Rätselhaft

Der folgende Text ist der Anfang einer der Geschichten, die ich einmal begonnen, bisher aber nicht zu Ende geschrieben habe. Aber diese Geschichte ist mit den meisten anderen, auf die das zutrifft, nicht wirklich vergleichbar, denn erstens hat sie es inzwischen schon auf immerhin 60 Seiten geschafft und zweitens habe ich sie nie vollständig aus den Augen verloren. Die ersten Worte schrieb ich Anfang 2010. Seitdem habe ich immer wieder mal etwas hinzugefügt, mal ein ganzes Kapitel, mal nur ein paar Zeilen. Im Gegensatz zu anderen Geschichten, wie bei­spielsweise der hier, weiß ich bei dieser auch heute noch, worauf sie einmal hinauslaufen soll. Ich bin zuversichtlich, dass ich diese Geschichte eines Tages wirklich zu einem Ende bringen werde, wobei ich mir noch nicht sicher bin, wie dieses genau aussehen und wieviele Seiten das Ganze letztendlich insgesamt umfassen wird. Ich könnte mir gut vorstellen, dass sich dieser Schreibprozess noch über ein paar weitere Jahre hinziehen wird. Wir werden sehen.

Auf einmal verspürt sie das Bedürfnis, hinauszugehen. Es überkommt sie ganz plötzlich und sie beschließt, diesem seltsamen Gefühl nachzugeben. Sie steht auf, zieht sich ihre Jacke an und verlässt die Wohnung. Erst, als sie die Haustür hinter sich zuzieht, wird ihr wirklich be­wusst, dass es schon zehn Uhr am Abend ist. Kein besonders guter Zeitpunkt für einen Wald­spaziergang, denkt sie, aber trotzdem schlägt sie den Weg zu dem Wald ein, der sich, nur we­nige Gehminuten von ihrem Haus entfernt, bis zu einem kleinen See erstreckt.

Es ist dunkel, aber erstaunlich warm für diese Jahreszeit. Vor zwei Tagen erst lag hier noch Schnee, eine ganze Menge Schnee, der aber in rasantem Tempo wieder geschmolzen ist, nur noch hie und da finden sich kleine weiße Flecken auf dem braungrünen Waldboden. Louisa fragt sich, was sie hinaus getrieben hat. Sie liebt diesen Wald, doch nachts war sie noch nie dort. Irgendetwas war da plötzlich, ein Gefühl, eine Stimme in ihrem Kopf, die ihr keine Ruhe ließ. Und nun ist sie hier. Sie bleibt stehen und lauscht regungslos auf die dumpfen Nachtge­räusche. Da ist der Wind in den Wipfeln der hohen Bäume, der ähnlich beruhigend klingt wie das Rauschen der Wellen an einem fernen Strand. Da ist der Ruf eines Käuzchens, der ein leises Echo nach sich zieht. Und da sind Geräusche, die sie nicht zuordnen kann.

Unheimlich ist es nicht, eher faszinierend, eindrucksvoll, inspirierend. Sie wünscht sich, all dies in Worte fassen und ein Gedicht schreiben zu können, das wiedergibt, was sie hier sieht und hört, doch ihr Kopf scheint leer, gedankenlos, zum ersten Mal seit Wochen, und das fühlt sich gut an. Sie lehnt sich gegen einen Baumstamm, atmet tief ein und spürt, wie sie lä­chelt. Ganz wie von selbst, ohne ihr bewusstes Zutun. Es fühlt sich an wie eine Befreiung, denn es ist sel­ten, dass ein echtes Lächeln auf ihren Lippen erscheint, seit ihr Leben so völlig anders ist, als sie es sich ge­wünscht hatte.

Plötzlich nimmt sie ein weiteres, neues Geräusch wahr. Es scheint aus der Richtung des Sees zu kommen. Louisa macht einen Schritt zur Seite, um gleich darauf wieder reglos ste­hen zu bleiben. Sie merkt, dass ihr Atem ein wenig schneller geht, zum ersten Mal an diesem Abend ist ihr der Wald nicht ganz geheuer. Sie blickt sich vorsichtig um. Das Geräusch ver­stummt, taucht aber nach einigen Sekunden gespannten Wartens wieder auf. Es scheint nä­her ge­kom­men zu sein.

