterschiedlichen, individuellen Faktoren, führen kann.

Ich kann nur jedem raten, sich diesen Film anzusehen. Er ist keine leichte Kost und bedeutet keinen besonders vergnüglichen Kinoabend, aber er ist wichtig und, wie gesagt, wahnsinnig gut. Und das nicht nur wegen der Handlung, der Aussage und der Schauspieler, sondern auch wegen der guten Filmmusik und der filmischen Mittel, derer sich Burhan Qurbani bedient. Hier sei vor allem der raffinierte Übergang vom Schwarz-Weiß- zum Farbfilm genannt, der den Zeitpunkt markiert, ab dem die Erzählung der individuellen Vorgeschichten weitestgehend abgeschlossen ist und der Teil der Handlung beginnt, der sich, unabhängig von den Biographien und Lebensumständen der beteiligten Menschen, theoretisch zu jeder Zeit und an jedem Ort wiederholen könnte. Jedenfalls habe ich diesen Übergang so interpretiert, man kann ihm sicherlich viele unterschiedliche Bedeutungen zumessen.

Hier seht ihr den Trailer. Wer mehr über den Film erfahren und ein paar zusätzliche Szenen sehen möchte, die im Trailer nicht vorkommen, dem empfehle ich die „aspekte“-Sendung vom 16. Januar, darin wird der Film recht ausführlich vorgestellt und auch Burhan Qurbani kommt zu Wort (ab ca. 06:30, auch der Beitrag zum Thema Toleranz danach ist interessant).

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