Louisa steht noch immer da, ohne zu wissen, warum sie nicht einfach davonläuft. Irgendet­was scheint sie im Wald zu halten, genauso wie irgendetwas sie hat hinein gehen lassen. Ihr Puls beruhigt sich wieder ein wenig und sie beginnt, genauer auf das Geräusch zu lauschen. Es klingt gedämpft, wie alles im Wald, die hohen Bäume und der moosbedeckte Boden schlu­cken vie­les. Erst denkt sie an ein Tier, doch dann wird ihr bewusst, dass das Geräusch klingt, als werde es von einem Menschen verursacht. Seltsamerweise beruhigt sie das, obwohl es in die­sem Wald nur kleine, scheue, unge­fährliche Tiere gibt, wohingegen ein Mensch, der sich nachts hier herumtreibt, unberechen­bar sein und eindeutig ei­ne Gefahr darstellen könnte. Sie geht ein paar Schritte auf dem kleinen Weg, der auf den See zuführt, bedacht darauf, so leise wie möglich zu sein, und achtet weiter angespannt auf das Geräusch, das in unregelmä­ßigen Abständen verschwindet und wiederkommt und lauter und leiser zu werden scheint. In ihr ist inzwischen nur noch Neugier, die Begierde, zu erfahren, wer dieses Geräusch auf welche Wei­se verursacht. Sie erreicht eine Kurve in dem Weg und bleibt erneut stehen. Hin­ter dieser Kurve könnte des Rätsels Lösung liegen. Noch einmal holt Louisa tief Luft und geht dann vor­sichtig weiter.

Nicht weit von ihr entfernt kniet ein Mann auf dem Boden. Er hat eine Schaufel in der Hand und gräbt angestrengt in der Erde. Louisa bleibt stehen und beobachtet ihn. Er hat schon ei­ne beachtliche Menge des weichen Bodens ausgegraben, dabei aber kein tiefes Loch ge­bil­det, sondern vielmehr in einem recht großen Umkreis die Erde entfernt und nur eine fla­che Vertie­fung entstehen lassen. Er wirkt rastlos, verzweifelt, legt immer wieder kurze Pau­sen ein, in de­nen nur sein schwerer Atem zu hören ist, um dann wieder mit dem Graben fortzufahren, an­getrieben von einer Kraft, die er aus seiner Verzweiflung zu gewinnen scheint, einer Kraft, die jedoch immer wieder schwindet. Während er gräbt, wirkt er stark, unermüdlich, gera­de­zu wie ein wildes Tier, sobald er aber innehält, vermittelt er einen Eindruck von Schwäche, von Niedergeschlagenheit, einen viel menschlicheren Eindruck. Louisa ist klar, dass er unter dem Waldboden nach etwas sucht. Das Atmen fällt ihr schwer, so konzentriert und fasziniert beob­achtet sie den Grabenden. Sie weiß nicht, wie lange sie schon dasteht, als sie bemerkt, dass es angefangen hat zu regnen. Nur vereinzelte Tropfen dringen durch die dichten Baumwipfel zu ihr hinunter, aber den Geräuschen nach zu urtei­len ist der Regen außerhalb des Waldes sehr stark.

Plötzlich richtet sich der Mann auf. Er ist groß, schlank, dunkel gekleidet, sein Gesicht ist kaum zu erkennen, doch Louisa ist sich ziemlich sicher, dass es sich um einen jungen Mann handelt, vermutlich ist er nicht viel älter als sie selbst. Er wirft die Schaufel auf den Boden, offenbar voller Wut.

Und dann blickt er genau in Louisas Richtung. Sie hält den Atem an und hofft, dass sie im dunklen Wald unsichtbar sein kann, obwohl sie weiß, dass dem nicht so ist. Für ei­ne Weile, die ihr wie eine Ewigkeit vorkommt, starren sie und der Mann einander an, und währenddes­sen ist da nur noch dieser Blick, sie hört und fühlt nichts mehr, sieht nur noch geradeaus in die kaum erkennbaren Augen des fremden Mannes. Dann macht er einen Schritt auf sie zu. „Hey!“, schreit er. Seine tiefe Stimme hallt durch den Wald, sie ist lauter als alles andere, was Louisa heute hier gehört hat, und sie zuckt zusammen. „Was machst du hier?“, schreit er, es klingt bedrohlich, wütend. Sie kann nicht antworten. Er starrt sie noch einen Moment lang an und es kommt ihr vor, als würden seine Augen in der Dunkelheit aufblitzen, dann dreht er sich um und rennt davon. Louisa verspürt den Impuls, ihm nachzulaufen, aber selbst wenn sie zu einer Bewegung fähig wäre, könnte sie ihn niemals einholen. Er läuft schnell wie ein Sportler und ist bald schon hinter der nächsten Kurve verschwunden.

Kaum, dass er außer Sichtweite ist, spürt Louisa, wie sich die Spannung in ihrem Körper löst, sie kann wieder richtig atmen und sich bewegen. Sie geht hinüber zu der Stelle, an der der Mann gestanden hat. Die Schaufel liegt noch da, zwischen den Erdklumpen, die er während des Grabens in alle Richtungen geschleudert hat. Es ist nichts Besonderes zu erkennen, nichts, was einen Hinweis darauf geben würde, was der junge Mann gesucht und warum er ausge­rechnet hier, an dieser Stelle des Waldes, gegraben hat. Louisa weiß nicht, was sie tun soll. Der aufgewühlte Boden lässt die nächtliche Szene wirken, als habe ein Tier hier getobt. Louisa schaudert es bei der Erinnerung an das rastlose, kraftvolle Graben des Mannes. Sie muss weg hier, auch wenn sie nicht damit rechnet, dass er zurückkommen wird. Nicht jetzt. Nicht in die­ser Nacht.

Sie ist gerade ein paar Schritte gegangen, als ihr etwas einfällt. Sie geht wieder zurück, hebt die Schaufel auf und nimmt sie mit. Als sie die Straße erreicht, versteckt sie sie unter ihrer Ja­cke. Wer weiß, wer um diese Zeit noch unterwegs ist, und der Anblick einer verwirrten jun­gen Frau, die nachts mit schlammbedeckten Schuhen und einer Schaufel aus dem Wald kommt, könnte unangenehme Verdächtigungen wecken.

Zu Hause legt Louisa die Schaufel auf den Küchentisch, zieht ihre dreckigen Schuhe und die nassen Klamotten aus und wickelt sich in ihren Bademantel. Sie friert, obwohl es in der Woh­nung deutlich wärmer ist als draußen. Sie betrachtet die Schaufel, Denkfalten bilden sich auf ihrer Stirn. Seufzend lässt sie sich auf einen Stuhl am Küchentisch fallen. Die Szene im Wald wirkt inzwischen so fern, so irreal, als wäre sie nie passiert. Und doch liegt da die dreckige Schaufel, Zeugnis der Suche eines seltsamen jungen Mannes nach etwas, das ihm so wichtig ist, dass er sich nachts in den Wald begibt, um danach zu graben. Warum? Was hat er gesucht? Warum ist er davongelaufen, nachdem er bemerkt hat, dass Louisa ihn beobachtete? Und warum wollte er von ihr wissen, was sie tat, wo er doch derjenige war, dessen nächtliche Handlung erklärungsbedürftig war?

Nun liegt die Schaufel hier, voller feuchter Erde, Teil eines Geheimnisses, dessen Lösung vielleicht nur der seltsame Fremde kennt. Es fühlt sich an, als habe Louisa ein kleines Puzzleteil dieses Rätsels mit zu sich nach Hause genommen und es verwirrt auf dem Küchentisch abgelegt. Die rote Schaufel und die fast schwarze Erde wirken fehl am Platz auf dem hellen Holz der Tischplatte. Ich hätte sie liegen lassen sollen, denkt sie. Sie lacht leise auf, als ihr klar wird, dass sie die Schaufel mitgenommen hat, weil sie irgendwo im Unterbewusstsein die naive Hoffnung hatte, dass es den Fremden davon abhalten könnte, weiter zu graben. Doch die Ent­schlossenheit des jungen Mannes war offensichtlich, er wollte dort etwas finden und er wird bestimmt nicht aufgeben, ehe er seine Suche erfolgreich abgeschlossen hat, ganz gleich, wie oft er sich dafür eine neue Schaufel besorgen muss. Selbst wenn Louisa ihn jeden Abend auf­schrecken, verscheuchen und die Schaufel an sich nehmen würde, würde er immer wieder­kehren, da ist sie sich sicher.

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